J. W. Stalin: “Zu den Fragen des Leninismus”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

ZU DEN FRAGEN DES LENINISMUS

DER LENINGRADER ORGANISATION DER K.P.S.U. GEWIDMET

J. W. Stalin
25.01.1926

Werke
Band 8
Reproduziert von
Die Rote Fahne

ZU DEN FRAGEN DES LENINISMUS

1. DIE DEFINITION DES LENINISMUS

In der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ ist die bekannte Definition des Leninismus gegeben, die offenbar Bürgerrecht erworben hat. Sie lautet:

Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im Allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im Besonderen.“

Ist diese Definition richtig?

Ich glaube, dass sie richtig ist. Sie ist erstens richtig, weil sie richtig auf die historischen Wurzeln des Leninismus hinweist, indem sie ihn als den Marxismus der Epoche des Imperialismus kennzeichnet, im Gegensatz zu gewissen Kritikern Lenins, die irrtümlich glauben, dass der Leninismus nach dem imperialistischen Kriege entstanden sei. Sie ist zweitens richtig, weil sie den internationalen Charakter des Leninismus richtig hervorhebt, im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die der Ansicht ist, der Leninismus sei nur unter den nationalen russischen Verhältnissen anwendbar. Sie ist drittens richtig, weil sie den organischen Zusammenhang des Leninismus mit der Marxschen Lehre richtig hervorhebt, indem sie ihn als den Marxismus der Epoche des Imperialismus kennzeichnet, im Gegensatz zu gewissen Kritikern des Leninismus, die diesen nicht für eine Weiterentwicklung des Marxismus halten, sondern nur für eine Wiederherstellung des Marxismus und dessen Anwendung auf die russische Wirklichkeit.

Dies alles bedarf wohl keiner besonderen Kommentare.

Dennoch gibt es, wie sich herausstellt, in unserer Partei Leute, die es für nötig halten, den Leninismus etwas anders zu definieren. So meint zum Beispiel Sinowjew:

Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche der imperialistischen Kriege und der Weltrevolution, die unmittelbar in einem Lande begonnen hat, in dem die Bauernschaft überwiegt.“

Was können die von Sinowjew hervorgehobenen Worte bedeuten? Was bedeutet es, wenn man in die Definition des Leninismus die Rückständigkeit Russlands, dessen bäuerlichen Charakter, aufnimmt?

Das bedeutet, dass man den Leninismus aus einer internationalen proletarischen Lehre in ein Produkt spezifisch russischer Verhältnisse verwandelt.

Das bedeutet, dass man Bauer und Kautsky, die die Tauglichkeit des Leninismus für andere, kapitalistisch entwickeltere Länder leugnen, in die Hand arbeitet.

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Bauernfrage für Russland grösste Bedeutung hat, dass unser Land ein Bauernland ist. Aber welche Bedeutung kann diese Tatsache für die Charakteristik der Grundlagen des Leninismus haben? Erfolgte etwa die Ausarbeitung des Leninismus nur auf dem Boden Russlands und nur für Russland und nicht auf dem Boden des Imperialismus und für die imperialistischen Länder überhaupt? Haben etwa Werke Lenins wie „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, „Staat und Revolution“, „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“, „Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ usw. nur für Russland Bedeutung und nicht für alle imperialistischen Länder überhaupt? Ist etwa der Leninismus nicht die Verallgemeinerung der Erfahrungen der revolutionären Bewegung aller Länder? Eignen sich etwa die Grundlagen der Theorie und Taktik des Leninismus nicht für die proletarischen Parteien aller Länder, und haben sie nicht für sie alle Gültigkeit? Hatte Lenin etwa nicht Recht, als er sagte, dass „sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik für alle eignet“? Hatte Lenin etwa nicht recht, als er von der „internationalen Bedeutung der Sowjetmacht und der Grundlagen der bolschewistischen Theorie und Taktik“ sprach? Sind etwa zum Beispiel die folgenden Worte Lenins nicht richtig:

In Russland muss sich die Diktatur des Proletariats infolge der sehr grossen Rückständigkeit und des kleinbourgeoisen Charakters unseres Landes unvermeidlich durch gewisse Besonderheiten von den fortgeschrittenen Ländern unterscheiden. Aber die Hauptkräfte — und die Hauptformen der gesellschaftlichen Produktion — sind in Russland die gleichen wie in jedem beliebigen kapitalistischen Lande, so dass diese Besonderheiten keineswegs das Allerwichtigste betreffen können.“

Aber wenn das alles richtig ist, folgt nicht daraus, dass die von Sinowjew gegebene Definition des Leninismus nicht als richtig anerkannt werden kann?

Wie ist diese national beschränkte Definition des Leninismus mit dem Internationalismus zu vereinbaren?

2. DAS WICHTIGSTE IM LENINISMUS

In der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ heisst es:

Manche glauben, dass das Grundlegende im Leninismus die Bauernfrage sei, dass die Frage der Bauernschaft, ihrer Rolle, ihrer Bedeutung den Ausgangspunkt des Leninismus bilde. Das ist völlig falsch. Die Hauptfrage im Leninismus, sein Ausgangspunkt ist nicht die Bauernfrage, sondern die Frage der Diktatur des Proletariats, der Bedingungen ihrer Eroberung, der Bedingungen ihrer Festigung. Die Bauernfrage als die Frage nach dem Verbündeten des Proletariats in seinem Kampf um die Macht ist eine abgeleitete Frage.“

Ist diese These richtig?

Ich glaube, sie ist richtig. Diese These ergibt sich voll und ganz aus der Definition des Leninismus. In der Tat, wenn der Leninismus die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution ist und die Diktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischen Revolution bildet, so ist es klar, dass das Wichtigste im Leninismus die Frage der Diktatur des Proletariats ist, die Ausarbeitung, die Begründung und Konkretisierung dieser Frage.

Dennoch ist Sinowjew mit dieser These offenbar nicht einverstanden. In seinem Artikel „Lenin zum Gedächtnis“ sagt er:

Die Frage der Rolle der Bauernschaft ist, wie ich schon sagte, die Hauptfrage des Bolschewismus, des Leninismus.“

Diese These Sinowjews ergibt sich, wie man sieht, voll und ganz aus seiner falschen Definition des Leninismus. Deshalb ist sie ebenso falsch, wie seine Definition des Leninismus falsch ist.

Ist die These Lenins, dass die Diktatur des Proletariats der „Wesensinhalt der proletarischen Revolution“ ist, richtig? Unbedingt ist sie richtig. Ist die These, dass der Leninismus die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution ist, richtig? Ich glaube, sie ist richtig. Was folgt aber daraus? Daraus folgt, dass die Hauptfrage des Leninismus, sein Ausgangspunkt, sein Fundament die Frage der Diktatur des Proletariats ist.

Ist es etwa nicht richtig, dass die Frage des Imperialismus, die Frage des sprunghaften Charakters der Entwicklung des Imperialismus, die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande, die Frage des Staates des Proletariats, die Frage der Sowjetform dieses Staates, die Frage der Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats, die Frage nach den Wegen des Aufbaus des Sozialismus — dass alle diese Fragen gerade von Lenin ausgearbeitet wurden? Ist es etwa nicht richtig, dass gerade diese Fragen die Grundlage, das Fundament der Idee der Diktatur des Proletariats bilden? Ist es etwa nicht richtig, dass ohne die Ausarbeitung dieser Hauptfragen die Ausarbeitung der Bauernfrage vom Standpunkt der Diktatur des Proletariats undenkbar wäre?

Zweifellos war Lenin ein Kenner der Bauernfrage. Zweifellos hat die Bauernfrage als die Frage des Verbündeten des Proletariats grösste Bedeutung für das Proletariat und ist ein Bestandteil der Hauptfrage, der Frage der Diktatur des Proletariats. Aber ist es denn nicht klar: Stünde vor dem Leninismus nicht die Hauptfrage, die Frage der Diktatur des Proletariats, dann gäbe es auch nicht die abgeleitete Frage nach dem Verbündeten des Proletariats, die Frage der Bauernschaft? Ist es etwa nicht klar: Stünde vor dem Leninismus nicht die praktische Frage der Eroberung der Macht durch das Proletariat, dann gäbe es auch keine Frage des Bündnisses mit der Bauernschaft?

Lenin wäre nicht der grosse proletarische Ideologe, der er zweifellos ist, er wäre ein einfacher „Bauernphilosoph“, als den ihn nicht selten ausländische literarische Spiesser darstellen, wenn er die Bauernfrage nicht auf der Basis der Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats ausgearbeitet hätte, sondern abseits von dieser Basis, ausserhalb dieser Basis.

Eins von beiden:

Entweder ist die Bauernfrage das Wichtigste im Leninismus, und dann eignet sich der Leninismus nicht, hat keine Gültigkeit für die kapitalistisch entwickelten Länder, für die Länder, die nicht Bauernländer sind; oder das Wichtigste im Leninismus ist die Diktatur des Proletariats, und dann ist der Leninismus die internationale Lehre der Proletarier aller Länder, eignet er sich und hat Gültigkeit für alle Länder ohne Ausnahme, darunter auch für die kapitalistisch entwickelten Länder.

Hier gilt es, die Wahl zu treffen.

3. DIE FRAGE DER „PERMANENTEN“ REVOLUTION

In der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ wird die „Theorie der permanenten Revolution“ als „Theorie“ der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bewertet. Dort heisst es:

Lenin kämpfte also gegen die Anhänger der ‚permanenten‘ Revolution nicht wegen der Frage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution, sondern weil sie die Rolle der Bauernschaft unterschätzten, die eine gewaltige Reserve des Proletariats bildet.“

Diese Charakteristik der russischen „Permanenzler“ galt bis in die letzte Zeit hinein als allgemein anerkannt. Dennoch kann sie, obwohl im Allgemeinen richtig, nicht als erschöpfend betrachtet werden. Die Diskussion von 1924 einerseits und eine sorgfältige Analyse der Werke Lenins anderseits zeigten, dass der Fehler der russischen „Permanenzler“ nicht nur in der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bestand, sondern auch in der Unterschätzung der Kräfte und der Fähigkeit des Proletariats, die Bauernschaft zu führen, im Unglauben an die Idee der Hegemonie des Proletariats.

Deshalb habe ich in meiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“ (Dezember 1924) diese Charakteristik erweitert und sie durch eine andere, vollständigere ersetzt. In dieser Schrift heisst es:

Bisher wurde gewöhnlich eine Seite der Theorie der ‚permanenten Revolution‘ betont — der Unglaube an die revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung. Jetzt muss, der Gerechtigkeit halber, diese Seite durch eine andere Seite ergänzt werden durch den Unglauben an die Kräfte und Fähigkeiten des Proletariats Russlands.“

Das bedeutet natürlich nicht, dass der Leninismus gegen die Idee der permanenten Revolution, ohne Anführungszeichen, wie sie von Marx in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündet wurde1, war oder ist. Im Gegenteil. Lenin war der einzige Marxist, der die Idee der permanenten Revolution richtig verstanden und entwickelt hat. Lenin unterscheidet sich in dieser Frage von den „Permanenzlern“ darin, dass die „Permanenzler“ die Marxsche Idee der permanenten Revolution entstellten, indem sie sie in eine leblose Bücherweisheit verwandelten, während Lenin sie in ihrer reinen Gestalt nahm und zu einer der Grundlagen seiner Theorie der Revolution machte. Man muss bedenken, dass die Idee des Hinüberwachsens der bourgeois-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, wie sie von Lenin bereits im Jahre 1905 entwickelt wurde, eine der Formen der Verkörperung der Marxschen Theorie der permanenten Revolution ist. Darüber schrieb Lenin bereits im Jahre 1905:

Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Massgabe unserer Kraft, der Kraft des Klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehen bleiben […]

Ohne in Abenteurertum zu verfallen, ohne unserem wissenschaftlichen Gewissen untreu zu werden, ohne nach billiger Popularität zu haschen, können wir sagen und sagen wir nur das eine: Wir werden mit allen Kräften der gesamten Bauernschaft helfen, die demokratische Revolution zu vollbringen, damit es uns, der Partei des Proletariats, um so leichter sei, möglichst rasch zu einer neuen und höheren Aufgabe, zur sozialistischen Revolution, überzugehen.“

Und sechzehn Jahre später, nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, schreibt Lenin über dieses Thema:

Die Kautsky, Hilferding, Martow, Tschernow, Hillquit, Longuet, Mac-Donald, Turati und sonstigen Helden des, zweieinhalbten’ Marxismus vermochten nicht, […] das Wechselverhältnis zwischen der bourgeois-demokratischen und der proletarisch-sozialistischen Revolution zu verstehen. Die erste wächst in die zweite bin über. Die zweite löst im Vorbeigehen die Fragen der ersten. Die zweite verankert das Werk der ersten. Der Kampf, und nur der Kampf entscheidet, wie weit es der zweiten gelingt, über die erste hinauszuwachsen.“

Ich verweise besonders auf das erste Zitat, das dem Artikel Lenins „Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung“ entnommen ist, der am 1. September 1905 veröffentlicht wurde. Ich betone das zur Kenntnisnahme für diejenigen, die noch immer behaupten, Lenin sei zur Idee des Hinüberwachsens der bourgeois-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, das heisst zur Idee der permanenten Revolution erst nach dem imperialistischen Krieg gelangt. Dieses Zitat lässt keinen Zweifel darüber, dass diese Leute in einem tiefen Irrtum befangen sind.

4. DIE PROLETARISCHE REVOLUTION UND DIE DIKTATUR DES PROLETARIATS

Worin bestehen die charakteristischen Züge der proletarischen Revolution zum Unterschied von der bourgeoisen Revolution?

Den Unterschied zwischen der proletarischen und der bourgeoisen Revolution könnte man in fünf Hauptpunkten zusammenfassen:

1. Die bourgeoise Revolution beginnt gewöhnlich, wenn mehr oder weniger fertige Formen der kapitalistischen Ordnung vorhanden sind, die schon vor der offenen Revolution im Schosse der feudalen Gesellschaft herangewachsen und ausgereift sind, während bei Beginn der proletarischen Revolution fertige Formen der sozialistischen Ordnung fehlen oder fast fehlen.

2. Die Hauptaufgabe der bourgeoisen Revolution besteht darin, die Macht zu ergreifen und sie mit der vorhandenen bourgeoisen Ökonomik in Einklang zu bringen, während die Hauptaufgabe der proletarischen Revolution darin besteht, nach der Machtergreifung eine neue, die sozialistische Ökonomik aufzubauen.

3. Die bourgeoise Revolution wird gewöhnlich mit der Machtergreifung abgeschlossen, während die Machtergreifung in der proletarischen Revolution erst ihr Anfang ist, wobei die Macht als Hebel für den Umbau der alten Ökonomik und die Organisierung der neuen benutzt wird.

4. Die bourgeoise Revolution beschränkt sich darauf, die Herrschaft einer Ausbeutergruppe durch die einer anderen Ausbeutergruppe zu ersetzen, und bedarf deshalb nicht der Zertrümmerung der alten Staatsmaschine, während die proletarische Revolution alle und jegliche Ausbeutergruppen von der Macht entfernt und den Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten, die Klasse der Proletarier, an die Macht bringt, weshalb sie nicht ohne die Zertrümmerung der alten Staatsmaschine und deren Ersetzung durch eine neue auskommen kann.

5. Die bourgeoise Revolution kann die Millionenmassen der Werktätigen und Ausgebeuteten nicht für eine einigermassen lange Periode um die Bourgeoisie zusammenschliessen, und zwar gerade deshalb nicht, weil sie Werktätige und Ausgebeutete sind, während die proletarische Revolution sie gerade als Werktätige und Ausgebeutete mit dem Proletariat zu einem dauernden Bund vereinigen kann und muss, wenn sie ihre Hauptaufgabe, die Festigung der Macht des Proletariats und die Errichtung der neuen, der sozialistischen Ökonomik erfüllen will.

Nachstehend einige grundlegende Thesen Lenins darüber:

Einer der Hauptunterschiede“, sagt Lenin, „zwischen der bourgeoisen und der sozialistischen Revolution besteht darin, dass für die bourgeoise Revolution, die aus dem Feudalismus hervor wächst, im Schosse der alten Ordnung die neuen Wirtschaftsorganisationen allmählich entstehen, die nach und nach alle Seiten der feudalen Gesellschaft ändern. Die bourgeoise Revolution stand nur vor einer Aufgabe: alle Fesseln der früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseite zu werfen, zu zerstören. Jede bourgeoise Revolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt das Wachstum des Kapitalismus.

In einer ganz anderen Lage befindet sich die sozialistische Revolution. Je rückständiger das Land ist, das, infolge der Zickzackbewegungen der Geschichte, die sozialistische Revolution beginnen musste, desto schwieriger ist für dieses Land der Übergang von den alten kapitalistischen Verhältnissen zu sozialistischen. Hier kommen zu den Aufgaben der Zerstörung neue, unerhört schwierige Aufgaben hinzu, nämlich organisatorische.“

Wenn die Schöpferkraft des Volkes in der russischen Revolution“, fährt Lenin fort, „die die grosse Erfahrung des Jahres 1905 durchgemacht hat, nicht schon im Februar 1917 die Sowjets geschaffen hätte, so hätten sie auf keinen Fall vermocht, im Oktober die Macht zu ergreifen, denn der Erfolg hing lediglich davon ab, ob bereits fertige Organisationsformen der Bewegung vorhanden waren, die Millionen umfasste. Diese fertige Form waren die Sowjets, und deshalb erwarteten uns auf politischem Gebiet jene glänzenden Erfolge, jener ununterbrochene Triumphzug, den wir erlebten, denn die neue Form der politischen Macht war da, und wir brauchten nur mit einigen Dekreten die Sowjetmacht aus dem Embryonalzustand, in dem sie sich in den ersten Monaten der Revolution befand, zur gesetzlich anerkannten Form zu machen, die im Russischen Staat — in der Russischen Sowjetrepublik feste Gestalt erhalten hat.“

Es blieben“, sagt Lenin, „noch zwei ungeheuer schwierige Aufgaben, deren Lösung auf keinen Fall ein Triumphzug sein konnte, wie ihn unsere Revolution in den ersten Monaten erlebte.“

Erstens waren das Aufgaben der inneren Organisation, vor denen jede sozialistische Revolution steht. Der Unterschied zwischen der sozialistischen und der bourgeoisen Revolution besteht gerade darin, dass die bourgeoise Revolution die fertigen Formen der kapitalistischen Verhältnisse vorfindet, während die Sowjetmacht, die proletarische Macht, diese fertigen Verhältnisse nicht vorfindet, abgesehen von den entwickeltsten Formen des Kapitalismus, die im Grunde genommen nur unbeträchtliche Spitzen der Industrie erfasst und die Landwirtschaft erst ganz wenig berührt haben. Die Organisierung der Rechnungsführung, die Kontrolle über die Grossbetriebe, die Umwandlung des ganzen staatlichen Wirtschaftsmechanismus in eine einzige grosse Maschine, in einen Wirtschaftsorganismus, der so arbeitet, dass sich Hunderte Millionen Menschen von einem einzigen Plan leiten lassen — das ist die gigantische organisatorische Aufgabe, die uns zugefallen ist. Unter den jetzigen Arbeitsbedingungen ist eine Bewältigung dieser Aufgabe im Sturm, in der Art, wie wir die Aufgaben des Bürgerkrieges zu lösen vermochten, in keiner Weise möglich.“

Die zweite ungeheure Schwierigkeit […] — die internationale Frage. Wenn wir mit den Banden Kerenskis so leicht fertig wurden, wenn wir so leicht eine Staatsmacht bei uns schufen, wenn wir ohne die geringste Mühe das Dekret über die Sozialisierung des Bodens, über die Arbeiterkontrolle bekamen, wenn wir das alles so leicht erzielten, so war das nur möglich, weil eine günstige Gestaltung der Verhältnisse uns für einen kurzen Augenblick vor dem internationalen Imperialismus schützte. Der internationale Impetus mit der ganzen Macht seines Kapitals, mit seiner hoch organisierten militärischen Technik, die eine wirkliche Macht, eine wirkliche Festung des internationalen Kapitals darstellt, konnte sich auf keinen Fall, unter keinen Umständen mit der Sowjetrepublik vertragen, sowohl infolge seiner objektiven Lage als auch infolge der ökonomischen Interessen der Kapitalistenklasse, die in ihm verkörpert war, er konnte es nicht wegen der Handelsverbindungen, der internationalen Finanzbeziehungen. Hier ist ein Konflikt unvermeidlich. Hier haben wir die grösste Schwierigkeit der russischen Revolution, ihr grösstes historisches Problem: die Notwendigkeit, die internationalen Aufgaben zu lösen, die Notwendigkeit, die internationale Revolution auszulösen.“

Das ist der innere Charakter und der grundlegende Sinn der proletarischen Revolution.

Kann man eine so radikale Umgestaltung der alten, der bourgeoisen Verhältnisse ohne eine gewaltsame Revolution, ohne die Diktatur des Proletariats bewerkstelligen?

Es ist klar, dass man das nicht kann. Zu glauben, dass man eine solche Revolution friedlich, im Rahmen der bourgeoisen Demokratie, die der Herrschaft der Bourgeoisie angepasst ist, durchführen kann, bedeutet, entweder den Verstand verloren und die normalen menschlichen Begriffe eingebüsst zu haben oder sich grob und offen von der proletarischen Revolution loszusagen.

Diese Feststellung muss mit um so grösserem Nachdruck und um so grösserer Entschiedenheit betont werden, als wir es mit einer proletarischen Revolution zu tun haben, die vorläufig in einem Lande gesiegt hat, in einem Lande, das von feindlichen kapitalistischen Ländern umgeben ist und dessen Bourgeoisie, wie es nicht anders sein kann, vom internationalen Kapital unterstützt wird.

Deshalb sagt Lenin:

Die Befreiung der unterdrückten Klasse ist unmöglich nicht nur ohne gewaltsame Revolution, sondern auch ohne Vernichtung des von der herrschenden Klasse geschaffenen Apparats der Staatsgewalt.“

Möge sich zuerst, bei Aufrechterhaltung des Privateigentums, das heisst bei Aufrechterhaltung der Macht und des Jochs des Kapitals, die Mehrheit der Bevölkerung für die Partei des Proletariats aussprechen — dann erst kann und darf sie die Macht übernehmen, sagen die kleinbourgeoisen Demokraten, die faktischen Lakaien der Bourgeoisie, die sich ,Sozialisten‘ nennen.“

,Möge zuerst das revolutionäre Proletariat die Bourgeoisie stürzen, das Joch des Kapitals abschütteln, den bourgeoisen Staatsapparat zerschlagen — dann wird das siegreiche Proletariat rasch die Sympathien und die Unterstützung der Mehrheit der werktätigen nichtproletarischen Massen für sich gewinnen können, indem es sie auf Kosten der Ausbeuter zufrieden stellt‘, sagen wird.“

Um die Mehrheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen“, führt Lenin weiter aus, „muss das Proletariat erstens die Bourgeoisie stürzen und die Staatsmacht erobern; es muss zweitens die Sowjetmacht einführen und dabei den alten Staatsapparat in Trümmer schlagen, wodurch es sofort die Herrschaft, die Autorität, den Einfluss der Bourgeoisie und der kleinbourgeoisen Paktierer unter den nichtproletarischen werktätigen Massen untergräbt. Es muss drittens den Einfluss der Bourgeoisie und der kleinbourgeoisen Paktierer unter der Mehrheit der nichtproletarischen werktätigen Massen durch revolutionäre Befriedigung ihrer ökonomischen Bedürfnisse auf Kosten der Ausbeute endgültig vernichten.“

Das sind die charakteristischen Merkmale der proletarischen Revolution.

Welches sind im Zusammenhang damit die Grundzüge der Diktatur des Proletariats, wenn anerkannt wird, dass die Diktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischen Revolution bildet?

Nachstehend die allgemeinste Definition der Diktatur des Proletariats, wie sie von Lenin gegeben wurde:

Die Diktatur des Proletariats ist nicht die Beendigung des Klassenkampfes, sondern seine Fortführung in neuen Formen. Die Diktatur des Proletariats ist der Klassenkampf des Proletariats, das gesiegt und die politische Macht erobert hat, gegen die Bourgeoisie, die zwar besiegt, aber nicht vernichtet, nicht verschwunden ist, nicht aufgehört hat, Widerstand zu leisten, gegen die Bourgeoisie, die ihren Widerstand verstärkt hat.“

Lenin wendet sich gegen die Verwechslung der Diktatur des Proletariats mit der „vom gesamten Volk ausgehenden“, „aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden“, Macht, die „keine Klassenmacht“ ist, und sagt:

Die Klasse, die die politische Herrschaft erobert hat, tat das in dem Bewusstsein, dass sie sie allein übernimmt. Das ist im Begriff der Diktatur des Proletariats enthalten. Dieser Begriff hat nur dann einen Sinn, wenn die Klasse weiss, dass sie allein die politische Macht in die Hand nimmt und weder sich selbst noch andere durch ein Gerede über die ,vom gesamten Volk ausgehende, aus allgemeinen Wahlen hervorgehende, vom ganzen Volk geheiligte Macht betrügt.“

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Macht einer Klasse, der Klasse der Proletarier, die die Macht mit anderen Klassen nicht teilt und nicht teilen kann, zur Verwirklichung ihrer Ziele nicht der Hilfe, des Bündnisses mit den werktätigen und ausgebeuteten Massen anderer Klassen bedarf. Im Gegenteil. Diese Macht, die Macht einer Klasse, kann nur durch eine besondere Form des Bündnisses zwischen der Klasse der Proletarier und den werktätigen Massen der kleinbourgeoisen Klassen, vor allem den werktätigen Massen der Bauernschaft, errichtet und bis zu Ende verwirklicht werden.

Was ist das für eine besondere Form des Bündnisses, worin besteht sie? Widerspricht dieses Bündnis mit den werktätigen Massen anderer, nicht proletarischer Klassen nicht überhaupt der Idee der Diktatur einer Klasse?

Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, dass die führende Kraft dieses Bündnisses das Proletariat ist. Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, dass der Führer des Staates, der Führer im System der Diktatur des Proletariats eine Partei ist, die Partei des Proletariats, die Partei der Kommunisten, die die Führung mit anderen Parteien nicht teilt und nicht teilen kann.

Wie man sieht, ist der Widerspruch hier nur ein vermeintlicher, ein scheinbarer.

Die Diktatur des Proletariats“, sagt Lenin, „ist eine besondere Form des Klassenbündnisses- zwischen dem Proletariat, der Vortruppe der Werktätigen, und den zahlreichen nichtproletarischen Schichten der Werktätigen (Kleinbourgeoisie, Kleineigentümer, Bauernschaft, Intelligenz usw.) oder deren Mehrheit, eines Bündnisses gegen das Kapital, eines Bündnisses zum Zwecke des völligen Sturzes des Kapitals, der völligen Unterdrückung des Widerstands der Bourgeoisie und ihrer Restaurationsversuche, eines Bündnisses zum Zwecke der endgültigen Errichtung und Festigung des Sozialismus. Das ist ein Bündnis besonderer Art, das sich in einer besonderen Situation herausbildet, nämlich in der Situation eines wütenden Bürgerkriegs; das ist ein Bündnis der standhaften Anhänger des Sozialismus mit dessen schwankenden Verbündeten, manchmal mit ,Neutralen‘ (dann wird das Bündnis aus einem Kampfabkommen ein Neutralitätsabkommen), ein Bündnis zwischen ökonomisch, politisch, sozial, geistig ungleichartigen Klassen.“

In einem seiner Instruktionsreferate sagt Kamenew, gegen diese Auffassung von der Diktatur des Proletariats polemisierend:

Die Diktatur ist kein Bündnis einer Klasse mit einer anderen.“

Ich glaube, dass Kamenew hier vor allem eine Stelle aus meiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“ im Auge hat, wo es heisst:

Die Diktatur des Proletariats ist nicht einfach eine Regierungsspitze, die von der sorgsamen Hand eines, erfahrenen Strategen ‚geschickt’ ‚ausgewählt’ wurde und sich auf diese oder jene Schichten der Bevölkerung ‚vernünftig stützt‘. Die Diktatur des Proletariats ist ein Klassenbündnis des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft zum Sturz des Kapitals, zum endgültigen Siege des Sozialismus, unter der Bedingung, dass die führende Kraft in diesem Bündnis das Proletariat ist.“

Ich stehe vollständig zu dieser Formulierung der Diktatur des Proletariats, denn ich glaube, dass sie mit der eben angeführten Formulierung Lenins völlig übereinstimmt.

Ich behaupte, dass die Erklärung Kamenews, dass „die Diktatur kein Bündnis einer Klasse mit einer anderen ist“, in dieser vorbehaltlosen Form mit der Leninschen Theorie der Diktatur des Proletariats nichts gemein hat.

Ich behaupte, dass so nur Leute sprechen können, die den Sinn der Idee des Zusammenschlusses, der Idee des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, der Idee der Hegemonie des Proletariats in diesem Bündnis nicht begriffen haben.

So können nur Leute sprechen, die die folgende Leninsche These nicht verstanden haben:

Nur eine Verständigung mit der Bauernschaft kann die sozialistische Revolution in Russland retten, solange die Revolution in den anderen Ländern nicht eingetreten ist.“

So können nur Leute sprechen, die den folgenden Leitsatz Lenins nicht begriffen haben:

Das höchste Prinzip der Diktatur ist die Aufrechterhaltung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behaupten kann.“

Lenin hebt eins der wichtigsten Ziele der Diktatur, die Unterdrückung der Ausbeuter, hervor und sagt:

Der wissenschaftliche Begriff der Diktatur bedeutet nichts anderes als die durch nichts eingeschränkte, durch keinerlei Gesetze, absolut durch keinerlei Regeln gehemmte, sich unmittelbar auf die Gewalt stützende Macht.“

Die Diktatur bedeutet — nehmt das ein für allemal zur Kenntnis, ihr Herren Kadetten — die uneingeschränkte, sich auf die Gewalt und nicht auf das Gesetz stützende Macht. Während des Bürgerkriegs kann jede Macht, die den Sieg errungen hat, nur eine Diktatur sein.“

Aber die Diktatur des Proletariats erschöpft sich natürlich nicht in der Gewalt, obwohl es keine Diktatur ohne Gewalt gibt.

Die Diktatur“, sagt Lenin, „bedeutet nicht nur Gewalt, obwohl sie ohne Gewalt unmöglich ist, sie bedeutet auch eine Organisation der Arbeit, und zwar eine höhere, als es die vorhergehende war.“

Die Diktatur des Proletariats ist […] nicht bloss Gewalt gegenüber den Ausbeutern und sogar nicht einmal hauptsächlich Gewalt. Die ökonomische Grundlage dieser revolutionären Gewalt, die Gewähr für ihre Lebensfähigkeit und ihren Erfolg besteht darin, dass das Proletariat einen im Vergleich zum Kapitalismus höheren Typus der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit repräsentiert und verwirklicht. Das ist der Kern der Sache. Darin liegt die Quelle der Kraft und die Bürgschaft für den unausbleiblichen vollen Sieg des Kommunismus.“

Ihr [der Diktatur. J.St.] Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplin der fortgeschrittensten Abteilung der Werktätigen, ihrer Vortruppe, ihres einzigen Führers, des Proletariats. Sein Ziel ist, den Sozialismus zu errichten, die Teilung der Gesellschaft in Klassen aufzuheben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu Werktätigen zu machen, jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen den Boden zu entziehen. Dieses Ziel kann nicht auf einmal verwirklicht werden, es erfordert eine ziemlich lange Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, einmal deshalb, weil die Neuorganisierung der Produktion eine schwierige Sache ist, dann auch deshalb, weil man für radikale Änderungen auf allen Gebieten des Lebens Zeit braucht, und schliesslich deshalb, weil die gewaltige Macht der Gewöhnung an kleinbourgeoises und bourgeoises Wirtschaften nur in langem, beharrlichem Kampfe überwunden werden kann. Deshalb spricht auch Marx von einer ganzen Periode der Diktatur des Proletariats als der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.“

Das sind die charakteristischen Züge der Diktatur des Proletariats.

Daraus ergeben sich drei grundlegende Seiten der Diktatur des Proletariats.

1. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Unterdrückung der Ausbeuter, zur Verteidigung des Landes, zur Festigung der Verbindungen mit den Proletariern der anderen Länder, zur Entfaltung und zum Sieg der Revolution in allen Ländern.

2. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur endgültigen Loslösung der werktätigen und ausgebeuteten Massen von der Bourgeoisie, zur Festigung des Bündnisses des Proletariats mit diesen Massen, zur Einbeziehung dieser Massen in den sozialistischen Aufbau, zur staatlichen Leitung dieser Massen durch das Proletariat.

3. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Organisierung des Sozialismus, zur Aufhebung der Klassen, zum Übergang in eine Gesellschaft ohne Klassen, in die sozialistische Gesellschaft.

Die proletarische Diktatur ist die Vereinigung aller dieser drei Seiten. Keine dieser Seiten kann als das einzige charakteristische Merkmal der Diktatur des Proletariats hingestellt werden, und umgekehrt, das Fehlen auch nur eines dieser Merkmale genügt, damit die Diktatur des Proletariats unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung aufhört, eine Diktatur zu sein. Deshalb darf keine dieser drei Seiten ausgeschaltet werden, wenn man nicht Gefahr laufen will, den Begriff der Diktatur des Proletariats zu entstellen. Nur alle diese drei Seiten zusammengenommen geben uns einen vollständigen und abgeschlossenen Begriff von der Diktatur des Proletariats.

Die Diktatur des Proletariats weist verschiedene Perioden auf, hat ihre besonderen Formen, ihre verschiedenartigen Arbeitsmethoden. In der Periode des Bürgerkriegs ist das Merkmal der Gewalt in der Diktatur besonders augenfällig. Aber daraus folgt keineswegs, dass in der Periode des Bürgerkriegs keine Aufbauarbeit geleistet wird. Ohne Aufbauarbeit ist es unmöglich, den Bürgerkrieg zu führen. In der Periode des Aufbaus des Sozialismus sind umgekehrt die friedliche, organisatorische, kulturelle Arbeit der Diktatur, die revolutionäre Gesetzlichkeit usw. besonders augenfällig. Aber daraus folgt wiederum keineswegs, dass das Merkmal der Gewalt in der Diktatur während der Periode des Aufbaus wegfällt oder wegfallen kann. Die Organe der Unterdrückung, die Armee und andere Organisationen, sind jetzt, in der Zeit des Aufbaus, nicht minder notwendig als in der Periode des Bürgerkriegs. Ohne das Vorhandensein dieser Organe ist keine einigermassen gesicherte Aufbauarbeit der Diktatur möglich. Man darf nicht vergessen, dass die Revolution vorläufig nur in einem Lande gesiegt hat. Man darf nicht vergessen, dass, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, auch die Gefahr der Intervention mit allen sich aus dieser Gefahr ergebenden Folgen bestehen wird.

5. PARTEI UND ARBEITERKLASSE IM SYSTEM DER DIKTATUR DES PROLETARIATS

Oben sprach ich über die Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihrer historischen Unvermeidlichkeit, vom Standpunkt ihres Klasseninhalts, vom Standpunkt ihres staatlichen Charakters, schliesslich vom Standpunkt ihrer destruktiven und konstruktiven Aufgaben, die im Verlauf einer ganzen historischen Periode zu erfüllen sind, die als die Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet wird.

Jetzt müssen wir über die Diktatur des Proletariats vom Standpunkt ihrer Struktur, vom Standpunkt ihres „Mechanismus“, vom Standpunkt der Rolle und Bedeutung der „Transmissionen“, der „Hebel“ und der „lenkenden Kraft“ sprechen, die in ihrer Gesamtheit das „System der Diktatur des Proletariats“ (Lenin) ergeben und mit deren Hilfe die alltägliche Arbeit der Diktatur des Proletariats geleistet wird.

Was sind das für „Transmissionen“ oder „Hebel“ im System der Diktatur des Proletariats? Was ist das für eine „lenkende Kraft“? Wozu braucht man sie?

Die Hebel oder Transmissionen — das sind jene Massenorganisationen des Proletariats, ohne deren Hilfe die Verwirklichung der Diktatur unmöglich ist.

Die lenkende Kraft — das ist die fortgeschrittenste Abteilung des Proletariats, seine Vortruppe, die die grundlegende führende Kraft der Diktatur des Proletariats ist.

Diese Transmissionen, diese Hebel und diese lenkende Kraft hat das Proletariat nötig, weil es sich ohne sie in seinem Kampf um den Sieg in der Lage einer unbewaffneten Armee angesichts des organisierten und bewaffneten Kapitals erweisen würde. Diese Organisationen hat das Proletariat nötig, weil es ohne sie in seinem Kampf für den Sturz der Bourgeoisie, in seinem Kampf für die Festigung seiner Macht, in seinem Kampf für den Aufbau des Sozialismus unweigerlich eine Niederlage erleiden würde. Die systematische Hilfe dieser Organisationen und die lenkende Kraft der Vortruppe sind notwendig, weil ohne diese Bedingungen eine einigermassen beständige und feste Diktatur des Proletariats unmöglich wäre.

Was sind das für Organisationen?

Es sind dies erstens die Gewerkschaften der Arbeiter mit ihren Verzweigungen in der Hauptstadt und im Lande in Gestalt einer ganzen Reihe von Industrieverbänden, kulturellen, erzieherischen und anderen Organisationen. Sie vereinigen die Arbeiter aller Berufe. Es sind dies keine Parteiorganisationen. Die Gewerkschaften kann man als die allumfassende Organisation der bei uns herrschenden Arbeiterklasse bezeichnen. Sie sind Schulen des Kommunismus. Sie stellen aus ihrer Mitte die besten Leute für die leitende Arbeit in allen Verwaltungszweigen. Sie verwirklichen die Verbindung zwischen den fortgeschrittenen und den zurückgebliebenen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse. Sie verbinden die Arbeitermassen mit der Vortruppe der Arbeiterklasse.

Es sind dies zweitens die Sowjets mit ihren zahlreichen Verzweigungen in der Hauptstadt und im Lande in Gestalt administrativer, wirtschaftlicher, militärischer, kultureller und anderer staatlicher Organisationen, zuzüglich zahlloser, spontan entstandener Massenvereinigungen der Werktätigen, die diese Organisationen umgeben und sie mit der Bevölkerung verbinden. Die Sowjets sind die Massenorganisationen aller Werktätigen in Stadt und Land. Es sind dies keine Parteiorganisationen. Die Sowjets sind der unmittelbare Ausdruck der Diktatur des Proletariats. Durch die Sowjets werden alle und jegliche Massnahmen zur Festigung der Diktatur und zum Aufbau des Sozialismus durchgeführt. Durch die Sowjets verwirklicht das Proletariat die staatliche Führung der Bauernschaft. Die Sowjets verbinden die Millionenmassen der Werktätigen mit der Vortruppe des Proletariats.

Es sind dies drittens die Genossenschaften aller Art mit allen ihren Verzweigungen. Dies ist eine Massenorganisation der Werktätigen, keine Parteiorganisation, eine Organisation, die die Werktätigen vor allem als Konsumenten, und im Laufe der Zeit auch als Produzenten (landwirtschaftliche Genossenschaft) vereinigt. Sie gewinnt besondere Bedeutung nach der Festigung der Diktatur des Proletariats, in der Periode des breit entfalteten Aufbaus. Sie erleichtert die Verbindung der Vortruppe des Proletariats mit den Massen der Bauernschaft und schafft die Möglichkeit, diese Massen in den Strom des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen.

Es ist dies viertens der Jugendverband. Dies ist eine Massenorganisation der Arbeiter- und Bauernjugend, keine Parteiorganisation, sie lehnt sich aber an die Partei an. Ihre Aufgabe ist es, der Partei bei der Erziehung der jungen Generation im Geiste des Sozialismus zu helfen. Sie stellt die jungen Reserven für alle übrigen Massenorganisationen des Proletariats in allen Verwaltungszweigen. Der Jugendverband erlangte besondere Bedeutung nach der Festigung der Diktatur des Proletariats, in der Periode der umfassenden Kultur- und Erziehungsarbeit des Proletariats.

Es ist dies schliesslich die Partei des Proletariats, seine Vortruppe. Ihre Kraft besteht darin, dass sie die Besten des Proletariats aus allen seinen Massenorganisationen in sich aufnimmt. Ihre Bestimmung ist es, die Arbeit aller Massenorganisationen des Proletariats ohne Ausnahme zusammenzufassen und deren Tätigkeit auf ein Ziel, auf das Ziel der Befreiung des Proletariats, zu lenken. Diese zusammenzufassen und auf ein einheitliches Ziel zu lenken ist aber absolut notwendig, da sonst die Einheit des Kampfes des Proletariats unmöglich ist, da es sonst unmöglich ist, die proletarischen Massen in ihrem Kampf um die Macht, in ihrem Kampf um den Aufbau des Sozialismus zu führen. Aber die Arbeit der Massenorganisationen des Proletariats zusammenzufassen und zu lenken vermag nur die Vortruppe des Proletariats, seine Partei. Nur die Partei des Proletariats, nur die Partei der Kommunisten vermag dieser Rolle des Führers im System der Diktatur des Proletariats gerecht zu werden.

Warum?

Erstens, weil die Partei das Sammelbecken der besten Elemente der Arbeiterklasse ist, die mit den parteilosen Organisationen des Proletariats unmittelbar verbunden sind und diese sehr oft leiten; zweitens, weil die Partei, als Sammelbecken der Besten der Arbeiterklasse, die beste Schule zur Heranbildung von Führern der Arbeiterklasse ist, die fähig sind, die Organisationen ihrer Klasse in allen ihren Formen zu leiten; drittens, weil die Partei, als die beste Schule von Führern der Arbeiterklasse, dank ihrer Erfahrung und Autorität die einzige Organisation bildet, die fähig ist, die Leitung des Kampfes des Proletariats zu zentralisieren und auf diese Weise alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse in Hilfsorgane und Transmissionsriemen zu verwandeln, die sie mit der Klasse verbinden.“ (Siehe „Über die Grundlagen des Leninismus“.)

Die Partei ist die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats.

Die Partei ist die höchste Form der Klassenvereinigung des Proletariats.“ (Lenin.)

Also: die Gewerkschaften als Massenorganisation des Proletariats, die die Partei mit der Klasse, vor allem auf dem Gebiet der Produktion, verbindet; die Sowjets als Massenorganisation der Werktätigen, die die Partei mit diesen, vor allem auf staatlichem Gebiet, verbindet; die Genossenschaften als Massenorganisation, hauptsächlich der Bauernschaft, die die Partei mit den Bauernmassen, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet, auf dem Gebiet der Einbeziehung der Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau, verbindet; der Jugendverband als Massenorganisation der Arbeiter- und Bauernjugend, eine Organisation, die berufen ist, der Vortruppe des Proletariats die sozialistische Erziehung der neuen Generation und die Heranbildung der jungen Reserven zu erleichtern; und schliesslich die Partei als grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats, die berufen ist, alle diese Massenorganisationen zu leiten — das ist im allgemeinen das Bild des „Mechanismus“ der Diktatur, das Bild des „Systems der Diktatur des Proletariats“.

Ohne die Partei als die grundlegende führende Kraft ist eine einigermassen beständige und feste Diktatur des Proletariats unmöglich.

Im Grossen und Ganzen haben wir also“, um mit Lenin zu sprechen, „einen formal nichtkommunistischen, elastischen und verhältnismässig umfassenden, überaus mächtigen proletarischen Apparat, durch den die Partei mit der Klasse und der Masse eng verbunden ist und durch den unter Führung der Partei die Diktatur der Klasse verwirklicht wird.“

Das darf man natürlich nicht so auffassen, dass die Partei die Gewerkschaften, die Sowjets und die anderen Massenorganisationen ersetzen könne oder solle. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Aber sie verwirklicht sie nicht unmittelbar, sondern mit Hilfe der Gewerkschaften, durch die Sowjets und deren Verzweigungen. Ohne diese „Transmissionen“ wäre eine einigermassen feste Diktatur unmöglich.

Die Diktatur lässt sich nicht verwirklichen“, sagt Lenin, „ohne einige ‚Transmissionen‘ von der Vortruppe zur Masse der fortgeschrittenen Klasse und von dieser zur Masse der Werktätigen.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 3, russ.)

Die Partei saugt sozusagen die Vortruppe des Proletariats in sich auf, und diese Vortruppe verwirklicht die Diktatur des Proletariats. Und ohne ein solches Fundament wie die Gewerkschaften zu besitzen, kann die Diktatur nicht verwirklicht, können die staatlichen Funktionen nicht ausgeübt werden. Ausgeübt werden müssen sie mit Hilfe einer Reihe besonderer Institutionen wiederum neuer Art, nämlich: mit Hilfe des Sowjetapparats.“

Als höchster Ausdruck der führenden Rolle der Partei, zum Beispiel bei uns, in der Sowjetunion, im Lande der Diktatur des Proletariats, muss die Tatsache bezeichnet werden, dass keine einzige wichtige politische oder organisatorische Frage durch unsere Sowjet- und andere Massenorganisationen ohne leitende Weisungen der Partei entschieden wird. In diesem Sinne könnte man sagen, dass die Diktatur des Proletariats dem Wesen nach die „Diktatur“ seiner Vortruppe, die „Diktatur“ seiner Partei als der grundlegenden führenden Kraft des Proletariats ist. Darüber sagte Lenin auf dem 2. Kongress der Komintern2:

Tanner erklärt, dass er für die Diktatur des Proletariats sei, dass er sich aber die Diktatur des Proletariats nicht ganz so vorstelle wie wir. Er sagt, dass wir unter der Diktatur des Proletariats im Grunde genommen die Diktatur seiner organisierten und Klassenbewussten Minderheit verstehen.

Und in der Tat, im Zeitalter des Kapitalismus, wo die Arbeitermassen unaufhörlich ausgebeutet werden und nicht imstande sind, ihre menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln, ist für die politischen Parteien der Arbeiter gerade der Umstand am charakteristischsten, dass sie nur eine Minderheit ihrer Klasse erfassen können. Die politische Partei kann nur die Minderheit der Klasse erfassen, ebenso wie die wirklich Klassenbewussten Arbeiter in jeder kapitalistischen Gesellschaft nur die Minderheit aller Arbeiter bilden. Deshalb müssen wir anerkennen, dass nur diese klassenbewusste Minderheit die breiten Arbeitermassen leiten und führen kann. Wenn Gen. Tanner sagt, dass er ein Feind der Partei sei, dass er aber gleichzeitig dafür sei, dass eine Minderheit der am besten organisierten und revolutionärsten Arbeiter dem ganzen Proletariat den Weg weise, so sage ich, dass zwischen uns in Wirklichkeit keine Differenz besteht.“

Das ist jedoch nicht so aufzufassen, dass man zwischen der Diktatur des Proletariats und der führenden Rolle der Partei (der „Diktatur“ der Partei) ein Gleichheitszeichen setzen könne, dass man die erste mit der zweiten identifizieren könne, die erste durch die zweite ersetzen könne. Sorin zum Beispiel sagt: „Die Diktatur des Proletariats ist die Diktatur unserer Partei.“ Diese These identifiziert, wie man sieht, die „Diktatur der Partei“ mit der Diktatur des Proletariats. Kann man diese Identifizierung als richtig bezeichnen, ohne den Boden des Leninismus zu verlassen? Nein, das kann man nicht. Und zwar aus folgenden Gründen.

Erstens. In dem oben angeführten Zitat aus der Rede Lenins auf dem 2. Kongress der Komintern identifiziert Lenin keineswegs die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats. Er spricht bloss davon; dass „nur die klassenbewusste Minderheit [d. h. die Partei. J. St.] die breiten Arbeitermassen leiten und führen kann“, dass wir also eben in diesem Sinne „unter der Diktatur des Proletariats im Grunde genommene die Diktatur seiner organisierten und Klassenbewussten Minderheit verstehen“.

Wenn man „im Grunde genommen“ sagt, so heisst das noch nicht „vollständig“. Wir sagen oft, dass die nationale Frage im Grunde genommen eine Bauernfrage sei. Und das ist völlig richtig. Doch bedeutet das noch nicht, dass die nationale Frage sich mit der Bauernfrage deckt, dass die Bauernfrage ihrem Umfang nach der nationalen Frage gleich, dass die Bauernfrage mit der nationalen Frage identisch ist. Es bedarf keiner Beweise, dass die nationale Frage ihrem Umfang nach breiter und reichhaltiger ist als die Bauernfrage. Das gleiche ist, als Analogie hierzu, über die führende Rolle der Partei und über die Diktatur des Proletariats zu sagen. Verwirklicht die Partei die Diktatur des Proletariats und ist in diesem Sinne die Diktatur des Proletariats im Grunde genommen „die Diktatur“ seiner Partei, so bedeutet das noch nicht, dass die „Diktatur der Partei“ (die führende Rolle) identisch ist mit der Diktatur des Proletariats, dass die erste und die zweite ihrem Umfang nach gleich sind. Es bedarf keiner Beweise, dass die Diktatur des Proletariats ihrem Umfang nach breiter und reichhaltiger ist als die führende Rolle der Partei. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats, aber sie verwirklicht die Diktatur des Proletariats, und keine andere. Wer die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der ersetzt die Diktatur des Proletariats durch die „Diktatur“ der Partei.

Zweitens. Kein einziger wichtiger Beschluss der Massenorganisationen des Proletariats kommt ohne leitende Weisungen der Partei zustande. Das ist völlig richtig. Doch bedeutet das, dass die Diktatur des Proletariats sich in den leitenden Weisungen der Partei erschöpft? Bedeutet das, dass man die leitenden Weisungen der Partei aus diesem Grunde mit der Diktatur des Proletariats identifizieren kann? Natürlich nicht. Die Diktatur des Proletariats besteht aus den leitenden Weisungen der Partei, plus der Durchführung dieser Weisungen durch die Massenorganisationen des Proletariats, plus ihrer Umsetzung in die Tat durch die Bevölkerung. Hier haben wir es, wie man sieht, mit einer ganzen Reihe von Übergängen und Zwischenstufen zu tun, die ein bei weitem nicht unwichtiges Moment der Diktatur des Proletariats ausmachen. Zwischen den leitenden Weisungen der Partei und ihrer Umsetzung in die Tat liegen folglich der Wille und die Handlungen der Geführten, der Wille und die Handlungen der Klasse, ihre Bereitschaft (oder Weigerung), solche Weisungen zu unterstützen, ihre Fähigkeit (oder Unfähigkeit), diese Weisungen durchzuführen, ihre Fähigkeit (oder Unfähigkeit), sie gerade so durchzuführen, wie die Lage es erfordert. Es bedarf wohl keiner Beweise, dass die Partei, die die Führung auf sich genommen hat, mit dem Willen, mit dem Zustand, mit dem Bewusstseinsgrad der von ihr Geführten rechnen muss, dass sie den Willen, den Zustand und den Bewusstseinsgrad ihrer Klasse nicht ausser Rechnung lassen darf. Wer daher die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der ersetzt den Willen und die Handlungen der Klasse durch die Weisungen der Partei.

Drittens. „Die Diktatur des Proletariats“, sagt Lenin, „ist der Klassenkampf des Proletariats, das gesiegt und die politische Macht erobert hat“. Worin kann dieser Klassenkampf zum Ausdruck kommen? Er kann zum Ausdruck kommen in einer Reihe bewaffneter Aktionen des Proletariats gegen die Vorstösse der gestürzten Bourgeoisie oder gegen die Intervention der ausländischen Bourgeoisie. Er kann zum Ausdruck kommen im Bürgerkrieg, wenn die Macht des Proletariats noch nicht gefestigt ist. Er kann zum Ausdruck kommen in einer breit entfalteten Organisations- und Aufbauarbeit des Proletariats, unter Heranziehung der breiten Massen zu diesem Werk, wenn sich die Macht schon gefestigt hat. In allen diesen Fällen ist die handelnde Person das Proletariat als Klasse. Es ist niemals vorgekommen, dass die Partei, die Partei allein, alle diese Aktionen ausschliesslich mit ihren eigenen Kräften, ohne Unterstützung der Klasse, unternommen hätte. Gewöhnlich leitet sie bloss diese Aktionen, und zwar leitet sie sie in dem Masse, in dem sie die Unterstützung der Klasse besitzt. Denn die Partei kann sich nicht mit der Klasse decken, sie kann nicht die Klasse ersetzen. Denn die Partei bleibt, bei all ihrer wichtigen, führenden Rolle, dennoch ein Teil der Klasse. Wer daher die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der ersetzt die Klasse durch die Partei.

Viertens. Die Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats. „Die Partei ist die unmittelbar regierende Vortruppe des Proletariats, sie ist der Führer.“ (Lenin.) In diesem Sinne übernimmt die Partei die Macht, regiert die Partei das Land. Doch darf man das nicht so auffassen, dass die Partei die Diktatur des Proletariats unter Ausserachtlassung der Staatsmacht, ohne die Staatsmacht, verwirkliche, dass die Partei das Land unabhängig von den Sowjets, nicht durch die Sowjets, regiere. Das bedeutet noch nicht, dass man die Partei mit den Sowjets, mit der Staatsmacht, identifizieren kann. Die Partei ist der Kern der Macht. Aber sie ist nicht die Staatsmacht und kann nicht mit ihr identifiziert werden.

Als regierende Partei“, sagt Lenin, „konnten wir nicht umhin, die ‚Spitzen‘ der Sowjets mit den ,Spitzen‘ der Partei zu verschmelzen — sie sind bei uns verschmolzen und werden es bleiben“. Das ist völlig richtig. Aber damit will Lenin keineswegs sagen, dass unsere Sowjetinstitutionen als Ganzes, zum Beispiel unsere Armee, unser Verkehrswesen, unsere Wirtschaftsinstitutionen usw., Institutionen unserer Partei seien, dass die Partei die Sowjets und ihre Verzweigungen ersetzen, dass man die Partei mit der Staatsmacht identifizieren könne. Lenin hat wiederholt davon gesprochen, dass „das Sowjetsystem die Diktatur des Proletariats ist“, dass „die Sowjetmacht die Diktatur des Proletariats ist“, aber er hat niemals gesagt, dass die Partei die Staatsmacht sei, dass die Sowjets und die Partei ein und dasselbe seien. Die Partei, die Hunderttausende von Mitgliedern zählt, leitet in der Hauptstadt und im Lande die Sowjets und deren Verzweigungen, die Dutzende von Millionen Menschen, Parteimitglieder und Parteilose, umfassen, aber sie kann und darf sie nicht ersetzen. Deshalb sagt Lenin, dass die „Diktatur verwirklicht wird durch das in den Sowjets organisierte Proletariat, das von der Kommunistischen Partei der Bolschewiki geführt wird“, dass „die ganze Arbeit der Partei mit Hilf ei der Sowjets erfolgt, die die werktätigen Massen ohne Unterschied des Berufs vereinigen“, dass man die Diktatur […] mit Hilfe des Sowjetapparats verwirklichen muss.“ Wer daher die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der ersetzt die Sowjets, das heisst die Staatsmacht, durch die Partei.

Fünftens. Der Begriff der Diktatur des Proletariats ist ein staatlicher Begriff. Die Diktatur des Proletariats schliesst unbedingt den Begriff der Gewalt ein. Ohne Gewalt gibt es keine Diktatur, wenn man die Diktatur im strengen Sinne dieses Wortes auffasst. Lenin definiert die Diktatur des Proletariats als „Macht, die sich unmittelbar auf die Gewalt stützt“. Spricht man daher von der Diktatur der Partei gegenüber der Klasse der Proletarier und identifiziert diese Diktatur mit der Diktatur des Proletariats, so sagt man damit, dass die Partei gegenüber ihrer Klasse nicht bloss Leiter, nicht bloss Führer und Lehrer sein müsse, sondern auch eine Art Diktator, der ihr gegenüber Gewalt anwendet, was natürlich grundfalsch ist. Wer daher die „Diktatur der Partei“ mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der geht stillschweigend davon aus, dass man die Autorität der Partei auf Gewalt gegenüber der Arbeiterklasse aufbauen kann, was absurd und mit dem Leninismus völlig unvereinbar ist. Die Autorität der Partei beruht auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse. Das Vertrauen der Arbeiterklasse aber wird nicht durch Gewalt erworben — durch Gewalt könnte es nur vernichtet werden — sondern durch die richtige Theorie der Partei, durch die richtige Politik der Partei, durch die Ergebenheit der Partei für die Sache der Arbeiterklasse, durch ihre Verbundenheit mit den Massen der Arbeiterklasse, durch ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit, die Massen von der Richtigkeit ihrer Losungen zu überzeugen.

Was aber folgt aus alledem?

Daraus folgt:

1. Lenin wendet das Wort Diktatur der Partei nicht im strengen Sinne dieses Wortes an („Macht, die sich auf die Gewalt stützt“), sondern im übertragenen Sinne, im Sinne ihrer ungeteilten Führung;

2. wer die führende Rolle der Partei mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der entstellt Lenin, da er der Partei fälschlich Funktionen der Gewalt gegenüber der Arbeiterklasse als Ganzem zuschreibt;

3. wer der Partei Funktionen der Gewalt gegenüber der Arbeiterklasse als Ganzem zuschreibt, die ihr nicht eigen sind, der verletzt die elementaren Forderungen nach richtigen Wechselbeziehungen zwischen Vortruppe und Klasse, zwischen Partei und Proletariat.

Wir stehen somit unmittelbar vor der Frage der Wechselbeziehungen zwischen Partei und Klasse, zwischen Parteimitgliedern und Parteilosen innerhalb der Arbeiterklasse.

Lenin definiert diese Wechselbeziehungen als „gegenseitiges Vertrauen zwischen der Vortruppe der Arbeiterklasse und der Arbeitermasse“.

Was bedeutet das?

Das bedeutet erstens, dass die Partei für die Stimme der Massen ein feines Ohr haben muss, dass sie sich dem revolutionären Instinkt der Massen gegenüber aufmerksam verhalten muss, dass sie die Praxis des Kampfes der Massen studieren und daran die Richtigkeit ihrer Politik prüfen muss, dass sie folglich nicht nur die Massen lehren, sondern auch von ihnen lernen muss.

Das bedeutet zweitens, dass die Partei tagaus, tagein sich das Vertrauen der proletarischen Massen erobern muss, dass sie durch ihre Politik und ihre Arbeit die Unterstützung der Massen erringen muss, dass sie nicht kommandieren darf, sondern vor allem überzeugen muss, wobei sie es den Massen zu erleichtern hat, an Hand ihrer eigenen Erfahrung die Richtigkeit der Politik der Partei zu erkennen, dass sie folglich Leiter, Führer, Lehrer ihrer Klasse sein muss.

Die Verletzung dieser Bedingungen bedeutet die Verletzung der richtigen Wechselbeziehungen zwischen Vortruppe und Klasse, die Untergrabung des „gegenseitigen Vertrauens“, den Zerfall sowohl der Klassen als auch der Parteidisziplin.

Sicherlich sieht jetzt schon fast jeder“, sagt Lenin, „dass die Bolschewiki keine zweieinhalb Monate, geschweige denn zweieinhalb Jahre die Macht hätten behaupten können ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei, ohne die vollste und grenzenlose Unterstützung der Partei durch die gesamte Klasse der Arbeiterklasse, das heisst durch alle denkenden, ehrlichen, selbstlosen, einflussreichen Menschen dieser Klasse, die fähig sind, die rückständigen Schichten zu führen oder mit sich fortzureissen.“

Die Diktatur des Proletariats“, sagt Lenin weiter, „ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft. Die Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen ist die fürchterlichste Macht. Ohne eine eiserne und Kampfgestählte Partei, ohne eine Partei, die das Vertrauen alles dessen geniesst, was in der gegebenen Klasse ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht, die Stimmung der Massen zu verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich, einen solchen Kampf erfolgreich zu führen.“

Wie erwirbt aber die Partei dieses Vertrauen und diese Unterstützung der Klasse? Wie bildet sich die für die Diktatur des Proletariats notwendige eiserne Disziplin in der Arbeiterklasse heraus, auf welchem Boden erwächst sie?

Darüber sagt Lenin folgendes:

Worauf stützt sich die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats? Wodurch wird sie kontrolliert? Wodurch gestärkt? Erstens durch das Klassenbewusstsein der proletarischen Vortruppe und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus. Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern und, wenn ihr wollt, bis zu einem gewissen Grad sich sogar mit ihnen zu verbünden. Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Vortruppe verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, dass die breitesten Massen sich durch die eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen. Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, die die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten hat, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unvermeidlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langwierige Arbeit, durch harte Erfahrung entwickelt; ihre Entwicklung wird durch die richtige revolutionäre Theorie erleichtert, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.“

Und ferner:

Um über den Kapitalismus zu siegen, bedarf es richtiger Wechselbeziehungen zwischen der führenden, der kommunistischen Partei, der revolutionären Klasse, dem Proletariat, und der Masse, das heisst der Gesamtheit der Werktätigen und Ausgebeuteten. Nur die kommunistische Partei, wenn sie tatsächlich die Vortruppe der revolutionären Klasse ist, wenn sie die besten Vertreter dieser Klasse in ihren Reihen zählt, wenn sie aus völlig bewussten, der Sache treu ergebenen Kommunisten besteht, die in zähen revolutionären Kämpfen geschult und gestählt worden sind, wenn sie es verstanden hat, sich mit dem ganzen Leben ihrer Klasse und durch sie mit der ganzen Masse der Ausgebeuteten unzertrennlich zu verknüpfen und dieser Klasse und dieser Masse volles Vertrauen einzuflössen, nur eine solche Partei ist fähig, das Proletariat in dem schonungslosesten, in dem entscheidenden, letzten Kampfe gegen alle Mächte des Kapitalismus zu führen. Anderseits ist das Proletariat nur unter der Führung einer solchen Partei fähig, die ganze Macht seines revolutionären Ansturms zu entfalten, die unausbleibliche Apathie und teils den Widerstand einer kleinen Minderheit der vom Kapitalismus verdorbenen Arbeiteraristokratie, der alten Führer der Gewerkschaften, Genossenschaften usw. zu überwinden, seine ganze Kraft zu entfalten, die infolge der wirtschaftlichen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft unvergleichlich grösser ist als sein Anteil an der Bevölkerung.“

Aus diesen Zitaten folgt:

1. die Autorität der Partei und die eiserne Disziplin in der Arbeiterklasse, die für die Diktatur des Proletariats unerlässlich sind, beruhen nicht auf Furcht oder auf den „unbeschränkten“ Rechten der Partei, sondern auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei, auf der Unterstützung der Partei durch die Arbeiterklasse;

2. das Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei wird nicht auf einmal und nicht durch Gewaltanwendung gegenüber der Arbeiterklasse erworben, sondern durch langwierige Arbeit der Partei in den Massen, durch die richtige Politik der Partei, durch die Fähigkeit der Partei, die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik an Hand der eigenen Erfahrung der Massen zu überzeugen, durch die Fähigkeit der Partei, sich die Unterstützung der Arbeiterklasse zu sichern, die Massen der Arbeiterklasse zu führen;

3. ohne die richtige, durch die Erfahrung des Kampfes der Massen erhärtete Politik der Partei und ohne das Vertrauen der Arbeiterklasse gibt es keine wirkliche Führung durch die Partei und kann es sie auch nicht geben;

4. die Partei und ihre Führung können — wenn die Partei das Vertrauen der Klasse geniesst und wenn ihre Führung eine wirkliche Führung ist — nicht der Diktatur des Proletariats entgegengestellt werden, denn ohne die Führung der Partei („Diktatur“ der Partei), die das Vertrauen der Arbeiterklasse geniesst, ist eine einigermassen feste Diktatur des Proletariats unmöglich.

Ohne diese Bedingungen sind die Autorität der Partei und die eiserne Disziplin in der Arbeiterklasse entweder eine hohle Phrase oder Überheblichkeit und Abenteurertum.

Man darf die Diktatur des Proletariats nicht der Führung (der „Diktatur“) der Partei entgegenstellen. Man darf es nicht, weil die Führung durch die Partei das Wesentliche an der Diktatur des Proletariats ist, wenn man eine einigermassen feste und vollständige Diktatur im Auge hat und nicht etwa eine solche, wie es zum Beispiel die Pariser Kommune war, die keine vollständige und keine feste Diktatur darstellte. Man darf es nicht, weil die Diktatur des Proletariats und die Führung durch die Partei sozusagen auf derselben Linie der Arbeit liegen und in derselben Richtung wirksam sind.

Schon die Fragestellung allein“, sagt Lenin, „,Diktatur der Partei oder Diktatur der Klasse? Diktatur (Partei) der Führer oder Diktatur (Partei) der Massen?‘, zeugt von einer ganz unglaublichen und ausweglosen Gedankenverwirrung […] Jedermann weiss, dass die Massen sich in Klassen teilen; […] dass die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den modernen zivilisierten Ländern, von politischen Parteien geführt werden; dass die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder festen Gruppen der autoritativsten, einflussreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten Posten gewählten Personen geleitet werden, die man Führer nennt […] Sich […] bis zur Gegenüberstellung der Diktatur der Massen und der Diktatur der Führer überhaupt zu versteigen, ist ein lächerlicher Unsinn und eine Dummheit.“

Das ist völlig richtig. Aber diese richtige Feststellung geht von der Voraussetzung aus, dass richtige Wechselbeziehungen zwischen der Vortruppe und den Arbeitermassen, zwischen Partei und Klasse vorhanden sind. Sie geht von der Annahme aus, dass die Wechselbeziehungen zwischen Vortruppe und Klasse sozusagen normal, im Rahmen des „gegenseitigen Vertrauens“ bleiben.

Wie aber, wenn die richtigen Wechselbeziehungen zwischen Vortruppe und Klasse, wenn die Beziehungen des „gegenseitigen Vertrauens“ zwischen Partei und Klasse gestört sind?

Wie dann, wenn die Partei selbst beginnt, auf eine oder die andere Weise sich der Klasse entgegenzustellen, indem sie die Grundlagen der richtigen Wechselbeziehungen zur Klasse, die Grundlagen des „gegenseitigen Vertrauens“ verletzt?

Sind solche Fälle überhaupt möglich?

Ja, sie sind möglich.

Sie sind möglich:

1. wenn die Partei beginnt, ihre Autorität in den Massen nicht auf ihre Arbeit und auf das Vertrauen der Massen, sondern auf ihre „unbeschränkten“ Rechte zu gründen;

2. wenn die Politik der Partei offenkundig unrichtig ist, sie aber ihren Fehler nicht überprüfen und korrigieren will;

3. wenn die Politik der Partei im allgemeinen zwar richtig ist, die Massen aber noch nicht bereit sind, sie sich zu eigen zu machen, die Partei jedoch nicht abwarten will oder nicht abzuwarten versteht, um den Massen die Möglichkeit zu geben, sich an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen, sondern versucht, sie den Massen aufzudrängen.

Die Geschichte unserer Partei kennt eine ganze Reihe solcher Fälle. Die verschiedenen Gruppierungen und Fraktionen in unserer Partei kamen zu Fall und zerstoben deshalb, weil sie eine dieser drei Bedingungen oder manchmal auch alle diese Bedingungen zusammen verletzten.

Daraus folgt aber, dass die Gegenüberstellung von Diktatur des Proletariats und „Diktatur“ (Führung) der Partei nur dann nicht als richtig anerkannt werden kann:

1. wenn man unter der Diktatur der Partei gegenüber der Arbeiterklasse nicht die Diktatur im eigentlichen Sinne dieses Wortes („die Macht, die sich auf die Gewalt stützt“), sondern die Führung durch die Partei versteht, die eine Gewaltanwendung gegenüber der Arbeiterklasse als Ganzem, gegenüber ihrer Mehrheit ausschliesst, wie dies eben auch von Lenin gemeint ist;

2. wenn die Partei die nötigen Voraussetzungen hat, um wirklicher Führer der Klasse zu sein, das heisst, wenn die Politik der Partei richtig ist, wenn diese Politik den Interessen der Klasse entspricht;

3. wenn die Klasse, wenn die Mehrheit der Klasse dieser Politik zustimmt, sie sich zu eigen macht, sich dank der Arbeit der Partei von der Richtigkeit dieser Politik überzeugt, der Partei vertraut und sie unterstützt.

Die Verletzung dieser Bedingungen ruft unweigerlich einen Konflikt zwischen Partei und Klasse, eine Spaltung zwischen den beiden hervor, bringt sie in Gegensatz zueinander.

Kann man der Klasse mit Gewalt die Führung der Partei aufdrängen? Nein, das kann man nicht. Jedenfalls kann eine solche Führung keine auch nur einigermassen dauernde sein. Wenn die Partei die Partei des Proletariats bleiben will, so muss sie wissen, dass sie vor allem und hauptsächlich Leiter, Führer, Lehrer der Arbeiterklasse ist. Wir dürfen die Worte Lenins nicht vergessen, die er darüber in seiner Schrift „Staat und Revolution“ gesagt hat:

Durch Erziehung der Arbeiterpartei erzieht der Marxismus die Vortruppe des Proletariats, die fähig ist, die Macht zu ergreifen und das ganze Volk zum Sozialismus zu führen, die neue Ordnung zu leiten und zu organisieren, Lehrer, Leiter, Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten zu sein bei der Gestaltung ihres gesellschaftlichen Lebens ohne die Bourgeoisie und gegen die Bourgeoisie.“

Kann man die Ansicht vertreten, dass die Partei der wirkliche Führer der Klasse ist, wenn ihre Politik falsch ist, wenn ihre Politik mit den Interessen der Klasse in Kollision gerät? Natürlich kann man das nicht. In solchen Fällen muss die Partei, wenn sie Führer bleiben will, ihre Politik überprüfen, sie muss ihre Politik berichtigen, ihren Fehler zugeben und korrigieren. Man könnte sich zur Bestätigung dieses Leitsatzes auf eine solche Tatsache aus der Geschichte unserer Partei berufen wie die Periode der Abschaffung der Ablieferungspflicht, als die Arbeiter- und Bauernmassen offensichtlich ihre Unzufriedenheit mit unserer Politik bekundeten und als die Partei offen und ehrlich an die Überprüfung dieser Politik schritt. Sehen wir, was Lenin damals auf dem 10. Parteitag über die Frage der Abschaffung der Ablieferungspflicht und der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik sagte:

Wir dürfen nichts zu verheimlichen suchen, sondern müssen unverblümt aussprechen, dass die Bauernschaft mit der Form der Beziehungen, wie sie sich zwischen uns und ihr herausgebildet hat, unzufrieden ist, dass sie diese Form der Beziehungen nicht will und so nicht weiterleben wird. Das ist unbestreitbar. Dieser Wille der Bauernschaft ist in ganz bestimmter Weise zum Ausdruck gekommen. Das ist der Wille der ungeheuren Massen der werktätigen Bevölkerung. Dem müssen wir Rechnung tragen, und wir sind genügend nüchterne Politiker, um geradeheraus zu sagen: Lasst uns unsere Politik gegenüber der Bauernschaft revidieren.“

Kann man die Ansicht vertreten, dass die Partei die Initiative und die Leitung bei der Organisierung der entscheidenden Massenaktionen lediglich aus dem Grund auf sich nehmen muss, weil ihre Politik im allgemeinen richtig ist, wenn diese Politik noch nicht das Vertrauen und die Unterstützung der Klasse findet infolge, sagen wir, der politischen Rückständigkeit der Klasse, wenn es der Partei noch nicht gelungen ist, die Klasse von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen, weil, sagen wir, die Ereignisse noch nicht herangereift sind? Nein, keineswegs. In solchen Fällen muss die Partei, wenn sie ein wirklicher Führer sein will, abzuwarten verstehen, muss sie die Massen von der Richtigkeit ihrer Politik überzeugen, muss sie den Massen helfen, sich an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit dieser Politik zu überzeugen.

Hat die revolutionäre Partei“, sagt Lenin, „nicht die Mehrheit in den Vortrupps der revolutionären Klassen und im Lande, so kann von einem Aufstand keine Rede sein.“

Ohne eine Änderung in den Anschauungen der Mehrheit der Arbeiterklasse ist die Revolution unmöglich, diese Änderung aber wird durch die politische Erfahrung der Massen herbeigeführt.“

Die proletarische Vortruppe ist ideologisch gewonnen. Das ist die Hauptsache. Ohne diese Vorbedingung kann man nicht einmal den ersten Schritt zum Sieg machen. Aber von hier bis zum Sieg ist es noch ziemlich weit. Mit der Vortruppe allein kann man nicht siegen. Die Vortruppe allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen nicht eine Position eingenommen haben, wo sie die Vortruppe entweder direkt unterstützen oder wenigstens wohlwollende Neutralität ihr gegenüber üben und eine völlige Unfähigkeit, ihren Gegner zu unterstützen, an den Tag gelegt haben, wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zuwenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen.“

Es ist bekannt, dass unsere Partei in der Periode von den Aprilthesen Lenins bis zum Oktoberaufstand 1917 eben in dieser Weise handelte. Und gerade deshalb, weil sie gemäss diesen Hinweisen Lenins handelte, hat sie den Aufstand siegreich durchgeführt.

Das sind im Wesentlichen die Bedingungen für die richtigen Wechselbeziehungen zwischen Vortruppe und Klasse.

Was heisst führen, wenn die Politik der Partei richtig ist und die richtigen Beziehungen zwischen Vortruppe und Klasse nicht gestört werden?

Führen heisst unter diesen Bedingungen: verstehen, die Massen von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen, heisst solche Losungen aufstellen und durchführen, die die Massen an die Positionen der Partei heranführen und es ihnen erleichtern, an Hand ihrer eigenen Erfahrung die Richtigkeit der Politik der Partei zu erkennen, die Massen auf das Bewusstseinsniveau der Partei heben und sich somit die Unterstützung der Massen, ihre Bereitschaft zum entscheidenden Kampfe sichern.

Deshalb ist die Methode der Überzeugung die Hauptmethode der Führung der Arbeiterklasse durch die Partei.

Wenn wir“, sagt Lenin, „jetzt in Russland, nach zweieinhalb Jahren unvergleichlicher Siege über die Bourgeoisie Russlands und der Entente, die ,Anerkennung der Diktatur‘ zur Bedingung für den Eintritt in die Gewerkschaften machen wollten, so würden wir eine Dummheit begehen, unserem Einfluss auf die Massen Abbruch tun und den Menschewiki Vorschub leisten. Denn die ganze Aufgabe der Kommunisten besteht darin, es zu verstehen, die Rückständigen zu überzeugen, unter ihnen zu arbeiten, nicht aber sich von ihnen durch ausgeklügelte, kindisch-radikale Lösungen abzusondern.“

Das ist natürlich nicht so aufzufassen, dass die Partei alle Arbeiter, bis auf den letzten Mann, überzeugen müsse, dass man erst, wenn dies erreicht ist, zu Aktionen schreiten könne, dass man erst dann die Aktionen einleiten könne. Keineswegs! Das bedeutet bloss, dass die Partei, ehe sie zu entscheidenden politischen Aktionen schreitet, sich durch langwierige revolutionäre Arbeit die Unterstützung der Mehrheit der Arbeitermassen, zumindest aber die wohlwollende Neutralität der Mehrheit der Klasse sichern muss. Andernfalls wäre der Leninsche Leitsatz, dass die Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse für die Partei eine unerlässliche Bedingung der siegreichen Revolution ist, jeden Sinnes bar.

Was soll man aber mit der Minderheit beginnen, wenn sie nicht willens, wenn sie nicht einverstanden ist, sich freiwillig dem Willen der Mehrheit zu unterwerfen? Kann die Partei, soll die Partei, die das Vertrauen der Mehrheit auf ihrer Seite hat, die Minderheit zur Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit zwingen? Jawohl, sie kann und muss es. Die Führung wird durch die Methode der Überzeugung der Massen gesichert, die die Hauptmethode der Einwirkung der Partei auf die Massen ist. Das schliesst daher die Anwendung von Zwang nicht aus, sondern setzt sie voraus, wenn sich dieser Zwang darauf gründet, dass die Partei das Vertrauen und die Unterstützung der Mehrheit der Arbeiterklasse geniesst, wenn er gegenüber der Minderheit angewendet wird, nachdem man es vermocht hat, die Mehrheit zu überzeugen.

Man denke an die diesbezüglichen Auseinandersetzungen in unserer Partei, die in der Periode der Gewerkschaftsdiskussion stattfanden.

Worin bestand damals der Fehler der Opposition, der Fehler des Zektrans3? Etwa darin, dass die Opposition damals die Anwendung von Zwang für möglich hielt? Nein, nicht darin. Der Fehler der Opposition bestand damals darin, dass sie, ausserstande, die Mehrheit von der Richtigkeit ihres Standpunkts zu überzeugen, und nachdem sie das Vertrauen der Mehrheit eingebüsst hatte, dennoch Zwang anzuwenden begann und die „Durchrüttelung“ der Leute forderte, die das Vertrauen der Mehrheit besassen.

Sehen wir, was Lenin damals auf dem 10. Parteitag in seiner Rede über die Gewerkschaften sagte:

Um die Wechselbeziehungen und das gegenseitige Vertrauen zwischen der Vortruppe der Arbeiterklasse und der Arbeitermasse herzustellen, hätte man, wenn das Zektran einen Fehler begangen hat […] diesen Fehler korrigieren sollen. Wenn man aber anfängt, diesen Fehler zu verteidigen, so wird das zur Quelle einer politischen Gefahr. Wenn wir nicht das Möglichste im Geiste der Demokratie täten, um den Stimmungen, die hier Kutusow zum Ausdruck bringt, Rechnung zu tragen, so würden wir einen politischen Zusammenbruch erleben. Vor allein müssen wir überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir müssen um jeden Preis zuerst überzeugen und dann erst Zwang anwenden. Wir haben es nicht verstanden, die breiten Massen zu überzeugen, und haben das richtige Verhältnis zwischen Vortruppe und Massen gestört.“

Dasselbe sagt Lenin in seiner Schrift „Über die Gewerkschaften“:

Wir haben dann richtig und erfolgreich Zwang angewandt, wenn wir es verstanden, vorher für ihn eine Basis durch Überzeugung zu schaffen.“

Und das ist völlig richtig. Denn ohne diese Bedingungen ist keinerlei Führung möglich. Denn nur auf diese Weise kann man die Einheit der Aktion in der Partei sichern, wenn es sich um die Partei handelt, und die Einheit der Aktion der Klasse, wenn es sich um die Klasse als Ganzes handelt. Ohne diese Bedingungen kommt es zu Spaltung, Zerfahrenheit, Zersetzung in den Reihen der Arbeiterklasse.

Das sind im Allgemeinen die Grundlagen der richtigen Führung der Arbeiterklasse durch die Partei.

Jede andere Auffassung von der Führung ist Syndikalismus, Anarchismus, Bürokratismus, alles, was man will — nur nicht Bolschewismus, nur nicht Leninismus.

Man darf die Diktatur des Proletariats nicht der Führung (der „Diktatur“) der Partei entgegenstellen, wenn richtige Wechselbeziehungen zwischen Partei und Arbeiterklasse, zwischen Vortruppe und Arbeitermassen vorhanden sind. Daraus folgt aber, dass man erst recht nicht die Partei mit der Arbeiterklasse, die Führung (die „Diktatur“) der Partei mit der Diktatur der Arbeiterklasse identifizieren darf. Auf Grund dessen, dass man die „Diktatur“ der Partei nicht der Diktatur des Proletariats entgegenstellen darf, kam Sorin zu der falschen Schlussfolgerung, dass „die Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Partei ist“.

Aber Lenin spricht nicht nur von der Unzulässigkeit einer solchen Gegenüberstellung. Er spricht gleichzeitig davon, dass es unzulässig ist, „die Diktatur der Massen der Diktatur der Führer“ entgegenzustellen. Soll man etwa aus diesem Grunde die Diktatur der Führer mit der Diktatur des Proletariats identifizieren? Wollten wir diesen Weg beschreiten, so müssten wir sagen, dass „die Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Führer ist“. Aber gerade zu dieser Dummheit führt doch eigentlich die Politik der Identifizierung der „Diktatur“ der Partei mit der Diktatur des Proletariats…

Wie steht die Sache in dieser Hinsicht bei Sinowjew?

Sinowjew steht im Grunde genommen auf demselben Standpunkt der Identifizierung der „Diktatur“ der Partei mit der Diktatur des Proletariats wie Sorin, mit dem Unterschied jedoch, dass Sorin sich unumwundener und klarer ausdrückt, während Sinowjew „sich windet“. Es genügt, wenn wir zum Beispiel folgende Stelle aus dem Buch Sinowjews „Leninismus“ nehmen, um uns davon zu überzeugen:

Was ist“, sagt Sinowjew, „die in der USSR bestehende Ordnung vom Standpunkt ihres Klasseninhalts? Das ist die Diktatur des Proletariats. Was ist die unmittelbare Triebfeder der Staatsmacht in der USSR? Wer verwirklicht die Macht der Arbeiterklasse? Die Kommunistische Partei! In diesem Sinne besteht bei uns die Diktatur der Partei. Welches ist die juristische Form der Staatsmacht in der USSR? Welches ist der neue Typus der Staatsordnung, der von der Oktoberrevolution geschaffen wurde? Das ist das Sowjetsystem. Das eine widerspricht in keiner Weise dem anderen.“

Dass das eine dem anderen nicht widerspricht, ist natürlich richtig, wenn man unter der Diktatur der Partei gegenüber der Arbeiterklasse als Ganzem die Führung durch die Partei versteht. Wie kann man aber aus diesem Grunde ein Gleichheitszeichen zwischen Diktatur des Proletariats und „Diktatur“ der Partei, zwischen Sowjetsystem und „Diktatur“ der Partei setzen? Lenin identifizierte das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats, und er hatte Recht, denn die Sowjets, unsere Sowjets, sind Organisationen, die die werktätigen Massen unter Führung der Partei um das Proletariat zusammenschliessen. Aber wann, wo, in welchem seiner Werke hat Lenin ein Gleichheitszeichen zwischen „Diktatur“ der Partei und Diktatur des Proletariats, zwischen „Diktatur“ der Partei und System der Sowjets gesetzt, wie das jetzt Sinowjew tut? Der Diktatur des Proletariats widerspricht weder die Führung („Diktatur“) durch die Partei noch die Führung („Diktatur“) durch die Führer. Soll man etwa aus diesem Grunde verkünden, dass unser Land das Land der Diktatur des Proletariats ist, das heisst das Land der Diktatur der Partei, das heisst das Land der Diktatur der Führer? Aber gerade zu dieser Dummheit führt doch das „Prinzip“ der Identifizierung der „Diktatur“ der Partei mit der Diktatur des Proletariats, für das Sinowjew verstohlen und zaghaft eintritt.

In den zahlreichen Werken Lenins habe ich nur fünf Fälle finden können, wo Lenin die Frage der Diktatur der Partei flüchtig berührt.

Der erste Fall betrifft eine Polemik gegen die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, wo er sagt:

Wenn man uns die Diktatur einer Partei zum Vorwurf macht und uns, wie Sie gehört haben, die sozialistische Einheitsfront vorschlägt, so sagen wir: ‚Jawohl, Diktatur einer Partei! Dabei bleiben wir, und diesen Boden können wir nicht verlassen, weil das die Partei ist, die sich im Laufe von Jahrzehnten die Stellung als Vortruppe des gesamten Industrieproletariats erobert hat.‘“

Der zweite Fall betrifft den „Brief an die Arbeiter und Bauern anlässlich des Sieges über Koltschak“. Dort sagt er:

Die Bauern schrecken sie (besonders die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, sie alle, sogar die, Linken unter ihnen) mit dem Schreckgespenst der ‚Diktatur einer Partei‘, der Partei der Bolschewiki, der Kommunisten.

Das Beispiel Koltschaks hat die Bauern gelehrt, ein Schreckgespenst nicht zu fürchten.

Entweder die Diktatur (das heisst die eiserne Macht) der Gutsbesitzer und Kapitalisten oder die Diktatur der Arbeiterklasse.“

Der dritte Fall betrifft die Rede Lenins auf dem 2. Kongress der Komintern, in der er gegen Tanner polemisiert. Diese Rede habe ich oben zitiert.

Der vierte Fall, das sind einige Zeilen in der Schrift „Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“. Die betreffenden Zitate wurden schon oben angeführt.

Und der fünfte Fall betrifft den Entwurf einer Disposition über die Diktatur des Proletariats, veröffentlicht im Lenin-Sammelband III, wo ein Untertitel „Diktatur einer Partei“ vorkommt.

Es muss festgestellt werden, dass Lenin in zwei von den fünf Fällen, nämlich im letzten und im zweiten Fall, die Worte „Diktatur einer Partei“ in Anführungszeichen setzt und damit offenkundig den ungenauen; übertragenen Sinn dieser Formel unterstreicht.

Es muss ferner festgestellt werden, dass Lenin in allen diesen Fällen unter „Diktatur der Partei“ die Diktatur („eiserne Gewalt“) gegenüber den „Gutsbesitzern und Kapitalisten“, nicht aber gegenüber der Arbeiterklasse verstand, entgegen allen verleumderischen Erfindungen Kautskys und Konsorten.

Es ist charakteristisch, dass in keinem einzigen seiner Werke, weder in den grundlegenden noch in den übrigen, wo Lenin die Diktatur des Proletariats und die Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats behandelt oder einfach erwähnt, auch nur eine Andeutung darauf zu finden ist, dass „die Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Partei ist“. Im Gegenteil: jede Seite, jede Zeile dieser Werke schlägt dieser Formel ins Gesicht (siehe „Staat und Revolution“, „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“, „Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ usw.).

Noch charakteristischer ist es, dass wir in den Thesen des 2. Kongresses der Komintern über die Rolle der politischen Partei, die unter der unmittelbaren Leitung Lenins ausgearbeitet wurden und auf die sich Lenin in seinen Reden wiederholt als auf ein Muster für die richtige Formulierung der Rolle und der Aufgaben der Partei berief, kein einziges, buchstäblich kein einziges Wort über die Diktatur der Partei finden.

Was besagt das alles?

Es besagt:

a) dass Lenin die Formel „Diktatur der Partei“ nicht für einwandfrei und genau hielt, weshalb sie in den Werken Lenins äusserst selten gebraucht und manchmal in Anführungszeichen gesetzt wird;

b) dass Lenin in jenen wenigen Fällen, wo er in der Polemik mit Gegnern gezwungen war, von der Diktatur der Partei zu sprechen, gewöhnlich von der „Diktatur einer Partei“, das heisst davon sprach, dass unsere Partei allein an der Macht steht, dass sie die Macht nicht mit anderen Parteien teilt, wobei er stets erläuterte, dass unter der Diktatur der Partei gegenüber der Arbeiterklasse die Führung durch die Partei, ihre führende Rolle zu verstehen ist;

c) dass Lenin in allen Fällen, wo er es für nötig hielt, die Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats wissenschaftlich zu definieren, ausschliesslich von der führenden Rolle der Partei in Bezug auf die Arbeiterklasse sprach (und solcher Fälle gibt es Tausende);

d) dass gerade deshalb Lenin sich nicht „einfallen“ liess, in die grundlegende Resolution über die Rolle der Partei — ich meine die Resolution des 2. Kongresses der Komintern — die Formel „Diktatur der Partei“ aufzunehmen;

e) dass vom Standpunkt des Leninismus diejenigen Genossen nicht im Recht und politisch kurzsichtig sind, die die „Diktatur“ der Partei und folglich auch die „Diktatur der Führer“ mit der Diktatur des Proletariats identifizieren oder zu identifizieren versuchen, denn sie verletzen dadurch die Bedingungen für die richtigen Wechselbeziehungen zwischen Vortruppe und Klasse.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass die Formel „Diktatur der Partei“, wenn sie ohne die oben erwähnten Vorbehalte genommen wird, eine ganze Reihe von Gefahren und politischen Nachteilen in unserer praktischen Arbeit hervorrufen kann. Durch diese Formel, ohne Vorbehalte genommen, wird gleichsam gesagt:

a) zu den parteilosen Massen: Wagt nicht zu widersprechen, wagt nicht zu räsonieren, denn die Partei ist allmächtig, denn wir haben die Diktatur der Partei;

b) zu den Parteikadern: Nur forscher ran, packt fester zu, man braucht gar nicht auf die Stimme der parteilosen Massen zu hören — wir haben die Diktatur der Partei;

c) zu den Parteispitzen: Man kann sich den Luxus einer gewissen Selbstzufriedenheit erlauben, ja man kann sogar überheblich sein, denn wir haben die Diktatur der Partei und „folglich“ auch die Diktatur der Führer.

Auf diese Gefahren hinzuweisen ist gerade jetzt angebracht, in der Periode des Aufschwungs der politischen Aktivität der Massen, da die Bereitschaft der Partei, aufmerksam auf die Stimme der Massen zu lauschen, für uns von besonderem Wert ist, da die Feinfühligkeit gegenüber den Bedürfnissen der Massen das grundlegende Gebot unserer Partei ist, da von der Partei besondere Umsicht und besondere Elastizität in der Politik verlangt werden, da die Gefahr der Selbstüberhebung eine der ernstesten Gefahren ist, vor denen die Partei in der Frage der richtigen Führung der Massen steht.

Man muss an die goldenen Worte Lenins denken, die er auf dem 11. Parteitag unserer Partei gesagt hat:

In der Volksmasse sind wir [Kommunisten. J. St.] doch nur ein Tropfen im Meer, und wir können nur dann regieren, wenn wir richtig zum Ausdruck bringen, was das Volk erkennt. Andernfalls wird die Kommunistische Partei nicht das Proletariat führen und das Proletariat nicht die Massen führen, und die ganze Maschinerie wird zerfallen.“

Richtig zum Ausdruck bringen, was das Volk erkennt“ — das ist gerade jene unerlässliche Bedingung, die der Partei die ehrenvolle Rolle sichert, die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats zu sein.

6. DIE FRAGE DES SIEGES DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE

In der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ (Mai 1924, erste Ausgabe) kommen zwei Formulierungen zur Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande vor. Die erste Formulierung lautet:

Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem Lande für unmöglich, da man annahm, dass zum Siege über die Bourgeoisie eine gemeinsame Aktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder oder jedenfalls der Mehrzahl dieser Länder erforderlich sei. Jetzt entspricht diese Ansicht nicht mehr der Wirklichkeit. Jetzt muss man von der Möglichkeit eines solchen Sieges ausgehen, denn der ungleichmässige und sprunghafte Charakter der Entwicklung der verschiedenen kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen des Imperialismus, die Entwicklung der katastrophalen Widersprüche innerhalb des Imperialismus, die unausweichlich zu Kriegen führen, das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt — all das macht den Sieg des Proletariats in einzelnen Ländern nicht nur möglich, sondern auch notwendig.“ (Siehe „Über die Grundlagen des Leninismus“.)

Dieser Leitsatz ist völlig richtig und bedarf keines Kommentars. Er ist gegen die Theorie der Sozialdemokraten gerichtet, die die Machtergreifung durch das Proletariat in einem Lande, ohne die gleichzeitige siegreiche Revolution in anderen Ländern, für eine Utopie halten.

Aber die Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ enthält noch eine zweite Formulierung. Es heisst dort:

Aber die Macht der Bourgeoisie stürzen und die Macht des Proletariats in einem Lande aufrichten, heisst noch nicht, den vollen Sieg des Sozialismus sichern. Die Hauptaufgabe des Sozialismus — die Organisierung der sozialistischen Produktion — steht noch bevor. Kann man diese Aufgabe lösen, kann man den endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande erreichen ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer fortgeschrittener Länder? Nein, das kann man nicht. Zum Sturz der Bourgeoisie genügen die Anstrengungen eines Landes — davon zeugt die Geschichte unserer Revolution. Zum endgültigen Siege des Sozialismus, zur Organisierung der sozialistischen Produktion, genügen nicht die Anstrengungen eines Landes, zumal eines Bauernlandes wie Russland — dazu sind die Anstrengungen der Proletarier mehrerer fortgeschrittener Länder notwendig.“ (Siehe „Ober die Grundlagen des Leninismus“, erste Ausgabe.)

Diese zweite Formulierung war gegen die Behauptung der Kritiker des Leninismus, gegen die Trotzkisten, gerichtet, die erklärten, die Diktatur des Proletariats in einem Lande könne sich nicht „einem konservativen Europa gegenüber behaupten“, wenn der Sieg in anderen Ländern ausbleibt.

Insofern – aber nur insofern — war diese Formulierung damals (Mai 1924) ausreichend, und sie hat zweifellos einen gewissen Dienst geleistet.

In der Folge aber, als die Kritik am Leninismus auf diesem Gebiet in der Partei schon überwunden war und als eine neue Frage auf die Tagesordnung kam, die Frage nach der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften unseres Landes, ohne Hilfe von aussen, da erwies sich diese zweite Formulierung bereits als offenkundig ungenügend und deshalb unrichtig.

Worin besteht der Mangel dieser Formulierung?

Ihr Mangel besteht darin, dass sie zwei verschiedene Fragen zu einer Frage zusammenzieht: die Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus mit den Kräften eines Landes, worauf eine bejahende Antwort gegeben werden muss, und die Frage, ob sich ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats errichtet ist, als völlig gesichert gegen eine Intervention und folglich gegen die Restauration der alten Ordnung betrachten kann ohne die siegreiche Revolution in einer Reihe anderer Länder, worauf eine verneinende Antwort gegeben werden muss. Ich spreche schon gar nicht davon, dass diese Formulierung zu dem Gedanken Anlass geben kann, dass die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften eines Landes unmöglich sei, was natürlich falsch ist.

Aus diesem Grunde habe ich diese Formulierung in meiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“ (Dezember 1924) abgeändert und richtig gestellt, indem ich diese Frage in zwei Fragen zerlegte: in die Frage der vollständigen Garantie gegen die Restauration der bourgeoisen Ordnung und in die Frage der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem Lande. Das wurde erreicht, erstens dadurch, dass der „vollständige Sieg des Sozialismus“ im Sinne der „vollständigen Garantie gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung“ behandelt wurde, die nur durch die „gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder“ erreicht werden kann, und zweitens dadurch, dass auf Grund der Leninschen Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ die unbestreitbare Wahrheit ausgesprochen wurde, dass wir alles haben, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten („Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“). (In den nachfolgenden Auflagen der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ wurde diese neue Formulierung der Frage an die Stelle der alten gesetzt.)

Diese neue Formulierung wurde denn auch der bekannten Resolution der 14. Parteikonferenz „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B)“ zugrunde gelegt, die die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande in Verbindung mit der Stabilisierung des Kapitalismus behandelt (April 1925) und die Errichtung des Sozialismus mit den Kräften unseres Landes für möglich und notwendig hält.

Sie diente auch als Grundlage für meine Schrift „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der 14. Konferenz der KPR(B)“, die unmittelbar nach der 14. Parteikonferenz, im Mai 1925, erschien.

Über die Behandlung der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande wird in dieser Schrift gesagt:

Unser Land weist zwei Gruppen von Gegensätzen auf. Die eine Gruppe von Gegensätzen — das sind die inneren Gegensätze, die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen [gemeint ist hier die Errichtung des Sozialismus in einem Lande. J. St.]. Die andere Gruppe von Gegensätzen — das sind die äusseren Gegensätze, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind [gemeint ist hier der endgültige Sieg des Sozialismus. J. St.] […]

Wer die erste Gruppe von Gegensätzen, die durchaus mit den Kräften eines Landes überwunden werden können, mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen verwechselt, die zu ihrer Überwindung die Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder erfordern, der verstösst aufs gröblichste gegen den Leninismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist.“

Über die Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande wird in der Schrift gesagt:

Wir können den Sozialismus errichten, und wir werden ihn zusammen mit der Bauernschaft, unter der Führung der Arbeiterklasse aufbauen“, denn „unter der Diktatur des Proletariats sind bei uns […] alle Vorbedingungen gegeben, die notwendig sind, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten, wobei alle und jegliche inneren Schwierigkeiten überwunden werden, denn wir können und müssen sie aus eigener Kraft überwinden.“

Über die Frage des endgültigen Sieges des Sozialismus heisst es dort:

Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen Interventions- und folglich auch gegen Restaurationsversuche, denn ein einigermassen ernsthafter Restaurationsversuch kann nur mit ernster Unterstützung von aussen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals erfolgen. Deshalb ist die Unterstützung unserer Revolution durch die Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg dieser Arbeiter zum mindesten in einigen Ländern die unerlässliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen Interventions- und Restaurationsversuche, die unerlässliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus.“

Das ist wohl klar.

Bekanntlich wird diese Frage in meiner Schrift „Fragen und Antworten“ (Juni 1925) und in dem politischen Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees auf dem 14. Parteitag der KPSU(B) (Dezember 1925) in dem gleichen Sinne behandelt.

Das sind die Tatsachen.

Diese Tatsachen sind, wie ich glaube, allen Genossen bekannt, darunter auch Sinowjew.

Hält es Sinowjew jetzt, fast zwei Jahre nach dem ideologischen Kampf in der Partei und nach der auf der 14. Parteikonferenz angenommenen Resolution (April 1925), für möglich, in seinem Schlusswort auf dem 14. Parteitag (Dezember 1925) die alte, vollständig ungenügende Formel aus Stalins Schrift, die im April 1924 verfasst wurde, als Grundlage für die Lösung der schon gelösten Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande hervorzuholen, so zeigt diese sonderbare Manier Sinowjews nur, dass er sich in dieser Frage vollends verheddert hat. Die Partei rückwärts zerren, nachdem sie vorwärts geschritten ist, die Resolution der 14. Parteikonferenz umgehen, nachdem sie vom Plenum des Zentralkomitees4 bestätigt worden ist, das heisst, sich hoffnungslos in Widersprüche verstricken, an die Sache des Aufbaus des Sozialismus nicht glauben, den Weg Lenins verlassen und die eigene Niederlage dokumentieren.

Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande?

Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorhergehenden Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.

Ohne diese Möglichkeit ist das Bauen des Sozialismus ein Bauen ohne Perspektive, ein Bauen ohne die Überzeugung, dass man den Sozialismus aufbauen wird. Man kann den Sozialismus nicht bauen, wenn man nicht überzeugt ist, dass es möglich ist, ihn aufzubauen, wenn man nicht überzeugt ist, dass die technische Rückständigkeit unseres Landes kein unüberwindliches Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft ist. Die Verneinung dieser Möglichkeit bedeutet Unglauben an die Sache des Aufbaus des Sozialismus, Abkehr vom Leninismus.

Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen, endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern?

Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollständigen Garantie gegen die Intervention und folglich auch gegen die Restauration der bourgeoisen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat. Die Verneinung dieses unbestreitbaren Leitsatzes bedeutet Abkehr vom Internationalismus, Abkehr vom Leninismus.

Wir leben“, sagt Lenin, „nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstösse zwischen der Sowjetrepublik und den bourgeoisen Staaten unvermeidlich. Das heisst, dass die herrschende Klasse, das Proletariat, wenn es herrschen will und herrschen wird, dies auch durch seine militärische Organisation beweisen muss.“

Wir haben“, sagt Lenin an anderer Stelle, „ein gewisses, im höchsten Grade labiles, aber immerhin unzweifelhaftes, unbestreitbares Gleichgewicht vor uns. Ob es von langer Dauer sein wird, weiss ich nicht, und ich glaube, dass man das nicht wissen kann. Und deshalb ist unserseits die grösste Vorsicht am Platze. Und das erste Gebot unserer Politik, die erste Lehre, die sich aus unserer Regierungstätigkeit während dieses Jahres ergibt, eine Lehre, die sich alle Arbeiter und Bauern zu eigen machen müssen, ist die: auf der Hut sein, daran denken, dass wir von Leuten, Klassen, Regierungen umgeben sind, die offen den grössten Hass gegen uns bekunden. Man muss daran denken, dass wir stets nur um ein Haar von einem Überfall entfernt sind.“

Das ist wohl klar.

Wie steht es bei Sinowjew bezüglich der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande?

Man höre:

Unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus ist mindestens zu verstehen: 1. die Aufhebung der Klassen und folglich 2. die Abschaffung der Diktatur einer Klasse, im gegebenen Fall der Diktatur des Proletariats […]“ „Um noch genauer klarzustellen“, sagt Sinowjew weiter, „wie die Frage bei uns in der USSR im Jahre 1925 steht, muss man zweierlei unterscheiden: 1. die gesicherte Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen — diese Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen, ist natürlich auch im Rahmen eines Landes durchaus vorstellbar, und 2. die endgültige Errichtung und Festigung des Sozialismus, das heisst die Verwirklichung der sozialistischen Ordnung, der sozialistischen Gesellschaft.“

Was kann das alles bedeuten?

Nichts anderes, als dass Sinowjew unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht die Garantie gegen Intervention und Restauration versteht, sondern die Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Unter dem Sieg des Sozialismus in einem Lande aber versteht Sinowjew ein solches Bauen des Sozialismus, das nicht zur Errichtung des Sozialismus führen kann und führen soll. Ein Bauen aufs Geratewohl, ohne Perspektive, ein Bauen des Sozialismus, bei dem man nicht die Möglichkeit hat, die sozialistische Gesellschaft zu errichten — das ist die Position Sinowjews.

Den Sozialismus bauen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn wirklich aufzubauen, mit dem Bewusstsein bauen, dass man ihn doch nicht aufbauen wird — bis zu solchen Ungereimtheiten hat sich Sinowjew verstiegen.

Aber das ist doch ein Hohn auf die Frage und keine Lösung der Frage!

Noch eine Stelle aus dem Schlusswort Sinowjews auf dem 14. Parteitag:

Man sehe nur, wie weit sich zum Beispiel Kamerad Jakowlew auf der letzten Kursker Gouvernementsparteikonferenz verstiegen hat: ,Können wir‘, fragt er, ,in einem Lande, wo uns von allen Seiten kapitalistische Feinde umgeben, können wir unter solchen Verhältnissen in einem Lande den Sozialismus errichten?‘ Und er antwortet: ‚Auf Grund des Gesagten haben wir das Recht zu behaupten, dass wir nicht nur den Sozialismus bauen, sondern dass wir, obwohl wir einstweilen allein sind, obwohl wir einstweilen das einzige Sowjetland in der Welt, der einzige Sowjetstaat sind, den Sozialismus errichten werden.‘ (Kurskaja Prawda Nr. 279 vom 8. Dezember 1925.) Ist das etwa eine leninistische Fragestellung“, fragt Sinowjew, „riecht das etwa nicht nach nationaler Beschränktheit?“

Somit heisst es nach Sinowjew, auf dem Standpunkt der nationalen Beschränktheit stehen, wenn man die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande anerkennt, und auf dem Standpunkt des Internationalismus stehen, wenn man diese Möglichkeit verneint.

Wenn das aber stimmt, lohnt es sich dann überhaupt, den Kampf für den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zu führen? Folgt nicht daraus, dass ein solcher Sieg unmöglich ist?

Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft — dahin führt die innere Logik der Argumentation Sinowjews. Und diese Ungereimtheit, die mit dem Leninismus nichts gemein hat, wird uns von Sinowjew als „Internationalismus“, als „hundertprozentiger Leninismus“ aufgetischt!

Ich behaupte, dass Sinowjew in der so wichtigen Frage des Aufbaus des Sozialismus sich vom Leninismus abkehrt und auf den Standpunkt des Menschewiks Suchanow hin abgleitet.

Wenden wir uns Lenin zu. Lenin sagte über den Sieg des Sozialismus in einem Lande noch vor der Oktoberrevolution, im August 1915:

Die Ungleichmässigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Landes der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten’ vorgehen.“

Was bedeuten die von uns hervorgehobenen Worte Lenins: „nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande“? Das bedeutet, dass das Proletariat des siegreichen Landes die sozialistische Produktion im eigenen Lande nach der Machtergreifung organisieren kann und muss. Und was bedeutet „die Organisierung der sozialistischen Produktion“? Das bedeutet, die sozialistische Gesellschaft errichten. Es erübrigt sich nachzuweisen, dass dieser klare und bestimmte Leitsatz Lenins keines weiteren Kommentars bedarf. Andernfalls wäre es nicht verständlich, warum Lenin im Oktober 1917 zur Machtergreifung durch das Proletariat aufrief.

Man sieht, dass zwischen diesem klaren Leitsatz Lenins und dem verworrenen und antileninistischen „Leitsatz“ Sinowjews, wonach wir den Sozialismus „im Rahmen eines Landes“ bauen können, dass es aber unmöglich ist, ihn aufzubauen, ein himmelweiter Unterschied besteht.

Das sagte Lenin im Jahre 1915, vor der Machtergreifung durch das Proletariat. Aber vielleicht haben sich seine Ansichten nach den Erfahrungen der Machtergreifung, nach 1917, geändert? Wenden wir uns der Schrift Lenins „Über das Genossenschaftswesen“ zu, die im Jahre 1923 verfasst wurde.

In der Tat“, sagt Lenin, „die Verfügungsgewalt des Staates über alle grossen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. — ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.“

Mit anderen Worten: Wir können und müssen die vollendete sozialistische Gesellschaft errichten, denn wir haben alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.

Ich glaube, klarer könnte man sich kaum ausdrücken.

Man vergleiche diesen klassischen Leitsatz Lenins mit der antileninistischen Erwiderung Sinowjews an Jakowlew, und man wird begreifen, dass Jakowlew nur die Worte Lenins über die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande wiederholt hat, während Sinowjew, der sich gegen diesen Leitsatz wendet und Jakowlew geisselt, von Lenin abgerückt ist und sich auf den Standpunkt des Menschewiks Suchanow gestellt hat, auf den Standpunkt, dass die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande infolge seiner technischen Rückständigkeit unmöglich sei.

Unbekannt bleibt nur, wozu wir eigentlich im Oktober 1917 die Macht ergriffen haben, wenn wir nicht darauf rechneten, den Sozialismus zu errichten?

Man hätte im Oktober 1917 nicht die Macht ergreifen sollen – das ist die Schlussfolgerung, zu der die innere Logik der Argumentation Sinowjews führt.

Ich behaupte ferner, dass Sinowjew in der so wichtigen Frage des Sieges des Sozialismus gegen bestimmte Beschlüsse unserer Partei zu Felde zieht, die in der bekannten Resolution der 14. Parteikonferenz „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“ festgelegt worden sind.

Wenden wir uns dieser Resolution zu. Dort wird über den Sieg des Sozialismus in einem Lande gesagt:

Das Bestehen zweier diametral entgegen gesetzter gesellschaftlicher Systeme ruft die ständige Gefahr der kapitalistischen Blockade, anderer Formen des ökonomischen Druckes, der bewaffneten Intervention und der Restauration hervor. Die einzige Garantie für den endgültigen Sieg des Sozialismus, das heisst die Garantie gegen die Restauration, ist folglich die siegreiche sozialistische Revolution in einer Reihe von Ländern […]“ „Der Leninismus lehrt, dass der endgültige Sieg des Sozialismus im Sinne der vollständigen Garantie gegen eine Restauration der bourgeoisen Verhältnisse nur im internationalen Massstab möglich ist […]“ „Daraus folgt keineswegs, dass die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem so rückständigen Lande wie Russland ohne ‚staatliche Hilfe‘ (Trotzki) der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder unmöglich sei.“

Man sieht, die Resolution behandelt den endgültigen Sieg des Sozialismus im Sinne der Garantie gegen die Intervention und die Restauration — in vollem Gegensalz zu der Auffassung, wie sie Sinowjew in seinem Buch „Leninismus“ vertritt.

Man sieht, die Resolution erkennt an, dass die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem rückständigen Lande wie Russland ohne „staatliche Hilfe“ der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder möglich ist — in vollem Gegensalz zu der gegenteiligen Behauptung, die Sinowjew in seiner Erwiderung an Jakowlew im Schlusswort auf dem 14. Parteitag aufstellt.

Wie soll man das anders nennen als einen Kampf Sinowjews gegen die Resolution der 14. Parteikonferenz?

Freilich sind Parteiresolutionen manchmal nicht ohne Mängel. Es kommt vor, dass Parteiresolutionen Fehler enthalten. Allgemein gesprochen wäre die Annahme zulässig, dass auch die Resolution der 14. Parteikonferenz einige Fehler enthalte. Es ist möglich, dass Sinowjew diese Resolution für fehlerhaft hält. Dann aber muss man das klar und offen aussprechen, wie es einem Bolschewik ziemt. Das tut jedoch Sinowjew aus irgendeinem Grunde nicht. Er zog es vor, einen anderen Weg zu wählen und die Resolution der 14. Parteikonferenz aus dem Hinterhalt anzugreifen, ohne diese Resolution zu erwähnen und ohne irgendeine offene Kritik an der Resolution zu üben. Sinowjew glaubt offenbar, dass man auf diesem Wege am besten zum Ziele kommt. Sein Ziel aber ist das eine: die Resolution zu „verbessern“ und Lenin „ein klein wenig“ zu korrigieren. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass Sinowjew sich in seinen Berechnungen getäuscht hat.

Woher kommt der Fehler Sinowjews? Wo steckt die Wurzel dieses Fehlers?

Die Wurzel dieses Fehlers liegt meines Erachtens in der Überzeugung Sinowjews, dass die technische Rückständigkeit unseres Landes ein unüberwindliebes Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft sei, dass das Proletariat infolge der technischen Rückständigkeit unseres Landes den Sozialismus nicht errichten könne. Sinowjew und Kamenew versuchten einmal, mit diesem Argument in einer der Sitzungen des Zentralkomitees der Partei vor der Aprilkonferenz der Partei5 aufzutreten. Aber sie holten sich eine Abfuhr und waren gezwungen, den Rückzug anzutreten, indem sie sich formell dem entgegengesetzten Standpunkt, dem Standpunkt der Mehrheit des Zentralkomitees, unterordneten. Obwohl sich Sinowjew formell diesem Standpunkt untergeordnet hatte, setzte er jedoch den Kampf gegen denselben die ganze Zeit fort. Über diesen „Zwischenfall“ im Zentralkomitee der KPR(B) sagt das Moskauer Komitee unserer Partei in seiner „Antwort“ auf den Brief der Leningrader Gouvernementsparteikonferenz6:

Noch vor kurzem haben Kamenew und Sinowjew im Politbüro den Standpunkt vertreten, dass wir infolge unserer technischen und ökonomischen Rückständigkeit nicht imstande wären, mit den inneren Schwierigkeiten fertig zu werden, es sei denn, dass uns die internationale Revolution rette. Wir aber sind, zusammen mit der Mehrheit des Zentralkomitees, der Meinung, dass wir den Sozialismus bauen können, dass wir ihn bauen und den Aufbau zu Ende führen werden, ungeachtet unserer technischen Rückständigkeit, und ihr zum Trotz. Wir sind der Meinung, dass dieser Aufbau natürlich viel langsamer vor sich gehen wird, als es bei einem Sieg im Weltmassstab der Fall wäre, aber dennoch schreiten wir vorwärts und werden vorwärts schreiten. Ebenso sind wir der Ansicht, dass der Standpunkt Kamenews und Sinowjews den Unglauben an die inneren Kräfte unserer Arbeiterklasse und der ihr folgenden Bauernmassen zum Ausdruck bringt. Wir sind der Ansicht, dass dieser Standpunkt eine Abkehr von der Leninschen Position bedeutet.“

Dieses Dokument erschien in der Presse während der ersten Sitzungen des 14. Parteitags. Sinowjew hatte natürlich die Möglichkeit, noch auf dem Parteitag gegen dieses Dokument Stellung zu nehmen. Es ist bezeichnend, dass Sinowjew und Kamenew keine Argumente gegen diese schwere Beschuldigung fanden, die vom Moskauer Komitee unserer Partei gegen sie erhoben wurde. Ist das ein Zufall? Ich glaube, dass es kein Zufall ist. Die Beschuldigung hat offenbar ins Schwarze getroffen. Sinowjew und Kamenew haben auf diese Beschuldigung darum mit Schweigen „geantwortet“, weil sie nichts hatten, was sie dagegen „ins Treffen führen“ konnten.

Die „neue Opposition“ ist gekränkt, dass man Sinowjew des Unglaubens an dem Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande beschuldigt. Aber wenn Sinowjew, nachdem die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande ein volles Jahr diskutiert wurde, nachdem der Standpunkt Sinowjews vom Politbüro des Zentralkomitees (April 1925) abgelehnt wurde, nachdem sich schon eine bestimmte Meinung der Partei über diese Frage herausgebildet hatte, die in der bekannten Resolution der 14. Parteikonferenz (April 1925) niedergelegt worden ist, wenn Sinowjew sich nach alledem entschliesst, in seinem Buch „Leninismus“ (September 1925) gegen den Standpunkt der Partei aufzutreten, wenn er dann dieses Auftreten auf denn 14. Parteitag wiederholt — wie soll man das alles, diese Verstocktheit, diese Hartnäckigkeit bei der Verteidigung seines Fehlers, anders erklären als damit, dass Sinowjew angesteckt, hoffnungslos angesteckt ist mit dem Unglauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?

Sinowjew beliebt, diesen seinen Unglauben als Internationalismus auszugeben. Aber seit wann wird bei uns die Abkehr vom Leninismus in der Kardinalfrage des Leninismus Internationalismus genannt?

Wäre es nicht richtiger zu sagen, dass nicht die Partei, sondern Sinowjew sich hier gegen den Internationalismus und die internationale Revolution versündigt? Denn was ist unser Land, das Land „des Sozialismus im Aufbau“, anderes als die Basis der Weltrevolution? Kann es aber die wirkliche Basis der Weltrevolution sein, wenn es nicht fähig ist, die sozialistische Gesellschaft zu errichten? Kann es das gewaltige Anziehungszentrum für die Arbeiter aller Länder, das es jetzt zweifellos ist, bleiben, wenn es unfähig ist, im eigenen Lande den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft, den Sieg des sozialistischen Aufbaus zu erringen? Ich glaube, das kann es nicht. Folgt aber daraus nicht, dass der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus, die Propagierung dieses Unglaubens zur Diskreditierung unseres Landes als der Basis der Weltrevolution führt, die Diskreditierung unseres Landes führt aber zur Schwächung der revolutionären Weltbewegung. Wodurch suchten die Herren Sozialdemokraten die Arbeiter von uns abzuschrecken? Durch die Propaganda, dass „bei den Russen nichts herauskommen wird“.

Was ist es, womit wir jetzt die Sozialdemokraten schlagen, was ganze Scharen von Arbeiterdelegationen in unser Land ziehen lässt, wodurch wir die Positionen des Kommunismus in der ganzen Welt stärken? Das sind unsere Erfolge beim Aufbau des Sozialismus. Ist es aber nunmehr nicht klar, dass derjenige, der den Unglauben an unsere Erfolge beim Aufbau des Sozialismus propagiert, indirekt den Sozialdemokraten hilft, die Schwungkraft der internationalen revolutionären Bewegung schwächt und sich unvermeidlich vom Internationalismus abwendet?…

Man sieht, dass es mit dem „Internationalismus“ Sinowjews durchaus nicht besser bestellt ist als mit seinem „hundertprozentigen Leninismus“ in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande.

Deshalb hat der 14. Parteitag richtig gehandelt, als er die Ansichten der „neuen Opposition“ als „Unglauben an den Aufbau des Sozialismus“ und als „Entstellung des Leninismus“ kennzeichnete.

7. DER KAMPF FÜR DEN SIEG DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS

Ich denke, dass der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus der Hauptfehler der „neuen Opposition“ ist. Dieser Fehler ist meines Erachtens deshalb der Hauptfehler, weil sich aus ihm alle übrigen Fehler der „neuen Opposition“ ergeben. Die Fehler der „neuen Opposition“ in der Frage der NÖP, des Staatskapitalismus, der Natur unserer sozialistischen Industrie, der Rolle der Genossenschaften unter der Diktatur des Proletariats, der Niethoden des Kampfes gegen das Kulakentum, der Rolle und Bedeutung der Mittelbauernschaft — alle diese Fehler folgen aus dem Hauptfehler der Opposition, dem Unglauben an die Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften unseres Landes.

Was ist Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?

Das ist vor allem die fehlende Überzeugung, dass die Hauptmassen der Bauernschaft, infolge bestimmter Entwicklungsbedingungen unseres Landes, in das Werk des sozialistischen Aufbaus einbezogen werden können.

Das ist zweitens die fehlende Überzeugung, dass das Proletariat unseres Landes, das die Kommandohöhen der Volkswirtschaft innehat, fähig ist, die Hauptmassen der Bauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen.

Von diesen Voraussetzungen geht die Opposition in ihren Konstruktionen über die Wege unserer Entwicklung stillschweigend aus — einerlei, ob sie das bewusst oder unbewusst tut.

Kann man die Hauptmasse der Sowjetbauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einbeziehen?

In der Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“ sind diesbezüglich zwei grundlegende Leitsätze enthalten:

1. „Man darf die Bauernschaft der Sowjetunion nicht mit der Bauernschaft des Westens verwechseln. Eine Bauernschaft, die durch die Schule dreier Revolutionen gegangen ist, die zusammen mit dem Proletariat und mit dem Proletariat an der Spitze gegen den Zaren und die bourgeoise Macht gekämpft hat, eine Bauernschaft, die Boden und Frieden aus der Hand der proletarischen Revolution erhalten hat und infolgedessen zur Reserve des Proletariats geworden ist — eine solche Bauernschaft muss sich zwangsläufig von einer Bauernschaft unterscheiden, die während der bourgeoisen Revolution unter der Führung der liberalen Bourgeoisie gekämpft hat, die den Grund und Boden aus der Hand dieser Bourgeoisie erhalten hat und infolgedessen zur Reserve der Bourgeoisie geworden ist. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Sowjetbauernschaft, die die politische Freundschaft und die politische Zusammenarbeit mit dem Proletariat schätzen gelernt hat und die dieser Freundschaft und dieser Zusammenarbeit ihre Freiheit verdankt, für die ökonomische Zusammenarbeit mit dem Proletariat ganz besonders geeignet sein muss.“

2. „Man darf die Landwirtschaft Russlands nicht mit der Landwirtschaft des Westens verwechseln. Dort vollzieht sich die Entwicklung der Landwirtschaft in den gewöhnlichen Bahnen des Kapitalismus, unter den Verhältnissen einer tiefgehenden Differenzierung der Bauernschaft, mit grossen Gütern und privatkapitalistischen Latifundien auf dem einen Pol und mit Pauperismus, Elend und Lohnsklaverei auf dem andern. Dort sind infolgedessen Zerfall und Zersetzung ganz natürlich. Anders in Russland. Bei uns kann die Entwicklung der Landwirtschaft schon deswegen nicht diesen Weg gehen, weil das Bestehen der Sowjetmacht und die Nationalisierung der wichtigsten Produktionsinstrumente und -mittel eine solche Entwicklung nicht zulassen. In Russland muss die Entwicklung der Landwirtschaft einen anderen Weg gehen, den Weg des genossenschaftlichen Zusammenschlusses von Millionen Klein- und Mittelbauern, den Weg der Entwicklung von Massengenossenschaften auf dein Lande, die vom Staat durch Gewährung von Vorzugskrediten unterstützt werden. Lenin hat in seinen Artikeln über das Genossenschaftswesen treffend darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Landwirtschaft bei uns einen neuen Weg gehen muss, den Weg der Einbeziehung der Mehrheit der Bauern in den sozialistischen Aufbau durch die Genossenschaften, den Weg der allmählichen Durchdringung der Landwirtschaft mit den Prinzipien des Kollektivismus, zuerst auf dem Gebiet des Absatzes und dann auch auf dem Gebiet der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse […]

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die gewaltige Mehrheit der Bauernschaft gern diesen neuen Entwicklungsweg beschreiten und den Weg der privatkapitalistischen Grossgrundbesitzen und der Lohnsklaverei, den Weg des Elends und des Ruins verschmähen wird.“

Sind diese Leitsätze richtig?

Ich glaube, diese beiden Leitsätze sind richtig und unbestreitbar für unsere gesamte Aufbauperiode unter den Bedingungen der NÖP.

Sie sind nur der Ausdruck der bekannten Thesen Lenins über den Zusammenschluss des Proletariats und der Bauernschaft, über die Einbeziehung der Bauernwirtschaften in das System der sozialistischen Entwicklung des Landes, darüber, dass das Proletariat zusammen mit den Hauptmassen der Bauernschaft zum Sozialismus fortschreiten muss, dass der genossenschaftliche Zusammenschluss der Millionenmassen der Bauernschaft die breite Heerstrasse des sozialistischen Aufbaus im Dorfe ist, dass beim Wachstum unserer sozialistischen Industrie „das einfache Wachstum der Genossenschaften für uns […] mit dem Wachstum des Sozialismus identisch ist“.

In der Tat, welchen Weg kann und soll die Entwicklung der Bauernwirtschaft in unserem Lande gehen?

Die Bauernwirtschaft ist keine kapitalistische Wirtschaft. Die Bauernwirtschaft ist, wenn wir die erdrückende Mehrzahl der Bauernwirtschaften in Betracht ziehen, eine kleine Warenwirtschaft. Was aber ist eine bäuerliche kleine Warenwirtschaft? Das ist eine Wirtschaft, die am Scheidewege zwischen Kapitalismus und Sozialismus steht. Sie kann sich sowohl in der Richtung zum Kapitalismus entwickeln, wie das jetzt in den kapitalistischen Ländern geschieht, als auch in der Richtung zum Sozialismus, wie das bei uns, in unserem Lande, unter der Diktatur des Proletariats der Fall sein muss.

Woher kommt diese Unbeständigkeit, diese Unselbständigkeit der Bauernwirtschaft? Wodurch ist sie zu erklären?

Sie ist zu erklären durch die Zersplitterung der Bauernwirtschaften, durch ihre Unorganisiertheit, ihre Abhängigkeit von der Stadt, von der Industrie, vom Kreditsystem, vom Charakter der Staatsmacht im Lande, schliesslich durch den allgemein bekannten Umstand, dass das Dorf sowohl in materieller als auch in kultureller Hinsicht der Stadt folgt und folgen muss.

Der kapitalistische Entwicklungsweg der Bauernwirtschaft bedeutet eine Entwicklung mit tiefgehender Differenzierung der Bauernschaft, mit grossen Latifundien auf dem einen Pol und Massenverelendung auf dem anderen Pol. Dieser Entwicklungsweg ist in den kapitalistischen Ländern unvermeidlich, weil das Dorf, die Bauernwirtschaft, von der Stadt, von der Industrie, von dem in der Stadt konzentrierten Kredit, vom Charakter der Staatsmacht abhängt, in der Stadt aber die Bourgeoisie, die kapitalistische Industrie, das kapitalistische Kreditsystem, die kapitalistische Staatsmacht herrscht.

Ist dieser Entwicklungsweg der Bauernwirtschaften auch in unserem Lande obligatorisch, wo die Stadt ein völlig anderes Aussehen hat, wo die Industrie sich in der Hand des Proletariats befindet, wo das Verkehrswesen, das Kreditsystem, die Staatsmacht usw. in der Hand des Proletariats konzentriert sind, wo die Nationalisierung des Bodens ein allgemeines Gesetz im Lande ist? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Gerade weil die Stadt der Führer des Dorfes ist und bei uns in der Stadt das Proletariat herrscht, das alle Kommandohöhen der Volkswirtschaft innehat, gerade deswegen müssen die Bauernwirtschaften in ihrer Entwicklung einen anderen Weg gehen, den Weg des sozialistischen Aufbaus.

Was ist das für ein Weg?

Das ist der Weg des massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschlusses der Millionen Bauernwirtschaften in Genossenschaften aller Art, der Weg der Vereinigung der zersplitterten Bauernwirtschaften um die sozialistische Industrie, der Weg der Verbreitung der Grundlagen des Kollektivismus unter der Bauernschaft — zuerst auf dem Gebiet des Absatzes der Erzeugnisse der Landwirtschaft und der Versorgung der Bauernwirtschaften mit den Erzeugnissen der Stadt, späterhin aber auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion.

Und je weiter, desto mehr wird dieser Weg unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats unvermeidlich, denn der genossenschaftliche Zusammenschluss auf dem Gebiet des Absatzes, der genossenschaftliche Zusammenschluss auf dem Gebiet der Versorgung und schliesslich der genossenschaftliche Zusammenschluss auf dem Gebiet des Kredits und der Produktion (landwirtschaftliche Genossenschaften) ist der einzige Weg zur Hebung des Wohlstands im Dorfe, das einzige Mittel zur Rettung der breiten Bauernmassen vor Elend und Ruin.

Man sagt, dass die Bauernschaft bei uns ihrer Lage nach nicht sozialistisch und daher zu einer sozialistischen Entwicklung unfähig sei. Es ist natürlich richtig, dass die Bauernschaft ihrer Lage nach nicht sozialistisch ist. Doch ist das kein Argument gegen die Entwicklung der Bauernwirtschaften in der Richtung zum Sozialismus, wenn einmal erwiesen ist, dass das Dorf der Stadt folgt, in der Stadt aber die sozialistische Industrie herrscht. Während der Oktoberrevolution war die Bauernschaft ihrer Lage nach auch nicht sozialistisch, und sie wollte keineswegs den Sozialismus im Lande errichten. Sie wollte damals hauptsächlich die Beseitigung der Macht der Gutsbesitzer und die Beendigung des Krieges, sie wollte den Frieden. Nichtsdestoweniger folgte sie damals dem sozialistischen Proletariat. Warum? Weil der Sturz der Bourgeoisie und die Machtergreifung durch das sozialistische Proletariat damals der einzige Ausweg aus dem imperialistischen Kriege, der einzige Weg zum Frieden war. Weil es damals keine anderen Wege gab und geben konnte. Weil es unserer Partei damals gelungen war, den Grad der Vereinigung und der Unterordnung der spezifischen Interessen der Bauernschaft (Sturz der Gutsbesitzer, Frieden) unter die allgemeinen Interessen des Landes (Diktatur des Proletariats) herauszufühlen und herauszufinden, der für die Bauernschaft annehmbar und vorteilhaft war. Und die Bauernschaft ist damals, obwohl sie nicht sozialistisch war, dem sozialistischen Proletariat gefolgt.

Das gleiche muss man vom sozialistischen Aufbau in unserem Lande, von der Einbeziehung der Bauernschaft in den Strom dieses Aufbaus sagen. Die Bauernschaft ist ihrer Lage nach nicht sozialistisch. Aber sie muss und wird unbedingt den Weg der sozialistischen Entwicklung beschreiten, denn für die Bauernschaft gibt es keine und kann es keine anderen Wege geben, um sich vor Elend lind Ruin zu retten, als den Zusammenschluss mit dem Proletariat, als den Zusammenschluss mit der sozialistischen Industrie, als die Einbeziehung der Bauernwirtschaft in den allgemeinen Strom der sozialistischen Entwicklung durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft.

Warum gerade durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft?

Weil wir in dem massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss „jenen Grad der Vereinigung der Privatinteressen, der privaten Handelsinteressen, ihrer Überwachung und Kontrolle durch den Staat, den Grad ihrer Unterordnung unter die allgemeinen Interessen gefunden haben“ (Lenin), der für die Bauernschaft annehmbar und vorteilhaft ist und dem Proletariat die Möglichkeit sichert, die Hauptmasse der Bauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen. Gerade weil es für die Bauernschaft vorteilhaft ist, den Absatz ihrer Waren und die Versorgung ihrer Wirtschaft mit Maschinen durch Genossenschaften zu organisieren, gerade darum muss und wird sie den Weg des massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschlusses beschreiten.

Was bedeutet aber der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernwirtschaften beim Vorherrschen einer sozialistischen Industrie?

Er bedeutet die Abkehr der bäuerlichen kleinen Warenwirtschaft von dem alten, dem kapitalistischen Weg, der zum Massenruin der Bauernschaft führt, und den Übergang auf einen neuen Entwicklungsweg, auf den Weg des sozialistischen Aufbaus.

Darum ist der Kampf für den neuen Entwicklungsweg der Bauernwirtschaft, der Kampf für die Einbeziehung der Hauptmasse der Bauernschaft in das Werk des Aufbaus des Sozialismus die nächste Aufgabe unserer Partei.

Der 14. Parteitag der KPSU(B) hat deshalb richtig gehandelt, als er beschloss:

Der Hauptweg des Aufbaus des Sozialismus auf dem Lande besteht darin, bei zunehmender ökonomischer Führung seitens der sozialistischen staatlichen Industrie, der staatlichen Kreditinstitutionen und anderer in der Hand des Proletariats befindlicher Kommandohöhen die Hauptmasse der Bauernschaft in die genossenschaftliche Organisation einzubeziehen und dieser Organisation eine sozialistische Entwicklung zu sichern, wobei deren kapitalistische Elemente ausgenutzt, überwunden und verdrängt werden müssen.“

Der grösste Fehler der „neuen Opposition“ besteht darin, dass sie an diesen neuen Entwicklungsweg der Bauernschaft nicht glaubt, die Unvermeidlichkeit dieses Weges unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats nicht sieht oder nicht begreift. Und zwar begreift sie dies deshalb nicht, weil sie nicht an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande glaubt, nicht an die Fähigkeit unseres Proletariats glaubt, die Bauernschaft den Weg des Sozialismus zu führen.

Daher das Unverständnis für den zwiespältigen Charakter der NÖP, die Überschätzung der negativen Seiten der NÖP und die Auffassung, dass die NÖP vorwiegend ein Rückzug sei.

Daher die Überschätzung der Rolle, die die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft spielen, und die Unterschätzung der Rolle, die den Hebeln unserer sozialistischen Entwicklung (sozialistische Industrie, Kreditsystem, Genossenschaften, Staatsmacht des Proletariats usw.) zukommt.

Daher das Unverständnis für die sozialistische Natur unserer staatlichen Industrie und die Zweifel an der Richtigkeit des Leninschen Genossenschaftsplans.

Daher die Überschätzung der Differenzierung im Dorfe, die Panik vor dem Kulaken, die Unterschätzung der Rolle des Mittelbauern, die Versuche, die auf die Sicherung des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern gerichtete Politik der Partei zu vereiteln, und überhaupt das Hin- und Herpendeln in der Frage der Politik der Partei auf dem Lande.

Daher das Unverständnis für die so gewaltige Arbeit der Partei zur Heranziehung der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern zum Aufbau der Industrie und Landwirtschaft, zur Belebung der Genossenschaften und der Sowjets, zur Verwaltung des Landes, zum Kampf gegen den Bürokratismus, zum Kampf für die Verbesserung und Umgestaltung unseres Staatsapparats, eine Arbeit, die eine neue Entwicklungsphase bezeichnet und ohne die kein sozialistischer Aufbau denkbar ist.

Daher die Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten unseres Aufbaus, die Zweifel an der Möglichkeit der Industrialisierung unseres Landes, das pessimistische Geschwätz über die Entartung der Partei usw.

Bei ihnen, bei den Bourgeois, sei alles mehr oder minder gut, bei uns aber, bei den Proletariern, mehr oder minder schlecht; wenn vom Westen nicht rechtzeitig die Revolution kommt, so sei unsere Sache verloren — das ist der allgemeine Ton der „neuen Opposition“, der meines Erachtens ein liquidatorischer Ton ist, aber von der Opposition aus irgendeinem Grunde (wohl spasseshalber) für „Internationalismus“ ausgegeben wird.

Die NÖP sei Kapitalismus, sagt die Opposition. Die NÖP sei vorwiegend ein Rückzug, sagt Sinowjew. Das alles ist natürlich falsch. In Wirklichkeit ist die NÖP eine Politik der Partei, die den Kampf der sozialistischen und der kapitalistischen Elemente zulässt und auf den Sieg der sozialistischen Elemente über die kapitalistischen Elemente berechnet ist. In Wirklichkeit hatte die NÖP bloss mit einem Rückzug begonnen, sie ist aber darauf berechnet, dass im Verlauf des Rückzugs eine Umgruppierung der Kräfte vorgenommen und die Offensive ergriffen wird. In Wirklichkeit führen wir schon seit mehreren Jahren eine Offensive, führen sie mit Erfolg, indem wir unsere Industrie entwickeln, den Sowjethandel entfalten und das Privatkapital zurückdrängen.

Was ist aber der Sinn der These: die NÖP ist Kapitalismus, die NÖP ist vorwiegend ein Rückzug? Wovon geht diese These aus?

Sie geht von der falschen Annahme aus, dass bei uns gegenwärtig eine einfache Wiederherstellung des Kapitalismus, eine einfache „Rückkehr“ des Kapitalismus stattfinde. Nur durch diese Annahme kann man die Zweifel der Opposition über die sozialistische Natur unserer Industrie erklären. Nur durch diese Annahme kann man die Panik der Opposition vor dem Kulaken erklären. Nur durch diese Annahme kann man die Eilfertigkeit erklären, mit der die Opposition die falschen Zahlen über die Differenzierung der Bauernschaft aufgriff. Nur durch diese Annahme kann man die besondere Vergesslichkeit der Opposition gegenüber der Tatsache erklären, dass der Mittelbauer bei uns die zentrale Figur der Landwirtschaft ist. Nur durch diese Annahme kann man die Unterschätzung der Bedeutung des Mittelbauern und die Zweifel über Lenins Genossenschaftsplan erklären. Nur durch diese Annahme kann man den Unglauben der „neuen Opposition“ an den neuen Entwicklungsweg des Dorfes, an den Weg der Einbeziehung des Dorfes in den sozialistischen Aufbau, „begründen“.

In Wirklichkeit vollzieht sich bei uns jetzt nicht der einseitige Prozess der Wiederherstellung des Kapitalismus, sondern der doppelseitige Prozess der Entwicklung des Kapitalismus und der Entwicklung des Sozialismus, der widerspruchsvolle Prozess des Kampfes der sozialistischen Elemente gegen die kapitalistischen Elemente, der Prozess der Überwindung der kapitalistischen Elemente durch die sozialistischen Elemente. Dies ist gleichermassen unbestreitbar sowohl für die Stadt, wo die staatliche Industrie die Basis des Sozialismus ist, als auch für das Dorf, wo die Massengenossenschaft, die sich mit der sozialistischen Industrie eng verbindet, den grundlegenden Anknüpfungspunkt der sozialistischen Entwicklung bildet.

Eine einfache Wiederherstellung des Kapitalismus ist schon deswegen unmöglich, weil bei uns die Staatsmacht proletarisch ist, die Grossindustrie sich in der Hand des Proletariats befindet und der proletarische Staat über das Verkehrs- und Kreditwesen verfügt.

Die Differenzierung im Dorf kann nicht die früheren Dimensionen annehmen, der Mittelbauer bildet weiterhin die Hauptmasse der Bauernschaft, der Kulak aber kann schon allein deswegen nicht die frühere Stärke erlangen, weil der Grund und Boden bei uns nationalisiert ist, nicht gekauft und verkauft werden kann und weil unsere Handels-, Kredit-, Steuer- und Genossenschaftspolitik darauf gerichtet ist, die Ausbeuterbestrebungen des Kulakentums einzuschränken, den Wohlstand der breitesten Massen der Bauernschaft zu heben und die Extreme im Dorfe auszugleichen. Ich spreche schon gar nicht davon, dass der Kampf gegen das Kulakentum bei uns jetzt nicht nur auf der alten Linie vor sich geht, auf der Linie der Organisierung der Dorfarmut gegen das Kulakentum, sondern auch auf einer neuen Linie, auf der Linie der Festigung des Bündnisses des Proletariats und der Dorfarmut mit den Massen der Mittelbauernschaft gegen den Kulaken. Die Tatsache, dass die Opposition Sinn und Bedeutung des Kampfes gegen das Kulakentum auf dieser zweiten Linie nicht versteht, diese Tatsache bestätigt ein übriges Mal, dass die Opposition auf den alten Entwicklungsweg des Dorfes abweicht, auf den Weg seiner kapitalistischen Entwicklung, bei der der Kulak und die Dorfarmut die Hauptkräfte des Dorfes bildeten, der Mittelbauer aber „weggespült“ wurde.

Die Genossenschaften seien eine Abart des Staatskapitalismus, sagt die Opposition unter Berufung auf Lenins Schrift „Die Naturalsteuer“ und glaubt deswegen nicht an die Möglichkeit, die Genossenschaften als grundlegenden Anknüpfungspunkt für die sozialistische Entwicklung aus-nutzen zu können. Die Opposition begeht auch hier einen ganz groben Fehler. Eine solche Auffassung von den Genossenschaften war genügend und befriedigend im Jahre 1921, als die Schrift „Die Naturalsteuer“ verfasst wurde, als wir keine entwickelte sozialistische Industrie hatten, als Lenin an den Staatskapitalismus als die mögliche Grundform unserer Wirtschaft dachte und die Genossenschaften in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus betrachtete. Aber diese Auffassung genügt jetzt schon nicht mehr und ist von der Geschichte überholt, denn seither haben sich die Zeiten geändert, die sozialistische Industrie hat sich bei uns entwickelt, der Staatskapitalismus hat nicht in dem Masse, wie es wünschenswert war, Fuss gefasst, die Genossenschaften aber, die jetzt über zehn Millionen Mitglieder umfassen, haben begonnen, sich mit der sozialistischen Industrie eng zu verbinden.

Wie liesse sich anders die Tatsache erklären, dass Lenin bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen der Schrift „Die Naturalsteuer“, im Jahre 1923, die Genossenschaften auf andere Art zu betrachten begann und meinte, dass „die Genossenschaften unter unseren Verhältnissen sich in der Regel völlig mit dem Sozialismus decken“?

Wie liesse sich das anders erklären als dadurch, dass die sozialistische Industrie während dieser zwei Jahre bereits emporzuwachsen vermochte, der Staatskapitalismus dagegen nicht in gebührendem Masse Fuss gefasst hat, weswegen Lenin die Genossenschaften schon nicht mehr in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus, sondern in Gemeinschaft mit der sozialistischen Industrie zu betrachten begann?

Die Entwicklungsbedingungen der Genossenschaften hatten sich verändert. Auch die Behandlung der Frage des Genossenschaftswesens musste sich ändern.

Da haben wir zum Beispiel eine ausgezeichnete Stelle aus Lenins Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ (1923), die Licht in diese Frage bringt:

Unter dem Staatskapitalismus unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von staatskapitalistischen dadurch, dass sie erstens private, zweitens kollektive Betriebe sind. In der bei uns bestehenden Geseilschaftsordnung unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von privatkapitalistischen als kollektive Betriebe, aber sie unterscheiden sich nichts von sozialistischen Betrieben, wenn sie auf dem Grund und Boden gegründet und mit Produktionsmitteln ausgerüstet sind, die dem Staat, d. h. der Arbeiterklasse, gehören.“

In diesem kleinen Zitat sind zwei grosse Fragen gelöst. Erstens, dass „die bei uns bestehende Gesellschaftsordnung“ kein Staatskapitalismus ist. Zweitens, dass genossenschaftliche Betriebe, in Gemeinschaft mit „unserer Gesellschaftsordnung“ genommen, sich von sozialistischen Betrieben „nicht unterscheiden“.

Ich glaube, man könnte sich kaum deutlicher ausdrücken.

Und nun noch eine Stelle aus derselben Schrift Lenins:

Das einfache Wachstum der Genossenschaften ist für uns (mit der oben erwähnten ‚kleinen‘ Ausnahme) mit dem Wachstum des Sozialismus identisch, und zugleich damit müssen wir eine grundlegende Änderung unserer ganzen Auffassung vom Sozialismus zugeben.“

Es ist offenkundig, dass wir es in der Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ mit einer neuen Einschätzung der Genossenschaften zu tun haben, was die „neue Opposition“ nicht zugeben will und was sie sorgfältig verschweigt, den Tatsachen zum Trotz, der offenkundigen Wahrheit zum Trotz, dem Leninismus zum Trotz.

Die Genossenschaften in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus und die Genossenschaften in Gemeinschaft mit der sozialistischen Industrie sind zwei verschiedene Dinge.

Daraus darf jedoch nicht gefolgert werden, dass zwischen den Schriften „Die Naturalsteuer“ und „Über das Genossenschaftswesen“ ein Abgrund liege. Das wäre natürlich falsch. Es genügt zum Beispiel folgende Stelle aus der Schrift „Die Naturalsteuer“ anzuführen, um sogleich den untrennbaren Zusammenhang zwischen den Schriften „Die Naturalsteuer“ und „Über das Genossenschaftswesen“ in der Einschätzung der Genossenschaften festzustellen. Diese Stelle lautet:

Der Übergang von den Konzessionen zum Sozialismus bedeutet den Übergang von einer Form der Grossproduktion zu einer anderen Form der Grossproduktion. Der Übergang von den Genossenschaften der Kleinbesitzer zum Sozialismus ist der Übergang von der Kleinproduktion zur Grossproduktion, d. h. ein komplizierterer Übergang, der aber dafür im Falle des Gelingens geeignet ist, breitere Massen der Bevölkerung zu erfassen, geeignet ist, die tieferen und zäheren Wurzeln der alten, vorsozialistischen, ja selbst vorkapitalistischen Verhältnisse auszureissen, die im Sinne des Widerstandes gegen jede ,Neuerung’ am zählebigsten sind.“

Aus diesem Zitat ist ersichtlich, dass Lenin bereits zur Zeit der „Naturalsteuer“, als es bei uns noch keine entwickelte sozialistische Industrie gab, es für möglich hielt, die Genossenschaften im Falle des Gelingens in ein mächtiges Kampfmittel gegen die „vorsozialistischen“ und folglich auch gegen die kapitalistischen Verhältnisse zu verwandeln. Ich glaube, dass es gerade dieser Gedanke war, der ihm in der Folge als Ausgangspunkt für seine Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ diente.

Was aber folgt aus alledem?

Daraus folgt, dass die „neue Opposition“ an die Genossenschaftsfrage nicht marxistisch, sondern metaphysisch herangeht. Sie betrachtet die Genossenschaften nicht als historische Erscheinung, die in Gemeinschaft mit anderen Erscheinungen genommen wird, sagen wir, in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus (im Jahre 1921) oder mit der sozialistischen Industrie (im Jahre 1923), sondern als etwas Feststehendes und ein für allemal Gegebenes, als „Ding an sich“.

Daher die Fehler der Opposition in der Genossenschaftsfrage, daher ihr Unglaube an die Entwicklung des Dorfes zum Sozialismus mit Hilfe der Genossenschaft, daher das Abschwenken der Opposition auf den alten Weg, auf den Weg der kapitalistischen Entwicklung des Dorfes.

Das ist im Allgemeinen die Stellung der „neuen Opposition“ in den praktischen Fragen des sozialistischen Aufbaus.

Die Schlussfolgerung hieraus ist die eine: Die Linie der Opposition, soweit sie eine Linie hat, das Schwanken und Wanken der Opposition, ihr Unglaube an unsere Sache und ihre Ratlosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten führen zur Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft.

Denn wenn die NÖP vorwiegend ein Rückzug ist, wenn die sozialistische Natur der staatlichen Industrie angezweifelt wird, wenn der Kulak nahezu allmächtig ist, wenn auf die Genossenschaften wenig zu hoffen ist, die Rolle des Mittelbauern fortschreitend geringer wird, der neue Entwicklungsweg des Dorfes zweifelhaft ist, die Partei fast entartet, die Revolution vom Westen aber noch nicht so nahe ist, was bleibt nach alledem im Arsenal der Opposition übrig, worauf rechnet sie im Kampf gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft? Man kann doch nicht allein mit der „Philosophie der Epoche“7 in den Kampf ziehen.

Es ist klar, dass das Arsenal der „neuen Opposition“ kein beneidenswertes ist, wenn man es überhaupt ein Arsenal nennen kann. Das ist kein Arsenal für den Kampf. Noch weniger für den Sieg.

Es ist klar, dass sich die Partei mit einem solchen Arsenal „im Handumdrehen“ zugrunde richten würde, wenn sie sich in einen Kampf einliesse — sie würde einfach vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft kapitulieren müssen.

Darum hat der 14. Parteitag völlig richtig gehandelt, als er in seinem Beschluss erklärte, dass „der Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus in der USSR die grundlegende Aufgabe unserer Partei ist“;dass eine der unerlässlichen Bedingungen zur Lösung dieser Aufgabe „der Kampf gegen den Unglauben an den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ist, sowie gegen die Versuche, unsere Betriebe, die Betriebe von ,konsequent-sozialistischem Typus‘ (Lenin) sind, als staatskapitalistische Betriebe hinzustellen“; dass „ideologische Strömungen, die ein bewusstes Verhalten der Massen zum Aufbau des Sozialismus im allgemeinen und der sozialistischen Industrie im besonderen unmöglich machen, nur geeignet sind, das Wachstum der sozialistischen Elemente der Wirtschaft zu hemmen und ihre Bekämpfung durch das Privatkapital zu erleichtern“; dass „der Parteitag deshalb eine umfassende Erziehungsarbeit zur Überwindung dieser Entstellungen des Leninismus für notwendig hält“.

Die historische Bedeutung des 14. Parteitags der KPSU(B) besteht darin, dass er es verstand, die Fehler der „neuen Opposition“ bis auf die Wurzeln aufzudecken, dass er ihren Unglauben und ihr Flennen völlig unbeachtet liess, klar und deutlich den Weg des weiteren Kampfes für den Sozialismus vorzeichnete, der Partei die Perspektive des Sieges gab und damit das Proletariat mit dem unerschütterlichen Glauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus ausgerüstet hat.

25. Januar 1926

1Siehe K. Marx und F. Engels, „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850“.

2Der 2. Kongress der Kommunistischen Internationale tagte vom 19. Juli bis zum 7. August 1920. J. W. Stalin zitiert aus der Rede W. I. Lenins „Über die Rolle der Kommunistischen Partei“.

3Zektran — Zentralkomitee des Vereinigten Gewerkschaftsverbandes der Eisenbahn- und Schifffahrtsarbeiter. Gebildet im September 1920. Im Jahre 1920 und Anfang 1921 befand sich die Führung des Zektrans in Händen der Trotzkisten, die in der Gewerkschaftsarbeit Methoden des nackten Zwanges und des Kommandierens anwandten. Der 1. Allrussische vereinigte Kongress der Eisenbahn- und Schifffahrtsarbeiter, der im März 1921 stattfand, vertrieb die Trotzkisten aus der Führung des Zektrans, wählte ein neues Zentralkomitee des Verbands und legte neue Methoden der Gewerkschaftsarbeit fest.

4Es handelt sich um das Plenum des Zentralkomitees der KPR(B), das vom 23. bis zum 30. April 1925 tagte. Das Plenum bestätigte die von der 14. Konferenz der KPR(B) angenommenen Resolutionen, darunter auch die Resolution „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) in Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI“, die die Stellungnahme der Partei in der Frage des Sieges des Sozialismus in der USSR enthält.

5Gemeint ist die 14. Konferenz der KPR(B), die vom 27. bis zum 29. April 1925 stattfand.

6Die Antwort des Moskauer Komitees der KPR(B) auf den Brief der 22. Leningrader Gouvernementsparteikonferenz, der ein fraktioneller Vorstoss der Anhänger Sinowjews-Kamenews war, wurde in Nr. 291 der Prawda vom 20. Dezember 1925 veröffentlicht.

7„Die Philosophie der Epoche“ — Bezeichnung eines parteifeindlichen Artikels Sinowjews, der 1925 geschrieben wurde. Die Kritik an diesem Artikel siehe J. W. Stalin, „Werke“, Bd. 7, S. 375-378.