Jakob Herzog: “Reden am 2. Weltkongress der Kommunistischen Internationale”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

REDEN AM 2. WELTKONGRESS DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE

Jakob Herzog
02.08.1920

Protokoll des 2. Weltkongress
der Kommunistischen Internationale
Reproduziert von
„Die Rote Fahne“

REDEN AM 2. WELTKONGRESS DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE

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Werte Genossen! Es wird hier versucht, den Beschluss durchzusetzen, dass die kommunistischen Parteien in allen jenen Ländern den revolutionären Parlamentarismus anwenden müssen, von denen Genosse Bucharin sagte, dass dort bis jetzt in den Parlamenten überhaupt noch keine revolutionäre Tätigkeit nach russischem Muster ausgeübt worden ist, trotzdem die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Ländern, wie z. B. in Frankreich, England und in der Schweiz schon längst für eine proletarische Revolution reif war.

Was ist die Ursache, dass in diesen Ländern das Proletariat in der revolutionären Taktik so zurück ist? Eben deshalb, weil in diesen Republiken und Demokratien die Möglichkeit der Lebensverbesserung des Proletariats vorhanden war. Es war dort möglich, mit Hilfe des Parlamentarismus viele gute Reformen für das Proletariat zu erreichen, und weil dies möglich war, ist es begreiflich, dass dort keine revolutionäre Aktivität aufkommen konnte. Das ist der Grund, weshalb in diesen Ländern die Arbeiterschaft sich so langsam zur Revolution durchringt und sich so schwer die revolutionäre Tatkraft, die bei den Russen vorhanden ist, aneignet. In Russland war es ganz anders. Das Proletariat konnte nicht legal arbeiten. Es konnte dort nicht Reformen durchdrücken und seine Lage verbessern. Es musste auf die Strasse gehen und revolutionäre Aktionen durchführen. Und darum konnte sich hier in Russland kein Parlamentarismus entwickeln, wie in den westeuropäischen Ländern. Nun kommen unsere russischen Genossen und sagen: „Es wird jetzt in Westeuropa anders werden, als es bisher war. Es war bisher nicht möglich, sich im Parlament revolutionär zu betätigen, aber jetzt sind wir in einer anderen Situation, und jetzt besteht eine solche Möglichkeit auch in Westeuropa und Amerika. Allen kommunistischen Parteien werden wir bestimmte Richtlinien geben. Den Fraktionen werden wir erklären, wie sie arbeiten müssen, und es wird dann auch dort revolutionär gearbeitet werden.“ Aber ich glaube, das ist nicht möglich. Erstens schon darum nicht, weil diese Reglements schon die Möglichkeit offen lassen, dass die kommunistischen Parteien auch opportunistisch wirken können. Wir hatten in der Kommission eine lange Diskussion darüber, wie die kommunistischen Vertreter in den Gemeinden sich verhalten sollen, was die kommunistischen Gemeindevertreter, wenn sie in der Mehrheit sind, tun müssen. Da hat Genosse Bucharin gesagt: „Wenn sie die Mehrheit haben, dann müssen sie versuchen, die Lage der Arbeiter zu verbessern, um die Gegensätze zwischen der kommunistischen Gemeinde und dem Staat zuzuspitzen.“ Das sagen uns ja gerade auch die Opportunisten, wenn sie in die Parlamente hineingehen.

Sie sagen, wir gehen hinein, um hier von diesem Boden aus die Konflikte zwischen dem Proletariat und dem Staat zuzuspitzen. Wir wollen für Verbesserungen eintreten, aber alles das hat bloss den Zweck, den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit zu verschärfen. Es ist hier gerade für die opportunistischen Elemente, die schon in der Kommunistischen Internationale sind, die Möglichkeit gegeben, auch als kommunistische Parteien opportunistisch zu wirken und den ganzen Parlamentarismus auf diese schiefe Ebene zu bringen. Noch eine zweite Möglichkeit gibt der Kurs, den die Kommunistische Internationale nun einschlägt, um alle „revolutionären“ Parteien in die Kommunistische Internationale aufzunehmen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist auch die Mehrzahl der USP und der Französischen Sozialistischen Partei in der Kommunistischen Internationale. Selbstverständlich muss auch die Mehrzahl der kleinen sozialdemokratischen Parteien zu Moskau kommen. — Platten hat man bereits mit diesem Auftrag nach der Schweiz geschickt. Dadurch gelangen noch viel mehr opportunistische Elemente in die Kommunistische Internationale, die nicht von heute auf morgen revolutionäre Kommunisten sein werden. Sie werden genau dieselbe Politik auch in der Kommunistischen Internationale treiben, wie sie sie bisher in der 2. Internationale betrieben haben.

Das ist die Gefahr, die wir sehen und die uns erkennen lässt, dass der Parlamentarismus in der Form, wie er hier aufgestellt wird, in den westlichen Ländern tatsächlich nicht zur Anwendung kommen kann. Wir haben da ein praktisches Beispiel. Man hat uns heute erklärt, die Kommunistische Partei Bulgariens sei ein Musterbeispiel für den revolutionären Parlamentarismus. Ihre parlamentarische Fraktion arbeitet grossartig. Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, in dem genau das Gegenteil stand. Ich hatte weiter Gelegenheit, mit einem bulgarischen Genossen zu sprechen, der als Parlamentarier von Moskau nach Bulgarien gegangen ist und der, als er sah, wie die bulgarische kommunistische Parlamentsfraktion wirkte, zum Anhänger des Antiparlamentarismus geworden ist und als solcher zurückkehrte. Das ist ein Beweis, dass man nicht in allen Ländern den Parlamentarismus entwickeln kann, wie er früher in Russland von den Kommunisten geführt wurde. — Auch die Sozialdemokraten in Deutschland, der alte Wilhelm Liebknecht und Bebel, haben erklärt: Wir gehen nur ins Parlament hinein, um diese Tribüne revolutionär auszunutzen. Diese revolutionäre Tätigkeit ist aber sehr bald in Opportunismus und Reformismus umgeschlagen, weil die Möglichkeit dazu da war, und jetzt ist die sozialdemokratische Partei eine offen sozialverräterische Partei.

Selbstverständlich könnt Ihr beschliessen, dass der Parlamentarismus von den Kommunistischen Parteien durchgeführt werden muss. Wir sind nicht so doktrinär antiparlamentarisch, dass wir sagen: wir fügen uns dem Beschluss der Kommunistischen Internationale nicht. Wir können das Experiment eine Zeitlang versuchen, aber wir sind überzeugt, dass es nicht gelingen wird und dass man nach ein oder zwei Jahren, auf dem nächsten Kongress, an der Hand der Praxis und der Erfahrungen, sagen wird: „Es wäre besser, wir hätten die Hände davon gelassen und hätten nur in den Fabriken, im Heer und bei den Bauern alle unsere Kräfte eingesetzt. Das wäre viel vorteilhafter für die Entwicklung der Revolution und für die Kommunistische Internationale gewesen.“

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Die bulgarische Delegation sah in meinen Ausführungen über die Tätigkeit der kommunistischen Parlamentsfraktionen in Bulgarien eine Verleumdung. Dieser Vorwurf ist nicht stichhaltig. Die Quellen, aus welchen ich das Material zu meinen Ausführungen bekommen habe, halte ich für durchaus zuverlässig und brauche nichts von dem von mir Gesagten zurückzunehmen. Dies umsoweniger, als die bulgarische Delegation mich der Verleumdung beschuldigte, ohne auch nur versucht zu haben, mir die wirkliche oder angebliche Unlauterkeit der Quelle nachzuweisen.