Karl Marx: “Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE KLASSENKÄMPFE IN FRANKREICH 1848 BIS 1850

Karl Marx
1850

Werke
Band 7 & 22
Reproduziert von
Die Rote Fahne

EINLEITUNG

Die hiermit neu herausgegebene Arbeit war Marx‘ erster Versuch, ein Stück Zeitgeschichte vermittelst seiner materialistischen Auffassungsweise aus der gegebenen ökonomischen Lage zu erklären. Im „Kommunistischen Manifest“ war die Theorie in grossen Umrissen auf die ganze neuere Geschichte angewandt, in Marx‘ und meinen Artikeln der Neuen Rheinischen Zeitung war sie fortwährend benutzt worden zur Deutung gleichzeitiger politischer Ereignisse. Hier dagegen handelte es sich darum, im Verlauf einer mehrjährigen, für ganz Europa sowohl kritischen wie typischen Entwicklung den inneren Kausalzusammenhang nachzuweisen, also, im Sinn des Verfassers, die politischen Begebenheiten zurückzuführen auf Wirkungen von in letzter Instanz ökonomischen Ursachen.

Bei der Beurteilung von Ereignissen und Ereignisreihen aus der Tagesgeschichte wird man nie imstande sein, bis auf die letzten ökonomischen Ursachen zurückzugehn. Selbst heute noch, wo die einschlägige Fachpresse so reichlichen Stoff liefert, wird es sogar in England unmöglich bleiben, den Gang der Industrie und des Handels auf dem Weltmarkt und die in den Produktionsmethoden eintretenden Änderungen Tag für Tag derart zu verfolgen, dass man für jeden beliebigen Zeitpunkt das allgemeine Fazit aus diesen mannigfach verwickelten und stets wechselnden Faktoren ziehen kann, Faktoren, von denen die wichtigsten obendrein meist lange Zeit im verborgenen wirken, bevor sie plötzlich gewaltsam an der Oberfläche sich geltend machen. Der klare Überblick über die ökonomische Geschichte einer gegebenen Periode ist nie gleichzeitig, ist nur nachträglich, nach erfolgter Sammlung und Sichtung des Stoffes, zu gewinnen. Die Statistik ist hier notwendiges Hülfsmittel, und sie hinkt immer nach. Für die laufende Zeitgeschichte wird man daher nur zu oft genötigt sein, diesen den entscheidendsten Faktor als konstant, die am Anfang der betreffenden Periode vorgefundene ökonomische Lage als für die ganze Periode gegeben und unveränderlich zu behandeln oder nur solche Veränderungen dieser Lage berücksichtigen, die aus den offen vorliegenden Ereignissen selbst entspringen und daher ebenfalls offen zutage liegen. Die materialistische Methode wird sich daher hier nur zu oft darauf beschränken müssen, die politischen Konflikte auf Interessenkämpfe der durch die ökonomische Entwicklung gegebenen, vorgefundenen Gesellschaftsklassen und Klassenfraktionen zurückzuführen und die einzelnen politischen Parteien nachzuweisen als den mehr oder weniger adäquaten politischen Ausdruck dieser selben Klassen und Klassenfraktionen.

Es ist selbstredend, dass diese unvermeidliche Vernachlässigung der gleichzeitigen Veränderungen der ökonomischen Lage, der eigentlichen Basis aller zu untersuchenden Vorgänge, eine Fehlerquelle sein muss. Aber alle Bedingungen einer zusammenfassenden Darstellung der Tagesgeschichte schliessen unvermeidlich Fehlerquellen in sich; was aber niemanden abhält, Tagesgeschichte zu schreiben.

Als Marx diese Arbeit unternahm, war die erwähnte Fehlerquelle noch viel unvermeidlicher. Während der Revolutionszeit 1848/49 die sich gleichzeitig vollziehenden ökonomischen Wandlungen zu verfolgen oder gar den Überblick über sie zu behalten, war rein unmöglich. Ebenso während der ersten Monate des Exils in London, Herbst und Winter 1849-50. Das war aber gerade die Zeit, wo Marx die Arbeit begann. Und trotz dieser Ungunst der Umstände befähigte ihn seine genaue Kenntnis, sowohl der ökonomischen Lage Frankreichs vor wie der politischen Geschichte dieses Landes seit der Februarrevolution, eine Darstellung der Ereignisse zu geben, die deren inneren Zusammenhang in einer auch seitdem unerreichten Weise aufdeckt und die später von Marx selbst angestellte zweifache Probe glänzend bestanden hat.

Die erste Probe erfolgte dadurch, dass seit Frühjahr 1850 Marx wieder Musse gewann für ökonomische Studien und zunächst die ökonomische Geschichte der letzten zehn Jahre vornahm. Dadurch wurde ihm aus den Tatsachen selbst vollständig klar, was er bisher aus lückenhaftem Material halb aprioristisch gefolgert hatte: dass die Welthandelskrise von 1847 die eigentliche Mutter der Februar- und Märzrevolutionen gewesen und dass die seit Mitte 1848 allmählich wieder eingetretene, 1849 und 1850 zur vollen Blüte gekommene industrielle Prosperität die belebende Kraft der neuerstarkten europäischen Reaktion war. Das war entscheidend. Während in den drei ersten Artikeln (erschienen im Januar-, Februar- und Märzheft der Neuen Rheinischen Zeitung. Politisch-ökonomische Revue, Hamburg 1850) noch die Erwartung eines baldigen neuen Aufschwunges revolutionärer Energie durchgeht, bricht die von Marx und mir verfasste geschichtliche Übersicht des letzten, Herbst 1850 erschienenen Doppelheftes (Mai bis Oktober) ein für allemal mit diesen Illusionen: „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.“ Das war aber auch die einzige wesentliche Änderung, die vorzunehmen war. An der in den früheren Abschnitten gegebenen Deutung der Ereignisse, an den darin hergestellten ursächlichen Zusammenhängen war absolut nichts zu ändern, wie die in derselben Übersicht gegebene Fortführung der Erzählung vom 10. März bis in den Herbst 1850 beweist. Ich habe diese Fortsetzung daher als vierten Artikel in gegenwärtigen Neudruck mit aufgenommen.

Die zweite Probe war noch härter. Gleich nach Louis Bonapartes Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 bearbeitete Marx aufs neue die Geschichte Frankreichs vom Februar 1848 bis auf dies die Revolutionsperiode einstweilen abschliessende Ereignis. („Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“, dritte Auflage, Hamburg, Meissner 1885.) In dieser Broschüre ist die in unserer Schrift dargestellte Periode, wenn auch kürzer, wieder behandelt. Man vergleiche diese zweite, im Licht des über ein Jahr später fallenden, entscheidenden Ereignisses geschriebene Darstellung mit der unseren, und man wird finden, dass der Verfasser nur sehr wenig zu ändern hatte.

Was unserer Schrift noch eine ganz besondere Bedeutung gibt, ist der Umstand, dass sie zuerst die Formel ausspricht, in welcher die allgemeine Einstimmung der Arbeiterparteien aller Länder der Welt ihre Forderung der ökonomischen Neugestaltung kurz zusammenfasst: die Aneignung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft. Im zweiten Kapitel, gelegentlich des „Rechts auf Arbeit“, das bezeichnet wird als „erste unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des Proletariats zusammenfassen“, heisst es: […] aber hinter dem Recht auf Arbeit steht die Gewalt über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit wie des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses.“ Hier ist also — zum erstenmal — der Satz formuliert, durch den der moderne Arbeitersozialismus sich scharf unterscheidet ebensowohl von allen verschiedenen Schattierungen des feudalen, bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Sozialismus wie auch von der konfusen Gütergemeinschaft des utopischen wie des naturwüchsigen Arbeiterkommunismus. Wenn später Marx die Formel ausdehnte auf Aneignung auch der Austauschmittel, so sprach diese Erweiterung, die übrigens nach dem „Kommunistischen Manifest“ sich von selbst verstand, nur ein Korollar des Hauptsatzes aus. Einige weise Leute in England haben dann neuerdings noch hinzugefügt, dass auch die „Mittel der Verteilung“ der Gesellschaft überwiesen werden sollen. Es würde diesen Herren schwer werden, zu sagen, welches denn diese, von den Produktions- und Austauschmitteln verschiedenen, ökonomischen Verteilungsmittel sind; es seien denn politische Verteilungsmittel gemeint, Steuern, Armenunterstützung, einschliesslich der Sachsenwald- und andern Dotationen. Aber diese sind erstens ja schon jetzt Verteilungsmittel im Besitz der Gesamtheit, des Staates oder der Gemeinde, und zweitens wollen wir sie ja gerade abschaffen.

* * *

Als die Februarrevolution ausbrach, standen wir alle, was unsere Vorstellungen von den Bedingungen und dem Verlauf revolutionärer Bewegungen betraf, unter dem Bann der bisherigen geschichtlichen Erfahrung, namentlich derjenigen Frankreichs. Diese letztere war es ja gerade, die die ganze europäische Geschichte seit 1789 beherrscht hatte, von der auch jetzt wieder das Signal zur allgemeinen Umwälzung ausgegangen war. So war es selbstredend und unvermeidlich, dass unsere Vorstellungen von der Natur und dem Gang der in Paris, im Februar 1848, proklamierten „sozialen“ Revolution, der Revolution des Proletariats, stark gefärbt waren durch die Erinnerungen der Vorbilder von 1789-1830. Und vollends, als die Pariser Erhebung ihr Echo fand in den siegreichen Aufständen von Wien, Mailand, Berlin, als ganz Europa bis an die russische Grenze in die Bewegung hineingerissen war; als dann im Juni in Paris die erste grosse Schlacht um die Herrschaft zwischen Proletariat und Bourgeoisie geschlagen wurde; als selbst der Sieg ihrer Klasse die Bourgeoisie aller Länder so erschütterte, dass sie wieder in die Arme der eben erst gestürzten monarchisch-feudalen Reaktion zurückfloh — da konnte unter damaligen Umständen für uns kein Zweifel sein, dass der grosse Entscheidungskampf angebrochen sei, dass er ausgefochten werden müsse in einer einzigen langen und wechselvollen Revolutionsperiode, dass er aber nur enden könne mit dem endgültigen Sieg des Proletariats.

Wir teilten nach den Niederlagen von 1849 keineswegs die Illusionen der um die provisorischen Zukunftsregierungen in partibus gruppierten Vulgärdemokratie. Diese rechnete auf einen baldigen, ein für allemal entscheidenden Sieg des „Volkes“ über die „Dränger“; wir auf einen langen Kampf, nach Beseitigung der „Dränger“ unter den in eben diesem „Volk“ sich verbergenden gegensätzlichen Elementen. Die Vulgärdemokratie erwartete den erneuten Losbruch von heute auf morgen; wir erklärten schon Herbst 1850, dass wenigstens der erste Abschnitt der revolutionären Periode abgeschlossen und nichts zu erwarten sei bis zum Ausbruch einer neuen ökonomischen Weltkrise. Weswegen wir auch in Acht und Bann getan wurden als Verräter an der Revolution, von denselben Leuten, die nachher ohne Ausnahme ihren Frieden mit Bismarck gemacht haben — soweit Bismarck sie der Mühe wert fand.

Die Geschichte hat aber auch uns unrecht gegeben, hat unsere damalige Ansicht als eine Illusion enthüllt. Sie ist noch weiter gegangen: Sie hat nicht nur unseren damaligen Irrtum zerstört, sie hat auch die Bedingungen total umgewälzt, unter denen das Proletariat zu kämpfen hat. Die Kampfweise von 1848 ist heute in jeder Beziehung veraltet, und das ist ein Punkt, der bei dieser Gelegenheit näher untersucht zu werden verdient.

Alle bisherigen Revolutionen liefen hinaus auf die Verdrängung einer bestimmten Klassenherrschaft durch eine andere; alle bisherigen herrschenden Klassen waren aber nur kleine Minoritäten gegenüber der beherrschten Volksmasse. Eine herrschende Minorität wurde so gestürzt, eine andere Minorität ergriff an ihrer Stelle das Staatsruder und modelte die Staatseinrichtungen nach ihren Interessen um. Es war dies jedesmal die durch den Stand der ökonomischen Entwicklung zur Herrschaft befähigte und berufene Minoritätsgruppe, und gerade deshalb und nur deshalb geschah es, dass die beherrschte Majorität sich bei der Umwälzung entweder zugunsten jener beteiligte oder sich doch die Umwälzung ruhig gefallen liess. Aber wenn wir vom jedesmaligen konkreten Inhalt absehen, war die gemeinsame Form aller dieser Revolutionen die, dass sie Minoritätsrevolutionen waren. Selbst wenn die Majorität dazu mittat, geschah es — wissentlich oder nicht — nur im Dienst einer Minorität; diese aber erhielt dadurch, oder auch schon durch die passive widerstandslose Haltung der Majorität, den Anschein, als sei sie Vertreterin des ganzen Volkes.

Nach dem ersten grossen Erfolg spaltete sich in der Regel die siegreiche Minorität; die eine Hälfte war mit dem Erlangten zufrieden, die andere wollte noch weiter gehn, stellte neue Forderungen, die wenigstens teilweise auch im wirklichen oder scheinbaren Interesse der grossen Volksmenge waren. Diese radikaleren Forderungen wurden auch in einzelnen Fällen durchgesetzt; häufig aber nur für den Augenblick, die gemässigtere Partei erlangte wieder die Oberhand, das zuletzt Gewonnene ging ganz oder teilweise wieder verloren; die Besiegten schrieen dann über Verrat oder schoben die Niederlage auf den Zufall. In Wirklichkeit aber lag die Sache meist so: Die Errungenschaften des ersten Sieges wurden erst sichergestellt durch den zweiten Sieg der radikaleren Partei; war dies und damit das augenblicklich Nötige erreicht, so verschwanden die Radikalen und ihre Erfolge wieder vom Schauplatz.

Alle Revolutionen der neueren Zeit, angefangen von der grossen englischen des 17. Jahrhunderts, zeigten diese Züge, die untrennbar schienen von jedem revolutionären Kampf. Sie schienen anwendbar auch auf die Kämpfe des Proletariats um seine Emanzipation; anwendbar um so mehr, als gerade 1848 die Leute zu zählen waren, die auch nur einigermassen verstanden, in welcher Richtung diese Emanzipation zu suchen war. Die proletarischen Massen selbst waren sogar in Paris noch nach dem Sieg absolut im unklaren über den einzuschlagenden Weg. Und doch war die Bewegung da, instinktiv, spontan, ununterdrückbar. War das nicht gerade die Lage, worin eine Revolution gelingen musste, geleitet zwar von einer Minorität, aber diesmal nicht im Interesse der Minorität, sondern im eigentlichsten Interesse der Majorität? Waren in allen längeren revolutionären Perioden die grossen Volksmassen so leicht durch blosse plausible Vorspiegelungen der vorwärtsdrängenden Minoritäten zu gewinnen, wie sollten sie weniger zugänglich sein für Ideen, die der eigenste Reflex ihrer ökonomischen Lage, die nichts anderes waren als der klare, verstandesgemässe Ausdruck ihrer von ihnen selbst noch unverstandenen, nur erst unbestimmt gefühlten Bedürfnisse? Allerdings hatte diese revolutionäre Stimmung der Massen fast immer, und meist sehr bald, einer Ermattung oder gar einem Umschlag ins Gegenteil Platz gemacht, sobald die Illusion verraucht, die Enttäuschung eingetreten war. Aber hier handelte es sich nicht um Vorspiegelungen, sondern um die Durchführung der eigentlichsten Interessen der grossen Mehrheit selbst, Interessen, die zwar damals dieser grossen Mehrheit keineswegs klar waren, die ihr aber bald genug klar werden mussten, im Laufe der praktischen Durchführung, durch den überzeugenden Augenschein. Und wenn nun gar, wie im dritten Artikel von Marx nachgewiesen, im Frühjahr 1850 die Entwicklung der aus der „sozialen“ Revolution von 1848 erstandenen bürgerlichen Republik die wirkliche Herrschaft in den Händen der — obendrein monarchistisch gesinnten — grossen Bourgeoisie konzentriert, dagegen alle anderen Gesellschaftsklassen, Bauern wie Kleinbürger, um das Proletariat gruppiert hatte, derart, dass bei und nach dem gemeinsamen Sieg nicht sie, sondern das durch Erfahrung gewitzigte Proletariat der entscheidende Faktor werden musste — war da nicht alle Aussicht vorhanden für den Umschlag der Revolution der Minorität in die Revolution der Majorität?

Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, dass der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war für die Beseitigung der kapitalistischen Produktion; sie hat dies bewiesen durch die ökonomische Revolution, die seit 1848 den ganzen Kontinent ergriffen und die grosse Industrie in Frankreich, Österreich, Ungarn, Polen und neuerdings Russland erst wirklich eingebürgert, aus Deutschland aber geradezu ein Industrieland ersten Ranges gemacht hat — alles auf kapitalistischer, im Jahre 1848 also noch sehr ausdehnungsfähiger Grundlage. Gerade diese industrielle Revolution aber ist es, die überall erst Klarheit geschaffen hat in den Klassenverhältnissen, die eine Menge von aus der Manufakturperiode und im östlichen Europa selbst aus dem Zunfthandwerk her überkommenen Zwischenexistenzen beseitigt, eine wirkliche Bourgeoisie und ein wirkliches grossindustrielles Proletariat erzeugt und in den Vordergrund der gesellschaftlichen Entwicklung gedrängt hat. Dadurch aber ist der Kampf dieser beiden grossen Klassen, der 1848 ausserhalb Englands nur in Paris und höchstens in einigen grossen Industriezentren bestand, erst über ganz Europa verbreitet worden und hat eine Intensität erlangt, wie sie 1848 noch undenkbar war. Damals die vielen, unklaren Sektenevangelien mit ihren Panazeen, heute die eine allgemein anerkannte, durchsichtig klare, die letzten Zwecke des Kampfes scharf formulierende Theorie von Marx; damals die nach Lokalität und Nationalität geschiedenen und verschiedenen, nur durch das Gefühl gemeinsamer Leiden verknüpften, unentwickelten, zwischen Begeisterung und Verzweiflung ratlos hin und her geworfenen Massen, heute die eine grosse internationale Armee von Sozialisten, unaufhaltsam vorschreitend, täglich wachsend an Zahl, Organisation, Disziplin, Einsicht und Siegesgewissheit. Wenn sogar diese mächtige Armee des Proletariats noch immer nicht das Ziel erreicht hat, wenn sie, weit entfernt, den Sieg mit einem grossen Schlag zu erringen, in hartem, zähem Kampf von Position zu Position langsam vordringen muss, so beweist dies ein für allemal, wie unmöglich es 1848 war, die soziale Umgestaltung durch einfache Überrumpelung zu erobern.

Eine in zwei dynastisch-monarchische Sektionen gespaltene Bourgeoisie, die aber vor allen Dingen Ruhe und Sicherheit für ihre Geldgeschäfte verlangte, ihr gegenüber ein zwar besiegtes, aber immer noch drohendes Proletariat, um das sich Kleinbürger und Bauern mehr und mehr gruppierten — die stete Drohung eines gewaltsamen Ausbruchs, der bei alledem keine Aussicht auf endgültige Lösung bot — das war die Situation, wie geschaffen für den Staatsstreich des dritten, des pseudo-demokratischen Prätendenten Louis Bonaparte. Vermittelst der Armee machte dieser am 2. Dezember 1851 der gespannten Situation ein Ende und sicherte Europa die innere Ruhe, um es dafür mit einer neuen Ära der Kriege zu beglücken. Die Periode der Revolutionen von unten war einstweilen geschlossen; es folgte eine Periode der Revolutionen von oben.

Der imperialistische Rückschlag von 1851 gab einen neuen Beweis von der Unreife der proletarischen Aspirationen jener Zeit. Aber er selbst sollte die Bedingungen schaffen, unter denen sie reifen mussten. Die innere Ruhe sicherte die volle Entwicklung des neuen industriellen Aufschwungs, die Notwendigkeit, die Armee zu beschäftigen und die revolutionären Strömungen nach aussen abzulenken, erzeugte die Kriege, worin Bonaparte, unter dem Vorwand, das „Nationalitätsprinzip“ zur Geltung zu bringen, Annexionen für Frankreich zu ergattern suchte. Sein Nachahmer Bismarck adoptierte dieselbe Politik für Preussen; er machte seinen Staatsstreich, seine Revolution von oben 1866 gegenüber dem Deutschen Bund und Österreich und nicht minder gegenüber der preussischen Konfliktskammer. Aber Europa war zu klein für zwei Bonapartes, und so wollte es die geschichtliche Ironie, dass Bismarck den Bonaparte stürzte und dass der König Wilhelm von Preussen nicht nur das kleindeutsche Kaisertum herstellte, sondern auch die französische Republik. Das allgemeine Ergebnis aber war, dass in Europa die Selbständigkeit und innere Einigung der grossen Nationen, mit Ausnahme Polens, eine Tatsache geworden war. Freilich innerhalb relativ bescheidener Grenzen — aber immerhin so weit, dass der Entwicklungsprozess der Arbeiterklasse nicht mehr an nationalen Verwicklungen ein wesentliches Hemmnis fand. Die Totengräber der Revolution von 1848 waren ihre Testamentsvollstrecker geworden. Und neben ihnen erhob sich schon drohend der Erbe von 1848, das Proletariat, in der Internationale.

Nach dem Kriege von 1870-71 verschwindet Bonaparte vom Schauplatz, und Bismarcks Mission ist vollendet, so dass er nun wieder zum ordinären Junker herabsinken kann. Den Abschluss der Periode aber bildet die Kommune von Paris. Ein heimtückischer Versuch von Thiers, der Pariser Nationalgarde ihre Geschütze zu stehlen, rief einen siegreichen Aufstand hervor. Es zeigte sich wieder, dass in Paris keine andere Revolution mehr möglich ist als eine proletarische. Die Herrschaft fiel der Arbeiterklasse nach dem Sieg ganz von selbst, ganz unbestritten in den Schoss. Und wiederum zeigte sich, wie unmöglich auch damals noch, zwanzig Jahre nach der in unserer Schrift geschilderten Zeit, diese Herrschaft der Arbeiterklasse war. Einerseits liess Frankreich Paris im Stich, sah zu, wie es unter den Kugeln Mac-Mahons verblutete; andererseits verzehrte sich die Kommune im unfruchtbaren Streit der beiden sie spaltenden Parteien, der Blanquisten (Majorität) und der Proudhonisten (Minorität), die beide nicht wussten, was zu tun war. Ebenso unfruchtbar wie 1848 die Überrumpelung, blieb 1871 der geschenkte Sieg.

Mit der Pariser Kommune glaubte man das streitbare Proletariat endgültig begraben. Aber ganz im Gegenteil, von der Kommune und vom Deutsch-Französischen Krieg datiert sein gewaltigster Aufschwung. Die totale Umwälzung des gesamten Kriegswesens durch die Einrangierung der ganzen waffenfähigen Bevölkerung in die nur noch nach Millionen zu berechnenden Armeen, durch Feuerwaffen, Geschosse und Explosivstoffe von bisher unerhörter Wirkungskraft machte einerseits der bonapartistischen Kriegsperiode ein jähes Ende und sicherte die friedliche industrielle Entwickelung, indem sie jeden anderen Krieg unmöglich machte als einen Weltkrieg von unerhörter Greuelhaftigkeit und von absolut unberechenbarem Ausgang. Andrerseits trieb sie durch die in geometrischer Progression steigenden Heereskosten die Steuern zu unerschwinglicher Höhe und damit die ärmeren Volksklassen in die Arme des Sozialismus. Die Annexion von Elsass-Lothringen, die nächste Ursache der tollen Konkurrenz in Kriegsrüstungen, mochte die französische und deutsche Bourgeoisie gegeneinander chauvinistisch verhetzen; für die Arbeiter beider Länder wurde sie ein neues Band der Einigung. Und der Jahrestag der Kommune von Paris wurde der erste allgemeine Festtag des gesamten Proletariats.

Der Krieg von 1870-71 und die Niederlage der Kommune hatten, wie Marx vorhergesagt, den Schwerpunkt der europäischen Arbeiterbewegung einstweilen von Frankreich nach Deutschland verlegt. In Frankreich brauchte es selbstverständlich Jahre, bis man sich von dem Aderlass des Mai 1871 erholt hatte. In Deutschland dagegen, wo die obendrein von dem französischen Milliardensegen geradezu treibhausmässig geförderte Industrie sich immer rascher entwickelte, wuchs noch weit rascher und nachhaltiger die Sozialdemokratie. Dank dem Verständnis, womit die deutschen Arbeiter das 1866 eingeführte allgemeine Stimmrecht benutzten, liegt das staunenerregende Wachstum der Partei in unbestreitbaren Zahlen offen vor aller Welt. 1871: 102‘000, 1874: 352‘000, 1877: 493‘000 sozialdemokratische Stimmen. Dann kam die hohe obrigkeitliche Anerkennung dieser Fortschritte in Gestalt des Sozialistengesetzes; die Partei war momentan zersprengt, die Stimmenzahl sank 1881 auf 312‘000. Aber das war rasch überwunden, und nun, unter dem Druck des Ausnahmegesetzes, ohne Presse, ohne äussere Organisation, ohne Vereins- und Versammlungsrecht, nun fing die rasche Ausbreitung erst recht an: 1884: 550‘000, 1887: 763‘000, 1890: 1‘427‘000 Stimmen. Da erlahmte die Hand des Staates. Das Sozialistengesetz verschwand, die sozialistische Stimmenzahl stieg auf 1‘787‘000, über ein Viertel der sämtlichen abgegebnen Stimmen. Die Regierung und die herrschenden Klassen hatten alle ihre Mittel erschöpft — nutzlos, zwecklos, erfolglos. Die handgreiflichen Beweise ihrer Ohnmacht, die die Behörden, vom Nachtwächter bis zum Reichskanzler, hatten einstecken müssen — und das von den verachteten Arbeitern! — diese Beweise zählten nach Millionen. Der Staat war am Ende seines Lateins, die Arbeiter erst am Anfang des ihrigen.

Die deutschen Arbeiter hatten aber zudem ihrer Sache noch einen zweiten grossen Dienst erwiesen neben dem ersten, der mit ihrer blossen Existenz als die stärkste, die disziplinierteste, die am raschesten anschwellende sozialistische Partei gegeben war. Sie hatten ihren Genossen aller Länder eine neue, eine der schärfsten Waffen geliefert, indem sie ihnen zeigten, wie man das allgemeine Stimmrecht gebraucht.

Das allgemeine Stimmrecht hatte schon lange in Frankreich bestanden, war aber in Verruf gekommen durch den Missbrauch, den die bonapartistische Regierung damit getrieben. Nach der Kommune war keine Arbeiterpartei vorhanden, es zu benutzen. Auch in Spanien bestand es seit der Republik, aber in Spanien war die Wahlenthaltung aller ernstlichen Oppositionsparteien von jeher Regel. Auch die Schweizer Erfahrungen mit dem allgemeinen Stimmrecht waren alles, nur nicht aufmunternd für eine Arbeiterpartei. Die revolutionären Arbeiter der romanischen Länder hatten sich angewöhnt, das Stimmrecht als einen Fallstrick, als ein Instrument der Regierungsprellerei anzusehn. In Deutschland war das anders. Schon das „Kommunistische Manifest“ hatte die Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechts, der Demokratie, als eine der ersten und wichtigsten Aufgaben des streitbaren Proletariats proklamiert, und Lassalle hatte diesen Punkt wieder aufgenommen. Als nun Bismarck sich genötigt sah, dies Wahlrecht einzuführen als einziges Mittel, die Volksmassen für seine Pläne zu interessieren, da machten unsere Arbeiter sofort Ernst damit und sandten August Bebel in den ersten konstituierenden Reichstag. Und von dem Tage an haben sie das Wahlrecht benutzt in einer Weise, die sich ihnen tausendfach gelohnt und die den Arbeitern aller Länder als Vorbild gedient hat. Sie haben das Wahlrecht, in den Worten des französischen marxistischen Programms, transformé, de moyen de duperie qu‘il a été jusqu‘ici, en instrument d‘émancipation — es verwandelt aus einem Mittel der Prellerei, was es bisher war, in ein Werkzeug der Befreiung. Und wenn das allgemeine Wahlrecht keinen anderen Gewinn geboten hätte, als dass es uns erlaubte, uns alle drei Jahre zu zählen; dass es durch die regelmässig konstatierte, unerwartet rasche Steigerung der Stimmenzahl in gleichem Masse die Siegesgewissheit der Arbeiter wie den Schrecken der Gegner steigerte und so unser bestes Propagandamittel wurde; dass es uns genau unterrichtete über unsere eigene Stärke wie über die aller gegnerischen Parteien und uns dadurch einen Massstab für die Proportionierung unserer Aktion lieferte, wie es keinen zweiten gibt — uns vor unzeitiger Zaghaftigkeit ebensosehr bewahrte wie vor unzeitiger Tollkühnheit — wenn das der einzige Gewinn wäre, den wir vom Stimmrecht haben, dann wäre es schon über und übergenug. Aber es hat noch viel mehr getan. In der Wahlagitation lieferte es uns ein Mittel, wie es kein zweites gibt, um mit den Volksmassen da, wo sie uns noch ferne stehen, in Berührung zu kommen, alle Parteien zu zwingen, ihre Ansichten und Handlungen unseren Angriffen gegenüber vor allem Volk zu verteidigen; und dazu eröffnete es unseren Vertretern im Reichstag eine Tribüne, von der herab sie mit ganz anderer Autorität und Freiheit zu ihren Gegnern im Parlament wie zu den Massen draussen sprechen konnten als in der Presse und in Versammlungen. Was half der Regierung und der Bourgeoisie ihr Sozialistengesetz, wenn die Wahlagitation und die sozialistischen Reichstagsreden es fortwährend durchbrachen?

Mit dieser erfolgreichen Benutzung des allgemeinen Stimmrechts war aber eine ganz neue Kampfweise des Proletariats in Wirksamkeit getreten, und diese bildete sich rasch weiter aus. Man fand, dass die Staatseinrichtungen, in denen die Herrschaft der Bourgeoisie sich organisiert, noch weitere Handhaben bieten, vermittelst deren die Arbeiterklasse diese selben Staatseinrichtungen bekämpfen kann. Man beteiligte sich an den Wahlen für Einzellandtage, Gemeinderäte, Gewerbegerichte, man machte der Bourgeoisie jeden Posten streitig, bei dessen Besetzung ein genügender Teil des Proletariats mitsprach. Und so geschah es, dass Bourgeoisie und Regierung dahin kamen, sich weit mehr zu fürchten vor der gesetzlichen als vor der ungesetzlichen Aktion der Arbeiterpartei, vor den Erfolgen der Wahl als vor denen der Rebellion.

Denn auch hier hatten sich die Bedingungen des Kampfes wesentlich verändert. Die Rebellion alten Stils, der Strassenkampf mit Barrikaden, der bis 1848 überall die letzte Entscheidung gab, war bedeutend veraltet.

Machen wir uns keine Illusion darüber: Ein wirklicher Sieg des Aufstandes über das Militär im Strassenkampf, ein Sieg wie zwischen zwei Armeen, gehört zu den grössten Seltenheiten. Darauf hatten aber die Insurgenten es auch ebenso selten angelegt. Es handelte sich für sie nur darum, die Truppen mürbe zu machen durch moralische Einflüsse, die beim Kampf zwischen den Armeen zweier kriegführender Länder gar nicht oder doch in weit geringerem Grad ins Spiel kommen. Gelingt das, so versagt die Truppe oder die Befehlshaber verlieren den Kopf, und der Aufstand siegt. Gelingt das nicht, so bewährt sich, selbst bei einer Minderzahl auf seiten des Militärs, die Überlegenheit der besseren Ausrüstung und Schulung, der einheitlichen Leitung, der planmässigen Verwendung der Streitkräfte und der Disziplin. Das Höchste, wozu es die Insurrektion in wirklich taktischer Aktion bringen kann, ist die kunstgerechte Anlage und Verteidigung einer einzelnen Barrikade. Gegenseitige Unterstützung, Aufstellung resp. Verwendung von Reserven, kurz, das schon zur Verteidigung eines Stadtbezirks, geschweige einer ganzen grossen Stadt, unentbehrliche Zusammenwirken und Ineinandergreifen der einzelnen Abteilungen wird nur höchst mangelhaft, meist gar nicht zu erreichen sein; Konzentration der Streitkräfte auf einen entscheidenden Punkt fällt da von selbst weg. Damit ist die passive Verteidigung die vorwiegende Kampfform; der Angriff wird sich hier und da, aber auch nur ausnahmsweise, zu gelegentlichen Vorstössen und Flankenanfällen aufraffen, in der Regel aber sich nur auf Besetzung der von der zurückgehenden Truppe verlassenen Stellungen beschränken. Wozu noch auf Seite des Militärs die Verfügung über Geschütz und vollständig ausgerüstete und geübte Genietruppen kommt, Streitmittel, die den Insurgenten in fast allen Fällen gänzlich abgehn. Kein Wunder also, dass selbst die mit dem grössten Heldenmut geführten Barrikadenkämpfe — Paris Juni 1848, Wien Oktober 1848, Dresden Mai 1849 — mit der Niederlage des Aufstandes endigten, sobald die angreifenden Führer, ungehemmt durch politische Rücksichten, nach rein militärischen Gesichtspunkten handelten und ihre Soldaten zuverlässig blieben.

Die zahlreichen Erfolge der Insurgenten bis 1848 sind sehr mannigfachen Ursachen geschuldet. In Paris Juli 1830 und Februar 1848, wie in den meisten spanischen Strassenkämpfen, stand zwischen den Insurgenten und dem Militär eine Bürgerwehr, die entweder direkt auf Seite des Aufstandes trat oder aber durch laue, unentschiedene Haltung die Truppen ebenfalls ins Schwanken brachte und dem Aufstand obendrein Waffen lieferte. Da, wo diese Bürgerwehr von vornherein gegen den Aufstand auftrat, wie Juni 1848 in Paris, wurde dieser auch besiegt. In Berlin 1848 siegte das Volk teils durch den bedeutenden Zuwachs neuer Streitkräfte während der Nacht und des Morgens am 19., teils infolge der Erschöpfung und schlechten Verpflegung der Truppen, teils endlich infolge der erlahmenden Befehlsgebung. In allen Fällen aber wurde der Sieg erkämpft, weil die Truppe versagte, weil den Befehlshabern die Entschlussfähigkeit ausging oder aber, weil ihnen die Hände gebunden waren.

Selbst in der klassischen Zeit der Strassenkämpfe wirkte also die Barrikade mehr moralisch als materiell. Sie war ein Mittel, die Festigkeit des Militärs zu erschüttern. Hielt sie vor, bis dies gelang, so war der Sieg erreicht; wo nicht, war man geschlagen. [Es ist dies der Hauptpunkt, der im Auge zu halten ist, auch wenn man die Chancen etwaiger künftiger Strassenkämpfe untersucht.]1

Diese Chancen standen schon 1849 ziemlich schlecht. Die Bourgeoisie hatte sich überall auf die Seite der Regierungen geschlagen, „Bildung und Besitz“ begrüssten und bewirteten das gegen Aufstände ausziehende Militär. Die Barrikade hatte ihren Zauber verloren; der Soldat sah hinter ihr nicht mehr „das Volk“, sondern Rebellen, Wühler, Plünderer, Teiler, den Auswurf der Gesellschaft; der Offizier war mit der Zeit bewandert geworden in den taktischen Formen des Strassenkampfes, er marschierte nicht mehr geradeaus und ungedeckt auf die improvisierte Brustwehr los, sondern umging sie durch Gärten, Höfe und Häuser. Und das gelang jetzt, bei einigem Geschick, in neun Fällen von zehn.

Seitdem aber hat sich noch sehr viel verändert, und alles zugunsten des Militärs. Sind die Grossstädte bedeutend grösser geworden, so noch mehr die Armeen. Paris und Berlin sind seit 1848 nicht ums Vierfache gewachsen, ihre Garnisonen aber um mehr als das. Diese Garnisonen können vermittelst der Eisenbahnen in 24 Stunden sich mehr als verdoppeln, in 48 Stunden zu Riesenarmeen anschwellen. Die Bewaffnung dieser enorm verstärkten Truppenzahl ist unvergleichlich wirksamer geworden. 1848 der glatte Perkussions-Vorderlader, heute der kleinkalibrige Magazin-Hinterlader, der viermal so weit, zehnmal so genau und zehnmal so rasch schiesst wie jener. Damals die relativ schwach wirkenden Vollkugeln und Kartätschen der Artillerie, heute die Perkussionsgranaten, deren eine hinreicht, die beste Barrikade zu zertrümmern. Damals die Spitzhacke des Pioniers zum Durchbrechen von Brandmauern, heute die Dynamitpatrone.

Auf seiten des Insurgenten dagegen sind alle Bedingungen schlechter geworden. Ein Aufstand, mit dem alle Volksschichten sympathisieren, kommt schwerlich wieder; im Klassenkampf werden sich wohl nie alle Mittelschichten so ausschliesslich ums Proletariat gruppieren, dass die um die Bourgeoisie sich scharende Reaktionspartei dagegen fast verschwinde. Das „Volk“ wird also immer geteilt erscheinen, und damit fehlt ein gewaltiger, 1848 so äusserst wirksamer Hebel. Kommen auf Seite der Aufständischen mehr gediente Soldaten, so wird ihre Bewaffnung um so schwieriger. Die Jagd- und Luxusflinten der Waffenläden — selbst wenn nicht vorher von Polizei wegen durch Wegnahme eines Schlossteiles unbrauchbar gemacht — sind auch im Nahkampf dem Magazingewehr des Soldaten nicht entfernt gewachsen. Bis 1848 konnte man aus Pulver und Blei sich die nötige Munition selbst machen, heute ist die Patrone für jedes Gewehr verschieden und nur in dem einen Punkt überall gleich, dass sie ein Kunstprodukt der grossen Industrie, also nicht ex tempore anzufertigen ist, dass also die meisten Gewehre nutzlos sind, solange man nicht die speziell für sie passende Munition hat. Und endlich sind die seit 1848 neugebauten Viertel der grossen Städte, in langen, graden, breiten Strassen angelegt, wie gemacht für die Wirkung der neuen Geschütze und Gewehre. Der Revolutionär müsste verrückt sein, der sich die neuen Arbeiterdistrikte im Norden und Osten von Berlin zu einem Barrikadenkampf selbst aussuchte.

[Heisst das, dass in Zukunft der Strassenkampf keine Rolle mehr spielen wird? Durchaus nicht. Es heisst nur, dass die Bedingungen seit 1848 weit ungünstiger für die Zivilkämpfer, weit günstiger für das Militär geworden sind. Ein künftiger Strassenkampf kann also nur siegen, wenn diese Ungunst der Lage durch andere Momente aufgewogen wird. Er wird daher seltener im Anfang einer grossen Revolution vorkommen als im weiteren Verlauf einer solchen und wird mit grösseren Kräften unternommen werden müssen. Diese aber werden dann wohl, wie in der ganzen grossen französischen Revolution, am 4. September und 31. Oktober 1870 in Paris den offenen Angriff der passiven Barrikadentaktik vorziehen.]

Versteht der Leser nun, weshalb die herrschenden Gewalten Klassen uns platterdings dahin bringen wollen, wo die Flinte schiesst und der Säbel haut? Warum man uns heute der Feigheit zeiht, weil wir uns nicht ohne weiteres auf die Strasse begeben, wo wir der Niederlage im voraus gewiss sind? Warum man uns so inständig anfleht, wir möchten doch endlich einmal Kanonenfutter spielen?

Die Herren verschwenden ihre Bittgesuche wie ihre Herausforderungen für nichts und wieder nichts. So dumm sind wir nicht. Sie könnten ebensogut von ihrem Feind im nächsten Krieg verlangen, er solle sich ihnen stellen in der Linienformation des alten Fritz oder in den Kolonnen ganzer Divisionen à la Wagram und Waterloo, und das mit dem Steinschlossgewehr in der Hand. Haben sich die Bedingungen geändert für den Völkerkrieg, so nicht minder für den Klassenkampf. Die Zeit der Überrumpelungen, der von kleinen bewussten Minoritäten an der Spitze bewusstloser Massen durchgeführten Revolutionen ist vorbei. Wo es sich um eine vollständige Umgestaltung der gesellschaftlichen Organisation handelt, da müssen die Massen selbst mit dabei sein, selbst schon begriffen haben, worum es sich handelt, für was sie mit Leib und Leben eintreten. Das hat uns die Geschichte der letzten fünfzig Jahre gelehrt. Damit aber die Massen verstehen, was zu tun ist, dazu bedarf es langer, ausdauernder Arbeit, und diese Arbeit ist es gerade, die wir jetzt betreiben, und das mit einem Erfolg, der die Gegner zur Verzweiflung bringt.

Auch in den romanischen Ländern sieht man mehr und mehr ein, dass die alte Taktik revidiert werden muss. Überall hat man das deutsche Beispiel der Benutzung des Wahlrechts, der Eroberung aller uns zugänglichen Posten, nachgeahmt [überall ist das unvorbereitete Losschlagen in den Hintergrund getreten]. In Frankreich, wo doch der Boden seit über hundert Jahren durch Revolution auf Revolution unterwühlt ist, wo es keine einzige Partei gibt, die nicht in Konspirationen, Aufständen und allen anderen revolutionären Aktionen das ihrige geleistet hätte; in Frankreich, wo infolgedessen die Armee der Regierung keineswegs sicher ist und wo überhaupt die Umstände für einen insurrektionellen Handstreich weit günstiger liegen als in Deutschland — selbst in Frankreich sehen die Sozialisten mehr und mehr ein, dass für sie kein dauernder Sieg möglich ist, es sei denn, sie gewinnen vorher die grosse Masse des Volks, d.h. hier die Bauern. Langsame Arbeit der Propaganda und parlamentarische Tätigkeit sind auch hier als nächste Aufgabe der Partei erkannt. Die Erfolge blieben nicht aus. Nicht nur sind eine ganze Reihe von Gemeinderäten erobert worden; in den Kammern sitzen 50 Sozialisten, und diese haben bereits drei Ministerien und einen Präsidenten der Republik gestürzt. In Belgien haben sich die Arbeiter voriges Jahr das Wahlrecht erzwungen und in einem Viertel der Wahlkreise gesiegt. In der Schweiz, in Italien, in Dänemark, ja selbst in Bulgarien und Rumänien sind die Sozialisten in den Parlamenten vertreten. In Österreich sind alle Parteien darüber einig, dass uns der Zutritt zum Reichsrat nicht länger verwehrt bleiben kann. Hinein kommen wir, das ist gewiss, man streitet nur noch darüber: durch welche Tür. Und selbst wenn in Russland der berühmte Semski Sobor zusammentritt, jene Nationalversammlung, gegen die der junge Nikolaus sich so vergebens sperrt, selbst da können wir mit Gewissheit darauf rechnen, dass wir auch dort vertreten sind.

Selbstverständlich verzichten unsere ausländischen Genossen nicht auf ihr Recht auf Revolution. Das Recht auf Revolution ist ja überhaupt das einzige wirklich „historische Recht“, das einzige, worauf alle modernen Staaten ohne Ausnahme beruhen, Mecklenburg eingeschlossen, dessen Adelsrevolution beendigt wurde 1755 durch den „Erbvergleich“, die noch heute gültige glorreiche Verbriefung des Feudalismus. Das Recht auf Revolution ist so sehr im allgemeinen Bewusstsein unumstösslich anerkannt, dass sogar der General von Boguslawski aus diesem Volksrecht allein das Recht auf den Staatsstreich ableitet, das er seinem Kaiser vindiziert.

Was aber auch in anderen Ländern geschehen möge, die deutsche Sozialdemokratie hat eine besondere Stellung und damit wenigstens zunächst auch eine besondere Aufgabe. Die zwei Millionen Wähler, die sie an die Urnen schickt, nebst den jungen Männern und den Frauen, die als Nichtwähler hinter ihnen stehen, bilden die zahlreichste, kompakteste Masse, den entscheidenden „Gewalthaufen“ der internationalen proletarischen Armee. Diese Masse liefert schon jetzt über ein Viertel der abgegebnen Stimmen; und wie die Einzelwahlen für den Reichstag, die einzelstaatlichen Landtagswahlen, die Gemeinderats- und Gewerbegerichtswahlen beweisen, nimmt sie unablässig zu. Ihr Wachstum geht so spontan, so stetig, so unaufhaltsam und gleichzeitig so ruhig vor sich wie ein Naturprozess. Alle Regierungseingriffe haben sich ohnmächtig dagegen erwiesen. Auf 2‘250‘000 Wähler können wir schon heute rechnen. Geht das so voran, so erobern wir bis Ende des Jahrhunderts den grösseren Teil der Mittelschichten der Gesellschaft, Kleinbürger wie Kleinbauern, und wachsen aus zu der entscheidenden Macht im Lande, vor der alle andern Mächte sich beugen müssen, sie mögen wollen oder nicht. Dies Wachstum ununterbrochen in Gang zu halten, bis es dem herrschenden Regierungssystem von selbst über den Kopf wächst, [diesen sich täglich verstärkenden Gewalthaufen nicht in Vorhutkämpfen aufreiben, sondern ihn intakt zu erhalten bis zum Tag der Entscheidung,] das ist unsere Hauptaufgabe. Und da ist nur ein Mittel, wodurch das stetige Anschwellen der sozialistischen Streitkräfte in Deutschland momentan aufgehalten und selbst für einige Zeit zurückgeworfen werden könnte: ein Zusammenstoss auf grossem Massstab mit dem Militär, ein Aderlass wie 1871 in Paris. Auf die Dauer würde das auch überwunden. Eine Partei, die nach Millionen zählt, aus der Welt schiessen, dazu reichen alle Magazingewehre von Europa und Amerika nicht hin. Aber die normale Entwickelung wäre gehemmt, [der Gewalthaufe wäre vielleicht im kritischen Moment nicht verfügbar,] der Entscheidungskampf würde verspätet, verlängert und mit schwereren Opfern verknüpft.

Die Ironie der Weltgeschichte stellt alles auf den Kopf. Wir, die „Revolutionäre“, die „Umstürzler“, wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die Ordnungsparteien, wie sie sich nennen, gehen zugrunde an dem von ihnen selbst geschaffenen gesetzlichen Zustand. Sie rufen verzweifelt mit Odilon Barrot: la légalité nous tue, die Gesetzlichkeit ist unser Tod, während wir bei dieser Gesetzlichkeit pralle Muskeln und rote Backen bekommen und aussehen wie das ewige Leben. Und wenn wir nicht so wahnsinnig sind, ihnen zu Gefallen uns in den Strassenkampf treiben zu lassen, dann bleibt ihnen zuletzt nichts anderes, als selbst diese ihnen so fatale Gesetzlichkeit zu durchbrechen.

Einstweilen machen sie neue Gesetze gegen den Umsturz. Es ist wieder alles auf den Kopf gestellt. Diese Fanatiker des Anti-Umsturzes von heute, sind sie nicht selbst die Umstürzer von gestern? Haben wir etwa den Bürgerkrieg von 1866 heraufbeschworen? Haben wir den König von Hannover, den Kurfürsten von Hessen, den Herzog von Nassau aus ihren angestammten, legitimen Erblanden vertrieben und diese Erblande annektiert? Und diese Umstürzer des Deutschen Bundes und dreier Kronen von Gottes Gnaden beklagen sich über Umsturz? Quis tulerit Gracchos de seditione querentes? [Wer wird es den Gracchen erlauben, sich über einen Aufruhr zu beklagen? (Juvenal. „Satiren“, II, 24)] Wer könnte den Bismarckanbetern erlauben, auf den Umsturz zu schimpfen?

Mögen sie indes ihre Umsturzvorlagen durchsetzen, sie noch verschlimmern, das ganze Strafgesetz in Kautschuk verwandeln, sie werden nichts erreichen als den neuen Beweis ihrer Ohnmacht. Um der Sozialdemokratie ernstlich auf den Leib zu rücken, werden sie noch ganz andere Massregeln ergreifen müssen. Dem sozialdemokratischen Umsturz, der augenblicklich davon lebt, dass er die Gesetze hält, können sie nur beikommen durch den ordnungsparteilichen Umsturz, der nicht leben kann, ohne dass er die Gesetze bricht. Herr Rössler, der preussische Bürokrat, und Herr von Boguslawski, der preussische General, haben ihnen den einzigen Weg gezeigt, auf dem man den Arbeitern, die sich nun einmal nicht in den Strassenkampf locken lassen, vielleicht noch beikommen kann. Bruch der Verfassung, Diktatur, Rückkehr zum Absolutismus, regis voluntas suprema lex! [des Königs Willen ist das oberste Gesetz!] Also nur Mut, meine Herren, hier hilft kein Maulspitzen, hier muss gepfiffen sein!

Vergessen Sie aber nicht, dass das Deutsche Reich, wie alle Kleinstaaten und überhaupt alle modernen Staaten, ein Produkt des Vertrages ist; des Vertrages erstens der Fürsten untereinander, zweitens der Fürsten mit dem Volk. Bricht der eine Teil den Vertrag, so fällt der ganze Vertrag, der andere Teil ist dann auch nicht mehr gebunden. [Wie uns das Bismarck 1866 so schön vorgemacht hat. Brechen Sie also die Reichsverfassung, so ist die Sozialdemokratie frei, kann Ihnen gegenüber tun und lassen, was sie will. Was sie aber dann tun wird — das bindet sie Ihnen heute schwerlich auf die Nase.]

Es sind nun fast aufs Jahr 1‘600 Jahre, da wirtschaftete im Römischen Reich ebenfalls eine gefährliche Umsturzpartei. Sie untergrub die Religion und alle Grundlagen des Staates; sie leugnete geradezu, dass des Kaisers Wille das höchste Gesetz, sie war vaterlandslos, international, sie breitete sich aus über alle Reichslande von Gallien bis Asien und über die Reichsgrenzen hinaus. Sie hatte lange unterirdisch, im verborgenen gewühlt; sie hielt sich aber schon seit längerer Zeit stark genug, offen ans Licht zu treten. Diese Umsturzpartei, die unter dem Namen der Christen bekannt war, hatte auch ihre starke Vertretung im Heer; ganze Legionen waren christlich. Wenn sie zu den Opferzeremonien der heidnischen Landeskirche kommandiert wurden, um dort die Honneurs zu machen, trieben die Umstürzlersoldaten die Frechheit so weit, dass sie zum Protest besondere Abzeichen — Kreuze — an ihre Helme steckten. Selbst die üblichen Kasernenschurigeleien der Vorgesetzten waren fruchtlos. Der Kaiser Diokletian konnte nicht länger ruhig zusehen, wie Ordnung, Gehorsam und Zucht in seinem Heere untergraben wurden. Er griff energisch ein, weil es noch Zeit war. Er erliess ein Sozialisten-, wollte sagen Christengesetz. Die Versammlungen der Umstürzler wurden verboten, ihre Saallokalitäten geschlossen oder gar niedergerissen, die christlichen Abzeichen, Kreuze etc., wurden verboten wie in Sachsen die roten Schnupftücher. Die Christen wurden für unfähig erklärt, Staatsämter zu bekleiden, nicht einmal Gefreite sollten sie werden dürfen. Da man damals noch nicht über so gut auf das „Ansehen der Person“ dressierte Richter verfügte, wie Herrn von Köllers Umsturzvorlage sie voraussetzt, so verbot man den Christen kurzerhand, sich vor Gericht ihr Recht zu holen. Auch dies Ausnahmegesetz blieb wirkungslos. Die Christen rissen es zum Hohn von den Mauern herunter, ja sie sollen dem Kaiser in Nikomedien den Palast über dem Kopf angezündet haben. Da rächte sich dieser durch die grosse Christenverfolgung des Jahres 303 unserer Zeitrechnung. Sie war die letzte ihrer Art. Und sie war so wirksam, dass 17 Jahre später die Armee überwiegend aus Christen bestand, und der nächstfolgende Selbstherrscher des gesamten Römerreichs, Konstantin, von den Pfaffen genannt der Grosse, das Christentum proklamierte als Staatsreligion.

London, 6. März 1895
F. Engels

DIE KLASSENKÄMPFE IN FRANKREICH 1848 BIS 1850

Mit Ausnahme einiger weniger Kapitel trägt jeder bedeutendere Abschnitt der Revolutionsannalen von 1848 bis 1849 die Überschrift: Niederlage der Revolution!

Was in diesen Niederlagen erlag, war nicht die Revolution. Es waren die vorrevolutionären traditionellen Anhängsel, Resultate gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich noch nicht zu scharfen Klassengegensätzen zugespitzt hatten — Personen, Illusionen, Vorstellungen, Projekte, wovon die revolutionäre Partei vor der Februarrevolution nicht frei war, wovon nicht der Februarsieg, sondern nur eine Reihe von Niederlagen sie befreien konnte.

Mit einem Worte: Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt, in der Erzeugung einer geschlossenen, mächtigen Kontrerevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei heranreifte.

Dies nachzuweisen, ist die Aufgabe der folgenden Blätter.

1. DIE JUNINIEDERLAGE 1848
VOM FEBRUAR BIS JUNI 1848

Nach der Julirevolution, als der liberale Bankier Lafitte seinen compère [Gefatter; Helfershelfer], den Herzog von Orléans, im Triumph auf das Hôtel de Ville [Stadthaus von Paris] geleitete, liess er das Wort fallen: Von nun an werden die Bankiers herrschen.“ Lafitte hatte das Geheimnis der Revolution verraten.

Nicht die französische Bourgeoisie herrschte unter Louis-Philippe, sondern eine Fraktion derselben, Bankiers, Börsenkönige, Eisenbahnkönige, Besitzer von Kohlen- und Eisenbergwerken und Waldungen, ein Teil des mit ihnen ralliierten Grundeigentums — die sogenannte Finanzaristokratie. Sie sass auf dem Throne, sie diktierte in den Kammern Gesetze, sie vergab die Staatsstellen vom Ministerium bis zum Tabaksbüro.

Die eigentliche industrielle Bourgeoisie bildete einen Teil der offiziellen Opposition, d.h., sie war in der Kammer nur als Minorität vertreten. Ihre Opposition trat um so entschiedener hervor, je reiner sich die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie entwickelte und je mehr sie selbst nach den in Blut erstickten Emeuten 1832, 1834 und 1839 ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse gesichert wähnte. Grandin, Fabrikant von Rouen, in der konstituierenden wie in der legislativen Nationalversammlung das fanatische Organ der bürgerlichen Reaktion, war in der Deputiertenkammer der heftigste Widersacher Guizots. Léon Faucher, später durch seine ohnmächtigen Anstrengungen bekannt, sich zum Guizot der französischen Kontrerevolution aufzuschwingen, führte in den letzten Zeiten Louis-Philippes einen Federkrieg für die Industrie gegen die Spekulation und ihren Schleppenträger, die Regierung. Bastiat agitierte im Namen von Bordeaux und des ganzen weinproduzierenden Frankreichs gegen das herrschende System.

Die kleine Bourgeoisie in allen ihren Abstufungen, ebenso die Bauernklasse waren vollständig von der politischen Macht ausgeschlossen. Es befanden sich endlich in der offiziellen Opposition oder gänzlich ausserhalb des pays légal [des Kreises der Wahlberechtigten] die ideologischen Vertreter und Wortführer der angeführten Klassen, ihre Gelehrten, Advokaten, Ärzte usw., mit einem Worte: ihre sogenannten Kapazitäten.

Durch ihre Finanznot war die Julimonarchie von vorn herein abhängig von der hohen Bourgeoisie, und ihre Abhängigkeit von der hohen Bourgeoisie wurde die unerschöpfliche Quelle einer wachsenden Finanznot. Unmöglich, die Staatsverwaltung dem Interesse der nationalen Produktion unterzuordnen, ohne das Gleichgewicht im Budget herzustellen, das Gleichgewicht zwischen Staatsausgaben und Staatseinnahmen. Und wie dies Gleichgewicht herstellen ohne Beschränkung des Staatsaufwandes, d.h. ohne Interessen zu verletzen, die ebenso viele Stützen des herrschenden Systems waren, und ohne die Steuerverteilung neu zu regeln, d.h. ohne einen bedeutenden Teil der Steuerlast auf die Schultern der hohen Bourgeoisie selbst zu wälzen?

Die Verschuldung des Staates war vielmehr das direkte Interesse der durch die Kammern herrschenden und gesetzgebenden Bourgeoisfraktion. Das Staatsdefizit, es war eben der eigentliche Gegenstand ihrer Spekulation und die Hauptquelle ihrer Bereicherung. Nach jedem Jahre ein neues Defizit. Nach dem Verlaufe von vier bis fünf Jahren eine neue Anleihe. Und jede neue Anleihe bot der Finanzaristokratie neue Gelegenheit, den künstlich in der Schwebe des Bankerotts gehaltenen Staat zu prellen — er musste unter den ungünstigsten Bedingungen mit den Bankiers kontrahieren. Jede neue Anleihe gab eine zweite Gelegenheit, das Publikum, das seine Kapitalien in Staatspapiere angelegt, durch Börsenoperationen zu plündern, in deren Geheimnis Regierung und Kammermajorität eingeweiht waren. Überhaupt bot der schwankende Stand des Staatskredits und der Besitz der Staatsgeheimnisse den Bankiers wie ihren Affiliierten in den Kammern und auf dem Throne die Möglichkeit, ausserordentliche, plötzliche Schwankungen im Kurse der Staatspapiere hervorzurufen, deren stetes Resultat der Ruin einer Masse kleinerer Kapitalisten sein musste und die fabelhafte schnelle Bereicherung der grossen Spieler. War das Staatsdefizit das direkte Interesse der herrschenden Bourgeoisfraktion, so erklärt es sich, wie die ausserordentlichen Staatsverwendungen in den letzten Regierungsjahren Louis-Philippes bei weitem um das Doppelte die ausserordentlichen Staatsverwendungen unter Napoleon überstiegen, ja beinah jährlich die Summe von 400 Millionen frs. erreichten, während die jährliche Gesamtausfuhr Frankreichs im Durchschnitt sich selten zur Höhe von 750 Millionen frs. erhob. Die enormen Summen, die so durch die Hände des Staates flossen, gaben überdem Gelegenheit zu gaunerischen Lieferungskontrakten, Bestechungen, Unterschleifen, Spitzbübereien aller Art. Die Übervorteilung des Staates, wie sie durch die Anleihen im Grossen geschah, wiederholte sich bei den Staatsarbeiten im Detail. Das Verhältnis zwischen Kammer und Regierung vervielfältigte sich als Verhältnis zwischen den einzelnen Administrationen und den einzelnen Unternehmern.

Wie die Staatsverwendungen überhaupt und die Staatsanleihen, so exploitierte die herrschende Klasse die Eisenbahnbauten. Dem Staate wälzten die Kammern die Hauptlasten zu, und der spekulierenden Finanzaristokratie sicherten sie die goldenen Früchte. Man erinnert sich der Skandale in der Deputiertenkammer, wenn es gelegentlich zu Vorschein kam, dass sämtliche Mitglieder der Majorität, ein Teil der Minister eingerechnet, als Aktionäre bei denselben Eisenbahnbauten beteiligt waren, die sie hinterher als Gesetzgeber auf Staatskosten ausführen liessen.

Die kleinste finanzielle Reform scheiterte dagegen an dem Einflusse der Bankiers. So z.B. die Postreform. Rothschild protestierte. Durfte der Staat Einnahmequellen schmälern, aus denen seine wachsende Schuld zu verzinsen war?

Die Julimonarchie war nichts als eine Aktienkompanie zur Exploitation des französischen Nationalreichtums, deren Dividenden sich verteilten unter Minister, Kammern, 240‘000 Wähler und ihren Anhang. Louis-Philippe war der Direktor dieser Kompanie — Robert Macaire auf dem Throne. Handel, Industrie, Ackerbau, Schiffahrt, die Interessen der industriellen Bourgeois mussten beständig unter diesem System gefährdet und beeinträchtigt werden. Wohlfeile Regierung, gouvernement à bon marché, hatte sie in den Julitagen auf ihre Fahne geschrieben.

Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über sämtliche organisierte öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sphären, vom Hofe bis zum Café Borgne [Bezichnung für verrufene Kaffehäuser und Kneipen in Paris] dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht, sich zu bereichern, nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtums, brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäss seine Befriedigung sucht, wo der Genuss crapuleux [ausschweifend] wird, wo Geld, Schmutz und Blut zusammenfliessen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.

Und die nicht herrschenden Fraktionen der französischen Bourgeoisie schrien Korruption! Das Volk schrie: À bas les grands voleurs! À bas les assassins! [Nieder mit den grossen Dieben! Nieder mit den Mördern!] als im Jahre 1847 auf den erhabensten Bühnen der bürgerlichen Gesellschaft dieselben Szenen öffentlich aufgeführt wurden, welche das Lumpenproletariat regelmässig in die Bordells, in die Armen- und Irrenhäuser, vor den Richter, in die Bagnos und auf das Schafott führen. Die industrielle Bourgeoisie sah ihre Interessen gefährdet, die kleine Bourgeoisie war moralisch entrüstet, die Volksphantasie war empört, Paris war von Pamphlets überflutet — „La dynastie Rothschild“, „Les juifs rois de l’époque“ [„Die Dynastie Rothschild“, „Die Juden — Könige unserer Zeit“] etc. — worin die Herrschaft der Finanzaristokratie mit mehr oder weniger Geist denunziert und gebrandmarkt wurde.

Rien pour la gloire! [Nichts für den Ruhm!] Der Ruhm bringt nichts ein! La paix partout et toujours! [Friede überall und immer!] Der Krieg drückt den Kurs der drei- und vierprozentigen! — hatte das Frankreich der Börsenjuden auf seine Fahne geschrieben. Seine auswärtige Politik verlor sich daher in eine Reihe von Kränkungen des französischen Nationalgefühls, das um so lebhafter auffuhr, als mit der Einverleibung Krakaus in Österreich der Raub an Polen vollendet wurde und Guizot im schweizerischen Sonderbundskrieg aktiv auf seiten der Heiligen Allianz trat. Der Sieg der Schweizer Liberalen in diesem Scheinkriege hob das Selbstgefühl der bürgerlichen Opposition in Frankreich, die blutige Erhebung des Volkes zu Palermo wirkte wie ein elektrischer Schlag auf die paralysierte Volksmasse und rief ihre grossen revolutionären Erinnerungen und Leidenschaften wach.2

Der Ausbruch des allgemeinen Missbehagens wurde endlich beschleunigt, die Verstimmung zur Revolte gereift durch zwei ökonomische Weltereignisse.

Die Kartoffelkrankheit und Missernten von 1845 und 1846 steigerten die allgemeine Gärung im Volke. Die Teuerung von 1847 rief in Frankreich wie auf dem übrigen Kontinente blutige Konflikte hervor. Gegenüber den schamlosen Orgien der Finanzaristokratie — der Kampf des Volkes um die ersten Lebensmittel! Zu Buzançais die Emeutiers des Hungers hingerichtet, zu Paris übersättigte Escrocs [Gauner] den Gerichten durch die königliche Familie entrissen!

Das zweite grosse ökonomische Ereignis, welches den Ausbruch der Revolution beschleunigte, war eine allgemeine Handels- und Industriekrise in England; schon Herbst 1845 angekündigt durch die massenhafte Niederlage der Eisenbahnaktien-Spekulaten, hingehalten während des Jahres 1846 durch eine Reihe von Inzidenzpunkten wie die bevorstehende Abschaffung der Kornzölle, eklatierte sie endlich Herbst 1847 in den Bankerotten der grossen Londoner Kolonialwarenhändler, denen die Falliten der Landbanken und das Schliessen der Fabriken in den englischen Industriebezirken auf dem Fusse nachfolgten. Noch war die Nachwirkung dieser Krise auf dem Kontinent nicht erschöpft, als die Februarrevolution ausbrach.

Die Verwüstung des Handels und der Industrie durch die ökonomische Epidemie machte die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie noch unerträglicher. In ganz Frankreich rief die oppositionelle Bourgeoisie die Bankettagitation für eine Wahlreform hervor, welche ihr die Majorität in den Kammern erobern und das Ministerium des Börse stürzen sollte. Zu Paris hatte die industrielle Krisis noch speziell die Folge, eine Masse Fabrikanten und Grosshändler, die auf dem auswärtigen Markte unter den gegenwärtigen Umständen keine Geschäfte mehr machen konnten, auf den inneren Handel zu werfen. Sie errichteten grosse Etablissements, deren Konkurrenz Épiciers und Boutiquiers [Krämer und Kleinhändler] massenhaft ruinierte. Daher eine Unzahl Falliten in diesem Teile der Pariser Bourgeoisie, daher ihr revolutionäres Auftreten im Februar. Es ist bekannt, wie Guizot und die Kammern die Reformvorschläge mit einer unzweideutigen Herausforderung beantworteten, wie Louis-Philippe sich zu spät zu einem Ministerium Barrot entschloss, wie es zum Handgemenge zwischen dem Volke und der Armee kam, wie die Armee durch die passive Haltung der Nationalgarde entwaffnet wurde, wie die Julimonarchie einer provisorischen Regierung den Platz räumen musste.

Die provisorische Regierung, die sich auf den Februarbarrikaden erhob, spiegelte in ihrer Zusammensetzung notwendig die verschiedenen Parteien ab, worunter sich der Sieg verteilte. Sie konnte nichts anderes sein als ein Kompromiss der verschiedenen Klassen, die gemeinsam den Julithron umgestürzt, deren Interessen sich aber feindlich gegenüberstanden. Ihre grosse Majorität bestand aus Vertretern der Bourgeoisie. Das republikanische Kleinbürgertum vertreten in Ledru-Rollin und Flocon, die republikanische Bourgeoisie in den Leuten vom National, die dynastische Opposition in Crémieux, Dupont de l‘Eure usw. Die Arbeiterklasse besass nur zwei Repräsentanten, Louis Blanc und Albert. Lamartine endlich in der provisorischen Regierung, das war zunächst kein wirkliches Interesse, keine bestimmte Klasse, das war die Februarrevolution selbst, die gemeinsame Erhebung mit ihren Illusionen, ihrer Poesie, ihrem eingebildeten Inhalt und ihrer Phrase. Übrigens gehörte der Wortführer der Februarrevolution, seiner Stellung wie seinen Ansichten nach, der Bourgeoisie an.

Wenn Paris infolge der politischen Zentralisation Frankreich beherrscht, beherrschen die Arbeiter in Augenblicken revolutionärer Erdbeben Paris. Der erste Lebensakt der provisorischen Regierung war der Versuch, sich diesem überwältigenden Einflusse zu entziehen durch einen Appell von dem trunkenen Paris an das nüchterne Frankreich. Lamartine bestritt den Barrikadenkämpfern das Recht, die Republik auszurufen, dazu sei nur die Majorität der Franzosen befugt; ihre Stimmgebung sei abzuwarten, das Pariser Proletariat dürfe seinen Sieg nicht beflecken durch eine Usurpation. Die Bourgeoisie erlaubte dem Proletariat nur eine Usurpation — die des Kampfes.

Um die Mittagsstunde des 25. Februar war die Republik noch nicht ausgerufen, waren dagegen sämtliche Ministerien schon verteilt unter die bürgerlichen Elemente der provisorischen Regierung und unter die Generale, Bankiers und Advokaten des National. Aber die Arbeiter waren entschlossen, diesmal keine ähnliche Eskamotage zu dulden wie im Juli 1830. Sie waren bereit, von neuem den Kampf aufzunehmen und die Republik durch Waffengewalt zu erzwingen. Mit dieser Botschaft begab sich Raspail auf das Hôtel de Ville: Im Namen des Pariser Proletariats befahl er der provisorischen Regierung, die Republik auszurufen.; sei dieser Befehl des Volkes im Laufe von zwei Stunden nicht vollstreckt, so werde er an der Spitze von 200‘000 Mann zurückkehren. Noch waren die Leichen der Gefallenen kaum erkaltet , die Barrikaden nicht weggeräumt, die Arbeiter nicht entwaffnet, und die einzige Macht, die man ihnen entgegenstellen konnte, war die Nationalgarde. Unter diesen Umständen verschwanden plötzlich die staatsklugen Bedenken und juristischen Gewissensskrupel der provisorischen Regierung. Die Frist von zwei Stunden war nicht abgelaufen, und schon prangten an allen Mauern von Paris die historischen Riesenworte:

République français ! Liberté, Egalité, Fraternité !

Mit der Proklamation der Republik auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts war selbst die Erinnerung an die beschränkten Zwecke und Motive ausgelöscht, welche die Bourgeoisie in die Februarrevolution gejagt hatten. Statt einer weniger Fraktionen des Bürgertums — sämtliche Klassen der französischen Gesellschaft plötzlich in den Kreis der politischen Macht hineingeschleudert, gezwungen, die Logen, das Parterre, die Galerie zu verlassen und in eigener Person auf der revolutionären Bühne mitzuspielen! Mit dem konstitutionellen Königtum auch der Schein einer eigenmächtig der bürgerlichen Gesellschaft gegenüberstehenden Staatsmacht verschwunden und die ganze Reihe von untergeordneten Kämpfen, welche diese Scheinmacht herausfordert!

Das Proletariat, indem es der provisorischen Regierung und durch die provisorische Regierung ganz Frankreich die Republik diktierte, trat sofort als selbständige Partei in den Vordergrund, aber es forderte zugleich das ganze bürgerliche Frankreich gegen sich in die Schranken. Was es eroberte, war das Terrain für den Kampf um seine revolutionäre Emanzipation, keineswegs diese Emanzipation selbst.

Die Februarrepublik musste zunächst vielmehr die Herrschaft der Bourgeoisie vervollständigen, indem sie neben der Finanzaristokratie sämtliche besitzenden Klassen in den Kreis der politischen Macht eintreten liess. Die Majorität der grossen Grundbesitzer, die Legitimisten wurden von der politischen Nichtigkeit emanzipiert, wozu die Julimonarchie sie verurteilt hatte. Nicht umsonst hatte die Gazette de France gemeinsam mit den Oppositionsblättern agitiert, nicht umsonst La Rochejaquelein in der Sitzung der Deputiertenkammer vom 24. Februar die Partei der Revolution ergriffen. Durch das allgemeine Wahlrecht wurden die nominellen Eigentümer, welche die grosse Majorität der Franzosen bilden, die Bauern, zu Schiedsrichtern über das Schicksal Frankreichs eingesetzt. Die Februarrepublik liess endlich die Bourgeoisherrschaft rein hervortreten, indem sie die Krone abschlug, hinter der sich das Kapital versteckt hielt.

Wie die Arbeiter in den Julitagen die bürgerliche Monarchie, hatten sie in den Februartagen die bürgerliche Republik erkämpft. Wie die Julimonarchie gezwungen war, sich anzukündigen als eine Monarchie, umgeben von republikanischen Institutionen, so die Februarrepublik als eine Republik, umgeben von sozialen Institutionen. Das Pariser Proletariat erzwang auch diese Konzession.

Marche, ein Arbeiter, diktierte das Dekret, worin die eben erst gebildete provisorische Regierung sich verpflichtete, die Existenz der Arbeiter durch die Arbeit sicherzustellen, allen Bürgern Arbeit zu verschaffen usw. Und als sie wenige Tage später ihre Verpflichtung vergass und aus den Augen verloren zu haben schien, marschierte eine Masse von 20‘000 Arbeitern auf das Hôtel de Ville mit dem Rufe: Organisation der Arbeit! Bildung eines eigenen Ministeriums der Arbeit! Widerstrebend und nach langen Debatten ernannte die provisorische Regierung eine permanente Spezialkommission, beauftragt, die Mittel zur Verbesserung der arbeitenden Klassen auszufinden! Diese Kommission wurde gebildet aus Delegierten der Pariser Handwerkskorpoationen und präsidiert von Louis Blanc und Albert. Das Luxembourg wurde ihr als Sitzungssaal angewiesen. So waren die Vertreter der Arbeiterklasse von dem Sitze der provisorischen Regierung verbannt, der bürgerliche Teil derselben behielt die wirkliche Staatsmacht und die Zügel der Verwaltung ausschliesslich in den Händen, und neben den Ministerien der Finanzen, des Handels, der öffentlichen Arbeiten, neben der Bank und der Börse erhob sich eine sozialistische Synagoge, deren Hohepriester, Louis Blanc und Albert, die Aufgabe hatten, das gelobte Land zu entdecken, das neue Evangelium zu verkünden und das Pariser Proletariat zu beschäftigen. Zum Unterschiede von jeder profanen Staatsmacht stand ihnen kein Budget, keine exekutive Gewalt zur Verfügung. Mit dem Kopfe sollten sie die Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft einrennen. Während das Luxembourg den Stein der Weisen suchte, schlug man im Hôtel de Ville die kurshabende Münze.

Und dennoch, die Ansprüche des Pariser Proletariats, soweit sie über die bürgerliche Republik hinausgingen, sie konnte keine andere Existent gewinnen als die nebelhafte des Luxembourg.

Gemeinsam mit der Bourgeoisie hatten die Arbeiter die Februarrevolution gemacht, neben der Bourgeoisie suchten sie ihre Interessen durchzusetzen, wie sie in der provisorischen Regierung selbst neben die bürgerliche Majorität einen Arbeiter installiert hatten. Organisation der Arbeit! Aber die Lohnarbeit, das ist die vorhandene bürgerliche Organisation der Arbeit. Ohne sie kein Kapital, keine Bourgeoisie, keine bürgerliche Gesellschaft. Ein eigenes Ministerium der Arbeit! Aber die Ministerien der Finanzen, des Handels, der öffentlichen Arbeiten, sind sie nicht die bürgerlichen Ministerien der Arbeit? Und neben ihnen ein proletarisches Ministerium des Arbeit, es musste ein Ministerium der Ohnmacht sein, ein Ministerium der frommen Wünsche, eine Kommission des Luxembourg. Wie die Arbeiter glaubten, neben der Bourgeoisie sich emanzipieren, so meinten sie, neben den übrigen Bourgeoisienationen innerhalb der nationalen Wände Frankreichs eine proletarische Revolution vollziehen zu können. Aber die französischen Produktionsverhältnisse sind bedingt durch den auswärtigen Handel Frankreichs, durch seine Stellung auf dem Weltmarkt und die Gesetze desselben; wie sollte Frankreich sie brechen ohne einen europäischen Revolutionskrieg, der auf den Despoten des Weltmarkts, England, zurückschlüge?

Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft konzentrieren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Tätigkeit: Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfnis des Kampfes gegebene Massregeln zu ergreifen; die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter. Sie stellt keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an. Die französische Arbeiterklasse befand sich aber nicht auf diesem Standpunkte, sie war noch unfähig, ihre eigene Revolution durchzuführen.

Die Entwicklung des industriellen Proletariats ist überhaupt bedingt durch die Entwicklung der industriellen Bourgeoisie. Unter ihrer Herrschaft gewinnt es erst die ausgedehnte nationale Existenz, die seine Revolution zu einer nationalen erheben kann, schafft es selbst erst die modernen Produktionsmittel, welche ebenso viele Mittel seiner revolutionären Befreiung werden. Ihre Herrschaft reisst erst die materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft aus und ebnet das Terrain, worauf allein eine proletarische Revolution möglich ist. Die französische Industrie ist ausgebildeter und die französische Bourgeoisie revolutionärer entwickelt als die des übrigen Kontinents. Aber die Februarrevolution, war sie nicht unmittelbar gegen die Finanzaristokratie gerichtet? Diese Tatsache bewies, dass die industrielle Bourgeoisie Frankreich nicht beherrschte. Die industrielle Bourgeoisie kann nur da herrschen, wo die moderne Industrie alle Eigentumsverhältnisse sich gemäss gestaltet, und nur da kann die Industrie diese Gewalt gewinnen, wo sie den Weltmarkt erobert hat, denn die nationalen Grenzen genügen ihrer Entwicklung nicht. Frankreichs Industrie aber, zum grossen Teil, behauptet selbst den nationalen Markt nur durch ein mehr oder minder modifiziertes Prohibitivsystem. Wenn das französische Proletariat daher in dem Augenblicke einer Revolution zu Paris eine faktische Gewalt und einen Einfluss besitzt, die es zu einem Anlaufe über seine Mittel hinaus anspornen, so ist es in dem übrigen Frankreich an einzelnen zerstreuten industriellen Zentralpunkten zusammengedrängt, fast verschwindend unter einer Überzahl von Bauern und Kleinbürgern. Der Kampf gegen das Kapital in seiner entwickelten modernen Form, in seinem Springpunkt, der Kampf des industriellen Lohnarbeiters gegen den industriellen Bourgeois ist in Frankreich ein partielles Faktum, das nach den Februartagen um so weniger den nationalen Inhalt der Revolution abgeben konnte, als der Kampf gegen die untergeordneten Exploitationsweisen des Kapitals, des Bauern gegen den Wucherer und die Hypotheke, des Kleinbürgers gegen den Grosshändler, Bankier und Fabrikanten, mit einem Worte, gegen den Bankerott, noch eingehüllt war in die allgemeine Erhebung gegen die Finanzaristokratie. Nichts erklärlicher also, als dass das Pariser Proletariat sein Interesse neben dem bürgerlichen durchzusetzen suchte, statt es als das revolutionäre Interesse der Gesellschaft selbst zur Geltung zu bringen, dass es die rote Fahne vor der trikoloren fallen liess. Die französischen Arbeiter konnten keinen Schritt vorwärts tun, kein Haar der bürgerlichen Ordnung krümmen, bevor der Gang der Revolution die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie stehende Masse der Nation, Bauern und Kleinbürger, nicht gegen diese Ordnung, gegen die Herrschaft des Kapitals empört, sie gezwungen hatte, sich den Proletariern als ihren Vorkämpfern anzuschliessen. Nur durch die ungeheure Niederlage im Juni konnten die Arbeiter diesen Sieg erkaufen.

Die Kommission des Luxembourg, diesem Geschöpfe der Pariser Arbeiter, bleibt das Verdienst, das Geheimnis der Revolution des neunzehnten Jahrhunderts von einer europäischen Tribüne herab verraten zu haben: die Emanzipation des Proletariat. Der Moniteur errötete, als er die „wilden Schwärmereien“ offiziell propagieren musste, die bisher vergraben lagen in den apokryphischen Schriften der Sozialisten und nur von Zeit zu Zeit als ferne, halb fürchterliche, halb lächerliche Sagen an das Ohr der Bourgeoisie anschlugen. Europa fuhr überrascht aus seinem bürgerlichen Halbschlummer auf. In der Idee der Proletarier also, welche die Finanzaristokratie mit der Bourgeoisie überhaupt verwechselten; in der Einbildung republikanischer Biedermänner, welche die Existenz selbst der Klassen leugneten oder höchstens als Folge der konstitutionellen Monarchie zugaben; in den heuchlerischen Phrasen der bisher von der Herrschaft ausgeschlossenen bürgerlichen Fraktionen war die Herrschaft der Bourgeoisie abgeschafft mit der Einführung der Republik. Alle Royalisten verwandelten sich damals in Republikaner und alle Millionäre von Paris in Arbeiter. Die Phrase, welche dieser eingebildeten Aufhebung der Klassenverhältnisse entsprach, war die fraternité, die allgemeine Verbrüderung und Brüderschaft. Diese gemütliche Abstraktion von den Klassengegensätzen, diese sentimentale Ausgleichung der sich widersprechenden Klasseninteressen, diese schwärmerische Erhebung über den Klassenkampf, die fraternité, sie war das eigentliche Stichwort der Februarrevolution. Die Klassen waren durch ein blosses Missverständnis gespalten und Lamartine taufte die provisorische Regierung am 24. Februar: „un gouvernement qui suspende ce malentendu terrible qui existe entre les différent classes“. [„eine Regierung, die dieses fürchterliche Missverständnis aufhebt, das zwischen den verschiedenen Klassen besteht“] Das Pariser Proletariat schwelgte in diesem grossmütigen Fraternitätsrausche.

Die provisorische Regierung ihrerseits, einmal gezwungen, die Republik zu proklamieren, tat alles, um sie der Bourgeoisie und den Provinzen annehm bar zu machen. Die blutigen Schrecken der ersten französischen Republik wurden desavouiert durch die Abschaffung der Todesstrafe für politische Verbrechen, die Presse wurde allen Meinungen freigegeben, die Armee, die Gerichte, die Administration blieben mit wenigen Ausnahmen in den Händen ihrer alten Würdenträger, keiner der grossen Schuldigen der Julimonarchie wurde zur Rechenschaft gezogen. Die bürgerlichen Republikaner des National amüsierten sich damit, monarchische Namen und Kostüme mit altrepublikanischen zu vertauschen. Für sie war die Republik nichts als ein neuer Ballanzug für die alte bürgerliche Gesellschaft. Ihr Hauptverdienst suchte die junge Republik darin, nicht abzuschrecken, vielmehr selbst beständig zu erschrecken und durch die weiche Nachgiebigkeit und Widerstandslosigkeit ihrer Existenz Existenz zu gewinnen und den Widerstand zu entwaffnen. Den privilegierten Klassen im Innern, den despotischen Mächten nach aussen wurde laut verkündet, die Republik sei friedfertiger Natur. Leben und leben lassen sei ihr Motto. Es kam hinzu, dass kurz nach der Februarrevolution Deutsche, Polen, Österreicher, Ungarn, Italiener, jedes Volk seiner unmittelbaren Situation gemäss revoltierte. Russland und England waren, letzteres selbst bewegt und das andere eingeschüchtert, nicht vorbereitet. Die Republik fand also vor sich keinen nationalen Feind. Also keine grossartigen auswärtigen Verwicklungen, welche die Tatkraft entzünden, den revolutionären Prozess beschleunigen, die provisorische Regierung vorwärtstreiben oder über Bord werfen konnten. Das Pariser Proletariat, das in der Republik seine eigene Schöpfung erblickte, akklamierte natürlich jedem Akt der provisorischen Regierung, der sie leichter in der bürgerlichen Gesellschaft Platz greifen liess. Von Caussidière liess es sich willig zu Polizeidiensten verwenden, um das Eigentum in Paris zu beschützen, wie es die Lohnzwiste zwischen Arbeitern und Meistern von Louis Blanc schlichten liess. Es war sein Point d’honneur, vor den Augen von Europa die bürgerliche Ehre der Republik unangetastet zu erhalten.

Die Republik fand keinen Widerstand, weder von aussen noch von innen. Damit war sie entwaffnet. Ihre Aufgabe bestand nicht mehr darin, die Welt revolutionär umzugestalten, sie bestand nur noch darin, sich den Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen. Mit welchem Fanatismus sich die provisorische Regierung dieser Aufgabe unterzog, dafür gibt es keine sprechenderen Zeugnisse als ihre finanziellen Massregeln.

Der öffentliche Kredit und der Privatkredit waren natürlich erschüttert. Der öffentliche Kredit beruhte auf dem Vertrauen, dass sich der Staat durch die Juden der Finanz exploitieren lässt. Aber der alte Staat war verschwunden, und die Revolution war vor allem gegen die Finanzaristokratie gerichtet. Die Schwingungen der letzten europäischen Handelskrise hatten noch nicht ausgeschlagen: Noch folgten Bankerotte auf Bankerotte.

Der Privatkredit war also paralysiert, die Zirkulation gehemmt, die Produktion gestockt, ehe die Februarrevolution ausbrach. Die revolutionäre Krise steigerte die kommerzielle. Und wenn der Privatkredit auf dem Vertrauen beruht, dass die bürgerliche Produktion in dem ganzen Umfange ihrer Verhältnisse, dass die bürgerliche Ordnung unangetastet und unantastbar ist, wie musste eine Revolution wirken, welche die Grundlage der bürgerlichen Produktion, die ökonomische Sklaverei des Proletariats in Frage stellte, welche der Börse gegenüber die Sphinx des Luxembourg aufrichtet? Die Erhebung des Proletariats, das ist die Abschaffung des bürgerlichen Kredits; denn es ist die Abschaffung der bürgerlichen Produktion und ihrer Ordnung. Der öffentliche Kredit und der Privatkredit sind der ökonomische Thermometer, woran man die Intensität einer Revolution messen kann. In demselben Grade, worin sie fallen, steigt die Glut und die Zeugungskraft der Revolution.

Die provisorische Regierung wollte der Republik den antibürgerlichen Schein abstreifen. Sie musste daher vor allem den Tauschwert dieser neuen Staatsform, ihren Kurs auf der Börse zu sichern suchen. Mit dem Preiskurant der Republik auf der Börse hob sich notwendig wieder der Privatkredit.

Um selbst den Verdacht zu beseitigen, als wolle oder könne sie den von der Monarchie übernommenem Verpflichtungen nicht nachkommen, um an die bürgerliche Moral und Zahlungsfähigkeit der Republik glauben zu machen, nahm die provisorische Regierung zu einer ebenso würdelosen als kindischen Renommage ihre Zuflucht. Vor dem gesetzlichen Zahlungstermin zahlte sie den Staatsgläubigern die Zinsen der 5%, 41/2%, 4% aus. Das bürgerliche Aplomb, das Selbstgefühl der Kapitalisten erwachte plötzlich, als sie die ängstliche Hast sahen, womit man ihr Vertrauen zu erkaufen suchte.

Die Geldverlegenheit der provisorischen Regierung verminderte sich natürlich nicht durch einen Theaterstreich, der sie des vorrätigen baren Geldes beraubte. Die Finanzklemme war nicht länger zu verbergen, und Kleinbürger, Dienstboten, Arbeiter mussten die angenehme Überraschung zahlen, welche man den Staatsgläubigern bereitet hatte.

Die Sparkassenbücher über den Betrag von 100 frs. hinaus wurden für nicht mehr in Geld einwechselbar erklärt. Die in den Sparkassen niedergelegten Summen wurden konfisziert und durch ein Dekret in eine nicht rückzahlbare Staatsschuld verwandelt. Damit wurde der ohnehin bedrängte Kleinbürger gegen die Republik erbittert. Indem er an die Stelle seiner Sparkassenbücher Staatsschuldscheine erhielt, wurde er gezwungen, auf die Börse zu gehen, um sie zu verkaufen und sich so direkt in die Hände der Börsenjuden zu liefern, gegen die er die Februarrevolution gemacht hatte.

Die Finanzaristokratie, welche unter der Julimonarchie herrschte, hatte ihre Hochkirche in der Bank. Wie die Börse den Staatskredit regiert, so die Bank den Handelskredit.

Durch die Februarrevolution direkt bedroht, nicht nur in ihrer Herrschaft, sondern in ihrer Existenz, suchte die Bank von vornherein die Republik zu diskreditieren, indem sie die Kreditlosigkeit allgemein machte. Den Bankiers, den Fabrikanten, den Kaufleuten kündigte sie plötzlich den Kredit auf. Dieses Manöver, indem es nicht sofort eine Kontrerevolution hervorrief, schlug notwendig auf die Bank selbst zurück. Die Kapitalisten zogen das Geld zurück, das sie in den Kellern der Bank niedergelegt hatten. Die Inhaber von Banknoten stürzten an ihre Kasse, um sie gegen Gold und Silber auszuwechseln.

Ohne gewaltsame Einmischung, auf legale Weise konnte die provisorische Regierung die Bank zum Bankerott zwingen; sie hatte sich nur passiv zu verhalten und die Bank ihrem Schicksale zu überlassen. Der Bankerott der Bank — das war die Sündflut, welche die Finanzaristokratie, die mächtigste und gefährlichste Feindin der Republik, das goldene Piedestal der Julimonarchie, in einem Nu von dem französischen Boden wegfegte. Und die Bank einmal bankerott, musste die Bourgeoisie selbst es als einen letzten verzweifelten Rettungsversuch betrachten, wenn die Regierung eine Nationalbank schuf und den nationalen Kredit der Kontrolle der Nation unterwarf.

Die provisorische Regierung gab dagegen den Noten der Bank Zwangskurs. Sie tat mehr. Sie verwandelte alle Provinzialbanken in Zweiginstitute der Banque de France und liess sie ihr Netz über ganz Frankreich auswerfen. Sie versetzte ihr später die Staatswaldungen als Garantie für eine Anleihe, die sie bei ihr kontrahierte. So befestigte und erweiterte die Februarrevolution unmittelbar die Bankokratie, die sie stürzen sollte.

Unterdessen krümmte sich die provisorische Regierung unter dem Alp eines wachsenden Defizits. Vergebens bettelte sie um patriotische Opfer. Nur die Arbeiter warfen ihr Almosen hin. Er musste zu einem heroischen Mittel geschritten werden, zur Ausschreibung einer neuen Steuer. Aber wen besteuern? Die Börsenwölfe, die Bankkönige, die Staatsgläubiger, die Rentiers, die Industriellen? Das war kein Mittel, die Republik bei der Bourgeoisie einzuschmeicheln. Das hiess von der einen Seite des Staatskredit und den Handelskredit gefährden, während man ihn von der anderen Seite mit so grossen Opfern und Demütigungen zu erkaufen suchte. Aber jemand musste blechen. Wer wurde dem bürgerlichen Kredit geopfert? Jacques le bonhomme, der Bauer.

Die provisorische Regierung schrieb eine Zusatzsteuer von 45 Centimes pro Franc auf die vier direkten Steuern aus. Dem Pariser Proletariat schwindelte die Regierungspresse vor, diese Steuer falle vorzugsweise auf das grosse Grundeigentum, auf die Inhaber der von der Restauration oktroyierten Milliarde. In der Wirklichkeit traf sie aber vor allem die Bauernklasse, d.h. die grosse Majorität des französischen Volkes. Sie mussten die Kosten der Februarrevolution zahlen, an ihnen gewann die Kontrerevolution ihr Hauptmaterial. Die 45-Centimes-Steuer, das war eine Lebensfrage für den französischen Bauer, er machte sie zur Lebensfrage für die Republik. Die Republik für den französischen Bauer, das war von diesem Augenblicke an die 45-Centimes-Steuer, und in dem Pariser Proletariat erblickte er den Verschwender, der sich auf seine Kosten gemütlich tat.

Während die Revolution von 1789 damit begann, den Bauern die Feudallasten abzuschütteln, kündigte sich die Revolution von 1848, um das Kapital nicht zu gefährden und seine Staatsmaschinerie im Gange zu halten, mit einer neuen Steuer bei der Landbevölkerung an.

Nur durch ein Mittel konnte die provisorische Regierung alle diese Ungelegenheiten beseitigen und den Staat aus seiner alten Bahn herausschleudern — durch die Erklärung des Staatsbankerotts. Man erinnert sich, wie Ledru-Rollin in der Nationalversammlung nachträglich die tugendhafte Entrüstung rezitierte, womit er diese Zumutung des Börsenjuden Fould, jetzigen französischen Finanzministers, von sich abwies. Fould hatte ihm den Apfel vom Baume der Erkenntnis gereicht.

Indem die provisorische Regierung die Wechsel anerkannte, welche die alte bürgerliche Gesellschaft auf den Staat gezogen hatte, war sie ihr verfallen. Sie war zum bedrängten Schuldner der bürgerlichen Gesellschaft geworden, statt ihr als drohender Gläubiger gegenüberzustehen, der vieljährige revolutionäre Schuldforderungen einzukassieren hatte. Sie musste die wankenden bürgerlichen Verhältnisse befestigen, um Verpflichtungen nachzukommen, die nur innerhalb dieser Verhältnisse zu erfüllen sind. Der Kredit ward zu ihrer Lebensbedingung und die Konzessionen an das Proletariat, die ihm gemachten Verheissungen, zu ebenso vielen Fesseln, die gesprengt werden mussten. Die Emanzipation der Arbeiter — selbst als Phrase — wurde zu einer unerträglichen Gefahr für die neue Republik, denn sie war eine beständige Protestation gegen die Herstellung des Kredits, der auf der ungestörten und ungetrübten Anerkennung der bestehenden ökonomischen Klassenverhältnisse beruhte. Es musste also mit den Arbeitern geendet werden.

Die Februarrevolution hatte die Armee aus Paris hinausgeworfen. Die Nationalgarde, d.h. die Bourgeoisie in ihren verschiedenen Abstufungen, bildete die einzige Macht. Allein fühlte sie sich indes dem Proletariat nicht gewachsen. Überdem war sie gezwungen, wenngleich nach dem zähesten Widerstande, hundert verschiedene Hindernisse entgegenhaltend, allmählich und bruchweise ihre Reihen zu öffnen und bewaffnete Proletarier in dieselben eintreten zu lassen. Es blieb also nur ein Ausweg übrig: einen Teil der Proletarier dem andren entgegenzustellen.

Zu diesem Zwecke bildete die provisorische Regierung 24 Bataillone Mobilgarden, jedes zu tausend Mann, aus jungen Leuten von 15 bis 20 Jahren. Sie gehörten grösstenteils dem Lumpenproletariat an, das in allen grossen Städten eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedende Masse bildet, ein Rekrutierplatz für Diebe und Verbrecher aller Art, von den Abfällen der Gesellschaft lebend, Leute ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, gens sans feu et sans aveu [dunkle Existenzen (Menschen ohne Heim und ohne gesellschaftliche Anerkennung)], verschieden nach dem Bildungsgrade der Nation, der sie angehören, nie den Lazzaronicharakter verleugnend; in dem jugendlichen Alter, worin die provisorische Regierung sie rekrutierte, durchaus bestimmbar, der grössten Heldentaten und der exaltiertesten Aufopferung fähig, wie der gemeinsten Banditenstreiche und der schmutzigsten Bestechlichkeit. Die provisorische Regierung zahlte ihnen pro Tag 1 fr. 50 cts., d.h., sie erkaufte sie. Sie gab ihnen eine eigene Uniform, d.h., sie unterschied sie äusserlich von der Bluse. Zu Führern wurden ihnen teils Offiziere aus dem stehenden Heere zugeordnet, teils wählten sie selbst junge Bourgeoissöhne, deren Rodomontaden vom Tode fürs Vaterland und Hingebung für die Republik bestachen.

So stand dem Pariser Proletariat eine aus seiner eigenen Mitte gezogene Armee von 24‘000 jugendlich kräftigen, tollkühnen Männern gegenüber. Es schrie der Mobilgarde auf ihren Zügen durch Paris Vivats! zu. Es erkannte in ihr seine Vorkämpfer auf den Barrikaden. Es betrachtete sie als die proletarische Garde im Gegensatze zur bürgerlichen Nationalgarde. Sein Irrtum war verzeihlich.

Neben der Mobilgarde beschloss die Regierung noch eine industrielle Arbeiterarmee um sich zu scharen. Hunderttausend durch die Krise und die Revolution auf das Pflaster geworfene Arbeiter einrollierte der Minister Marie in sogenannte Nationalateliers. Unter diesem prunkenden Namen versteckte sich nichts anderes als die Verwendung der Arbeiter zu langweiligen, eintönigen, unproduktiven Erdarbeiten für einen Arbeitslohn von 23 Sous. Englische workhouses im Freien — weiter waren diese Nationalateliers nichts. In ihnen glaubte die provisorische Regierung eine zweite proletarische Armee gegen die Arbeiter selbst gebildet zu haben. Diesmal irrte sich die Bourgeoisie in den Nationalateliers, wie sich die Arbeiter in der Nationalgarde irrten. Sie hatte eine Armee für die Emeute geschaffen.

Aber ein Zweck war erreicht.

Nationalateliers — das war der Name der Volkswerkstätten, die Louis Blanc im Luxembourg predigte. Die Ateliers Maries, im direkten Gegensatze zum Luxembourg entworfen, boten durch die gemeinsame Firma den Anlass zu einer Intrige der Irrungen, würdig der spanischen Bedientenkomödie. Die provisorische Regierung selbst verbreitete unter der Hand das Gerücht, diese Nationalateliers seien die Erfindung Louis Blanc, und es schien dies um so glaublicher, als Louis Blanc, der Prophet der Nationalateliers, Mitglied der provisorischen Regierung war. Und in der halb naiven, halb absichtlichen Verwechslung der Pariser Bourgeoisie, in der künstlich unterhaltenen Meinung Frankreichs, Europas waren jene workhouses die erste Verwirklichung des Sozialismus, der mit ihnen an den Pranger gestellt wurde.

Nicht durch ihren Inhalt, aber durch ihren Titel waren die Nationalateliers die verkörperte Protestation des Proletariats gegen die bürgerliche Industrie, den bürgerlichen Kredit und die bürgerliche Republik. Auf sie wälzte sich also der ganze Hass der Bourgeoisie. In ihnen hatte sie zugleich den Punkt gefunden, worauf sie den Angriff richten konnte, sobald sie genug erstarkt war, offen mit der Februarrevolution zu brechen. Alles Unbehagen, aller Missmut der Kleinbürger richtete sich gleichzeitig auf diese Nationalateliers, die gemeinsame Zielscheibe. Mit wahrem Grimme berechneten sie die Summen, welche die proletarischen Tagediebe verschlangen, während ihre eigene Lage täglich unerträglicher wurde. Eine Staatspension für eine Scheinarbeit, das ist der Sozialismus! knurrten sie in sich hinein. Die Nationalateliers, die Deklamationen des Luxembourg, die Züge der Arbeiter durch Paris — in ihnen suchten sie den Grund ihrer Misere. Und niemand fanatisierte sich mehr gegen die angeblichen Machinationen der Kommunisten als der Kleinbürger, der rettungslos am Abgrunde des Bankerotts schwebte.

So waren im bevorstehenden Handgemenge zwischen Bourgeoisie und Proletariat alle Vorteile, alle entscheidenden Posten, alle Mittelschichten der Gesellschaft in den Händen der Bourgeoisie zur selben Zeit, als die Wellen der Februarrevolution über den ganzen Kontinent hoch zusammenschlugen und jede neue Post ein neues Revolutionsbulletin brachte, bald aus Italien, bald aus Deutschland, bald aus dem fernsten Südosten von Europa, und den allgemeinen Taumel des Volkes unterhielt, ihm beständiges Zeugnisse eines Sieges bringend, den es schon verwirkt hatte.

Der 17. März und der 16. April waren die ersten Plänklergefechte in dem grossen Klassenkampfe, den die bürgerliche Republik unter ihren Fittichen verbarg.

Der 17. März offenbarte die zweideutige, keine entscheidende Tat zulassende Situation des Proletariats. Seine Demonstration bezweckte ursprünglich, die provisorische Regierung auf die Bahn der Revolution zurückzuwerfen, nach Umständen die Ausschliessung ihrer bürgerlichen Glieder zu bewirken und die Aufschiebung der Wahltage für die Nationalversammlung und die Nationalgarde zu erzwingen. Aber am 16. März machte die in der Nationalgarde vertretene Bourgeoisie eine der provisorischen Regierung feindselige Demonstration. Unter dem Rufe: À bas Ledru-Rollin! [Nieder mit Ledru-Rollin!] drang sie zum Hôtel de Ville. Und das Volk war gezwungen, am 17. März zu rufen: Es lebe Ledru-Rollin! Es lebe die provisorische Regierung! Es war gezwungen, gegen das Bürgertum die Partei der bürgerlichen Republik zu ergreifen, die ihm in Frage gestellt schien. Der 17. März verpuffte in eine melodramatische Szene, und wenn das Pariser Proletariat an diesem Tage noch einmal seinen Riesenleib zur Schau trug, war die Bourgeoisie innerhalb und ausserhalb der provisorischen Regierung um so entschlossener, ihn zu brechen.

Der 16. April war ein durch die provisorische Regierung mit der Bourgeoisie veranstaltetes Missverständnis. Die Arbeiter hatten sich zahlreich auf dem Marsfelde versammelt und im Hippodrom, um ihre Wahlen für den Generalstab der Nationalgarde vorzubereiten. Plötzlich verbreitete sich in ganz Paris, von einem Ende bis zum anderen, mit Blitzesschnelle das Gerücht, die Arbeiter hätten sich im Marsfeld bewaffnet versammelt, unter der Abführung Louis Blanc, Blanquis, Cabets und Raspails, um von da auf das Hôtel de Ville zu ziehen, die provisorische Regierung zu stürzen und eine kommunistische Regierung zu proklamieren. Der Generalmarsch wird geschlagen — Ledru-Rollin, Marrast, Lamartine machten sich später die Ehre seiner Initiative streitig — in einer Stunde stehen 100‘000 Mann unter den Waffen, das Hôtel e Ville ist an allen Punkten von Nationalgarden besetzt, der Ruf: Nieder mit den Kommunisten! Nieder mit Louis Blanc, mit Blanqui, mit Raspail, mit Cabet! donnerte durch ganz Paris, und der provisorischen Regierung wird von einer Unzahl Deputationen gehuldigt, alle bereit, das Vaterland und die Gesellschaft zu retten. Als die Arbeiter endlich vor dem Hôtel de Ville erscheinen, um der provisorischen Regierung eine patriotische Kollekte zu überreichen, die sie auf dem Marsfelde gesammelt hatten, erfahren sie zu ihrer Verwunderung, dass das bürgerliche Paris in einem höchst behutsam angelegten Scheinkampfe ihren Schatten geschlagen hat. Das furchtbare Attentat vom 16. April gab den Vorwand zur Zurückberufung der Armee nach Paris — der eigentliche Zweck der plump angelegten Komödie — und zu den reaktionären föderalistischen Demonstrationen der Provinzen.

Am 4. Mai trat die aus den direkten allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung zusammen. Das allgemeine Stimmrecht besass nicht die magische Kraft, welche ihm die Republikaner alten Schlages zugetraut hatten. In ganz Frankreich, wenigstens in der Majorität der Franzosen, erblickten sie Citoyens mit denselben Interessen, derselben Einsicht usw. Es war dies ihr Volkskultus. Statt ihres eingebildeten Volkes brachten die Wahlen das wirkliche Volk ans Tageslicht, d.h. Repräsentanten der verschiedenen Klassen, worin es zerfällt. Wir haben gesehen, warum Bauern und Kleinbürger unter der Leitung der kampflustigen Bourgeoisie und der restaurationswütigen grossen Grundeigentümer wählen mussten. Aber wenn das allgemeine Stimmrecht nicht die wundertätige Wünschelrute war, wofür republikanische Biedermänner es angesehen hatten, besass es das ungleich höhere Verdienst, den Klassenkampf zu entfesseln, die verschiedenen Mittelschichten der bürgerlichen Gesellschaft ihre Illusionen und Enttäuschungen rasch durchleben zu lassen, sämtliche Fraktionen der exploitierenden Klasse in einem Wurfe auf die Staatsbühne zu schleudern und ihnen so die trügerische Larve abzureissen, während die Monarchie mit ihrem Zensus nur bestimmte Fraktionen der Bourgeoisie sich kompromittieren und die anderen hinter den Kulissen im Versteck liess und sie mit dem Heiligenschein einer gemeinsamen Opposition umgab.

In der konstituierenden Nationalversammlung, die am 4. Mai zusammentrat, besassen die Bourgeoisrepublikaner, die Republikaner des National die Oberhand. Legitimisten und Orleanisten selbst wagten sich zunächst nur unter der Maske des bürgerlichen Republikanismus zu zeigen. Nur im Namen der Republik konnte der Kampf gegen das Proletariat aufgenommen werden.

Vom 4. Mai, nicht vom 25. Februar, datiert die Republik, d.h. die vom französischen Volke anerkannte Republik; es ist nicht die Republik, welche das Pariser Proletariat der provisorischen Regierung aufdrang, nicht die Republik mit sozialen Institutionen, nicht das Traumbild, das des Barrikadenkämpfern vorschwebte. Die von der Nationalversammlung proklamierte, die einzig legitime Republik, es ist die Republik, welche keine revolutionäre Waffe gegen die bürgerliche Ordnung, vielmehr ihre politische Rekonstitution, die politische Wiederbefestigung der bürgerlichen Gesellschaft ist, mit einem Worte: die bürgerliche Republik. Von der Tribüne der Nationalversammlung erscholl diese Behauptung, in der gesamten republikanischen und antirepublikanischen Bürgerpresse fand sie ihr Echo.

Und wie haben gesehen, wie die Februarrepublik wirklich nichts anderes war und sein konnte als eine bürgerliche Republik, wie aber die provisorische Regierung unter dem unmittelbaren Drucke des Proletariats gezwungen war, sie als eine Republik mit sozialen Institutionen anzukündigen, wie das Pariser Proletariat noch unfähig war, anders als in der Vorstellung, in der Einbildung über die bürgerliche Republik hinauszugehen, wie es überall in ihrem Dienste handelte, wo es wirklich zur Handlung kam, wie die ihm gemachten Verheissungen zur unerträglichen Gefahr für die neue Republik wurden, wie der ganze Lebensprozess der provisorischen Regierung sich in einen fortdauernden Kampf gegen die Forderungen des Proletariats zusammenfasste.

In der Nationalversammlung sass ganz Frankreich zu Gericht über das Pariser Proletariat. Sie brach sofort mit den sozialen Illusionen der Februarrevolution, sie proklamierte rundheraus die bürgerliche Republik, nichts als die bürgerliche Republik. Sofort schloss sie aus der von ihr ernannten Exekutivkommission die Vertreter des Proletariats aus: Louis Blanc und Albert; sie verwarf den Vorschlag eines besondern Arbeitsministeriums, sie empfing mit stürmischen Beifallsrufen die Erklärung des Ministers Trélat: „Es handelt sich nur noch darum, die Arbeit auf ihre alten Bedingungen zurückzuführen.“

Aber das alles genügte nicht. Die Februarrevolution war von den Arbeitern erkämpft unter dem passiven Beistande der Bourgeoisie. Die Proletarier betrachteten sich mit Recht als die Sieger des Februar, und sie machten die hochmütigen Ansprüche des Siegers. Sie mussten auf der Strasse besiegt, es musste ihnen gezeigt werden, dass sie unterlagen, sobald sie nicht mit der Bourgeoisie, sondern gegen die Bourgeoisie kämpften. Wie die Februarrepublik mit ihren sozialistischen Zugeständnissen einer Schlacht des mit der Bourgeoisie gegen das Königtum vereinten Proletariats bedurfte, so war eine zweite Schlacht nötig, um die Republik von den sozialistischen Zugeständnissen zu scheiden, um die bürgerliche Republik offiziell als die herrschende herauszuarbeiten. Mit den Waffen in der Hand musste die Bourgeoisie die Forderungen des Proletariats widerlegen. Und die wirkliche Geburtsstätte der bürgerlichen Republik, es ist nicht der Februarsieg, es ist die Juniniederlage.

Das Proletariat beschleunigte die Entscheidung, als es den 15. Mai in die Nationalversammlung drang, seinen revolutionären Einfluss erfolglos wiederzuerobern suchte und nur seine energischen Führer den Kerkermeistern der Bourgeoisie ausgeliefert hatte. Il faut en finir! Diese Situation muss endigen! In diesem Schrei machte die Nationalversammlung ihrem Entschlusse Luft, das Proletariat zum entscheidenden Kampfe zu zwingen. Die Exekutivkommission erliess eine Reihe herausfordernder Dekrete, wie das Verbot der Volkszusammenscharungen usw. Von der Tribüne der konstituierenden Nationalversammlung herab wurden die Arbeiter direkt provoziert, beschimpft, verhöhnt. Aber der eigentliche Angriffspunkt war, wie wir gesehen haben, in den Nationalateliers gegeben. Auf sie wies die konstituierende Versammlung gebieterisch die Exekutivkommission hin, die nur darauf harrte, ihren eigenen Plan als Gebot der Nationalversammlung ausgesprochen zu hören.

Die Exekutivkommission begann damit, den Zutritt in die Nationalateliers zu erschweren, den Taglohn in Stücklohn zu verwandeln, die nicht in Paris gebürtigen Arbeiter nach der Sologne, angeblich zur Ausführung von Erdarbeiten, zu verbannen. Diese Erdarbeiten waren nur eine rhetorische Formel, womit man ihre Verjagung beschönigte, wie die enttäuschten zurückkehrenden Arbeiter ihren Genossen verkündeten. Endlich am 21. Juni erschien ein Dekret im Moniteur, welches die gewaltsame Austreibung aller unverheirateten Arbeiter aus den Nationalateliers verordnete oder ihre Einrollierung in die Armee.

Es blieb den Arbeitern keine Wahl, sie mussten verhungern oder losschlagen. Sie antworteten am 22. Juni mit der ungeheuren Insurrektion, worin die erste grosse Schlacht geliefert wurde zwischen den beiden Klassen, welche die moderne Gesellschaft spalten. Es war der Kampf um die Erhaltung oder Vernichtung der bürgerlichen Ordnung. Der Schleier, der die Republik verhüllte, zerriss.

Es ist bekannt, wie die Arbeiter mit beispielloser Tapferkeit und Genialität, ohne Chefs, ohne gemeinsamen Plan, ohne Mittel, zum grössten Teil der Waffen entbehrend, die Armee, die Mobilgarde, die Pariser Nationalgarde und die aus der Provinz hinzuströmende Nationalgarde während fünf Tagen im Schach hielten. Es ist bekannt, wie die Bourgeoisie für die ausgestandene Todesangst sich in unerhörter Brutalität entschädigte und über 3‘000 Gefangene massakrierte.

So sehr waren die offiziellen Vertreter der französischen Demokratie in der republikanischen Ideologie befangen, dass sie erst einige Wochen später den Sinn des Junikampfes zu ahnen begannen. Sie waren wie betäubt von dem Pulverdampfe, worin ihre phantastische Republik zerrann.

Der unmittelbare Eindruck, den die Nachricht von der Juniniederlage auf uns hervorbrachte, der Leser wird uns erlauben, ihn mit den Worten der Neuen Rheinischen Zeitung zu schildern:

Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartines Leuchtkugeln haben sich verwandelt in die Brandraketen Cavaignacs. Die Fraternité, die Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, wovon die eine die andere exploitiert, die Fraternité, im Februar proklamiert, mit grossen Buchstaben auf die Stirne von Paris geschrieben, auf jedes Gefängnis, auf jede Kaserne — ihr wahrer, unverfälschter, ihr prosaischer Ausdruck, das ist der Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit flammte vor allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie illuminierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verächzte. Die Brüderlichkeit währte gerade so lange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem Interesse des Proletariats verbrüdert war. — Pedanten der alten revolutionären Überlieferung von 1793, sozialistische Systematiker, die bei der Bourgeoisie für das Volk bettelten und denen erlaubt worden wurde, lange Predigten zu halten und sich so lange zu kompromittieren, als der proletarische Löwe in Schlaf gelullt werden musste, Republikaner, welche die ganze alte bürgerliche Ordnung mit dem Abzug des gekrönten Kopfes verlangten, dynastische Oppositionelle, denen der Zufall an die Stelle eines Ministerwechsels den Sturz einer Dynastie unterschob, Legitimisten, welche die Livrée nicht abwerfen, sondern ihren Schnitt verändern wollten, das waren die Bundesgenossen, womit das Volk seinen Februar machte […] Die Februarrevolution war die schöne Revolution, die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das Königtum eklatierten, unentwickelt, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen hatte, die Existenz der Phrase, des Worts. Die Junirevolution ist die hässliche Revolution, die abstossende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die Sache getreten ist, weil die Republik das Haupt des Ungeheuers selbst entblösste, indem sie ihm die schirmende und versteckende Krone abschlug. — Ordnung! war der Schlachtruf Guizots. Ordnung! schrie Sébastiani, der Guizotin, als Warschau russisch wurde. Ordnung! schreit Cavaignac, das brutale Echo der französischen Nationalversammlung und der republikanischen Bourgeoisie. Ordnung! donnerten seine Kartätschen, als sie den Leib des Proletariats zerrissen. Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen Bourgeoisie seit 1789 war ein Attentat auf die Ordnung, denn sie liess die bürgerliche Ordnung bestehen, sooft auch die politische Form dieser Herrschaft und dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe über den Juni!“ (N. Rh. Z., 29. Juni 1848)

Wehe über den Juni! schallt das europäische Echo zurück.

Von der Bourgeoisie wurde das Pariser Proletariat zur Juniinsurrektion gezwungen. Schon darin lag sein Verdammungsurteil. Weder sein unmittelbares eingestandenes Bedürfnis trieb es dahin, den Sturz der Bourgeoisie gewaltsam erkämpfen zu wollen, noch war es dieser Aufgabe gewachsen. Der Moniteur musste ihm offiziell eröffnen. dass die Zeit vorüber, wo die Republik vor seinen Illusionen die Honneurs zu machen sich veranlasst sah, und erst seine Niederlage überzeugte es von der Wahrheit, dass die geringste Verbesserung seiner Lage eine Utopie bleibt innerhalb der bürgerlichen Republik, eine Utopie, die zum Verbrechen wird, sobald sie sich verwirklichen will. An die Stelle seiner, der Form nach überschwenglichen, dem Inhalte nach kleinlichen und selbst noch bürgerlichen Forderungen, deren Konzession es der Februarrepublik abdingen wollte, trat die kühne revolutionäre Kampfparole: Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse!

Indem das Proletariat seine Leichenstätte zur Geburtsstätte der bürgerlichen Republik machte, zwang es sie sogleich, in ihrer reinen Gestalt herauszutreten als der Staat, dessen eingestandener Zweck ist, die Herrschaft des Kapitals, die Sklaverei der Arbeit zu verewigen. Im steten Hinblicke auf den narbenvollen, unversöhnbaren, unbesiegbaren Feind — unbesiegbar, weil seine Existenz die Bedingung ihres eigenen Lebens ist — musste die von allen Fesseln befreite Bourgeoisherrschaft sofort in den Bourgeoisterrorismus umschlagen. Das Proletariat einstweilen von der Bühne beseitigt, die Bourgeoisdiktatur offiziell anerkannt, mussten die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft, Kleinbürgertum und Bauernklasse, in dem Masse, als ihre Lage unerträglicher und ihr Gegensatz gegen die Bourgeoisie schroffer wurde, mehr und mehr sich an das Proletariat anschliessen. Wie früher in seinem Aufschwunge, mussten sie jetzt in seiner Niederlage den Grund ihrer Misere finden.

Wenn die Juniinsurrektion überall auf dem Kontinent das Selbstgefühl der Bourgeoisie hob und sie offen in einen Bund mit dem feudalen Königtum gegen das Volk treten liess, wer war das erste Opfer diese Bundes? Die kontinentale Bourgeoisie selbst. Die Juniniederlage verhinderte sie, ihre Herrschaft zu befestigen und das Volk auf der untergeordnetsten Stufe der bürgerlichen Revolution halb befriedigt, halb verstimmt, stillstehn zu machen.

Endlich verriet die Juniniederlage den despotischen Mächten Europas das Geheimnis, dass Frankreich unter allen Bedingungen den Frieden nach aussen aufrechterhalten müsse, um den Bürgerkrieg nach innen führen zu können. So wurden die Völker, die den Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit begonnen hatten, der Übermacht Russlands, Österreichs und Preussens preisgegeben, aber gleichzeitig wurde das Schicksal dieser nationalen Revolutionen dem Schicksal der proletarischen Revolution unterworfen, ihrer scheinbaren Selbständigkeit, ihrer Unabhängigkeit von der grossen sozialen Umwälzung beraubt. Der Ungar soll nicht frei sein, nicht der Pole, nicht der Italiener, solange der Arbeiter Sklave bleibt!

Endlich nahm Europa durch die Siege der Heiligen Allianz eine Gestalt an, die jede neue proletarische Erhebung in Frankreich mit einem Weltkriege unmittelbar zusammenfallen lässt. Die neue französische Revolution ist gezwungen, sofort den nationalen Boden zu verlassen und das europäische Terrain zu erobern, auf dem allein die soziale Revolution des 19. Jahrhunderts sich durchführen kann.

Erst durch die Juniniederlage also wurden alle Bedingungen geschaffen, innerhalb deren Frankreich die Initiative der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das Blut der Juniinsurgenten getaucht, wurde die Trikolore zur Fahne der europäischen Revolution — zur roten Fahne!

Und wir rufen: Die Revolution ist tot! — Es lebe die Revolution!

2. DER 13. JUNI 1849
VOM JUNI 1848 BIS 13. JUNI 1849

Der 25. Februar 1848 hatte Frankreich die Republik oktroyiert, der 25. Juni drang ihm die Revolution auf. Und Revolution bedeutete nach dem Juni: Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft, während es vor dem Februar bedeutet hatte: Umwälzung der Staatsform.

Der Junikampf war durch die republikanische Fraktion der Bourgeoisie geleitet worden, mit dem Siege fiel ihr notwendigerweise die Staatsmacht anheim. Der Belagerungszustand legte ihr das geknebelte Paris widerstandslos vor die Füsse, und in den Provinzen herrschte ein moralische Belagerungszustand, der drohend brutale Siegesübermut der Bourgeoisie und der entfesselten Eigentumsfanatismus der Bauern. Von unten also keine Gefahr!

Mit der revolutionären Gewalt der Arbeiter zerbrach gleichzeitig der politische Einfluss der demokratischen Republikaner, d.h. der Republikaner im Sinne des Kleinbürgertums, vertreten in der Exekutivkommission durch Ledru-Rollin, in der konstituierenden Nationalversammlung durch die Partei der Montagne, in der Presse durch die Réforme. Gemeinsam mit den Bourgeoisrepublikanern hatten sie am 16. April konspiriert gegen das Proletariat, in den Junitagen es gemeinsam mit ihnen bekriegt. So sprengten sie selbst den Hintergrund, worauf ihre Partei sich als Macht abhob, denn nur solange kann das Kleinbürgertum eine revolutionäre Stellung gegen die Bourgeoisie behaupten, als das Proletariat hinter ihm steht. Sie wurde abgedankt. Die mit ihnen widerstrebend und hinterhaltig während der Epoche der provisorischen Regierung und der Exekutivkommission eingegangene Scheinallianz wurde offen von den Bourgeoisierepublikanern gebrochen. Als Bundesgenossen verschmäht und zurückgestossen, sanken sie zu untergeordneten Trabanten der Trikoloren herab, denen sie kein Zugeständnis abringen konnten, deren Herrschaft sie aber jedesmal unterstützen mussten, sooft dieselbe, und mit ihr die Republik, von den antirepublikanischen Bourgeoisiefraktionen in Frage gestellt schien. Diese Fraktionen endlich, Orleanisten und Legitimisten, befanden sich von vornherein in der konstituierenden Nationalversammlung in der Minorität. Vor den Junitagen wagten sie selbst nur unter der Maske des bürgerlichen Republikanismus zu reagieren, der Junisieg liess einen Augenblick des ganze bürgerliche Frankreich in Cavaignac seinen Heiland begrüssen, und als kurz nach den Junitagen die antirepublikanische Partei sich wieder verselbständigte, erlaubten ihr die Militärdiktatur und der Belagerungszustand von Paris, nur sehr schüchtern und vorsichtig die Fühlhörner auszustrecken.

Seit 1830 hatte sich die bourgeoisrepublikanische Fraktion in ihren Schriftstellern, ihren Wortführern, ihren Kapazitäten, ihren Ambitionen, ihren Deputierten, Generalen, Bankiers und Advokaten um ein Pariser Journal gruppiert, um den National. In den Provinzen besass er seine Filialzeitungen. Die Koterie des National, das war die Dynastie der trikoloren Republik. Sofort bemächtigten sie sich aller Staatswürden, der Ministerien, der Polizeipräfektur, der Postdirektion, der Präfektenstellen, der freigewordenen höheren Offiziersposten in der Armee. An der Spitze der Exekutivgewalt stand ihr General, Cavaignac; ihr Redakteur en chef, Marrast, wurde der permanente Präsident der konstituierenden Nationalversammlung. In seinen Salons machte er als Zeremonienmeister zugleich die Honneurs der honetten Republik.

Selbst revolutionäre französische Schriftsteller haben den Irrtum befestigt, aus einer Art Scheu vor der republikanischen Tradition, als hätten die Royalisten in der konstituierenden Nationalversammlung geherrscht. Die konstituierende Versammlung blieb vielmehr seit den Junitagen die ausschliessliche Vertreterin des Bourgeoisrepublikanismus, und um so entschiedener kehrte sie diese Seite hervor, je mehr der Einfluss der trikoloren Republikaner ausserhalb der Versammlung zusammenbrach. Galt es die Form der bürgerlichen Republik behaupten, so verfügte sie über die Stimmen der demokratischen Republikaner, galt es den Inhalt, so trennte selbst die Sprechweise sie nicht mehr von den royalistischen Bourgeoisfraktionen, denn die Interessen der Bourgeoisie, die materiellen Bedingungen ihrer Klassenherrschaft und Klassenexploitation bilden eben den Inhalt der bürgerlichen Republik.

Nicht der Royalismus also, der Bourgeoisrepublikanismus verwirklichte sich im Leben und in den Taten dieser konstituierenden Versammlung, die schliesslich nicht starb, auch nicht getötet wurde, sondern verfaulte.

Während der ganzen Dauer ihrer Herrschaft, solange sie im Proszenium die Haupt- und Staatsaktion spielte, wurde im Hintergrund ein ununterbrochenes Opferfest aufgeführt — die fortlaufende standrechtliche Verurteilung der gefangenen Juniinsurgenten oder ihre Deportation ohne Urteil. Die konstituierende Versammlung hatte den Takt, zu gestehen, dass sie in den Juniinsurgenten nicht Verbrecher richte, sondern Feinde ekrasiere.

Die erste Tat der konstituierenden Nationalversammlung war die Niedersetzung einer Untersuchungskommission über die Ereignisse des Juni und des 15. Mai und über die Beteiligung der sozialistischen und demokratischen Parteichefs an diesen Tagen. Die Untersuchung war direkt gerichtet gegen Louis Blanc, Ledru-Rollin und Caussidière. Die Bourgeoisierepublikaner brannten vor Ungeduld, sich dieser Rivalen zu entledigen. Die Durchführung ihrer Ranküne konnten sie keinem passenderen Subjekt anvertrauen als Herrn Odilon Barrot, dem ehemaligen Chef der dynastischen Opposition, dem leibgewordenen Liberalismus, der nullité grave [aufgeblasenen Null], der gründlichen Seichtigkeit, die nicht nur eine Dynastie zu rächen hatte, sondern sogar den Revolutionären Rechenschaft abzuverlangen für eine vereitelte Ministerpräsidentschaft. Sichere Garantie für seine Unerbittlichkeit. Dieser Barrot also wurde zum Präsidenten der Untersuchungskommission ernannt, und er konstruierte einen vollständigen Prozess gegen die Februarrevolution, der sich dahin zusammenfasst: 17. März Manifestation, 16. April Komplott, 15. Mai Attentat, 23. Juni Bürgerkrieg! Warum erstreckte er seine gelehrten und kriminalistischen Forschungen nicht bis zum 24. Februar? Das Journal des Débats antwortete: Der 24. Februar, das ist die Gründung Roms. Der Ursprung der Staaten verläuft sich in eine Mythe, an die man glauben, die man nicht diskutieren darf. Louis Blanc und Caussidière wurden den Gerichten preisgegeben. Die Nationalversammlung vervollständigte das Werk ihrer eigenen Säuberung, das sie am 15. Mai begonnen hatte.

Der von der provisorischen Regierung gefasste, von Goudchaux wiederaufgenommene Plan einer Besteuerung des Kapitals — in der Form einer Hypothekensteuer — wurde von der konstituierenden Versammlung verworfen, das Gesetz, welche die Arbeitszeit auf 10 Stunden beschränkte, abgeschafft, die Schuldhaft wieder eingeführt, von der Zulassung zu der Jury der grosse Teil der französischen Bevölkerung ausgeschlossen, der weder lesen noch schreiben kann. Warum nicht auch vom Stimmrecht? Die Kaution für die Journale wurde wieder eingeführt, das Assoziationsrecht beschränkt. –

Aber in ihrer Hast, den alten bürgerlichen Verhältnissen ihre alten Garantien wiederzugeben und jede Spur auszulöschen, welche die Revolutionswellen zurückgelassen hatten, stiessen die Bourgeoisrepublikaner auf einen Widerstand, der mit unerwarteter Gefahr drohte.

Niemand hatte fanatischer in den Junitagen gekämpft für die Rettung des Eigentums und die Wiederherstellung des Kredits, als die Pariser Kleinbürger — Caféwirte, Restauranten, marchands de vins [Schankwirte], kleine Kaufleute, Krämer, Professionisten usw. Die Boutique hatte sich aufgerafft und war gegen die Barrikade marschiert, um die Zirkulation herzustellen, die von der Strasse in die Boutique führt, Aber hinter der Barrikade standen die Kunden und die Schuldner, vor ihr die Gläubiger der Boutique. Und als die Barrikaden niedergeworfen und die Arbeiter ekrasiert waren und die Ladenhüter siegestrunken zu ihren Läden zurückstürzten, fanden sie den Eingang verbarrikadiert von einem Retter des Eigentums, einem offiziellen Agenten des Kredits, der ihnen die Drohbriefe entgegenhielt: Verfallener Wechsel! Verfallener Hauszins! Verfallender Schuldbrief! Verfallene Boutique! Verfallener Boutiquier!

Rettung des Eigentums! Aber das Haus, das sie bewohnten, war nicht ihr Eigentum; der Laden, den sie hüteten, war nicht ihr Eigentum; die Waren, die sie verhandelten, waren nicht ihr Eigentum. Nicht ihr Geschäft, nicht der Teller, woraus sie assen, nicht das Bett, worin sie schliefen, gehörte ihnen noch. Ihnen gegenüber galt es gerade, dies Eigentum zu retten für den Hausbesitzer, der das Haus verliehen, den Bankier, der den Wechsel diskontiert, den Kapitalisten, der die baren Vorschüsse gemacht, den Fabrikanten, der die Waren zum Verkaufe diesen Krämern anvertraut, den Grosshändler, der die Rohstoffe diesen Professionisten kreditiert hatte. Wiederherstellung des Kredits! Aber der wieder erstarkte Kredit bewährte sich eben als ein lebendiger und eifriger Gott, indem er den zahlungsunfähigen Schuldner aus seinen vier Mauern verjagte, mit Weib und Kind, seine Scheinhabe dem Kapital preisgab und ihn selbst in den Schuldturm warf, der sich über den Leichen der Juniinsurgenten drohend wieder aufgerichtet hatte.

Die Kleinbürger erkannten mit Schrecken, dass sie ihren Gläubigern sich widerstandslos in die Hände geliefert, indem sie die Arbeiter niedergeschlagen hatten. Ihr seit dem Februar chronisch sich hinschleppender und scheinbar ignorierter Bankerott wurde nach dem Juni offen erklärt.

Ihr nominelles Eigentum hatte man so lange unangefochten gelassen, als es galt, sie auf den Kampfplatz zu treiben, im Namen des Eigentums. Jetzt, nachdem die grosse Angelegenheit mit dem Proletariat geregelt war, konnte auch das kleine Geschäft mit dem Epiciér wieder geregelt werden. In Paris betrug die Masse der leidenden Papiere über 21 Millionen Francs, in den Provinzen über 11 Millionen. Geschäftliche Inhaber von mehr als 7‘000 Häusern hatten ihre Miete seit Februar nicht gezahlt.

Hatte die Nationalversammlung eine Enquête über die politische Schuld bis zu den Grenzen des Februar hinauf angestellt, so verlangten nun die Kleinbürger ihrerseits eine Enquête über die bürgerlichen Schulden bis zum 24. Februar. Sie versammelten sich massenhaft in der Börsenhalle und forderten drohend für jeden Kaufmann, der nachweisen könne, dass er nur durch die von der Revolution hervorgerufene Stockung fallit geworden und sein Geschäft am 24. Februar gut stand, Verlängerung des Zahlungstermins durch handelsgerichtliches Urteil und Nötigung des Gläubigers, für eine mässige Prozentzahlung seine Forderung zu liquidieren. Als Gesetzesvorlage wurde diese Frage in der Nationalversammlung verhandelt unter der Form der concordats à l’amiable“ [freundschaftlichen Verständigung“]. Die Versammlung schwankte; da erfuhr sie plötzlich, dass gleichzeitig an der Porte St.Denis Tausende von Frauen und Kindern der Insurgenten eine Amnestiepetition vorbereiteten.

In Gegenwart des wiedererstandenen Junigespenstes erzitterten die Kleinbürger und gewann die Versammlung ihre Unerbittlichkeit wieder. Die concordats à l‘amiable, die freundschaftliche Verständigung zwischen Gläubiger und Schuldner wurde in ihren wesentlichen Punkten verworfen.

Nachdem also längst innerhalb der Nationalversammlung die demokratischen Vertreter der Kleinbürger von den republikanischen Vertretern der Bourgeoisie zurückgestossen waren, erhielt dieser parlamentarische Bruch seinen bürgerlichen, reellen ökonomischen Sinn, indem die Kleinbürger als Schuldner den Bourgeois als Gläubigern preisgegeben wurden. Ein grosser Teil der ersteren wurde vollständig ruiniert und dem Rest nur gestattet, sein Geschäft fortzuführen unter Bedingungen, die ihn zum unbedingten Leibeigenen des Kapitals machten. Am 22. August 1848 verwarf die Nationalversammlung die concordats à l‘aimable, am 19. September 1848, mitten im Belagerungszustand, wurden der Prinz Louis Bonaparte und der Gefangene von Vincennes, der Kommunist Raspail, zu Repräsentanten von Paris gewählt. Die Bourgeoisie aber wählte den jüdischen Wechsler und Orleanisten Fould. Also von allen Seiten auf einmal offene Kriegserklärung gegen die konstituierende Nationalversammlung, gegen den Bourgeoisrepublikanismus, gegen Cavaignac.

Es bedarf keiner Ausführung, wie der massenhafte Bankerott der Pariser Kleinbürger seine Nachwirkungen weit über die unmittelbar Getroffenen fortwälzen und den bürgerlichen Verkehr abermals erschüttern musste, während das Staatsdefizit durch die Kosten der Juniinsurrektion von neuem anschwoll, die Staatseinnahme durch die aufgehaltene Produktion, den eingeschränkten Konsum und die abnehmende Einfuhr beständig sank. Cavaignac und die Nationalversammlung konnten zu keinem anderen Mittel ihre Zuflucht nehmen als zu einer neuen Anleihe, die sie noch tiefer in das Joch der Finanzaristokratie hineinzwängte.

Hatten die Kleinbürger als Frucht des Junisieges den Bankerott und die gerichtliche Liquidation geerntet, so fanden dagegen die Janitscharen Cavaignacs, die Mobilgarden, ihren Lohn in den weichen Armen der Loretten und empfingen sie, „die jugendlichen Retter der Gesellschaft“, Huldigungen aller Art in den Salons von Marrast, des gentilhomme [Ritters] der Trikolore, der zugleich den Amphitron und den Troubadour der honetten Republik abgab. Unterdessen erbitterte diese gesellschaftliche Bevorzugung und der ungleich höhere Sold der Mobilgarden die Armee, während gleichzeitig alle nationalen Illusionen verschwanden, womit der Bourgeoisrepublikanismus durch sein Journal, den National, einen Teil der Armee und der Bauernklasse unter Louis-Philippe an sich zu fesseln gewusst hatte. Die Vermittlungsrolle, welche Cavaignac und die Nationalversammlung in Norditalien spielten, um es gemeinsam mit England an Österreich zu verraten — dieser eine Tag der Herrschaft vernichtete achtzehn Oppositionsjahre des National. Keine Regierung weniger national als die des National, keine abhängiger von England, und unter Louis-Philippe lebte er von der täglichen Umschreibung des Catonischen: Carthaginem esse delendam [Karthago muss zerstört werden]; keine serviler gegen die Heilige Allianz, und von einem Guizot hatte er die Zerreissung der Wiener Verträge verlangt. Die geschichtliche Ironie machte Bastide, den Exredakteur der auswärtigen Angelegenheiten des National, zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, damit er jeden seiner Artikel durch jede seiner Depeschen widerlege.

Einen Augenblick hatten Armee und Bauernklasse geglaubt, mit der Militärdiktatur sei gleichzeitig der Krieg nach aussen und die „gloire“ auf die Tagesordnung Frankreichs gesetzt. Aber Cavaignac, das war nicht die Diktatur des Säbels über die bürgerliche Gesellschaft, das war die Diktatur der Bourgeoisie durch den Säbel. Und sie brauchten jetzt vom Soldaten nur noch den Gendarmen. Cavaignac verbarg unter den strengen Zügen antik-republikanischer Resignation die fade Unterwürfigkeit unter die demütigenden Bedingungen seines bürgerlichen Amtes. L‘argent n‘a pas de maître! Das Geld hat keinen Herrn! Diesen alten Wahlspruch des tiers-état [dritten Standes] idealisierte er, wie überhaupt die konstituierende Versammlung, indem sie ihn in die politische Sprache übersetzten: Die Bourgeoisie hat keinen König, die wahre Form ihrer Herrschaft ist die Republik.

Um diese Form ausarbeiten, eine republikanische Konstitution anfertigen, darin bestand das „grosse organische Werk“ der konstituierenden Nationalversammlung. Die Umtaufung des christlichen Kalenders in einen republikanischen, des heiligen Bartholomäus in den heiligen Robespierre, ändert nicht mehr an Wind und Wetter, als diese Konstitution an der bürgerlichen Gesellschaft veränderte oder verändern sollte. Wo sie über Kostümwechsel hinausging, nahm sie vorhandene Tatsachen zu Protokoll. So registrierte sie feierlich die Tatsache der Republik, die Tatsache des allgemeinen Stimmrechts, die Tatsache einer einzigen souveränen Nationalversammlung an der Stelle der zwei beschränkten konstitutionellen Kammern. So registrierte und regelte sie die Tatsache der Diktatur Cavaignacs, indem sie das stationäre, unverantwortliche Erbkönigtum durch ein ambulantes, verantwortliches Wahlkönigtum ersetzte, durch eine vierjährige Präsidentschaft. So erhob sie nicht minder zum konstituierenden Gesetz die Tatsache der ausserordentlichen Gewalt, womit die Nationalversammlung nach dem Schrecken des 15. Mai und des 25. Juni im Interesse der eigenen Sicherheit vorsorglich ihren Präsidenten bekleidet hatte. Der Rest der Konstitution war das Werk der Terminologie. Von dem Räderwerk der alten Monarchie wurden die royalistischen Etiketten abgerissen und republikanische aufgeklebt. Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des National, nunmehr Redakteur en chef der Konstitution, entledigte sich dieser akademischen Aufgabe nicht ohne Talent.

Die konstituierende Versammlung glich jenem chilenischen Beamten, der die Grundeigentumsverhältnisse durch eine Katastermessung fester regulieren wollte, in demselben Augenblick, wo der unterirdische Donner schon die vulkanische Eruption angekündigt hatte, die den Grund und Boden selbst unter seinen Füssen wegschleudern sollte. Während sie in der Theorie die Formen abzirkelte, worin die Herrschaft der Bourgeoisie republikanisch ausgedrückt wurde, behauptete sie sich in der Wirklichkeit nur durch die Aufhebung aller Formeln, durch die Gewalt sans phrase [ohne Beschönigung], durch den Belagerungszustand. Zwei Tage, bevor sie ihr Verfassungswerk begann, proklamierte sie seine Fortdauer. Verfassungen wurden früher gemacht und angenommen, sobald der gesellschaftliche Umwälzungsprozess an einem Ruhepunkte angelangt war, die neugebildeten Klassenverhältnisse sich befestigt hatten und die ringenden Fraktionen der herrschenden Klasse zu einem Kompromiss flüchteten, der ihnen erlaubte, den Kampf unter sich fortzusetzen und gleichzeitig die ermattete Volksmasse von demselben auszuschliessen. Dies Konstitution dagegen sanktionierte keine gesellschaftliche Revolution, sie sanktionierte den augenblicklichen Sieg der alten Gesellschaft über die Revolution.

In dem ersten Konstitutionsentwurf, verfasst vor den Junitagen, befand sich noch das droit au travail“, das Recht auf Arbeit, erste unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des Proletariats zusammenfassen. Es wurde verwandelt in das droit à l’assistance, in das Recht auf öffentliche Unterstützung, und welcher moderne Staat ernährt nicht in der einen oder andern Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem Rechte auf Arbeit steht die Gewalt über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses. Hinter dem Recht auf Arbeit“ stand die Juniinsurrektion. Die konstituierende Versammlung, welche das revolutionäre Proletariat faktisch hors la loi, ausserhalb des Gesetzes stellte, sie musste seine Formel prinzipiell aus der Konstitution, dem Gesetz der Gesetze, herauswerfen, ihr Anathem verhängen über das „Recht auf Arbeit“. Aber hier blieb sie nicht stehn. Wie Plato in seiner Republik die Poeten, verbannte sie aus der ihrigen auf ewige Zeiten — die Progressivsteuer. Und die Progressivsteuer ist nicht nur eine bürgerliche Massregel, ausführbar innerhalb der bestehenden Produktionsverhältnisse auf grösserer oder kleinerer Stufenleiter; sie war das einzige Mittel, die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft an die „honette“ Republik zu fesseln, die Staatsschuld zu reduzieren, der antirepublikanischen Majorität der Bourgeoisie Schach zu bieten.

Bei Gelegenheit des concordats à l‘amiable hatten die trikoloren Republikaner die kleine Bourgeoisie tatsächlich der grossen geopfert. Dies vereinzelte Faktum erhoben sie zum Prinzip durch die gesetzliche Interdiktion der Progressivsteuer. Sie setzten die bürgerliche Reform auf gleiche Stufe mit der proletarischen Revolution. Aber welche Klasse blieb dann als Halt ihrer Republik? Die grosse Bourgeoisie. Und deren Masse war antirepublikanisch. Wenn sie die Republikaner des National ausbeutete, um die alten ökonomischen Lebensverhältnisse wieder zu befestigen, so gedachte sie die wiederbefestigten gesellschaftlichen Verhältnisse andrerseits auszubeuten, um die ihnen entsprechenden politischen Formen wiederherzustellen. Schon Anfang Oktober sah Cavaignac sich gezwungen, Dufaure und Vivien, ehemalige Minister Louis-Philippes, zu Ministern der Republik zu machen, so sehr die kopflosen Puritaner seiner eigenen Partei grollten und polterten.

Während dir trikolore Konstitution jeden Kompromiss mit der kleinen Bourgeoisie verwarf und kein neues Element der Gesellschaft an die neue Staatsform zu fesseln wusste, beeilte sie sich dagegen, einem Korps, worin der alte Staat seine verbissensten und fanatischsten Verteidiger fand, die traditionelle Unantastbarkeit wiederzugeben. Sie erhob die von der provisorischen Regierung in Frage gestellte Unabsetzbarkeit der Richter zum konstituierenden Gesetz. Der eine König, den sie abgesetzt, erstand schockweise in diesen unabsetzbaren Inquisitoren der Legalität.

Die französische Presse hat vielseitig die Widersprüche der Konstitution des Herrn Marrast auseinandergesetzt, z.B. das Nebeneinanderstehen von zwei Souveränen, der Nationalversammlung und dem Präsidenten usw. usw.

Der umfassende Widerspruch aber dieser Konstitution besteht darin: Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie verewigen soll, Proletariat, Bauern, Kleinbürger, setzte sie durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und der Klasse, deren alte gesellschaftliche Macht sie sanktionierte, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garantien dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage stellen. Von den einen verlangt sie, dass sie von der politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, dass sie von der sozialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.

Wenig kümmerten diese Widersprüche die Bourgeoisrepublikaner. In demselben Masse, als sie aufhörten, unentbehrlich zu sein, und unentbehrlich waren sie nur als die Vorkämpfer der alten Gesellschaft gegen das revolutionäre Proletariat, wenige Wochen nach ihrem Siege, sanken sie von der Stellung einer Partei zu der einer Koterie herab. Und die Konstitution, sie behandelten sie als eine grosse Intrige. Was in ihr konstituiert werden sollte, war vor allem die Herrschaft der Koterie. Der Präsident sollte der verlängerte Cavaignac sein, die legislative Versammlung eine verlängerte Konstituante. Die politische Macht der Volksmassen hofften sie zur Scheinmacht herabsetzen und mit dieser Scheinmacht selbst hinreichend spielen zu können, um über die Majorität der Bourgeoisie fortdauernd das Dilemma der Junitage zu verhängen: Reich des National oder Reich der Anarchie.

Das am 4. September begonnene Verfassungswerk wurde am 23. Oktober beendet. Am 2. September hatte die Konstituante beschlossen, sich nicht aufzulösen, bis die organischen, die Konstitution ergänzenden Gesetze erlassen seien. Nichtsdestoweniger entschied sie sich nun, ihr eigenstes Geschöpf, den Präsidenten, schon am 10. Dezember ins Leben zu rufen, lange bevor der Kreislauf ihres eigenen Wirkens geschlossen war. So gewiss war sie, in dem Konstitutions-Homunkulus den Sohn seiner Mutter zu begrüssen. Zur Vorsorge war die Anstalt getroffen, dass, wenn keiner der Kandidaten zwei Millionen Stimmen zähle, die Wahl von der Nation auf die Konstituante übergehe.

Vergebliche Vorkehrungen! Der erste Tag der Verwirklichung der Konstitution war der letzte Tag der Herrschaft der Konstituante. Im Abgrunde der Wahlurne lag ihr Todesurteil. Sie suchte den „Sohn seiner Mutter“, und sie fand den „Neffen seines Onkels“. Saulus Cavaignac schlug eine Million Stimmen, aber David Napoleon schlug sechs Millionen. Sechsmal war Saulus Cavaignac geschlagen.

Der 10. Dezember 1848 war der Tag der Bauerninsurrektion. Erst von diesem Tage an datiert der Februar für die französischen Bauern. Das Symbol, das ihren Eintritt in die revolutionäre Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schurkisch-naiv, tölpelhaft-sublim, ein berechneter Aberglaube, eine pathetische Burleske, ein genial-alberner Anachronismus, eine weltgeschichtliche Eulenspiegelei, unentzifferbare Hieroglyphe für den Verstand der Zivilisierten — trug dies Symbol unverkennbar die Physiognomie der Klasse, welch innerhalb der Zivilisation die Barbarei vertritt. Die Republik hatte sich bei ihr angekündigt mit dem Steuerexekutor, sie kündigte sich bei der Republik an mit dem Kaiser. Napoleon war der einzige Mann, der die Interessen und die Phantasie der 1789 neugeschaffnen Bauernklasse erschöpfend vertreten hatte. Indem sie seinen Namen auf das Frontispiz der Republik schrieb, erklärte sie nach aussen den Krieg, nach innen die Geltendmachung ihres Klasseninteresses. Napoleon, das war für die Bauern keine Person, sondern ein Programm. Mit Fahnen, mit klingendem Spiel zogen sie auf die Wahlstätte unter dem Rufe: plus d’impôts, à bas les riches, à bas le République, vive l‘Empereur, Keine Steuern mehr, nieder mit den Reichen, nieder mit der Republik, es lebe der Kaiser! Hinter dem Kaiser verbarg sich der Bauernkrieg. Die Republik, die sie niedervotierte, es war die Republik der Reichen.

Der 10. Dezember war der coup d‘état [Staatsstreich] der Bauern, der die bestehende Regierung stürzte. Und von diesem Tage an, wo sie Frankreich eine Regierung genommen, eine Regierung gegeben hatten, war ihr Auge unverrückt auf Paris gerichtet. Einen Augenblick aktive Helden des revolutionären Dramas, konnten sie nicht mehr in die tat- und willenlose Rolle des Chors zurückgedrängt werden.

Die übrigen Klassen trugen bei, den Wahlsieg der Bauern zu vervollständigen. Die Wahl Napoleons, sie war für das Proletariat die Absetzung Cavaignacs, der Sturz der Konstituante, die Abdankung des Bourgeoisrepublikanismus, die Kassation des Junisiegs. Für die kleine Bourgeoisie war Napoleon die Herrschaft des Schuldners über den Gläubiger. Für die Majorität der grossen Bourgeoisie war die Wahl Napoleons der offene Bruch mit der Fraktion, deren sie sich einen Augenblick gegen die Revolution bedienen musste, die ihr aber unerträglich wurde, sobald sie die Stellung des Augenblicks als konstitutionelle Stellung zu befestigen suchte. Napoleon an der Stelle Cavaignacs, es war für sie die Monarchie an der Stelle der Republik, der Beginn der royalistischen Restauration, der schüchtern angedeutete Orléans, die unter Veilchen versteckte Lilie. Die Armee endlich stimmte in Napoleon gegen die Mobilgarde, gegen die Friedensidylle, für den Krieg.

So geschah es, wie die Neue Rheinische Zeitung sagte, dass der einfältigste Mann Frankreichs die vielfältigste Bedeutung erhielt. Eben weil er nichts war, konnte er alles bedeuten, nur nicht sich selbst. So verschieden indessen der Sinn des Namens Napoleon im Munde der verschiedenen Klassen sein mochte, jede schrieb mit diesem Namen auf ihr Bulletin: Nieder mit der Partei des National, nieder mit Cavaignac, nieder mit der Konstituante, nieder mit der Bourgeoisrepublik. Der Minister Dufaure erklärte es öffentlich in der konstituierenden Versammlung: Der 10. Dezember ist ein zweiter 24. Februar.

Kleinbürgerschaft und Proletariat hatten en bloc [geschlossen] für Napoleon gestimmt, um gegen Cavaignac zu stimmen und durch Zusammenhalten der Stimmen der Konstituante die schliessliche Entscheidung zu entreissen. Indes stellte der fortgeschrittenste Teil beider Klassen seine eigenen Kandidaten auf. Napoleon war der Kollektivname aller gegen die Bourgeoisie koalisierten Parteien, Ledru-Rollin und Raspail waren die Eigennamen, jener der demokratischen Kleinbürgerschaft, dieser des revolutionären Proletariats. Die Stimmen für Raspail — die Proletarier und ihre sozialistischen Wortführer erklärten es laut — sollten eine blosse Demonstration sein, ebenso viele Proteste gegen jede Präsidentur, d.h. gegen die Konstitution selbst, ebenso viele Stimmen gegen Ledru-Rollin, der erste Akt, wodurch das Proletariat sich als selbständige politische Partei von der demokratischen Partei lossagte. Diese Partei dagegen — die demokratische Kleinbürgerschaft und ihr parlamentarischer Repräsentant, die Montagne — behandelten die Kandidatur Ledru-Rollins mit all dem Ernste, womit sie sich selbst zu düpieren die feierliche Angewohnheit haben. Es war dies übrigens ihr letzter Versuch, sich als selbständige Partei dem Proletariat gegenüber aufzuwerfen. Nicht nur die republikanische Bourgeoispartei, auch die demokratische Kleinbürgerschaft und ihre Montagne wurden am 10. Dezember geschlagen.

Frankreich besass jetzt neben einer Montagne einen Napoleon, Beweis, dass beide nur die leblosen Zerrbilder der grossen Wirklichkeiten waren, deren Namen sie trugen. Louis-Napoleon mit dem Kaiserhut und dem Adler parodierte nicht elender den alten Napoleon, als die Montagne mit ihren 1793 entlehnten Phrasen und ihren demagogischen Posen die alte Montagne parodierte. Der traditionelle Aberglaube an 1793 wurde so gleichzeitig abgestreift mit dem traditionellen Aberglauben an Napoleon. Die Revolution war erst bei sich selbst angelangt, sobald sie ihren eigenen, originellen Namen gewonnen hatte, und das konnte sie nur, sobald die moderne revolutionäre Klasse, das industrielle Proletariat, herrschend in den Vordergrund trat. Man kann sagen, dass der 10. Dezember die Montagne schon darum verblüffte und an ihrem eigenen Verstand irre werden liess, weil er die klassische Analogie mit der alten Revolution durch einen schnöden Bauernwitz lachend abbrach.

Am 20. Dezember legte Cavaignac sein Amt nieder, und die konstituierende Versammlung proklamierte Louis-Napoleon als Präsidenten der Republik. Am 19. Dezember, dem letzten Tag ihrer Alleinherrschaft, verwarf sie den Antrag auf eine Amnestie der Juniinsurgenten. Das Dekret vom 27. Juni widerrufen, wodurch sie 15.000 Insurgenten mit Umgehung des richterlichen Urteils zur Deportation verdammt hatte, hiess es nicht die Junischlacht selbst widerrufen?

Odilon Barrot, der letzte Minister Louis-Philippes, wurde der erste Minister Louis-Napoleons. Wie Louis-Napoleon den Tag seiner Herrschaft nicht vom 10. Dezember datierte, sondern von einem Senatus-Konsult von 1804, so fand er einen Ministerpräsidenten, der sein Ministerium nicht vom 20. Dezember datierte, sondern von einem Königlichen Dekret vom 24. Februar. Als legitimer Erbe Louis-Philippes milderte Louis-Napoleon den Regierungswechsel durch Beibehaltung des alten Ministeriums, das zudem keine Zeit gewonnen hatte, sich abzunutzen, weil es keine Zeit gefunden hatte, ins Leben zu treten.

Die Chefs der royalistischen Bourgeoisiefraktionen rieten ihm zu dieser Wahl. Das Haupt der alten dynastischen Opposition, das bewusstlos den Übergang zu den Republikanern des National gebildet hatte, war noch geeigneter, mit vollem Bewusstsein den Übergang von der Bourgeoisrepublik zur Monarchie zu bilden.

Odilon Barrot war der Chef der einzigen alten Oppositionspartei, die, immer vergeblich nach dem Ministerportefeuille ringend, sich noch nicht verschlissen hatte. In rascher Aufeinanderfolge schleuderte die Revolution alle alten Oppositionsparteien auf die Staatshöhe, damit sie nicht nur in der Tat, sondern mit der Phrase selbst ihre alten Phrasen verleugnen, widerrufen mussten und schliesslich, in einem widerlichen Mischkörper vereint, allzumal von dem Volke auf den Schindanger der Geschichte geschleudert würden. Und keine Apostasie wurde diesem Barrot erspart, dieser Inkorporation des bürgerlichen Liberalismus, der achtzehn Jahre hindurch die schuftige Hohlheit seines Geistes unter ein ernsttuendes Benehmen seines Körpers versteckt hatte. Wenn in einzelnen Momenten der gar zu stechende Kontrast zwischen den Disteln der Gegenwart und den Lorbeeren der Vergangenheit ihn selbst aufschreckte, gab ein Blick in den Spiegel die ministerielle Fassung und die menschliche Selbstbewunderung zurück. Was ihm aus dem Spiegel entgegenstrahlte, war Guizot, den er stets beneidet, der ihn stets gemeistert hatte, Guizot selbst, aber Guizot mit der olympischen Stirne Odilons. Was er übersah, waren die Midasohren.

Der Barrot vom 24. Februar wurde erst offenbar in dem Barrot vom 20. Dezember. Ihm, dem Orleanisten und Voltairianer, gesellte sich als Kultusminister bei — der Legitimist und Jesuit Falloux.

Wenige Tage später wurde das Ministerium des Innern an Léon Faucher, den Mathusianer überwiesen. Das Recht, die Religion, die politische Ökonomie! Das Ministerium Barrot erhielt alles dies und zudem eine Vereinigung der Legitimisten und der Orleanisten. Nur der Bonapartist fehlte. Noch versteckte Bonaparte das Gelüste, den Napoleon zu bedeuten, denn Soulouque spielte noch nicht den Toussaint-Louverture.

Sofort wurde die Partei des National ausgehoben aus allen höheren Posten, worin sie sich eingenistet. Polizeipräfektur, Postdirektion, Generalprokuratur, Mairie von Paris, alles wurde mit alten Kreaturen der Monarchie besetzt. Changarnier, der Legitimist, erhielt das vereinigte Oberkommando der Nationalgarde des Seine-Depatements, der Mobilgarde und der Linientruppen der ersten Militärdivision; Bugeaud, der Orleanist, wurde zum Oberbefehlshaber der Alpenarmee ernannt. Dieser Beamtenwechsel dauerte ununterbrochen fort unter der Regierung Barrot. Der erste Akt seines Ministeriums war die Restauration der alten royalistischen Administration. In einem Nu verwandelte sich die offizielle Szene — Kulissen, Kostüme, Sprache, Schauspieler, Figuranten, Statisten, Souffleure, Stellung der Parteien, Motive des Dramas, Inhalt der Kollision, die gesamte Situation. Nur die vorweltliche konstituierende Versammlung befand sich noch auf ihrem Platz. Aber von der Stunde, wo die Nationalversammlung den Bonaparte, wo Bonaparte den Barrot, wo Barrot den Changarnier installiert hatte, trat Frankreich aus der Periode der republikanischen Konstituierung in die Perioden der konstituierten Republik. Und in der konstituierten Republik, was sollte eine konstituierende Versammlung? Nachdem die Erde geschaffen war, blieb ihrem Schöpfer nichts übrig, als in den Himmel zu flüchten. Die konstituierende Versammlung war entschlossen, nicht seinem Beispiele zu folgen, die Nationalversammlung war das letzte Asyl der Partei der Bourgeoisrepublikaner. Wenn ihr alle Handhaben der exekutiven Gewalt entrissen waren, blieb ihr nicht die konstituierende Allmacht? Den souveränen Posten, den sie innehatte, unter allen Umständen behaupten und von hier aus das verlorene Terrain wiedererobern, es war ihr erster Gedanke. Das Ministerium Barrot durch ein Ministerium des National verdrängt, und das royalistische Personal musste sofort die Paläste der Administration räumen, und das trikolore Personal zog triumphierend wieder ein. Die Nationalversammlung beschloss den Sturz des Ministeriums, und das Ministerium selbst bot eine Gelegenheit des Angriffs, wie die Konstituante sie nicht passender erfinden konnte.

Man erinnert sich, dass Louis Bonaparte für die Bauern bedeutete: Keine Steuern mehr! Sechs Tage sass er auf dem Präsidentenstuhl, und am siebenten Tage, am 27. Dezember, schlug sein Ministerium die Beibehaltung der Salzsteuer vor, deren Abschaffung die provisorische Regierung dekretiert hatte. Die Salzsteuer teilt mit der Weinsteuer das Privilegium, der Sündenbock des alten französischen Finanzsystems zu sein, besonders in den Augen des Landvolkes. Dem Auserwählten der Bauern konnte das Ministerium Barrot kein beissenderes Epigramm auf seine Wähler in den Mund legen als die Worte: Wiederherstellung der Salzsteuer! Mit der Salzsteuer verlor Bonaparte sein revolutionäres Salz — der Napoleon der Bauerninsurrektion zerrann wie ein Nebelbild, und es blieb nichts zurück als der grosse Unbekannte der royalistischen Bourgeoisintrige. Und nicht ohne Absicht machte das Ministerium Barrot diesen Akt taktlos grober Enttäuschung zum ersten Regierungsakt des Präsidenten.

Die Konstituante ihrerseits ergriff begierig die doppelte Gelegenheit, das Ministerium zu stürzen und dem Erwählten der Bauern gegenüber sich als Vertreterin des Bauerninteresses aufzuwerfen. Sie verwarf den Vorschlag des Finanzministers, reduzierte die Salzsteuer auf ein Drittel ihres früheren Betrages, vermehrte so um 60 Millionen ein Staatsdefizit von 560 Millionen und erwartete nach diesem Misstrauensvotum ruhig den Abtritt des Ministeriums. So wenig begriff sie die neue Welt, von der sie umgeben war, und die eigene veränderte Stellung. Hinter dem Ministerium stand der Präsident, und hinter dem Präsidenten standen 6 Millionen, die ebenso viele Misstrauensvota gegen die Konstituante in die Wahlurne niedergelegt hatten. Die Konstituante gab der Nation ihr Misstrauensvotum zurück. Lächerlicher Austausch! Sie vergass, dass ihre Vota den Zwangskurs verloren hatten. Die Verwerfung der Salzsteuer reifte nur den Entschluss Bonapartes und seines Ministeriums, mit der konstituierende Versammlung zu enden“. Jenes lange Duell begann, das die ganze letzte Lebenshälfte der Konstituante ausfüllt. Der 29. Januar, der 21. März, der 8. Mai sind die journées, die grossen Tage dieser Krise, ebenso viele Vorläufer des 13. Juni.

Die Franzosen, z.B. Louis Blanc, haben den 29. Januar als das Heraustreten eines konstitutionellen Widerspruchs aufgefasst, des Widerspruchs zwischen einer souveränen, unauflösbaren, aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen Nationalversammlung und einem Präsidenten, dem Wortlaut nach ihr verantwortlich, der Wirklichkeit nach nicht nur ebenfalls sanktioniert durch das allgemeine Stimmrecht und zudem in seiner Person alle Stimmen vereinigend, die sich auf die einzelnen Mitglieder der Versammlung verteilen und hundertfach zersplittern, sondern auch im Vollbesitz der ganzen exekutiven Gewalt, über welcher die Nationalversammlung nur als moralische Macht schwebt. Diese Auslegung des 29. Januar verwechselt die Sprache des Kampfes auf der Tribüne, durch die Presse, in den Klubs mit seinem wirklichen Inhalt. Louis Bonaparte gegenüber der konstituierenden Nationalversammlung, das war nicht die vollziehende Gewalt gegenüber der gesetzgebenden, das war die konstituierte Bourgeoisrepublik selbst gegenüber den Werkzeugen ihrer Konstituierung, gegenüber den ehrsüchtigen Intrigen und den ideologischen Forderungen der revolutionären Bourgeoisfraktion, welche sie begründet hatte und nun verwundert fand, dass ihre konstituierte Republik wie eine restaurierte Monarchie aussah, und nun gewaltsam die konstituierende Periode mit ihren Bedingungen, ihren Illusionen, ihrer Sprache und ihren Personen festhalten und die reife Bourgeoisrepublik verhindern wollte, in ihrer vollständigen und eigentümlichen Gestalt herauszutreten. Wie die konstituierende Nationalversammlung den in sie zurückgefallenen Cavaignac vertrat, so Bonaparte die noch nicht von ihm losgeschiedene gesetzgebende Nationalversammlung, d.h. die Nationalversammlung der konstituierten Bourgeoisrepublik.

Die Wahl Bonapartes konnte sich erst auslegen, indem sie an die Stelle des einen Namens seine vielsinnigen Bedeutungen setzte, indem sie sich wiederholte in der Wahl der neuen Nationalversammlung. Das Mandat der alten hatte der 10. Dezember kassiert. Was sich also am 29. Januar gegenübertrat, das waren nicht der Präsident und die Nationalversammlung derselben Republik, das war die Nationalversammlung der werdenden Republik und der Präsident der gewordenen Republik, zwei Mächte, die ganz verschiedene Perioden des Lebensprozesses der Republik verkörperten, das war die kleine republikanische Fraktion der Bourgeoisie, welche allein die Republik proklamieren, sie dem revolutionären Proletariat durch den Strassenkampf und durch die Schreckensherrschaft abringen und in der Konstitution ihre idealen Grundzüge entwerfen konnte, und andererseits die ganze royalistische Masse der Bourgeoisie, welche allein in dieser konstituierten Bourgeoisrepublik herrschen, der Konstitution ihre ideologischen Zutaten abstreifen und die unumgänglichen Bedingungen zur Unterjochung des Proletariats durch ihre Gesetzgebung und durch ihre Administration verwirklichen konnte.

Das Ungewitter, das sich am 29. Januar entlud, sammelte seine Elemente während des ganzen Monats Januar. Die Konstituante wollte durch ihr Misstrauensvotum das Ministerium Barrot zur Abdankung treiben. Das Ministerium Barrot schlug dagegen der Konstituante vor, sich selbst ein definitives Misstrauensvotum zu geben, ihren Selbstmord zu beschliessen, ihre eigene Auflösung zu dekretieren. Rateau, einer der obskursten Deputierten, stellte der Konstituante, auf Befehl des Ministeriums, am 6. Januar diesen Antrag, derselben Konstituante, die schon im August beschlossen hatte, sich nicht aufzulösen, bis sie eine ganze Reihe organischer, die Konstitution ergänzender Gesetze erlassen hätte. Der ministerielle Fould erklärte ihr geradezu, ihre Auflösung sei nötig zur Wiederherstellung des gestörten Kredits“. Und störte sie nicht den Kredit, indem sie das Provisorium verlängerte und mit Barrot den Bonaparte und mit Bonaparte die konstituierte Republik wieder in Frage stellte? Barrot, der Olympische, zum rasenden Roland geworden durch die Aussicht, die endlich erhaschte Ministerpräsidentschaft, die ihm die Republikaner schon einmal um ein Dezennium, d.h. um zehn Monate vertagt hatten, nach kaum zweiwöchentlichem Genusse sich wieder entrissen zu sehen, Barrot übertyrranisierte dieser elenden Versammlung gegenüber den Tyrannen. Das mildeste seiner Worte war, „mit ihr sein keine Zukunft möglich“. Und wirklich, sie vertrat nur noch die Vergangenheit. „Sie sei unfähig“, fügte er ironisch hinzu, „die Republik mit den Institutionen zu umgeben, die zu ihrer Befestigung nötig seien.“ Und in der Tat! Mit dem ausschliesslichen Gegensatz gegen das Proletariat war gleichzeitig ihre Bourgeoisenergie gebrochen, und mit dem Gegensatz gegen die Royalisten ihre republikanische Überschwenglichkeit neu aufgelebt. So war sie doppelt unfähig, die Bourgeoisrepublik, die sie nicht mehr begriff, durch die entsprechenden Institutionen zu befestigen.

Mit dem Vorschlag Rateaus beschwor das Ministerium gleichzeitig einen Petitonssturm im ganzen Lande herauf, und täglich flogen aus allen Winkeln Frankreichs der Konstituante Ballen von billets-doux [Liebesbriefen] an den Kopf, worin sie mehr oder minder kategorisch ersucht wurde, sich aufzulösen und ihr Testament zu machen. Die Konstituante ihrerseits rief Gegenpetitionen hervor, worin sie sich auffordern liess, am Leben zu bleiben. Der Wahlkampf zwischen Bonaparte und Cavaignac erneuerte sich als Petitionskampf für und gegen die Auflösung der Nationalversammlung. Die Petitionen sollten die nachträglichen Kommentare des 10. Dezember sein. Während des ganzen Januar dauerte diese Agitation fort.

In dem Konflikt zwischen der Konstituante und dem Präsidenten konnte sie nicht auf die allgemeine Wahl als ihren Ursprung zurückgehen, denn man appellierte von ihr an das allgemeine Stimmrecht. Sie konnte sich auf keine regelmässige Gewalt stützen, denn es handelte sich um den Kampf gegen die legale Gewalt. Sie konnte das Ministerium nicht durch Misstrauensvota stürzen, wie sie es noch einmal am 6. Januar und am 26. Januar versuchte, denn das Ministerium verlangte ihr Vertrauen nicht. Es blieb nur eine Möglichkeit, die der Insurrektion. Die Streitkräfte der Insurrektion waren der republikanische Teil der Nationalgarde, die Mobilgarde und die Zentren des revolutionären Proletariats, die Klubs. Die Mobilgarden, diese Helden der Junitage, bildeten ebenso im Dezember die organisierte Streitkraft der republikanischen Bourgeoisfraktion, wie vor dem Juni die Nationalateliers die organisierte Streitkraft des revolutionären Proletariats gebildet hatten. Wie die exekutive Kommission der Konstituante ihren brutalen Angriff auf die Nationalateliers richtete, als sie mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen des Proletariats enden musste, so das Ministerium Bonapartes auf die Mobilgarde, als es mit den unerträglichen Ansprüchen der revolutionären Bourgeoisfraktion enden musste. Es verordnete die Auflösung der Mobilgarde. Die eine Hälfte derselben wurde entlassen und auf das Pflaster geworfen, die andere erhielt an der Stelle der demokratischen Organisation eine monarchische, und ihr Sold wurde auf den gewöhnlichen Sold der Linientruppen herabgesetzt. Die Mobilgarde fand sich in der Lage der Juniinsurgenten, und täglich brachte die Zeitungspresse öffentliche Beichten, worin sie ihre Schuld vom Juni bekannte und das Proletariat um Verzeihung anflehte.

Und die Klubs? Von dem Augenblick, wo die konstituierende Versammlung in Barrot den Präsidenten und in dem Präsidenten die konstituierte Bourgeoisrepublik und in der konstituierten Bourgeoisrepublik die Bourgeoisrepublik überhaupt in Frage stellte, reihten sich notwendig alle konstituierenden Elemente der Februarrepublik um sie zusammen, alle Parteien, welche die vorhandene Republik umstürzen und sie durch einen gewaltsamen Rückbildungsprozess als die Republik ihrer Klasseninteressen und Prinzipien umgestalten wollten. Das Geschehene war wieder ungeschehen, die Kristallisationen der revolutionären Bewegung waren wieder flüssig geworden, die Republik, um die gekämpft wurde, war wieder die unbestimmte Republik der Februartage, deren Bestimmung sich jede Partei vorbehielt. Die Parteien nahmen einen Augenblick wieder ihre alten Februarstellungen ein, ohne die Illusionen des Februar zu teilen. Die trikoloren Republikaner des National lehnten sich wieder auf die demokratischen Republikaner der Réforme und drängten sie als Vorkämpfer in den Vordergrund des parlamentarischen Kampfes. Die demokratischen Republikaner lehnten sich wieder auf die sozialistischen Republikaner — am 27. Januar verkündete ein öffentliches Manifest ihre Aussöhnung und Vereinigung — und bereiteten sich in den Klubs ihren insurrektionellen Hintergrund. Die ministerielle Presse behandelte mit Recht die trikoloren Republikaner des National als die wiedererstandenen Insurgenten des Juni. Um sich an der Spitze der Bourgeoisrepublik zu behaupten, stellten sie die Bourgeoisrepublik selbst in Frage. Am 26. Januar schlug der Minister Faucher ein Gesetz über das Assoziationsrecht vor, dessen erster Paragraph lautete: Die Klubs sind untersagt.“ Er stellte den Antrag, diesen Gesetzentwurf sofort als dringlich zur Diskussion zu bringen. Die Konstituante verwarf den Dringlichkeitsantrag, und am 27. Januar deponierte Ledru-Rollin einen Antrag auf Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand wegen Verletzung der Konstitution, unterzeichnet von 230 Unterschriften. Die Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand im Augenblicke, wo ein solcher Akt die taktlose Enthüllung der Ohnmacht des Richters, nämlich der Kammermajorität, war, oder ein ohnmächtiger Protest des Anklägers gegen diese Majorität selbst, das war der grosse revolutionäre Trumpf, den die nachgeborene Montagne von nun an auf jedem Höhepunkt der Krise ausspielte. Arme Montagne, von der Wucht ihres eigenen Namens erdrückt!

Blanqui, Barbès, Raspail usw. hatten am 15. Mai die konstituierende Versammlung zu sprengen versucht, indem sie an der Spitze des Pariser Proletariats in ihren Sitzungssaal eindrangen. Barrot bereitete derselben Versammlung einen moralischen 15. Mai vor, indem er ihre Selbstauflösung diktieren und ihren Sitzungssaal schliessen wollte. Dieselbe Versammlung hatte Barrot mit der Enquête gegen die Maiangeklagten beauftragt und jetzt, in diesem Augenblicke, wo er ihr gegenüber als der royalistische Blanqui erschien, wo sie ihm gegenüber in den Klubs, bei den revolutionären Proletariern, in der Partei Blanquis ihre Alliierten suchte, in diesem Augenblick folterte der unerbittliche Barrot sie mit dem Antrag, die Maigefangenen dem Geschworenengericht zu entziehen und dem von der Partei des National erfundenen Hochgericht, der haute cour zu überweisen. Merkwürdig, wie die aufgehetzte Angst um ein Ministerportefeuille aus dem Kopfe eines Barrot Pointen, würdig eines Beaumarchais, herausschlagen konnte! Die Nationalversammlung nach langem Schwanken nahm seinen Antrag an. Den Maiattentäter gegenüber trat sie in ihren normalen Charakter zurück.

Wenn die Konstituante dem Präsidenten und den Ministern gegenüber zur Insurrektion, so wurde der Präsident und das Ministerium der Konstituante gegenüber zum Staatsstreich gedrängt, denn sie besassen kein gesetzliches Mittel, sie aufzulösen. Aber die Konstituante war die Mutter der Konstitution, und die Konstitution war die Mutter des Präsidenten. Mit dem Staatsstreich zerriss der Präsident die Konstitution und löschte seinen republikanischen Rechtstitel aus. Er war dann gezwungen, den imperialistischen Rechtstitel hervorzuziehen; aber der imperialistische rief den orleanistischen wach, und beide erbleichten vor dem legitimistischen Rechtstitel. Der Niederfall der legalen Republik konnte nur ihren äussersten Gegenpol in die Höhe schnellen, die legitimistische Monarchie, in dem Augenblick, wo die orleanistische Partei nur noch die Besiegte des Februar und Bonaparte nur noch der Sieger des 10. Dezember war, wo beide der republikanischen Usurpation nur noch ihre ebenfalls usurpierten monarchischen Titel entgegenhalten konnten. Die Legitimisten waren sich der Gunst des Augenblicks bewusst, sie konspirierten am offenen Tage. In dem General Changarnier konnten sie hoffen ihren Monk zu finden. Die Herankunft der weissen Monarchie wurde ebenso offen verkündet in ihren Klubs, wie in den proletarischen die der roten Republik.

Durch eine glücklich unterdrückte Emeute wäre das Ministerium allen Schwierigkeiten entgangen. „Die Gesetzlichkeit tötet uns“, rief Odilon Barrot aus. Eine Emeute hätte erlaubt, unter dem Vorwand des salut public [Staatswohls] die Konstituante aufzulösen, die Konstitution im Interesse der Konstitution selbst zu verletzen. Das brutale Auftreten Odilon Barrots in der Nationalversammlung, der Antrag auf Auflösung der Klubs, die geräuschvolle Absetzung von 50 trikoloren Präfekten und ihre Ersetzung durch Royalisten, die Misshandlung ihrer Chefs durch Changarnier, die Wiedereinsetzung Lerminiers, des schon unter Guizot unmöglichen Professors, die Duldung der legitimistischen Renommistereien — es waren ebenso viele Herausforderungen der Emeute. Aber die Emeute blieb stumm. Sie erwartete ihr Signal von der Konstituante und nicht vom Ministerium.

Endlich kam der 29. Januar, der Tag, an dem über Mathieus (de la Drôme) Antrag auf unbedingte Verwerfung des Rateauschen Antrag entschieden werden sollte. Legitimisten, Orleanisten, Bonapartisten, Mobilgarde, Montagne, Klubs, alles konspirierte an diesem Tage, jeder ebensosehr gegen den angeblichen Feind als gegen den angeblichen Bundesgenossen. Bonaparte, hoch zu Ross, musterte einen Teil der Truppen auf dem Konkordiaplatz, Changarnier schauspielerte mit einem Aufwand strategischer Manöver, die Konstituante fand ihr Sitzungsgebäude militärisch besetzt. Sie, der Mittelpunkt aller sich durchkreuzenden Hoffnungen, Befürchtungen, Erwartungen, Gärungen, Spannungen, Verschwörungen, die löwenmütige Versammlung schwankte keinen Augenblick, als sie dem Weltgeist näher trat denn sonst. Sie glich jenem Kämpfer, der nicht nur den Gebrauch seiner eigenen Waffe fürchtete, sondern sich auch verpflichtet fühlte, die Waffen seines Gegners unversehrt zu erhalten. Mit Todesverachtung unterzeichnete sie ihr eigenes Todesurteil und verwarf die unbedingte Verwerfung des Rateauschen Antrages. Selbst im Belagerungszustand setzte sie einer konstituierenden Tätigkeit Grenzen, deren notwendiger Rahmen der Belagerungszustand von Paris gewesen war. Sie rächte sich ihrer würdig, indem sie am anderen Tage eine Enquête über den Schrecken verhängte, den ihr das Ministerium am 29. Januar eingejagt hatte. Die Montagne bewies ihren Mangel an revolutionärer Energie und politischem Verstand, indem sie von der Partei des National sich als Rufer im Streit in dieser grossen Intrigenkomödie verbrauchen liess. Die Partei des National hatte den letzten Versuch gemacht, das Monopol der Herrschaft, das sie während der Entstehungsperiode der Bourgeoisrepublik besass, in der konstituierten Republik weiter zu behaupten. Sie war gescheitert.

Handelte es sich in der Januarkrise um die Existenz der Konstituante, so in der Krise vom 21. März um die Existenz der Konstitution, dort um das Personal der Nationalpartei, hier um ihr Ideal. Es bedarf keiner Andeutung, dass die honetten Republikaner das Hochgefühl ihrer Ideologie wohlfeiler preisgaben als den weltlichen Genuss der Regierungsgewalt.

Am 21. März stand auf der Tagesordnung der Nationalversammlung Fauchers Gesetzentwurf gegen das Assoziationsrecht: Die Unterdrückung der Klubs. Artikel 8 der Konstitution garantiert allen Franzosen das Recht, sich zu assoziieren. Die Untersagung der Klubs war also eine unzweideutige Verletzung der Konstitution, und die Konstituante selbst sollte die Schändung ihrer Heiligen kanonisieren. Aber die Klubs, das waren die Sammelpunkte, die Konspirationssitze des revolutionären Proletariats. Die Nationalversammlung selbst hatte die Koalition der Arbeiter gegen ihre Bourgeois untersagt. Und die Klubs, was waren sie anderes als eine Koalition der gesamten Arbeiterklasse gegen die gesamte Bourgeoisklasse, die Bildung eines Arbeiterstaats gegen den Bourgeoisstaat? Waren es nicht ebenso viele konstituierende Versammlungen des Proletariats und ebenso viele schlagfertige Armeeabteilungen der Revolte? Was die Konstitution vor allem konstituieren sollte, es war die Herrschaft der Bourgeoisie. Die Konstitution konnte also offenbar unter dem Assoziationsrecht nur die mit der Herrschaft der Bourgeoisie, d.h. mit der bürgerlichen Ordnung in Einklang befindlichen Assoziationen verstehen. Wenn sie sich aus theoretischem Anstand allgemein ausdrückte, war nicht die Regierung da und die Nationalversammlung, um sie im besonderen Fall auszulegen und anzuwenden? Und wenn in der urweltlichen Epoche der Republik die Klubs tatsächlich untersagt waren durch den Belagerungszustand, mussten sie nicht in der geregelten, konstituierten Republik untersagt sein durch das Gesetz? Die trikoloren Republikaner hatten dieser prosaischen Auslegung der Konstitution nichts entgegenzuhalten als die überschwengliche Phrase der Konstitution. Ein Teil derselben, Pagnerre, Duclerc etc. stimmte für das Ministerium und verschaffte ihm so die Majorität. Der andere Teil, den Erzengel Cavaignac und den Kirchenvater Marrast an der Spitze, zog sich, nachdem der Artikel über die Untersagung der Klubs durch durchgegangen war, mit Ledru-Rollin und der Montagne vereint, in einen besonderen Bürosaal zurück — „und hielten einen Rat“. — Die Nationalversammlung war gelähmt, sie zählte nicht mehr die beschlussfähige Stimmzahl. Zur rechten Zeit erinnerte Herr Crémieux in dem Bürosaal, dass von hier der Weg direkt auf die Strasse führe und dass man nicht mehr Februar 1848 zähle, sondern März 1849. Die Partei des National, plötzlich erleuchtet, kehrte in den Sitzungssaal der Nationalversammlung zurück, hinter ihr die abermals düpierte Montagne, die, beständig gequält von revolutionären Gelüsten, ebenso beständig nach konstitutionellen Möglichkeiten haschte und sich immer noch mehr auf ihrem Platze fühlte hinter den Bourgeoisrepublikanern als vor dem revolutionären Proletariat. So war die Komödie gespielt. Und die Konstituante selbst hatte dekretiert, dass die Verletzung des Wortlauts der Konstitution die einzig entsprechende Verwirklichung ihres Wortsinns sei.

Es blieb nur noch ein Punkt zu regeln, das Verhältnis der konstituierten Republik zur europäischen Revolution, ihre auswärtige Politik. Am 8. Mai 1849 herrschte eine ungewohnte Aufregung in der konstituierenden Versammlung, deren Lebenstermin in wenigen Tagen ablaufen sollte. Der Angriff der französischen Armee auf Rom, ihre Zurücktreibung durch die Römer, ihre politische Infamie und ihre militärische Blamage, der Meuchelmord der römischen Republik durch die französische Republik, der erste italienische Feldzug des zweiten Bonaparte stand auf der Tagesordnung. Die Montagne hatte abermals ihren grossen Trumpf ausgespielt, Ledru-Rollin hatte den unvermeidlichen Anklageakt gegen das Ministerium und diesmal auch gegen Bonaparte wegen der Verletzung der Konstitution auf den Tisch des Präsidenten niedergelegt.

Das Motiv des 8. Mai wiederholte sich später als Motiv des 13. Juni. Verständigen wir uns über die römische Expedition.

Cavaignac hatte schon Mitte November 1848 eine Kriegsflotte nach Civitavecchia expediert, um den Papst zu beschützen, an Bord zu nehmen und nach Frankreich überzusegeln. Der Papst sollte die honette Republik einsegnen und die Wahl Cavaignacs zum Präsidenten sichern. Mit dem Papst wollte Cavaignac die Pfaffen, mit den Pfaffen die Bauern und mit den Bauern die Präsidentschaft angeln. Eine Wahlreklame ihrem nächsten Zwecke nach, war die Expedition Cavaignacs gleichzeitig ein Protest und eine Drohung gegen die römische Revolution. Sie enthielt im Keim die Intervention Frankreichs zugunsten des Papstes.

Diese Intervention für den Papst mit Österreich und Neapel gegen sie römische Republik wurde beschlossen in der ersten Sitzung des Ministerrats Bonapartes am 23. Dezember. Falloux im Ministerium, das war der Papst in Rom und im Rom — des Papstes. Bonaparte brauchte den Papst nicht mehr, um der Präsident der Bauern zu werden, aber er brauchte die Konservation des Papstes, um die Bauern des Präsidenten zu konservieren. Ihre Leichtgläubigkeit hatte ihn zum Präsidenten gemacht. Mit dem Glauben verloren sie die Leichtgläubigkeit und mit dem Papste den Glauben. Und die koalisierten Orleanisten und Legitimisten, die in Bonapartes Namen herrschten! Ehe der König restauriert wurde, musste die Macht restauriert werden, welche die Könige heiligt. Abgesehen von ihrem Royalismus: ohne das alte, seiner weltlichen Herrschaft unterworfene Rom kein Papst, ohne den Papst kein Katholizismus, ohne den Katholizismus keine französische Religion, und ohne Religion, was wurde aus der alten französischen Gesellschaft? Die Hypotheke, welche der Bauer auf die himmlischen Güter besitzt, garantiert die Hypotheke, welche die Bourgeoisie auf die Bauerngüter besitzt. Die römische Revolution war also ein Attentat auf das Eigentum, auf die bürgerliche Ordnung, furchtbar wie die Julirevolution. Die wiederhergestellte Bourgeoisherrschaft in Frankreich erheischte die Restauration der päpstlichen Herrschaft in Rom. Endlich schlug man mit den römischen Revolutionären die Alliierten der französischen Revolutionäre; die Allianz der kontrerevolutionären Klassen in der konstituierten französischen Republik ergänzte sich notwendig in der Allianz der französischen Republik mit der heiligen Allianz, mit Neapel und Österreich. Der Ministerratsbeschluss vom 23. Dezember war kein Geheimnis für die Konstituante. Schon am 8. Januar hatte Ledru-Rollin das Ministerium über denselben interpelliert, das Ministerium hatte geleugnet, die Nationalversammlung war zur Tagesordnung übergegangen. Traute sie den Worten des Ministeriums? Wir wissen, dass sie den ganzen Monat Januar damit zubrachte, ihm Misstrauensvota zu geben. Aber wenn es in seiner Rolle war zu lügen, war es in ihrer Rolle, den Glauben an die Lüge zu heucheln und damit die republikanischen dehors [den republikanischen Schein] zu retten.

Unterdessen war Piemont geschlagen, Karl Albert hatte abgedankt, die österreichische Armee pochte an die Tore Frankreichs. Ledru-Rollin interpellierte heftig. Das Ministerium bewies, dass es in Norditalien nur die Politik Cavaignacs und Cavaignac nur die Politik der provisorischen Regierung, d.h. Ledru-Rollins fortgesetzt habe. Diesmal erntete es von der Nationalversammlung sogar ein Vertrauensvotum und wurde autorisiert, einen gelegenen Punkt Oberitaliens temporär zu besetzen, um so der friedlichen Unterhandlung mit Österreich über die Integrität des sardinischen Gebiets und die römische Frage einen Hinterhalt zu geben. Bekanntlich wird das Schicksal Italiens auf den Schlachtfeldern Norditaliens entschieden. Mit der Lombardei und Piemont war daher Rom gefallen oder Frankreich musste den Krieg an Österreich und damit an die europäische Kontrerevolution erklären. Hielt die Nationalversammlung plötzlich das Ministerium Barrot für den alten Wohlfahrtsausschuss? Oder sich selbst für den Konvent? Wozu also die militärische Besetzung eines Punktes in Oberitalien? Man versteckte unter diesem durchsichtigen Schleier die Expedition gegen Rom.

Am 14. April segelten 14‘000 Mann unter Oudinot nach Civitavecchia, am 16. April bewilligte die Nationalversammlung dem Ministerium einen Kredit von 1‘200‘000 frs. zur dreimonatigen Unterhaltung einer Interventionsflotte im Mittelmeer. So gab sie dem Ministerium alle Mittel, gegen Rom zu intervenieren. Sie sah nicht, was das Ministerium tat, sie hörte nur, was es sagte. Solcher Glaube ward nicht in Israel gefunden, die Konstituante war in die Lage geraten, nicht wissen zu dürfen, was die konstituierte Republik tun musste.

Endlich am 8. Mai wurde die letzte Szene der Komödie gespielt, die Konstituante forderte das Ministerium zu schleunigsten Massregeln auf, um die italienische Expedition auf das ihr gesteckte Ziel zurückzuführen. Bonaparte inserierte denselben Abend einen Brief in den Moniteur, worin er Oudinot die grösste Anerkennung spendete. Am 11. Mai verwarf die Nationalversammlung den Anklageakt gegen denselben Bonaparte und sein Ministerium. Und die Montagne, die, statt diese Gewebe des Betrugs zu zerreissen, die parlamentarische Komödie tragisch nimmt, verriet sie nicht unter der erborgten Konvents-Löwenhaut das angeborene kleinbürgerliche Kalbsfell!

Die letzte Lebenshälfte der Konstituante resümiert sich dahin: Sie gesteht am 29. Januar, dass die royalistischen Bourgeoisfraktionen die natürlichen Vorgesetzten der von ihr konstituierten Republik sind, am 21. März, dass die Verletzung der Konstitution ihre Verwirklichung ist, und am 11. Mai, dass die bombastisch angekündigte passive Allianz der französischen Republik mit den ringenden Völkern ihre aktive Allianz mit der europäischen Kontrerevolution bedeutet.

Diese elende Versammlung trat von der Bühne ab, nachdem sie noch zwei Tage vor der Jahresfeier ihres Geburtstages, des 4. Mai, sich die Genugtuung gegeben hatte, den Antrag auf Amnestie der Juniinsurgenten zu verwerfen. Ihre Macht zerbrochen, von dem Volke tödlich gehasst, zurückgestossen, misshandelt, verächtlich beiseite geworfen von der Bourgeoisie, deren Werkzeug sie war, gezwungen, in der zweiten Hälfte ihrer Lebensepoche die erste zu desavouieren, ihrer republikanischen Illusionen beraubt, ohne grosse Schöpfungen in der Vergangenheit, ohne Hoffnung in der Zukunft, bei lebendigem Leibe stückweise absterbend, wusste sie ihre eigne Leiche nur noch zu galvanisieren, indem sie den Junisieg sich beständig zurückrief und nachträglich wieder durchlebte, sich bestätigte durch die stets wiederholte Verdammung der Verdammten. Vampir, der von dem Blut der Juniinsurgenten lebte!

Sie hinterliess das Staatsdefizit, vergrössert durch die Kosten der Juniinsurrektion, durch den Ausfall der Salzsteuer, durch die Entschädigungen, die sie den Plantagenbesitzern für die Aufhebung der Negersklaverei zuwies, durch die Kosten der römischen Expedition, durch den Ausfall der Weinsteuer, deren Abschaffung sie, in den letzten Zügen liegend, noch beschloss, ein schadenfroher Greis, glücklich, seinem lachenden Erben eine kompromittierende Ehrenschuld aufzubürden.

Seit Anfang März hatte die Wahlagitation für die gesetzgebende Nationalversammlung begonnen. Zwei Hauptgruppen traten sich gegenüber, die Partei der Ordnung und die demokratisch-sozialistische oder rote Partei, zwischen beiden standen die Freunde der Konstitution, unter welchem Namen die trikoloren Republikaner des National eine Partei vorzustellen suchten. Die Partei der Ordnung bildete sich unmittelbar nach den Junitagen; erst nachdem der 10. Dezember ihr erlaubt hatte, die Koterie des National, der Bourgeoisrepublikaner, von sich abzustossen, enthüllte sich das Geheimnis ihrer Existenz, die Koalition der Orleanisten und Legitimisten zu einer Partei. Die Bourgeoisklasse zerfiel in zwei grosse Fraktionen, die abwechselnd, das grosse Grundeigentum unter der restaurierten Monarchie, die Finanzaristokratie und die industrielle Bourgeoisie unter der Julimonarchie, das Monopol der Herrschaft behauptet hatten. Bourbon war der königliche Name für den überwiegenden Einfluss der Interessen der einen Fraktion, Orléans der königliche Name für den überwiegenden Einfluss der Interessen der anderen Fraktion — das namenlose Reich der Republik war das einzige, worin beide Fraktionen in gleichmässiger Herrschaft das gemeinsame Klasseninteresse behaupten konnten, ohne ihre wechselseitige Rivalität aufzugeben. Wenn die Bourgeoisrepublik nichts anderes sein konnte, als die vervollständigte und rein herausgetretene Herrschaft der gesamten Bourgeoisklasse, konnte sie etwas anderes sein als die Herrschaft der durch die Legitimisten ergänzten Orleanisten und der durch die Orleanisten ergänzten Legitimisten, die Synthese der Restauration und der Julimonarchie? Die Bourgeoisrepublikaner des National vertraten keine auf ökonomischen Grundlagen beruhende grosse Fraktion ihrer Klasse. Sie hatten nur die Bedeutung und den historischen Titel, unter der Monarchie den beiden Bourgeoisfraktionen gegenüber, die nur ihr besonderes Regime begriffen, das allgemeine Regime der Bourgeoisklasse geltend gemacht zu haben, das namenlose Reich der Republik, das sie sich idealisierten und mit antiken Arabesken ausschmückten, worin sie aber vor allem die Herrschaft ihrer Koterie begrüssten. Wenn die Partei des National an ihrem eigenen Verstande irre wurde, als sie auf dem Gipfel der von ihr begründeten Republik die koalisierten Royalisten erblickte, so täuschten diese selbst sich nicht minder über die Tatsache ihrer vereinigten Herrschaft. Sie begriffen nicht, dass, wenn jede ihrer Fraktionen, für sich getrennt betrachtet, royalistisch war, das Produkt ihrer chemischen Verbindung notwendig republikanisch sein musste, dass die weisse und die blaue Monarchie sich neutralisieren mussten in der trikoloren Republik. Gezwungen durch den Gegensatz zu dem revolutionären Proletariat und den mehr und mehr um dasselbe als Zentrum sich hindrängenden Übergangsklassen, ihre vereinten Kraft aufzubieten und die Organisation dieser vereinten Kraft zu konservieren, musste jede der Fraktionen der Ordnungspartei, den Restaurations- und Überhebungsgelüsten der andern gegenüber, die gemeinsame Herrschaft, d.h. die republikanische Form der Bourgeoisherrschaft geltend machen. So finden wir diese Royalisten im Anfang an eine unmittelbare Restauration glaubend, später die republikanische Form konservierend mit Wutschaum, mit tödlichen Invektiven gegen sie auf den Lippen, schliesslich gestehen, dass sie sich nur in der Republik vertragen können und die Restauration aufs Unbestimmte vertagen. Der Genuss der vereinigten Herrschaft selbst stärkte jede der beiden Fraktionen und machte sie noch unfähiger und unwilliger, sich der anderen unterzuordnen, d.h. die Monarchie zu restaurieren.

Die Partei der Ordnung proklamierte direkt in ihrem Wahlprogramm die Herrschaft der Bourgeoisklasse, d.h. die Aufrechterhaltung der Lebensbedingungen ihrer Herrschaft, des Eigentums, der Familie, der Religion, der Ordnung! Sie stellte ihre Klassenherrschaft und die Bedingungen ihrer Klassenherrschaft natürlich als die Herrschaft der Zivilisation und als die notwendigen Bedingungen der materiellen Produktion wie der aus ihr hervorgehenden gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse dar. Die Partei der Ordnung gebot über ungeheure Geldmittel, sie organisierte die Sukkursalen in ganz Frankreich, sie hatte sämtliche Ideologen der alten Gesellschaft in ihrem Lohn, sie verfügte über den Einfluss der bestehenden Regierungsgewalt, sie besass ein Heer unbezahlter Vasallen in der ganzen Masse der Kleinbürger und Bauern, die, der revolutionären Bewegung noch fernstehend, in den Grosswürdenträgern des Eigentums die natürlichen Vertreter ihres kleinen Eigentums und seiner kleinen Vorurteile fanden; sie, die auf dem ganzen Lande in einer Unzahl kleiner Könige vertreten, konnte die Verwerfung ihrer Kandidaten als Insurrektion bestrafen, die rebellischen Arbeiter entlassen, die widerstrebenden Bauernknechte, Dienstboten, Kommis, Eisenbahnbeamten, Schreiber, sämtliche ihr bürgerlich untergeordneten Funktionäre. Sie konnte endlich stellenweise die Täuschung aufrechterhalten, dass die republikanische Konstituante den Bonaparte des 10. Dezember an der Offenbarung seiner wunderbaren Kräfte verhindert habe. Wir haben bei der Partei der Ordnung der Bonapartisten nicht gedacht. Sie waren keine ernsthafte Fraktion der Bourgeoisklasse, sondern eine Sammlung alter, abergläubischer Invaliden und junger, ungläubiger Glücksritter. — Die Partei der Ordnung siegte in den Wahlen, sie sandte die grosse Majorität in die gesetzgebende Versammlung.

Der koalisierten kontrerevolutionären Bourgeoisklasse gegenüber mussten sich natürlich die schon revolutionierten Teile der kleinen Bourgeoisie und der Bauernklasse mit dem Grosswürdenträger der revolutionären Interessen, dem revolutionären Proletariat, verbinden. Wir haben gesehen, wie die demokratischen Wortführer der Kleinbürgerschaft im Parlament, d.h. die Montagne, durch parlamentarische Niederlagen zu den sozialistischen Wortführern des Proletariats und wie die wirkliche Kleinbürgerschaft ausserhalb des Parlaments durch die concordats à l‘amiable, durch die brutale Geltendmachung der Bourgeoisinteressen, durch den Bankerott zu den wirklichen Proletariern gedrängt wurden. Am 27. Januar hatten Montagne und Sozialisten ihre Aussöhnung gefeiert, im grossen Februarbankett 1849 wiederholten sie ihren Vereinigungsakt. Die soziale und die demokratische, die Partei der Arbeiter und die der Kleinbürger, vereinigten sich zur sozialdemokratischen Partei, d.h. zur roten Partei.

Einen Augenblick durch die den Junitagen folgende Agonie gelähmt, hatte die französische Republik seit der Aufhebung des Belagerungszustandes, seit dem 19. Oktober, eine fortlaufende Reihe fieberhafter Aufregungen erlebt. Erst der Kampf um die Präsidentschaft; dann der Kampf des Präsidenten mit der Konstituante; der Kampf um die Klubs; der Prozess in Bourges, der gegenüber den kleinen Gestalten des Präsidenten, der koalisierten Royalisten, der honetten Republikaner, der demokratischen Montagne, der sozialistischen Doktrinäre des Proletariats seine wirklichen Revolutionäre als urweltliche Ungeheuer erscheinen liess, wie sie nur eine Sündflut auf der Gesellschaftsoberfläche zurücklässt oder wie sie nur einer gesellschaftlichen Sündflut vorangehn können; die Wahlagitation; die Hinrichtung der Bréa-Mörder; die fortlaufenden Pressprozesse; die gewaltsamen polizeilichen Einmischungen der Regierung in die Banketts; die frechen royalistischen Provokationen; die Ausstellung der Bilder Louis Blancs und Caussidières an dem Pranger; der ununterbrochene Kampf zwischen der konstituierten Republik und der Konstituante, der jeden Augenblick die Revolution auf ihren Ausgangspunkt zurückdrängte, der jeden Augenblick den Sieger zum Besiegten, den Besiegten zum Sieger machte und im Nu die Stellung der Parteien und Klassen, ihre Scheidungen und Bindungen umschwenkte; der rasche Gang der europäischen Kontrerevolution, der glorreiche ungarische Kampf, die deutschen Schilderhebungen, die römische Expedition, die schmähliche Niederlage der französischen Armee vor Rom — in diesem Wirbel der Bewegung, in dieser Pein der geschichtlichen Unruhe, in dieser dramatischen Ebbe und Flut revolutionärer Leidenschaften, Hoffnungen, Enttäuschungen mussten die verschiedenen Klassen der französischen Gesellschaft ihre Entwicklungsepochen nach Wochen zählen, wie sie sie früher nach halben Jahrhunderten gezählt hatten. Ein bedeutender Teil der Bauern und der Provinzen war revolutioniert. Nicht nur waren sie über den Napoleon enttäuscht, die rote Partei bot ihnen an der Stelle des Namens den Inhalt, an der Stelle der illusorischen Steuerfreiheit die Rückzahlung der den Legitimisten gezahlten Milliarde, die Regelung der Hypothek und die Aufhebung des Wuchers.

Die Armee selbst war von dem Revolutionsfieber angesteckt. Sie hatte in Bonaparte für den Sieg gestimmt, und er gab ihr die Niederlage. Sie hatte in ihm für den kleinen Korporal gestimmt, hinter dem der grosse revolutionäre Feldherr steckt, und er gab ihr die grossen Generale wieder, hinter denen der gamaschengerechte Korporal sich birgt. Kein Zweifel, dass die rote Partei, d.h. die koalisierte demokratische Partei, wenn nicht den Sieg, doch grosse Triumphe feiern musste, dass Paris, dass die Armee, dass ein grosser Teil der Provinzen für sie stimmen würde. Ledru-Rollin, der Chef der Montagne, wurde von fünf Departements gewählt, kein Chef der Ordnungspartei trug einen solchen Sieg davon, kein Name der eigentlich proletarischen Partei. Diese Wahl enthüllt uns das Geheimnis der demokratisch-sozialistischen Partei. Wenn die Montagne, der parlamentarische Vorkämpfer der demokratischen Kleinbürgerschaft, einerseits gezwungen war, sich mit den sozialistischen Doktrinären des Proletariats zu vereinigen — das Proletariat, von der furchtbaren materiellen Niederlage des Juni gezwungen, sich durch intellektuelle Siege wieder aufzurichten, durch die Entwicklung der übrigen Klassen noch nicht befähigt, die revolutionäre Diktatur zu ergreifen, musste sich den Doktrinären seiner Emanzipation, den sozialistischen Sektenstiftern in die Arme werfen — stellten sich andererseits die revolutionären Bauern, die Armee, die Provinzen hinter die Montagne, die so zum Gebieter im revolutionären Heerlager wurde und durch die Verständigung mit den Sozialisten jeden Gegensatz in der revolutionären Partei beseitigt hatte. In der letzten Lebenshälfte der Konstituante vertrat sie das republikanische Pathos derselben und hatte ihre Sünden während der provisorischen Regierung, wahrend der Exekutivkommission, während der Junitage in Vergessenheit gebracht. In demselben Masse, als die Partei des National ihrer halben Natur gemäss sich von dem royalistischen Ministerium niederdrücken liess, stieg die während der Allgewalt des National beseitigte Partei des Berges und machte sich als die parlamentarische Vertreterin der Revolution geltend. In der Tat, die Partei des National hatte gegen die anderen, royalistischen Fraktionen nichts einzuwenden als ehrsüchtige Persönlichkeiten und idealistische Flausen. Die Partei des Berges dagegen vertrat eine zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat schwebende Masse, deren materielle Interessen demokratische Institutionen verlangten. Den Cavaignacs und Marrasts gegenüber befanden sich Ledru-Rollin und die Montagne daher in der Wahrheit der Revolution, und aus dem Bewusstsein dieser gewichtigen Situation schöpften sie um so grösseren Mut, je mehr die Äusserung der revolutionären Energie sich beschränkte auf parlamentarische Ausfälle, Niederlegung von Anklageakten, Drohungen, Stimmerhöhungen. donnernde Reden und Extreme, die nur bis zur Phrase getrieben wurden. Die Bauern befanden sich ungefähr in derselben Lage wie die Kleinbürger, sie hatten ungefähr dieselben sozialen Forderungen zu stellen. Sämtliche Mittelschichten der Gesellschaft, soweit sie in die revolutionäre Bewegung getrieben waren, mussten daher in Ledru-Rollin ihren Helden finden. Ledru-Rollin war die Personage des demokratischen Kleinbürgertums. Der Partei der Ordnung gegenüber mussten zunächst die halb konservativen, halb revolutionären und ganz utopistischen Reformatoren dieser Ordnung an die Spitze getrieben werden.

Die Partei des National, „die Freunde der Konstitution quand même“ [um jeden Preis], die républicains purs et simples [Republikaner reinsten Wassers] wurden vollständig in den Wahlen geschlagen. Eine winzige Minorität derselben wurde in die gesetzgebende Kammer geschickt, ihre notorischsten Chefs verschwanden von der Bühne, sogar Marrast, der Redakteur en chef und der Orpheus der honetten Republik.

Am 28. Mai kam die legislative Versammlung zusammen, am 11. Juni erneuerte sich die Kollision vom 8. Mai, Ledru-Rollin legte im Namen der Montagne einen Anklageakt nieder gegen den Präsidenten und das Ministerium wegen Verletzung der Konstitution, wegen des Bombardements von Rom. Am 12. Juni verwarf die gesetzgebende Versammlung den Anklageakt, wie die konstituierende Versammlung ihn am 11. Mai verworfen hatte, aber das Proletariat trieb diesmal die Montagne auf die Strasse, jedoch nicht zum Strassenkampf, sondern nur zur Strassenprozession. Es genügt zu sagen, dass die Montagne an der Spitze dieser Bewegung stand, um zu wissen, dass die Bewegung besiegt wurde und dass der Juni 1849 eine ebenso lächerliche als nichtswürdige Karikatur des Juni 1848 war. Verdunkelt wurde die grosse Retirade vom 13. Juni nur durch den noch grösseren Schlachtbericht Changarniers, des grossen Mannes, den die Partei der Ordnung improvisierte. Jede Gesellschaftsepoche braucht ihre grossen Männer, und wenn sie dieselben nicht findet, erfindet sie sie, wie Helvétius sagt.

Am 20. Dezember existierte nur noch die eine Hälfte der konstituierten Bourgeoisrepublik, der Präsident, am 28. Mai wurde sie ergänzt durch die andre Hälfte, durch die gesetzgebende Versammlung. Juni 1848 hatte die sich konstituierende Bourgeoisrepublik durch eine unsagbare Schlacht gegen das Proletariat, Juni 1849 die konstituierte Bourgeoisrepublik durch eine unnennbare Komödie mit der Kleinbürgerschaft sich in das Geburtsregister der Geschichte eingemeisselt. Juni 1849 war die Nemesis für Juni 1848. Juni 1849 wurden nicht die Arbeiter besiegt, sondern die Kleinbürger gefällt, die zwischen ihnen und der Revolution standen. Juni 1849 war nicht die blutige Tragödie zwischen der Lohnarbeit und dem Kapital, sondern das gefängnisreiche und lamentable Schauspiel zwischen dem Schuldner und dem Gläubiger. Die Partei der Ordnung hatte gesiegt, sie war allmächtig, sie musste nun zeigen, was sie war.

3. FOLGEN DES 13. JUNI 1849
VOM 13. JUNI 1849 BIS 10. MÄRZ 1850

Am 20. Dezember hatte der Januskopf der konstitutionellen Republik nur noch ein Gesicht gezeigt, das exekutive Gesicht mit den verschwimmend flachen Zügen L. Bonapartes, am 28. Mai 1849 zeigte er sein zweites Gesicht, das legislative, übersäet von den Narben, welche die Orgien der Restauration und der Julimonarchie zurückgelassen hatten. Mit der legislativen Nationalversammlung war die Erscheinung der konstitutionellen Republik vollendet, d.h. der republikanischen Staatsform, worin die Herrschaft der Bourgeoisklasse konstituiert ist, also die gemeinschaftliche Herrschaft der beiden grossen royalistischen Fraktionen, welche die französische Bourgeoisie bilden, der koalisierten Legitimisten und Orleanisten, der Partei der Ordnung. Während so die französische Republik der Koalition der royalistischen Parteien als Eigentum anheimfiel, unternahm gleichzeitig die europäische Koalition der kontrerevolutionären Mächte einen allgemeinen Kreuzzug gegen die letzten Zufluchtsstätten der Märzrevolutionen. Russland fiel in Ungarn ein, Preussen marschierte gegen die Reichsverfassungsarmee und Oudinot bombardierte Rom. Die europäische Krise ging offenbar einem entscheidenden Wendepunkt zu, die Augen von ganz Europa richteten sich auf Paris und die Augen von ganz Paris auf die legislative Versammlung.

Am 11. Juni bestieg Ledru-Rollin ihre Tribüne. Er hielt keine Rede, er formulierte ein Requisitorium gegen die Minister, nackt, prunklos, tatsächlich, konzentriert, gewaltsam.

Der Angriff auf Rom ist ein Angriff auf die Konstitution, der Angriff auf die römische Republik ein Angriff auf die französische Republik. Artikel V der Konstitution lautet: „Die französische Republik verwendet ihre Streitkräfte niemals gegen die Freiheit irgendeines Volkes“ — und der Präsident verwendet die französische Armee gegen die römische Freiheit. Artikel 54 der Konstitution verbietet der exekutiven Gewalt irgendeinen Krieg zu erklären, ohne die Zustimmung der Nationalversammlung. Der Beschluss der Konstituante vom 8. Mai befiehlt den Ministern ausdrücklich, die römische Expedition schleunigst ihrer ursprünglichen Bestimmung anzupassen, er untersagt ihnen also ebenso ausdrücklich den Krieg gegen Rom — und Oudinot bombardiert Rom. So rief Ledru-Rollin die Konstitution selbst als Belastungszeugen gegen Bonaparte und seine Minister auf. Der royalistischen Majorität der Nationalversammlung schleuderte er, der Tribun der Konstitution, die drohende Erklärung zu: „Die Republikaner werden der Konstitution Achtung zu verschaffen wissen, durch alle Mittel, sei es selbst durch die Gewalt der Waffen!“ Durch die Gewalt der Waffen!“ wiederholte das hundertfache Echo der Montagne. Die Majorität antwortete mit einem furchtbaren Tumult, der Präsident der Nationalversammlung rief Ledru-Rollin zur Ordnung, Ledru-Rollin wiederholte die herausfordernde Erklärung und legte schliesslich den Antrag auf Versetzung Bonapartes und seiner Minister in Anklagezustand auf den Präsidententisch nieder. Die Nationalversammlung beschloss mit 361 gegen 203 Stimmen über das Bombardement Roms zur einfachen Tagesordnung überzugehen.

Glaubte Ledru-Rollin die Nationalversammlung durch die Konstitution, den Präsidenten durch die Nationalversammlung schlagen zu können?

Die Konstitution untersagte allerdings jeden Angriff auf die Freiheit fremder Völker, aber was die französische Armee zu Rom angriff, das war nach dem Ministerium nicht die „Freiheit“, sondern der „Despotismus der Anarchie“. Hatte die Montagne, allen Erfahrungen in der konstituierenden Versammlung zum Trotz, noch immer nicht begriffen, dass die Auslegung der Konstitution nicht denen angehöre, die sie gemacht, sondern nur noch denen, die sie akzeptiert hatten? Dass ihr Wortlaut in ihrem lebensfähigen Sinne gedeutet werden müsse und dass der Bourgeoissinn ihr einzig lebensfähiger Sinn sei? Dass Bonaparte und die royalistische Majorität der Nationalversammlung die authentischen Dolmetscher der Konstitution waren, wie der Pfaffe der authentische Dolmetscher der Bibel und der Richter der authentische Dolmetscher des Gesetzes ist? Sollte die eben frisch aus dem Schosse der allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung sich durch die testamentarische Verfügung der toten Konstituante gebunden fühlen, deren lebendigen Willen ein Odilon Barrot gebrochen hatte? Indem sich Ledru-Rollin auf den Beschluss der Konstituante vom 8. Mai berief, hatte er vergessen, dass dieselbe Konstituante am 11. Mai seinen ersten Antrag auf Versetzung Bonapartes und der Minister in Anklagezustand verworfen, dass sie den Präsidenten und die Minister freigesprochen, dass sie so den Angriff auf Rom als „konstitutionell“ sanktioniert hatte, dass er nur Appell einlegte gegen ein schon gefälltes Urteil, dass er endlich von der republikanischen Konstituante an die royalistische Legislative appellierte? Die Konstitution selbst ruft die Insurrektion zur Hülfe, indem sie in einem besonderen Artikel jeden Bürger zu ihrem Schutze aufruft. Ledru-Rollin stützte sich auf diesen Artikel. Aber sind nicht gleichzeitig die öffentlichen Gewalten zum Schutze der Konstitution organisiert, und die Verletzung der Konstitution, beginnt sie nicht erst von dem Augenblicke, wo die eine der öffentlichen konstitutionellen Gewalten gegen die andere rebelliert? Und der Präsident der Republik, die Minister der Republik, die Nationalversammlung der Republik befanden sich im harmonischsten Verständnis.

Was die Montagne am 11. Juni versuchte, war eine Insurrektion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft“, d.h. eine rein parlamentarische Insurrektion. Die Majorität der Versammlung sollte, durch die Aussicht auf bewaffnete Erhebung der Volksmassen eingeschüchtert, in Bonaparte und den Ministern ihre eigene Macht und die Bedeutung ihrer eigenen Wahl brechen. Hatte die Konstituante nicht ähnlich versucht, die Wahl Bonapartes zu kassieren, als sie so hartnäckig auf der Entlassung des Ministeriums Barrot-Falloux bestand?

Weder fehlte es aus der Zeit des Konvents an Vorbildern für parlamentarische Insurrektionen, welche das Verhältnis der Majorität und Minorität plötzlich von Grund aus umgewälzt hatten — und sollte der jungen Montagne nicht gelingen, was der alten gelungen war? — noch schienen die augenblicklichen Verhältnisse einem solchen Unternehmen ungünstig. Die Volksaufregung hatte zu Paris einen bedenklichen Höhepunkt erreicht, die Armee schien ihren Wahlabstimmungen nach der Regierung nicht geneigt, die legislative Majorität selbst war noch zu jung, um sich konsolidiert zu haben, und zudem bestand sie aus alten Herren. Wenn der Montagne eine parlamentarische Insurrektion gelang, fiel ihr das Staatsruder unmittelbar zu. Die demokratische Kleinbürgerschaft ihrerseits wünschte, wie immer, nichts sehnlicher, als den Kampf über ihren Häuptern in den Wolken zwischen den abgeschiedenen Geistern des Parlaments ausgefochten zu sehen. Endlich erreichten beide, die demokratische Kleinbürgerschaft und ihre Vertreter, die Montagne, durch eine parlamentarische Insurrektion ihren grossen Zweck, die Macht der Bourgeoisie zu brechen, ohne das Proletariat zu entfesseln oder anders als in der Perspektive erscheinen zu lassen; das Proletariat wäre benutzt worden, ohne gefährlich zu werden.

Nach dem Votum der Nationalversammlung vom 11. Juni fand eine Zusammenkunft statt zwischen einigen Gliedern der Montagne und Delegierten der geheimen Arbeitergesellschaften. Letztere drangen darauf, noch an demselben Abend loszuschlagen. Die Montagne wies diesen Plan entschieden zurück. Sie wollte um keinen Preis die Leitung aus der Hand geben; ihre Bundesgenossen waren ihr ebenso verdächtig als ihre Gegner, und mit Recht. Die Erinnerung an den Juni 1848 durchwogte lebendiger als je die Reihen des Pariser Proletariats. Gleichwohl war es an die Allianz mit der Montagne gekettet. Sie vertrat den grössten Teil der Departements, sie übertrieb ihren Einfluss in der Armee, sie verfügte über den demokratischen Teil der Nationalgarde, sie hatte die moralische Macht der Boutique hinter sich. Wider ihren Willen in diesem Augenblick die Insurrektion beginnen, das hiess für das Proletariat — überdem dezimiert durch die Cholera, in bedeutender Masse aus Paris durch die Arbeitslosigkeit verjagt — die Junitage von 1848 nutzlos wiederholen, ohne die Situation, welche zu dem verzweifelten Kampfe gedrängt hatte. Die proletarischen Delegierten taten das einzig Rationelle. Sie verpflichteten die Montagne, sich zu kompromittieren, d.h. aus den Grenzen des parlamentarischen Kampfes herauszutreten für den Fall, dass ihr Anklageakt verworfen würde. Während des ganzen 13. Juni behauptete das Proletariat dieselbe skeptisch beobachtende Stellung und wartete ein ernstlich engagiertes, unwiderrufliches Handgemenge zwischen der demokratischen Nationalgarde und der Armee ab, um sich dann in den Kampf, und die Revolution über das ihr gesteckte kleinbürgerliche Ziel hinaus zu stürzen. Für den Fall des Sieges war die proletarische Kommune schon gebildet, die neben die offizielle Regierung treten sollte. Die Pariser Arbeiter hatten gelernt in der blutigen Schule des Juni 1848.

Am 12. Juni stellte der Minister Lacrosse selbst in der legislativen Versammlung den Antrag, sofort zur Diskussion des Anklageaktes überzugehen. Die Regierung hatte während der Nacht alle Vorkehrungen zur Verteidigung und zum Angriffe getroffen; die Majorität der Nationalversammlung war entschlossen, die rebellische Minorität auf die Strasse hinauszutreiben, die Minorität selbst konnte nicht mehr zurücktreten, die Würfel waren gefallen, 377 Stimmen gegen 8 verwarfen den Anklageakt, der Berg, der sich der Abstimmung enthalten hatte, stürzte grollend in die Propagandahallen der „friedfertigen Demokratie“, in die Zeitungsbüros der „Démocratie pacifique“.

Die Entfernung aus dem Parlamentsgebäude brach seine Kraft, wie die Entfernung von der Erde die Kraft des Antäus brach, ihres Riesensohnes. Simsons in den Räumen der gesetzgebenden Versammlung, waren sie nur noch Philister in den Räumen der „friedfertigen Demokratie“. Eine lange, geräuschvolle, haltlose Debatte entspann sich. Die Montagne war entschlossen, der Konstitution Achtung zu erzwingen mit allen Mitteln, nur nicht durch die Gewalt der Waffen“. In diesem Entschluss wurde sie unterstützt durch ein Manifest und durch eine Deputation der „Verfassungsfreunde“. „Freunde der Verfassung“, so nannten sich die Trümmer der Koterie des National, der bourgeoisrepublikanischen Partei. Während von ihren übriggebliebenen parlamentarischen Repräsentanten sechs gegen, die anderen insgesamt für die Verwerfung des Anklageakts gestimmt hatten, während Cavaignac der Partei der Ordnung seinen Säbel zur Verfügung stellte, ergriff der grössere ausserparlamentarische Teil der Koterie gierig den Anlass, aus seiner politischen Pariastellung herauszutreten und sich in die Reihen der demokratischen Partei zu drängen. Erschienen sie nicht als die natürlichen Schildhalter dieser Partei, die sich unter ihren Schild versteckte, unter ihr Prinzip, unter die Konstitution?

Bis Tagesanbruch kreisste der „Berg“. Er gebar eine Proklamation an das Volk“, die am Morgen des 13. Juni in zwei sozialistischen Journalen eine mehr oder minder verschämte Stelle einnahm. Sie erklärte den Präsidenten, die Minister, die Majorität der gesetzgebenden Versammlung ausserhalb der Konstitution“ (hors la constitution) und rief die Nationalgarde, die Armee und schliesslich auch das Volk auf, „sich zu erheben“. Es lebe die Konstitution!“ war die Parole, die sie austeilte, Parole, die nichts anderes hiess, als Nieder mit der Revolution!“

Der konstitutionellen Proklamation des Berges entsprach am 13. Juni eine sogenannte friedliche Demonstration der Kleinbürger, d.h. eine Strassenprozession vom Château d‘Eau durch die Boulevards, 30‘000 Mann, meist Nationalgarden, unbewaffnet, untermischt mit Mitgliedern der geheimen Arbeitersektionen, sich hinwälzend unter dem Rufe: Es lebe die Konstitution!“, mechanisch, eiskalt, mit bösem Gewissen ausgestossen von den Mitgliedern des Zuges selbst, vom Echo des Volkes, das auf den Trottoirs wogte, ironisch zurückgeworfen, statt donnerartig aufzuschwellen. Es fehlte dem vielstimmigen Gesang die Bruststimme. Und als der Zug vor dem Sitzungsgebäude der „Verfassungsfreunde“ vorbeischwankte und auf dem Giebel des Hauses ein gedungener Verfassungsherold erschien, der mit seinem Claqueurhut gewaltig die Lüfte durchsägte und aus einer ungeheuren Lunge das Stichwort Es lebe die Konstitution“ hageldick auf die Köpfe der Wallfahrer niederplumpen liess, schienen sie selbst einen Augenblick von der Komik der Situation überwältigt. Es ist bekannt, wie der Zug, angekommen an der Mündung der rue de la Paix, in den Boulevards von den Dragonern und Jägern Changarniers durchaus unparlamentarisch empfangen, in einem Nu nach allen Seiten hin auseinanderstob und den spärlichen Ruf „zu den Waffen“ nur noch hinter sich warf, damit der parlamentarische Waffenruf vom 11. Juni sich erfülle.

Die Mehrzahl der in der rue du Hasard versammelten Montagne verlief sich, als diese gewaltsame Zersprengung der friedlichen Prozession, als dumpfe Gerüchte vom Morde unbewaffneter Bürger auf den Boulevards, als der wachsende Strassentumult das Herannahen einer Emeute zu verkünden schienen. Ledru-Rollin, an der Spitze einer kleinen Schar von Deputierten, rettete die Ehre des Berges. Unter dem Schutze der Pariser Artillerie, die sich im Palais National versammelt hatte, begaben sie sich nach dem Conservatoire des arts et métiers [Kunst- und Gewerbemuseum], wo die 5. und 6. Legion der Nationalgarde eintreffen sollte. Aber die Montagnards harrten vergeblich auf die 5. und 6. Legion; diese vorsichtigen Nationalgarden liessen ihre Repräsentanten im Stich, die Pariser Artillerie selbst verhinderte das Volk, Barrikaden aufzuwerfen, ein chaotisches Durcheinander machte jeden Beschluss unmöglich, die Linientruppen rückten an mit gefälltem Bajonett, ein Teil der Repräsentanten wurde gefangengenommen, ein anderer entkam. So endete der 13. Juni.

Wenn der 23. Juni 1848 die Insurrektion des revolutionären Proletariats, war der 13. Juni 1849 die Insurrektion der demokratischen Kleinbürger, jede dieser beiden Insurrektionen der klassisch-reine Ausdruck der Klasse, von der sie getragen wurde.

Nur zu Lyon kam es zu einem hartnäckigen, blutigen Konflikt. Hier, wo sich die industrielle Bourgeoisie und das industrielle Proletariat unvermittelt gegenüberstehen, wo die Arbeiterbewegung nicht wie in Paris von der allgemeinen Bewegung eingefasst und bestimmt ist, verlor der 13. Juni im Rückschlage den ursprünglichen Charakter. Wo er sonst in die Provinzen einschlug, zündete er nicht — ein kalter Blitz.

Der 13. Juni schliesst die erste Lebensperiode der konstitutionellen Republik, die am 28. Mai 1849 mit dem Zusammentritt der legislativen Versammlung ihre normale Existenz gewonnen hatte. Die ganze Dauer dieses Prologs ist erfüllt von dem geräuschvollen Kampfe zwischen der Partei der Ordnung und der Montagne, zwischen der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum, das sich vergebens gegen die Festsetzung der Bourgeoisrepublik sträubt, für welche es selbst in der provisorischen Regierung, in der Exekutivkommission ununterbrochen konspiriert, für welche es während der Junitage sich fanatisch gegen das Proletariat geschlagen hatte. Der 13. Juni bricht seinen Widerstand und macht die legislative Diktatur der vereinigten Royalisten zu einem fait accompli [zu einer vollendeten Tatsache]. Von diesem Augenblick an ist die Nationalversammlung nur noch ein Wohlfahrtsausschuss der Partei der Ordnung.

Paris hatte den Präsidenten, die Minister und die Majorität der Nationalversammlung in Anklagezustand“ versetzt, sie versetzten Paris in Belagerungszustand“. Der Berg hatte die Majorität der legislativen Versammlung ausserhalb der Konstitution“ erklärt, wegen Verletzung der Konstitution überantwortete die Majorität den Berg der haute-cour [dem Hochgericht] und proskribierte alles, was noch Lebenskraft in ihm besass. Bis auf einen kopf- und herzlosen Rumpf wurde er dezimiert. Die Minorität war bis zum Versuche einer parlamentarischen Insurrektion gegangen, die Majorität erhob ihren parlamentarischen Despotismus zum Gesetz. Sie dekretierte eine neue Geschäftsordnung, welche die Freiheit der Tribüne vernichtet und den Präsidenten der Nationalversammlung befugt, wegen Verletzung der Ordnung die Repräsentanten mit Zensur, mit Geldstrafen, mit Entziehung der Indemnitätsgelder, mit zeitweiliger Expulsion, mit dem Karzer zu bestrafen. Über den Rumpf des Berges hing sie statt des Schwertes die Rute. Der Rest der Bergdeputierten hätte seiner Ehre geschuldet, in Masse auszutreten. Durch einen solchen Akt wurde die Auflösung der Partei der Ordnung beschleunigt. Sie musste in ihre ursprünglichen Bestandteile zerfallen von dem Augenblick, wo auch nicht mehr der Schein eines Gegensatzes sie zusammenhielt.

Gleichzeitig mit ihrer parlamentarischen, wurden die demokratischen Kleinbürger ihrer bewaffneten Macht beraubt durch Auflösung der Pariser Artillerie wie der 8., 9. und 12. Legion der Nationalgarde. Die Legion der hohen Finanz dagegen, welche am 13. Juni die Druckereien von Boulé und Roux überfallen, die Pressen zertrümmert, die Büros der republikanischen Journale verwüstet, Redakteure, Setzer, Drucker, Expedienten, Laufburschen willkürlich verhaftet hatte, erhielt von der Tribüne der Nationalversammlung herab ermunternden Zuspruch. Auf der ganzen Oberfläche von Frankreich wiederholte sich die Auflösung der des Republikanismus verdächtigen Nationalgarden.

Neues Pressgesetz, neues Assoziationsgesetz, neues Belagerungszustandsgesetz, die Gefängnisse von Paris überfüllt, die politischen Flüchtlinge verjagt, alle Journale, die über die Grenzen des National hinausgehen, suspendiert, Lyon und die fünf umliegenden Departements den brutalen Schikanen des Militärdespotismus preisgegeben, die Parketts allgegenwärtig, das so oft gereinigte Heer der Beamten noch einmal gereinigt — es waren dies die unvermeidlichen, die stets wiederkehrenden Gemeinplätze der siegreichen Reaktion, nach den Massacres und den Deportationen des Juni nur noch erwähnenswert, weil sie diesmal nicht nur gegen Paris, sondern auch gegen die Departements, nicht nur gegen das Proletariat, sondern vor allem gegen die Mittelklassen gerichtet waren.

Die Repressionsgesetze, wodurch die Verhängung des Belagerungszustandes dem Gutachten der Regierung anheimgestellt, die Presse noch fester geknebelt und das Assoziationsrecht vernichtet wurde, absorbierten die ganze legislative Tätigkeit der Nationalversammlung während der Monate Juni, Juli und August.

Indes wird diese Epoche charakterisiert nicht durch die tatsächliche, sondern durch die prinzipielle Ausbeutung des Sieges, nicht durch die Beschlüsse der Nationalversammlung, sondern durch die Motivierung dieser Beschlüsse, nicht durch die Sache, sondern durch die Phrase, nicht durch die Phrase, sondern durch den Akzent und die Geste, welche die Phrase beleben. Das rücksichtslos unverschämte Aussprechen der royalistischen Gesinnung, der verächtlich vornehme Insult gegen die Republik, das kokettierend frivole Ausplaudern der Restaurationszwecke, mit einem Wort, die renommistische Verletzung des republikanischen Anstandes geben dieser Periode eigentümlichen Ton und Färbung. Es lebe die Konstitution! war der Schlachtruf der Besiegten des 13. Juni. Die Sieger waren also entbunden von der Heuchelei der konstitutionellen, d.h. der republikanischen Sprache. Die Kontrerevolution unterwarf Ungarn, Italien, Deutschland, und sie glaubten die Restauration schon vor den Toren von Frankreich. Es entspann sich eine wahre Konkurrenz unter den Reigenführern der Ordnungsfraktionen, ihren Royalismus durch den Moniteur zu dokumentieren und ihre etwaigen unter der Monarchie begangenen liberalen Sünden zu beichten, zu bereuen, vor Gott und vor den Menschen abzubitten. Kein Tag verging, ohne dass die Februarrevolution auf der Tribüne der Nationalversammlung für ein öffentliches Unglück erklärt wurde, ohne dass ein beliebiger legitimistischer Provinzialkrautjunker feierlich konstatierte, die Republik niemals anerkannt zu haben, ohne dass einer der feigen Ausreisser und Verräter der Julimonarchie die nachträglichen Heldentaten erzählte, an deren Vollbringung ihn nur die Philanthropie Louis-Philippes oder andere Missverständnisse verhindert hatten. Was an den Februartagen zu bewundern, es war nicht die Grossmut des siegreichen Volkes, sondern die Selbstaufopferung und Mässigung der Royalisten, welche ihm erlaubt hatten zu siegen. Ein Volksrepräsentant schlug vor, einen Teil der für die Februarverwundeten bestimmten Unterstützungsgelder den Munizipalgarden zuzuwenden, die sich allein an jenen Tagen um das Vaterland verdient gemacht. Ein anderer wollte dem Herzog von Orléans eine Reiterstatue auf dem Karussellplatz dekretiert wissen. Thiers nannte die Konstitution ein schmutziges Stück Papier. Der Reihe nach erschienen auf der Tribüne Orleanisten, um ihre Konspiration gegen das legitime Königtum zu bereuen, Legitimisten, die sich vorwarfen, durch Auflehnen gegen das illegitime Königtum den Sturz des Königtums überhaupt beschleunigt, Thiers, der bereute, gegen Molé, Molé, der bereute gegen Guizot, Barrot, der bereute, gegen alle drei intrigiert zu haben. Der Ruf: „Es lebe die sozial-demokratische Republik!“ wurde für unkonstitutionell erklärt; der Ruf: „Es lebe die Republik!“ als sozial-demokratisch verfolgt. An dem Jahrestage der Schlacht von Waterloo erklärte ein Repräsentant: „Ich fürchte weniger die Invasion der Preussen als den Eintritt der revolutionären Flüchtlinge in Frankreich.“ Den Klagen über den Terrorismus, der in Lyon und in den benachbarten Departements organisiert sei, antwortete Baraguey-d‘Hilliers: „Ich ziehe den blassen Schrecken dem roten Schrecken vor.“ (J‘aime mieux la terreur blanche que la terreur rouge). Und die Versammlung klatschte jedesmal frenetischen Beifall, sooft ein Epigramm gegen die Republik, gegen die Revolution, gegen die Konstitution, für das Königtum, für die Heilige Allianz von den Lippen ihrer Redner fiel. Jede Verletzung der kleinsten republikanischen Formalitäten, z.B. der Anrede der Repräsentanten mit „Citoyens“ enthusiasmierte die Ritter von der Ordnung.

Die Pariser Nachwahlen vom 8. Juli, vorgenommen unter dem Einfluss des Belagerungszustandes und der Enthaltung eines grossen Teiles des Proletariats von der Stimmurne, die Einnahme Roms durch die französische Armee, der Einzug der roten Eminenzen und in ihrem Gefolge die Inquisition und der Mönchsterrorismus in Rom fügten neue Siege dem Siege vom Juni hinzu und steigerten den Rausch der Ordnungspartei.

Endlich Mitte August, halb in der Absicht, den eben versammelten Departementsräten beizuwohnen, halb ermüdet von der vielmonatlichen Tendenzorgie, dekretierten die Royalisten eine zweimonatliche Vertagung der Nationalversammlung. Eine Kommission von 25 Repräsentanten, die Creme der Legitimisten und Orleanisten, einen Molé, Changarnier liessen sie mit durchsichtiger Ironie als Stellvertreter der Nationalversammlung und als Wächter der Republik zurück. Die Ironie war tiefer als sie ahnten. Sie, von der Geschichte verurteilt, das Königtum, das sie liebten, stürzen zu helfen, waren von ihr bestimmt, die Republik, die sie hassten, zu konservieren.

Mit der Vertagung der legislativen Versammlung schliesst die zweite Lebensperiode der konstitutionellen Republik, ihre royalistische Flegelperiode.

Der Belagerungszustand von Paris war wieder aufgehoben, die Aktion der Presse hatte wieder begonnen. Während der Suspension der sozialdemokratischen Blätter, während der Periode der Repressivgesetzgebung und der royalistischen Poltereien republikanisierte sich der Siècle, der alte literarische Repräsentant der monarchisch-konstitutionellen Kleinbürger, demokratisierte sich die Presse, der alte literarische Ausdruck der bürgerlichen Reformers, sozialisierte sich der National, das alte klassische Organ der republikanischen Bourgeois.

Die geheimen Gesellschaften wuchsen an Ausdehnung und Intensität in dem Masse, als die öffentlichen Klubs unmöglich wurden. Die industriellen Arbeiterassoziationen, als reine Handelskompanien geduldet, ökonomisch nichtig, wurden politisch ebenso viele Bindemittel des Proletariats. Der 13. Juni hatte den verschiedenen halbrevolutionären Parteien die offiziellen Köpfe abgeschlagen, die übrigbleibenden Massen gewannen ihren eigenen Kopf. Die Ordnungsritter hatten mit den geweissagten Schrecken der roten Republik eingeschüchtert, die gemeinen Exzesse, die hyperboreischen Greuel der siegreichen Kontrerevolution in Ungarn, in Baden, in Rom wuschen die rote Republik“ weiss. Und die malkontenten Zwischenklassen der französischen Gesellschaft begannen die Verheissungen der roten Republik mit ihren problematischen Schrecken, den Schrecken der roten Monarchie mit ihrer tatsächlichen Hoffnungslosigkeit vorzuziehen. Kein Sozialist machte in Frankreich mehr revolutionäre Propaganda als Haynau. A chaque capacité selon ses œuvres. [Jedem nach seinen Taten.]

Unterdessen beutete Louis Bonaparte die Ferien der Nationalversammlung aus, um prinzliche Reisen in den Provinzen zu machen, die heissblütigsten Legitimisten pilgrimten nach Ems zu dem Enkel des heiligen Ludwig, und die Masse der ordnungsfreundlichen Volksrepräsentanten intrigierte in den Departementsräten, die eben zusammengekommen waren. Es galt, sie aussprechen zu machen, was die Majorität der Nationalversammlung noch nicht auszusprechen wagte, den Dringlichkeitsantrag auf unmittelbare Revision der Verfassung. Der Konstitution gemäss konnte die Verfassung erst 1852 revidiert werden durch eine eigens zu diesem Behufe zusammengerufene Nationalversammlung. Wenn aber die Mehrzahl der Departementsräte in diesem Sinne sich aussprach, musste die Nationalversammlung nicht der Stimme Frankreichs die Jungfräulichkeit der Konstitution opfern? Die Nationalversammlung hegte dieselben Hoffnungen von diesen Provinzialversammlungen, welche die Nonnen in Voltaires „Henriade“ von den Panduren hegten. Aber die Potiphars der Nationalversammlung hatten es, einige Ausnahmen abgerechnet, mit ebenso vielen Josephs der Provinzen zu tun. Die ungeheure Mehrzahl wollte die zudringliche Insinuation nicht verstehen. Die Revision der Verfassung wurde vereitelt durch die Werkzeuge selbst, wodurch sie ins Leben gerufen werden sollte, durch die Abstimmungen der Departementsräte. Die Stimme Frankreichs, und zwar des bürgerlichen Frankreichs, hatte gesprochen und hatte gegen die Revision gesprochen.

Anfang Oktober trat die legislative Nationalversammlung wieder zusammen — tantum mutatus ab illo [wie anders seit damals]. Ihre Physiognomie war durchaus verändert. Die unerwartete Verwerfung der Revision von seiten der Departementsräte hatte sie in die Grenzen der Konstitution zurück und auf die Grenzen ihrer Lebensdauer hingewiesen. Die Orleanisten waren misstrauisch geworden durch die Wallfahrten der Legitimisten nach Ems, die Legitimisten hatten Verdacht geschöpft aus den Verhandlungen der Orleanisten mit London, die Journale beider Fraktionen hatten das Feuer geschürt und die wechselseitigen Ansprüche ihrer Prätendenten abgewogen. Orleanisten und Legitimisten vereint grollten über die Umtriebe der Bonapartisten, die in den prinzlichen Reisen hervortraten, in den mehr oder minder durchsichtigen Emanzipationsversuchen des Präsidenten, in der anspruchsvollen Sprache der bonapartistischen Zeitungen; Louis Bonaparte grollte über eine Nationalversammlung, die nur die legitimistisch-orleanistische Konspiration gerecht erfand, über ein Ministerium, das ihn beständig an diese Nationalversammlung verriet. Das Ministerium endlich war in sich selbst gespalten über die römische Politik und über die von dem Minister Passy vorgeschlagene, von den Konservativen als sozialistisch verschriene Einkommensteuer.

Eine der ersten Vorlagen des Ministeriums Barrot an die wiederversammelte Legislative war eine Kreditforderung von 300.000 frs. zur Zahlung des Witwengehaltes der Herzogin von Orléans. Die Nationalversammlung bewilligte es und fügte dem Schuldregister der französischen Nation eine Summe von 7 Millionen frs. hinzu. Während so Louis-Philippe mit Erfolg die Rolle des „pauvre honteux“, des verschämten Bettlers fortspielte, wagte das Ministerium weder die Gehaltszulage für Bonaparte zu beantragen, noch schien die Versammlung geneigt, sie zu geben. Und Louis Bonaparte schwankte wie von jeher im Dilemma: Aut Caesar aut Clichy! [Entweder Cäsar oder Clichy! (Clichy — Pariser Gefängnis für bankrotte, zahlungsunfähige Schuldner)]

Die zweite Kreditforderung des Ministers von 9 Millionen frs. für die Kosten der römischen Expedition vermehrte die Spannung zwischen Bonaparte einerseits und den Ministern und der Nationalversammlung andererseits. Louis Bonaparte hatte einen Brief an seinen Ordonnanzoffizier Edgar Ney in den Moniteur eingerückt, worin er die päpstliche Regierung an konstitutionelle Garantien band. Der Papst seinerseits hatte eine Ansprache erlassen: „motu proprio“, worin er jede Beschränkung der restaurierten Herrschaft zurückwies. Der Brief Bonapartes lüftete mit absichtlicher Indiskretion den Vorhang seines Kabinetts, um sich selbst als wohlwollendes, aber im eigenen Hause verkanntes und gefesseltes Genie den Blicken der Galerie auszusetzen. Er kokettierte nicht das erstemal mit den „verstohlenen Flügelschlägen einer freien Seele“. Thiers, der Berichterstatter der Kommission, ignorierte vollständig Bonapartes Flügelschlag und begnügte sich, die päpstliche Allokution französisch zu verdolmetschen. Nicht das Ministerium, sondern Victor Hugo suchte den Präsidenten zu retten durch eine Tagesordnung, worin die Nationalversammlung ihre Zustimmung zu dem Briefe Napoleons aussprechen sollte. Allons donc! Allons donc! [Ach gehn Sie! Ach gehn Sie!] Unter dieser unehrerbietig leichtfertigen Interjektion begrub die Majorität den Antrag Hugos. Die Politik des Präsidenten? Der Brief des Präsidenten? Der Präsident selbst? Allons donc! Allons donc! Wer Teufel nimmt denn Monsieur Bonaparte au serieux [ernst]? Glauben Sie, Monsieur Victor Hugo, dass wir Ihnen glauben, dass Sie an den Präsidenten glauben? Allons donc! Allons donc!

Endlich wurde der Bruch zwischen Bonaparte und der Nationalversammlung beschleunigt durch die Diskussion über die Rückberufung der Orléans und Bourbons. In Ermangelung des Ministeriums hatte der Vetter des Präsidenten, der Sohn des Exkönigs von Westfalen, diesen Antrag gestellt, der nichts anderes bezweckte, als die legitimistischen und orleanistischen Prätendenten auf gleiche Stufe oder vielmehr unter den bonapartistischen Prätendenten herabzudrücken, der wenigstens faktisch auf dem Gipfel des Staates stand.

Napoleon Bonaparte war unehrerbietig genug, die Zurückberufung der verjagten Königsfamilien und die Amnestie der Juniinsurgenten zu Gliedern eines und desselben Antrages zu machen. Die Indignation der Majorität nötigte ihn sofort, diese frevelhafte Verkettung des Heiligen und des Verruchten, der Königsracen und der proletarischen Brut, der Fixsterne der Gesellschaft und ihrer Sumpflichter abzubitten und jedem der beiden Anträge den ihm gebührenden Rang anzuweisen. Energisch stiess sie die Zuruckrufung der königlichen Familie zurück, und Berryer, der Demosthenes der Legitimisten, liess keinen Zweifel über den Sinn dieses Votums. Die bürgerliche Degradation der Prätendenten, das ist es, was man bezweckt! Man will sie des Heiligenscheins berauben, der letzten Majestät, die ihnen geblieben ist, der Majestät des Exils! Was, rief Berryer aus, würde man von dem unter den Prätendenten denken, der, seinen erlauchten Ursprung vergessend, hierher käme, um als einfacher Privatmann zu leben! Deutlicher konnte dem Louis Bonaparte nicht gesagt werden, dass er durch seine Gegenwart nicht gewonnen hatte, dass, wenn die koalisierten Royalisten ihn hier in Frankreich als neutralen Mann auf dem Präsidentenstuhl brauchten, die ernsthaften Kronprätendenten durch die Nebel des Exils den profanen Blicken entrückt bleiben mussten.

Am 1. November antwortete Louis Bonaparte der legislativen Versammlung durch eine Botschaft, welche in ziemlich barschen Worten die Entlassung des Ministeriums Barrot und die Bildung eines neuen Ministeriums anzeigte. Das Ministerium Barrot-Falloux war das Ministerium der royalistischen Koalition, das Ministerium d’Hautpoul war das Ministerium Bonapartes, das Organ des Präsidenten gegenüber der legislativen Versammlung, das Ministerium der Kommis.

Bonaparte war nicht mehr der bloss neutrale Mann des 10. Dezembers 1848. Der Besitz der exekutiven Gewalt hatte eine Anzahl von Interessen um ihn gruppiert, der Kampf mit der Anarchie zwang die Partei der Ordnung selbst, seinen Einfluss zu vermehren, und wenn er nicht mehr populär war, war sie unpopulär. Die Orleanisten und Legitimisten, konnte er nicht hoffen, durch ihre Rivalität wie durch die Notwendigkeit irgendeiner monarchischen Restauration sie zur Anerkennung des neutralen Prätendenten zu zwingen?

Vom 1. November 1849 datiert die dritte Lebensperiode der konstitutionellen Republik, Periode, die mit dem 10. März 1850 schliesst. Nicht nur beginnt das regelmässige Spiel der konstitutionellen Institutionen, das Guizot so sehr bewundert, der Krakeel zwischen der exekutiven und gesetzgebenden Gewalt. Den Restaurationsgelüsten der vereinigten Orleanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner tatsächlichen Macht, die Republik; den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber vertritt die Partei der Ordnung den Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft, die Republik; den Orleanisten gegenüber vertreten die Legitimisten, den Legitimisten gegenüber vertreten die Orleanisten den Status quo, die Republik. Alle diese Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eigenen König und ihre eigene Restauration in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen gegenüber die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie, die Form geltend, worin die besonderen Ansprüche neutralisiert und vorbehalten bleiben — die Republik.

Wie Kant die Republik als einzig rationelle Staatsform zu einem Postulat der praktischen Vernunft macht, deren Verwirklichung nie erreicht wird, deren Erreichung aber stets als Ziel angestrebt und in der Gesinnung festgehalten werden muss, so diese Royalisten das Königtum.

So wurde de konstitutionelle Republik, als hohle ideologische Formel aus den Händen der Bourgeoisrepublikaner hervorgegangen, in den Händen der koalisierten Royalisten zur inhaltsvollen lebendigen Form. Und Thiers sprach wahrer, als er ahnte, wenn er sagte: „Wir, die Royalisten, sind die wahren Stützen der konstitutionellen Republik.“

Der Sturz des Ministeriums der Koalition, das Erscheinen des Ministeriums der Kommis hat eine zweite Bedeutung. Sein Finanzminister hiess Fould. Fould Finanzminister, das ist die offizielle Preisgebung des französischen Nationalreichtums an die Börse, die Verwaltung des Staatsvermögens durch die Börse und im Interesse der Börse. Mit der Ernennung Foulds zeigte die Finanzaristokratie ihre Restauration im Moniteur an. Diese Restauration ergänzte notwendig die übrigen Restaurationen, die ebenso viele Ringe an der Kette der konstitutionellen Republik bilden.

Louis-Philippe hatte nie gewagt, einen wirklichen loup-cervier (Börsenwolf) zum Finanzminister zu machen. Wie sein Königtum der ideale Name für die Herrschaft der hohen Bourgeoisie war, mussten in seinen Ministerien die privilegierten Interessen ideologisch-uninteressierte Namen tragen. Die Bourgeoisrepublik trieb überall in den Vordergrund, was die verschiedenen Monarchien, die legitimistische wie die orleanistische, im Hintergrund versteckt hielten. Sie verirdischte, was jene verhimmelt hatten. An die Stelle der Heiligennamen setzte sie die bürgerlichen Eigennamen der herrschenden Klasseninteressen.

Unsere ganze Darstellung hat gezeigt, wie die Republik vom ersten Tage ihres Bestehens an die Finanzaristokratie nicht stürzte, sondern befestigte. Aber die Konzessionen, die man ihr machte, waren ein Schicksal, dem man sich unterwarf, ohne es herbeiführen zu wollen. Mit Fould fiel die Regierungsinitiative an die Finanzaristokratie zurück.

Man wird fragen, wie die koalisierte Bourgeoisie die Herrschaft der Finanz ertragen und dulden konnte, die unter Louis-Philippe auf der Ausschliessung oder Unterordnung der übrigen Bourgeoisfraktionen beruhte?

Die Antwort ist einfach.

Zunächst bildet die Finanzaristokratie selbst einen massgebend gewichtigen Teil der royalistischen Koalition, deren gemeinsame Regierungsgewalt Republik heisst. Sind nicht die Wortführer und Kapazitäten der Orleanisten die alten Verbündeten und Mitschuldigen der Finanzaristokratie? Ist sie selbst nickt die goldene Phalanx des Orleanismus? Was die Legitimisten betrifft, schon unter Louis-Philippe hatten sie sich praktisch an allen Orgien der Börsen-, Minen- und Eisenbahnspekulationen beteiligt. Überhaupt ist die Verbindung des grossen Grundeigentums mit der hohen Finanz ein normales Faktum. Beweis: England, Beweis: selbst Österreich.

In einem Lande wie Frankreich, wo die Grösse der nationalen Produktion in unverhältnismässig untergeordnetem Masse zur Grösse der Nationalschuld steht, wo die Staatsrente den bedeutendsten Gegenstand der Spekulation und die Börse den Hauptmarkt für die Anlegung des Kapitals bildet, das sich auf eine unproduktive Weise verwerten will, in einem solchen Land muss eine zahllose Masse von Leuten aus allen bürgerlichen oder halbbürgerlichen Klassen an der Staatsschuld, am Börsenspiel, an der Finanz beteiligt sein. Alle diese subalternen Beteiligten, finden sie nicht ihre natürlichen Stützen und Befehlshaber in der Fraktion, die dieses Interesse in den kolossalsten Umrissen, die es im grossen und ganzen vertritt?

Das Heimfallen des Staatsvermögens an die hohe Finanz, wodurch ist es bedingt? Durch die beständig anwachsende Verschuldung des Staates. Und die Verschuldung des Staates? Durch das beständige Übergewicht seiner Ausgaben über seine Einnahmen, ein Missverhältnis, welches zugleich die Ursache und die Wirkung des Systems der Staatsanleihen ist.

Um dieser Verschuldung zu entgehen, muss der Staat entweder seine Ausgaben einschränken, d.h. den Regierungsorganismus vereinfachen, verkürzen, möglichst wenig regieren, möglichst wenig Personal beschäftigen, möglichst wenig in Beziehung zur bürgerlichen Gesellschaft treten. Dieser Weg war unmöglich für die Partei der Ordnung, deren Repressionsmittel, deren offizielle Einmischung von Staats wegen, deren allseitige Gegenwart durch Staatsorgane in demselben Masse zunehmen mussten, als ihre Herrschaft und die Lebensbedingungen ihrer Klasse vielseitiger bedroht wurden. Man kann die Gendarmerie nicht in demselben Masse vermindern, als die Angriffe auf Personen und Eigentum sich vermehren.

Oder der Staat muss die Schulden zu umgehen suchen und ein augenblickliches, aber vorübergehendes Gleichgewicht in dem Budget hervorbringen dadurch, dass er ausserordentliche Steuern auf die Schultern der reichsten Klassen wälzt. Um den Nationalreichtum der Börsenexploitation zu entziehen, sollte die Partei der Ordnung ihren eigenen Reichtum auf dem Altare des Vaterlandes opfern? Pas si bête! [So dumm ist sie nicht!]

Also ohne gänzliche Umwälzung des französischen Staats keine Umwälzung des französischen Staatshaushaltes. Mit diesem Staatshaushalt notwendig die Staatsverschuldung, und mit der Staatsverschuldung notwendig die Herrschaft des Staatsschuldenhandels, der Staatsgläubiger, der Bankiers, der Geldhändler, der Börsenwölfe. Nur eine Fraktion der Ordnungspartei war direkt am Sturze der Finanzaristokratie beteiligt, die Fabrikanten. Wir sprechen nicht von den mittleren, von den kleineren Industriellen, wir sprechen von den Regenten des Fabrikinteresses, die unter Louis-Philippe die breite Basis der dynastischen Opposition gebildet hatten. Ihr Interesse ist unzweifelhaft Verminderung der Produktionskosten, also Verminderung der Steuern, die in die Produktion, also Verminderung der Staatsschulden, deren Zinsen in die Steuern eingehen, also Sturz der Finanzaristokratie.

In England — und die grössten französischen Fabrikanten sind Kleinbürger gegen ihre englischen Rivalen — finden wir wirklich die Fabrikanten, einen Cobden, einen Bright, an der Spitze des Kreuzzuges gegen die Bank und die Börsenaristokratie. Warum nicht in Frankreich? In England herrscht die Industrie, in Frankreich die Agrikultur vor. In England bedarf die Industrie des free trade [Freihandels], in Frankreich des Schutzzolls, des nationalen Monopols neben den anderen Monopolen. Die französische Industrie beherrscht nicht die französische Produktion, die französischen Industriellen beherrschen daher nicht die französische Bourgeoisie. Um ihr Interesse gegen die übrigen Fraktionen der Bourgeoisie durchzusetzen, können sie nicht wie die Engländer an die Spitze der Bewegung treten und gleichzeitig ihr Klasseninteresse auf die Spitze treiben; sie müssen in das Gefolge der Revolution treten und Interessen dienen, die den Gesamtinteressen ihrer Klasse entgegenstehen. Im Februar hatten sie ihre Stellung verkannt, der Februar witzigte sie. Und wer ist direkter bedroht von den Arbeitern als der Arbeitgeber, der industrielle Kapitalist? Der Fabrikant wurde daher notwendig in Frankreich zum fanatischsten Gliede der Ordnungspartei. Die Schmälerung seines Profits durch die Finanz, was ist sie gegen die Aufhebung des Profits durch das Proletariat?

In Frankreich tut der Kleinbürger, was normalerweise der industrielle Bourgeois tun müsste; der Arbeiter tut, was normalerweise die Aufgabe des Kleinbürgers wäre, und die Aufgabe des Arbeiters, wer löst sie? Niemand. Sie wird nicht in Frankreich gelöst, sie wird in Frankreich proklamiert. Sie wird nirgendwo gelöst innerhalb der nationalen Wände, der Klassenkrieg innerhalb der französischen Gesellschaft schlägt um in einen Weltkrieg, worin sich die Nationen gegenübertreten. Die Lösung, sie beginnt erst in dem Augenblick, wo durch den Weltkrieg das Proletariat an die Spitze des Volks getrieben wird, das den Weltmarkt beherrscht, an die Spitze Englands. Die Revolution, die hier nicht ihr Ende, sondern ihren organisatorischen Anfang findet, ist keine kurzatmige Revolution. Das jetzige Geschlecht gleicht den Juden, die Moses durch die Wüste führt. Es hat nicht nur eine neue Welt zu erobern, es muss untergehen, um den Menschen Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind.

Kommen wir auf Fould zurück.

Am 14. November 1849 bestieg Fould die Tribüne der Nationalversammlung und setzte sein Finanzsystem auseinander: Apologie des alten Steuersystems! Beibehaltung der Weinsteuer! Zurückziehen der Einkommensteuer Passys!

Auch Passy war kein Revolutionär, er war ein alter Minister Louis-Philippes. Er gehörte zu den Puritanern von der Force Dufaures und zu den intimsten Vertrauten Testes, des Sündenbocks der Julimonarchie3. Auch Passy hatte das alte Steuersystem gelobt, die Beibehaltung der Weinsteuer empfohlen, aber er hatte gleichzeitig den Schleier vom Staatsdefizit weggerissen. Er hatte die Notwendigkeit einer neuen Steuer, der Einkommensteuer erklärt, wolle man nicht den Staatsbankerott. Fould, der Ledru-Rollin den Staatsbankerott empfahl, empfahl der Legislative das Staatsdefizit. Er versprach Ersparungen, deren Geheimnis sich später dahin enthüllte, dass sich z.B. die Ausgaben um 60 Millionen verminderten und die schwebende Schuld sich um 200 Millionen vermehrte — Taschenspielerkünste in der Gruppierung der Zahlen, in der Aufstellung der Rechnungsablage, die alle schliesslich auf neue Anleihen hinausliefen.

Unter Fould trat die Finanzaristokratie, neben den übrigen eifersüchtigen Bourgeoisfraktionen, natürlich nicht so schamlos korrupt auf wie unter Louis-Philippe. Aber einmal war das System dasselbe, stete Vermehrung der Schulden, Verkleidung des Defizits. Und mit der Zeit trat die alte Börsenschwindelei unverhüllter hervor. Beweis: das Gesetz über die Eisenbahn von Avignon, die mysteriösen Schwankungen der Staatspapiere, einen Augenblick das Tagesgespräch von ganz Paris, endlich die missglückten Spekulationen Foulds und Bonapartes auf die Wahlen vom 10. März.

Mit der offiziellen Restauration der Finanzaristokratie musste das französische Volk bald wieder vor einem 24. Februar ankommen.

Die Konstituante, in einem Anfall von Misanthropie gegen ihre Erbin, hatte die Weinsteuer abgeschafft für das Jahr des Herrn 1850. Mit der Abschaffung alter Steuern konnten neue Schulden nicht bezahlt werden. Creton, ein Kretin der Ordnungspartei, hatte die Beibehaltung der Weinsteuer schon vor Vertagung der legislativen Versammlung beantragt. Fould nahm diesen Antrag auf, im Namen des bonapartistischen Ministeriums, und am 20. Dezember 1849, am Jahrestage der Proklamation Bonapartes zum Präsidenten, dekretierte die Nationalversammlung die Restauration der Weinsteuer.

Der Vorredner dieser Restauration war kein Finanzier, es war der Jesuitenchef Montalembert. Seine Deduktion war schlagend einfach: Die Steuer, das ist die Mutterbrust, woran sich die Regierung stillt. Die Regierung, das sind die Werkzeuge der Repression, das sind die Organe der Autorität, das ist die Armee, das ist die Polizei, das sind die Beamten, die Richter, die Minister, das sind die Priester. Der Angriff auf die Steuer, das ist der Angriff der Anarchisten auf die Schildwachen der Ordnung, die die materielle und geistige Produktion der bürgerlichen Gesellschaft vor den Eingriffen der proletarischen Vandalen beschützen. Die Steuer, das ist der fünfte Gott, neben dem Eigentum, der Familie, der Ordnung und der Religion. Und die Weinsteuer ist unstreitig eine Steuer, und zudem keine gewöhnliche, sondern eine altherkömmliche, eine monarchisch gesinnte, eine respektable Steuer. Vive l‘impôt des boissons ! Three cheers and one cheer more! [Es lebe die Getränkesteuer! Dreimal Hoch und noch einmal Hoch!]

Der französische Bauer, wenn er sich den Teufel an die Wand malt, malt ihn unter der Gestalt des Steuerexekutors. Von dem Augenblick an, wo Montalembert die Steuer zum Gott erhob, wurde der Bauer gottlos, Atheist, und warf sich dem Teufel in die Arme, dem Sozialismus. Die Religion der Ordnung hatte ihn verscherzt, die Jesuiten hatten ihn verscherzt, Bonaparte hatte ihn verscherzt. Der 20. Dezember 1849 hatte den 20. Dezember 1848 unwiderruflich kompromittiert. Der „Neffe seines Onkels“ war nicht der erste seiner Familie, den die Weinsteuer schlug, diese Steuer, die nach dem Ausdruck Montalemberts das Revolutionsunwetter wittert. Der wirkliche, der grosse Napoleon erklärte auf St. Helena, dass die Wiedereinführung der Weinsteuer mehr zu seinem Sturze beigetragen als alles andere, indem sie ihm die Bauern Südfrankreichs entfremdet habe. Schon unter Louis 14. die Favoritin des Volkshasses (siehe die Schriften von Boisguillebert und Vauban), von der ersten Revolution abgeschafft, hatte Napoleon sie 1808 unter modifizierter Form wieder eingeführt. Als die Restauration in Frankreich einzog, trabten vor ihr her nicht allein die Kosaken, sondern auch die Verheissungen von der Abschaffung der Weinsteuer. Die gentilhommene [Der Adel] brauchte natürlich der gent taillable à merci et misericorde [dem auf Gnade und Ungnade steuerpflichtigen Volk] nicht Wort zu halten. 1830 versprach die Abschaffung der Weinsteuer. Es war nicht seine Art, zu tun, was es sagte, und zu sagen, was es tat. 1848 versprach die Abschaffung der Weinsteuer, wie es alles versprach. Die Konstituante endlich, die nichts versprach, machte, wie erwähnt, eine testamentarische Verfügung, wonach die Weinsteuer am 1. Januar 1850 verschwinden sollte. Und gerade 10 Tage vor dem 1. Januar 1850 führte die Legislative sie wieder ein, so dass das französische Volk ihr beständig nachjagte, und wenn es sie zur Türe hinausgeworfen hatte, sie durch das Fenster wieder hereinkommen sah.

Der populäre Hass gegen die Weinsteuer erklärt sich daraus, dass sie alle Gehässigkeiten des französischen Steuersystems in sich vereinigt. Die Weise ihrer Erhebung ist gehässig, die Weise ihrer Verteilung ist aristokratisch, denn die Steuerprozente sind dieselben für die gewöhnlichsten, wie für die kostbarsten Weine. Sie nimmt also in geometrischem Verhältnis zu, wie das Vermögen der Konsumenten abnimmt, eine umgekehrte Progressivsteuer. Sie provoziert daher direkt die Vergiftung der arbeitenden Klassen als Prämie auf verfälschte und nachgemachte Weine. Sie vermindert die Konsumtion, indem sie an den Toren aller Städte über 4‘000 Einwohner Oktrois errichtet und jede Stadt in ein fremdes Land mit Schutzzöllen gegen den französischen Wein verwandelt. Die grossen Weinhändler, noch mehr aber die kleinen, die marchands de vins, die Weinschenken, deren Erwerb von dem Konsum des Weins unmittelbar abhängt, sind ebenso viele erklärte Gegner der Weinsteuer. Und endlich, indem sie den Konsum vermindert, schneidet die Weinsteuer der Produktion den Absatzmarkt ab. Während sie die städtischen Arbeiter unfähig macht, den Wein zu bezahlen, macht sie die Weinbauern unfähig, ihn zu verkaufen. Und Frankreich zählt eine weinbauende Bevölkerung von ungefähr 12 Millionen. Man begreift daher den Hass des Volks im allgemeinen, man begreift namentlich den Fanatismus der Bauern gegen die Weinsteuer. Und zudem sahen sie in ihrer Restauration kein vereinzeltes, mehr oder minder zufälliges Ereignis. Die Bauern haben eine eigene Art historischer Überlieferung, die vom Vater auf den Sohn vererbt, und in dieser historischen Schule munkelte es, dass jede Regierung, solange sie die Bauern betrügen will, die Abschaffung der Weinsteuer verspricht, und sobald sie die Bauern betrogen hat, die Weinsteuer beibehält oder wieder einführt. An der Weinsteuer erprobt der Bauer das Bukett der Regierung, ihre Tendenz. Die Restauration der Weinsteuer am 20. Dezember hiess: Louis Bonaparte ist wie die anderen; aber er war nicht wie die anderen, er war eine Bauernerfindung, und in den Millionen Unterschriften zählenden Petitionen gegen die Weinsteuer nahmen sie die Stimmen zurück, die sie ein Jahr vorher dem „Neffen seines Onkels“ gegeben hatten.

Die Landbevölkerung, über zwei Dritteile der französischen Gesamtbevölkerung, besteht grösstenteils aus sogenannten freien Grundeigentümern. Die erste Generation, durch die Revolution von 1789 unentgeltlich von den Feudallasten befreit, hatte keinen Preis für die Erde gezahlt. Aber die folgenden Generationen zahlten unter der Gestalt des Bodenpreises, was ihre halbleibeigenen Vorfahren unter der Form der Rente, der Zehnten, der Frondienste usw. gezahlt hatten. Je mehr einerseits die Bevölkerung wuchs, je mehr andererseits die Teilung der Erde stieg — um so teurer wurde der Preis der Parzelle, denn mit ihrer Kleinheit nahm der Umfang der Nachfrage für sie zu. In dem Verhältnis aber, worin der Preis stieg, den der Bauer für die Parzelle zahlte, sei es, dass er sie direkt kaufte oder dass er sie von seinen Miterben sich als Kapital anrechnen liess, in demselben Verhältnisse stieg notwendig die Verschuldung des Bauern, d.h. die Hypothek. Der auf dem Grund und Boden haftende Schuldtitel heisst nämlich Hypotheke, Pfandzettel auf den Grund und Boden. Wie auf dem mittelaltrigen Grundstücke die Privilegien, akkumulieren sich auf der modernen Parzelle die Hypotheken. — Andererseits: In dem Regime der Parzellierung ist die Erde für ihren Eigentümer ein reines Produktionsinstrument. In demselben Masse nun, worin der Grund und Böden geteilt wird, nimmt seine Fruchtbarkeit ab. Die Anwendung der Maschinerie auf Grund und Boden, die Teilung der Arbeit, die grossen Veredlungsmittel der Erde, wie Anlegung von Abzugs- und Bewässerungskanälen u.dgl., werden mehr und mehr unmöglich, während die falschen Kosten der Bebauung in demselben Verhältnisse wachsen wie die Teilung des Produktionsinstrumentes selbst. Alles dies, abgesehen davon, ob der Besitzer der Parzelle Kapital besitzt oder nicht. Aber je mehr die Teilung steigt, um so mehr bildet das Grundstück mit dem allerjämmerlichsten Inventarium das ganze Kapital des Parzellenbauers, um so mehr fällt die Kapitalanlage auf Grund und Boden weg, um so mehr fehlen dem Kotsassen Erde, Geld und Bildung, um die Fortschritte der Agronomie anzuwenden, um so mehr macht die Bodenbebauung Rückschritte. Endlich vermindert sich der Reinertrag in demselben Verhältnis, als der Bruttokonsum wächst, als die ganze Familie des Bauern durch ihren Besitz von anderen Beschäftigungen zurückgehalten wird und doch nicht befähigt ist, von ihm zu leben.

In demselben Masse also, worin die Bevölkerung und mit ihr die Teilung des Grund und Bodens zunimmt, in demselben Masse verteuert sich das Produktionsinstrument, die Erde, und nimmt ihre Fruchtbarkeit ab, in demselben Masse verfällt der Ackerbau und verschuldet sich der Bauer. Und was Wirkung war, wird seinerseits zur Ursache. Jede Generation lässt die andere verschuldeter zurück, jede neue Generation beginnt unter ungünstigeren und erschwerenderen Bedingungen, die Hypothezierung erzeugt die Hypothezierung, und wenn es dem Bauer unmöglich wird, in seiner Parzelle ein Unterpfand für neue Schulden zu bieten, d.h. sie mit neuen Hypotheken zu belasten, verfällt er direkt dem Wucher, um so enormer werden die Wucherzinsen.

So kam es, dass der französische Bauer unter der Form von Zinsen für die auf der Erde haftenden Hypotheken, unter der Form von Zinsen für nicht verhypothezierte Vorschüsse des Wuchers, nicht nur eine Grundrente, nicht nur den industriellen Profit, mit einem Wort, nicht nur den ganzen Reingewinn an den Kapitalisten abtritt, sondern selbst einen Teil des Arbeitslohnes, dass er also auf die Stufe des irischen Pächters herabsank — und alles unter dem Vorwande, Privateigentümer zu sein.

Dieser Prozess wurde in Frankreich beschleunigt durch die stets wachsende Steuerlast und durch die Gerichtskosten, teils direkt hervorgerufen durch die Formalitäten selbst, womit die französische Gesetzgebung das Grundeigentum umgibt, teils durch die unzähligen Konflikte der überall sich begrenzenden und durchkreuzenden Parzellen, teils durch die Prozesswut der Bauern, deren Eigentumsgenuss sich auf die fanatische Geltendmachung des vorgestellten Eigentums, des Eigentumsrechts beschränkt.

Nach einer statistischen Aufstellung von 1840 betrug das Bruttoprodukt des französischen Grund und Bodens 5‘237‘178‘000 frs. Es gehn hiervon ab 3‘552‘000‘000 frs. für Kosten der Bearbeitung, eingeschlossen den Konsum der arbeitenden Menschen. Bleibt ein Nettoprodukt von 1‘685‘178‘000 frs., wovon 550 Millionen für Hypothekenzinsen, 100 Millionen für Justizbeamte, 350 Millionen für Steuern und 107 Millionen für Einschreibungsgeld, Stempelgeld, Hypothezierungsgebühren usw. abzuziehen. Bleibt der dritte Teil des Nettoprodukts, 538 Millionen, auf den Kopf der Bevölkerung verteilt, noch nicht 25 frs. Nettoprodukt. In dieser Rechnung findet natürlich weder der ausserhypothekarische Wucher sich aufgeführt, noch die Kosten für Advokaten usw.

Man begreift die Lage der französischen Bauern, als die Republik ihren alten Lasten noch neue hinzugefügt hatte. Man sieht, dass ihre Exploitation von der Exploitation des industriellen Proletariats sich nur durch die Form unterscheidet. Der Exploiteur ist derselbe: das Kapital. Die einzelnen Kapitalisten exploitieren die einzelnen Bauern durch die Hypotheke und den Wucher, die Kapitalistenklasse exploitiert die Bauernklasse durch die Staatssteuer. Der Eigentumstitel der Bauern ist der Talisman, womit das Kapital ihn bisher bannte, der Vorwand, unter dem es ihn gegen das industrielle Proletariat auf hetzte. Nur der Fall des Kapitals kann den Bauern steigen machen, nur eine antikapitalistische, eine proletarische Regierung kann sein ökonomisches Elend, seine gesellschaftliche Degradation brechen. Die konstitutionelle Republik, das ist die Diktatur seiner vereinigten Exploiteurs; die sozial-demokratische, die rote Republik, das ist die Diktatur seiner Verbündeten. Und die Waage steigt oder fällt je nach den Stimmen, welche der Bauer in die Wahlurne wirft. Er selbst hat über sein Schicksal zu entscheiden. — So sprachen die Sozialisten in Pamphlets, in Almanachs, in Kalendern, in Flugschriften aller Art. Verständlicher wurde ihm diese Sprache durch die Gegenschriften der Partei der Ordnung, die sich ihrerseits an ihn wandte und durch die grobe Übertreibung, durch die brutale Auffassung und Darstellung der Absichten und Ideen der Sozialisten den wahren Bauernton traf und seine Lüsternheit nach der verbotenen Frucht überreizte. Am verständlichsten aber sprachen die Erfahrungen selbst, welche die Bauernklasse von dem Gebrauch des Stimmrechts gemacht hatte, und die in revolutionärer Hast Schlag auf Schlag ihn überstürzenden Enttäuschungen. Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.

Die allmähliche Umwälzung der Bauern trat in verschiedenen Symptomen hervor. Sie zeigte sich schon in den Wahlen zur legislativen Versammlung, sie zeigte sich in dem Belagerungszustand der fünf Lyon begrenzenden Departements, sie zeigte sich einige Monate nach dem 13. Juni in der Wahl eines Montagnards an der Stelle des ehemaligen Präsidenten der Chambre introuvable4 durch das Departement der Gironde, sie zeigte sich am 20. Dezember 1849 in der Wahl eines Roten an der Stelle eines verstorbenen legitimistischen Deputierten im Departement du Gard, diesem gelobten Lande der Legitimisten, der Szene der furchtbarsten Schandtaten gegen die Republikaner 1794 und 1795, dem Zentralsitz der terreur blanche [des weissen Terrors] von 1815, wo Liberale und Protestanten öffentlich gemordet wurden. Diese Revolutionierung der stationärsten Klasse tritt am augenscheinlichsten hervor nach der Wiedereinführung der Weinsteuer. Die Regierungsmassregeln und Gesetze während des Januars und Februars 1850 sind fast ausschliesslich gegen die Departemente und die Bauern gerichtet. Schlagendster Beweis ihres Fortschrittes.

Zirkular Hautpouls, wodurch der Gendarm zum Inquisitoren des Präfekten, des Unterpräfekten und vor allem des Maire ernannt, wodurch die Spionage bis in die Schlupfwinkel der entlegensten Dorfgemeinde organisiert wurde; Gesetz gegen die Schulmeister, wodurch sie, die Kapazitäten, die Wortführer, die Erzieher und die Dolmetscher der Bauernklasse, der Willkür der Präfekten unterworfen, sie, die Proletarier der Gelehrtenklasse, gleich gehetztem Wild aus einer Gemeinde in die andere gejagt wurden; Gesetzesvorschlag gegen die Maires, wodurch das Damoklesschwert der Absetzung über ihre Häupter verhängt und sie, die Präsidenten der Bauerngemeinden, jeden Augenblick dem Präsidenten der Republik und der Ordnungspartei gegenübergestellt wurden; Ordonnanz, welche die 17 Militärdivisionen Frankreichs in vier Paschaliks verwandelte und die Kaserne und das Biwak den Franzosen als Nationalsalon oktroyierte; Unterrichtsgesetz, wodurch die Ordnungspartei die Bewusstlosigkeit und die gewaltsame Verdummung Frankreichs als ihre Lebensbedingung unter dem Regime des allgemeinen Wahlrechts proklamierte — was waren alle diese Gesetze und Massregeln? Verzweifelte Versuche, die Departemente und die Bauern der Departemente der Partei der Ordnung wieder zu erobern.

Als Repression betrachtet, jämmerliche Mittel, die ihrem eigenen Zweck den Hals umdrehten. Die grossen Massregeln, wie die Beibehaltung der Weinsteuer, der 45-Centimes-Steuer, die höhnische Verwerfung der Bauernpetitionen um Rückzahlung der Milliarde usw., alle diese gesetzgeberischen Donnerschläge trafen die Bauernklasse nur einmal, im grossen, vom Zentralsitz aus; die angeführten Gesetze und Massregeln machten den Angriff und den Widerstand allgemein, zum Tagesgespräch jeder Hütte, sie inokulierten die Revolution jedem Dorf, sie lokalisierten und verbauerten die Revolution.

Andererseits, beweisen nicht diese Vorschläge Bonapartes, ihre Annahme von der Nationalversammlung, die Einigkeit der beiden Gewalten der konstitutionellen Republik, soweit es sich um Repression der Anarchie handelt, d.h. aller Klassen, die sich gegen die Bourgeoisdiktatur auflehnen? Hatte Soulouque nicht gleich nach seiner barschen Botschaft die Legislative seines Dévouements für die Ordnung versichert durch die unmittelbar nachfolgende Botschaft Carliers, dieser schmutzig-gemeinen Karikatur Fouchés, wie Louis Bonaparte selbst die plattgedrückte Karikatur Napoleons war?

Das Unterrichtsgesetz zeigt uns die Allianz der jungen Katholiken und der alten Voltairianer. Die Herrschaft der vereinigten Bourgeois, konnte sie etwas anderes sein als der koalisierte Despotismus der jesuitenfreundlichen Restauration und der freigeistigtuenden Julimonarchie? Die Waffen, welche die eine Bourgeoisfraktion gegen die andere unter das Volk verteilt hatte in ihrem wechselseitigen Ringen um die Oberherrschaft, mussten sie dem Volke nicht wieder entrissen werden, seitdem es ihrer vereinigten Diktatur gegenüberstand? Nichts hat den Pariser Boutiquier mehr empört als diese kokette Etalage des Jesuitismus, selbst nicht die Verwerfung der concordats à l’amiable.

Unterdessen gingen die Kollisionen fort zwischen den verschiedenen Fraktionen der Ordnungspartei wie zwischen der Nationalversammlung und Bonaparte. Wenig gefiel der Nationalversammlung, dass Bonaparte gleich nach seinem coup d‘état, nach seiner Beschaffung eines eigenen bonapartistischen Ministeriums die neu zu Präfekten ernannten Invaliden der Monarchie vor sich beschied und ihre konstitutionswidrige Agitation für seine Wiederwählung als Präsident zur Bedingung ihres Amtes machte, dass Carlier seine Inauguration feierte mit der Aufhebung eines legitimistischen Klubs, dass Bonaparte ein eigenes Journal Le Napoleon stiftete, das die geheimen Gelüste des Präsidenten dem Publikum verriet, während seine Minister auf der Bühne der Legislativen sie verleugnen mussten; wenig gefiel ihr die trotzige Beibehaltung des Ministeriums, ungeachtet ihrer verschiedenen Misstrauensvota, wenig der Versuch, die Gunst der Unteroffiziere durch eine tägliche Zulage von vier Sous und die Gunst des Proletariats durch ein Plagiat aus den „Mystères“ Eugène Sues zu gewinnen, durch eine Ehrenleihbank, wenig endlich die Unverschämtheit, womit man die Deportation der übrigbleibenden Juniinsurgenten nach Algier durch die Minister beantragen liess, um der Legislativen die Unpopularität en gros aufzuwälzen, während der Präsident sich selbst die Popularität en detail vorbehielt durch einzelne Begnadigungsakte. Thiers liess drohende Worte fallen von „coups d‘état“ und „coups de tête“ [„Staatsstreichen“ und „unüberlegten Streichen“], und die Legislative rächte sich an Bonaparte, indem sie jeden Gesetzesvorschlag, den er für sich selbst stellte, verwarf, jeden, den er im gemeinsamen Interesse vorschlug, geräuschvoll-misstrauisch untersuchte, ob er durch die Vermehrung der Exekutivgewalt nicht der persönlichen Gewalt Bonapartes zu profitieren strebe. In einem Worte, sie rächte sich durch die Konspiration der Verachtung.

Die Legitimistenpartei ihrerseits sah mit Verdruss die befähigteren Orleanisten sich fast aller Posten wieder bemächtigen und die Zentralisation wachsen, während sie ihr Heil prinzipiell in der Dezentralisation suchte. Und wirklich. Die Kontrerevolution zentralisierte gewaltsam, d.h., sie bereitete den Mechanismus der Revolution vor. Sie zentralisierte sogar durch den Zwangskurs der Banknoten das Gold und Silber Frankreichs in der Pariser Bank und schuf so den fertigen Kriegsschatz der Revolution.

Die Orleanisten endlich sahen mit Verdruss das auftauchende Prinzip der Legitimität ihrem Bastardprinzip entgegengehalten und sich selbst jeden Augenblick zurückgesetzt und malträtiert als bürgerliche Mesalliance von dem adeligen Gatten.

Nach und nach sahen wir Bauern, Kleinbürger, die Mittelstände überhaupt, neben das Proletariat treten, gegen die offizielle Republik in offenen Gegensatz getrieben, als Gegner von ihr behandelt. Auflehnung gegen die Bourgeoisdiktatur, Bedürfnis einer Veränderung der Gesellschaft, Festhaltung der demokratisch- republikanischen Institutionen als ihrer Bewegungsorgane, Gruppierung um das Proletariat als die entscheidende revolutionäre Macht — das sind die gemeinschaftlichen Charakterzüge der sogenannten Partei der Sozialdemokratie, der Partei der roten Republik. Diese Partei der Anarchie, wie ihre Gegner sie taufen, ist nicht minder eine Koalition verschiedener Interessen als die Partei der Ordnung. Von der kleinsten Reform der alten gesellschaftlichen Unordnung bis zur Umwälzung der alten gesellschaftlichen Ordnung, von dem bürgerlichen Liberalismus bis zum revolutionären Terrorismus, so weit liegen die Extreme auseinander, welche den Ausgangspunkt und den Endpunkt der Partei der Anarchie bilden.

Abschaffung der Schutzzölle — Sozialismus! denn sie greift das Monopol der industriellen Fraktion der Ordnungspartei an. Regelung des Staatshaushaltes — Sozialismus! denn sie greift das Monopol der finanziellen Fraktion der Ordnungspartei an. Freie Einlassung von fremdem Fleisch und Getreide — Sozialismus! denn sie greift das Monopol der dritten Fraktion der Ordnungspartei an, des grossen Grundeigentums. Die Forderungen der Freetrader-Partei, d.h. der fortgeschrittensten englischen Bourgeoispartei, sie erscheinen in Frankreich als ebenso viele sozialistische Forderungen. Voltairianismus — Sozialismus! denn er greift eine vierte Fraktion der Ordnungspartei an, die katholische. Pressfreiheit, Assoziationsrecht, allgemeiner Volksunterricht — Sozialismus, Sozialismus! Sie greifen das Gesamtmonopol der Ordnungspartei an.

So rasch hatte der Gang der Revolution die Zustände gereift, dass die Reformfreunde aller Schattierungen, dass die bescheidensten Ansprüche der Mittelklassen gezwungen waren, sich um die Fahne der äussersten Umsturzpartei zu gruppieren, um die rote Fahne.

So mannigfaltig indes der Sozialismus der verschiedenen grossen Glieder der Partei der Anarchie war, je nach den ökonomischen Bedingungen und den daraus hervorfliessenden revolutionären Gesamtbedürfnissen ihrer Klasse oder Klassenfraktion, in einem Punkte kommt er überein: sich als Mittel der Emanzipation des Proletariats und die Emanzipation desselben als seinen Zweck zu verkünden. Absichtliche Täuschung der einen, Selbsttäuschung der anderen, die die nach ihren Bedürfnissen umgewandelte Welt als die beste Welt für alle ausgeben, als die Verwirklichung aller revolutionären Ansprüche und die Aufhebung aller revolutionären Kollisionen.

Unter den ziemlich gleichlautenden allgemeinen sozialistischen Phrasen der Partei der Anarchie“ verbirgt sich der Sozialismus des National, der Presse und des Siècle, der mehr oder minder konsequent die Herrschaft der Finanzaristokratie stürzen und Industrie und Verkehr von ihren bisherigen Fesseln befreien will. Es ist dies der Sozialismus der Industrie, des Handels und der Agrikultur, deren Regenten in der Partei der Ordnung diese Interessen verleugnen, soweit sie nicht mehr mit ihren Privatmonopolen zusammenfallen. Von diesem bürgerlichen Sozialismus, der natürlich, wie jede der Abarten des Sozialismus, einen Teil der Arbeiter und Kleinbürger ralliiert, scheidet sich der eigentliche, der kleinbürgerliche Sozialismus, der Sozialismus par excellence [schlechthin]. Das Kapital hetzt diese Klasse hauptsächlich als Gläubiger, sie verlangt Kreditinstitute; es ekrasiert sie durch die Konkurrenz, sie verlangt Assoziationen vom Staate unterstützt; es überwältigt sie durch die Konzentration, sie verlangt Progressivsteuern, Erbschaftsbeschränkungen, Übernahme der grossen Arbeiten durch den Staat und andere Massregeln, die das Wachstum des Kapitals gewaltsam aufhalten. Da sie die friedliche Durchführung ihres Sozialismus träumt — abgerechnet etwa eine kurztägige zweite Februarrevolution — erscheint ihr natürlich der kommende geschichtliche Prozess als die Anwendung von Systemen, welche die Denker der Gesellschaft, sei es in Kompanie, sei es als einzelne Erfinder, aussinnen oder ausgesonnen haben. So werden sie die Eklektiker oder Adepten der vorhandenen sozialistischen Systeme, des doktrinären Sozialismus, der nur so lange der theoretische Ausdruck des Proletariats war, als es noch nicht zur freien geschichtlichen Selbstbewegung sich fortentwickelt hatte.

Während so die Utopie, der doktrinäre Sozialismus, der die Gesamtbewegung einem ihrer Momente unterordnet, der an die Stelle der gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktion die Hirntätigkeit des einzelnen Pedanten setzt und vor allem den revolutionären Kampf der Klassen mit seinen Notwendigkeiten durch kleine Kunststücke oder grosse Sentimentalitäten wegphantasiert, während dieser doktrinäre Sozialismus, der im Grunde nur die jetzige Gesellschaft idealisiert, ein schattenloses Bild von ihr aufnimmt und sein Ideal gegen ihre Wirklichkeit durchsetzen will, während dieser Sozialismus von dem Proletariat an das Kleinbürgertum abgetreten wird, während der Kampf der verschiedenen Sozialistenchefs unter sich selbst jedes der sogenannten Systeme als anspruchsvolle Festhaltung des einen der Durchgangspunkte der sozialen Umwälzung gegen den anderen herausstellt — gruppiert sich das Proletariat immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus, für den die Bourgeoisie selbst den Namen Blanqui erfunden hat. Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung sämtlicher gesellschaftlichen Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.

Der Raum dieser Darstellung erlaubt nicht, diesen Gegenstand weiter auszuführen.

Wir haben gesehen: wie in der Partei der Ordnung die Finanzaristokratie notwendig an die Spitze trat, so in der Partei der Anarchie“ das Proletariat. Während die verschiedenen zu einer revolutionären Ligue verbundenen Klassen sich um das Proletariat gruppierten, während die Departemente immer unsicherer wurden und die legislative Versammlung selbst immer mürrischer gegen die Prätensionen des französischen Soulouque, nahten die lange aufgeschobenen und hingehaltenen Ersatzwahlen für die proskribierten Montagnards des 13. Juni heran.

Die Regierung, verachtet von ihren Feinden, misshandelt und täglich gedemütigt von ihren angeblichen Freunden, sah nur ein Mittel, aus der widerlichen und unhaltbaren Situation herauszutreten — die Emeute. Eine Emeute zu Paris hätte erlaubt, den Belagerungszustand über Paris und die Departemente zu verhängen und so die Wahlen zu kommandieren. Andererseits waren die Freunde der Ordnung, einer Regierung gegenüber, die den Sieg über die Anarchie erfochten, zu Konzessionen gezwungen, wollten sie nicht selbst als Anarchisten erscheinen.

Die Regierung begab sich ans Werk. Anfang Februar 1850 Provokationen des Volks durch Niedermetzeln der Freiheitsbäume. Vergeblich. Wenn die Freiheitsbäume ihren Platz verloren, verlor sie selbst den Kopf und trat erschrocken vor ihrer eigenen Provokation zurück. Die Nationalversammlung aber nahm diesen ungeschickten Emanzipationsversuch Bonapartes mit eiskaltem Misstrauen auf. Nicht erfolgreicher die Entfernung der Immortellenkränze von der Julisäule. Sie gab einem Teil der Armee zu revolutionären Demonstrationen Anlass und der Nationalversammlung zu einem mehr oder minder versteckten Misstrauensvotum gegen das Ministerium. Vergebens die Drohung der Regierungspresse mit Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts, mit der Invasion der Kosaken. Vergebens die direkte Aufforderung d’Hautpouls, mitten in der Legislative an die Linke, sich auf die Strasse zu begeben, und seine Erklärung, die Regierung sei bereit, sie zu empfangen. Hautpoul empfing nichts als einen Ordnungsruf des Präsidenten, und die Ordnungspartei liess mit stiller Schadenfreude einen Deputierten der Linken die usurpatorischen Gelüste Bonapartes persiflieren. Vergebens endlich die Prophezeiung einer Revolution für den 24. Februar. Die Regierung machte, dass der 24. Februar vom Volk ignoriert wurde.

Das Proletariat liess sich zu keiner Emeute provozieren. weil es im Begriff war, eine Revolution zu machen.

Ungehindert durch die Provokationen der Regierung, die nur die allgemeine Gereiztheit gegen den bestehenden Zustand erhöhten, stellte das Wahlkomitee, ganz unter dem Einflusse der Arbeiter, drei Kandidaten für Paris auf: de Flotte, Vidal und Carnot. De Flotte war ein Junideportierter, amnestiert durch einen der Popularitätseinfälle Bonapartes, er war ein Freund Blanquis und hatte sich an dem Attentat vom 15. Mai beteiligt. Vidal, als kommunistischer Schriftsteller bekannt durch sein Buch „Über die Verteilung des Reichtums“, ehemaliger Sekretär Louis Blancs in der Kommission des Luxembourg; Carnot, Sohn des Konventsmannes, der den Sieg organisiert hatte, das wenigst kompromittierte Glied der Nationalpartei, Unterrichtsminister in der provisorischen Regierung und Exekutivkommission, durch seine demokratische Gesetzvorlage über den Volksunterricht ein lebendiger Protest gegen das Unterrichtsgesetz der Jesuiten. Diese drei Kandidaten repräsentierten die drei verbündeten Klassen: an der Spitze der Juniinsurgent, der Vertreter des revolutionären Proletariats, neben ihm der doktrinäre Sozialist, der Vertreter der sozialistischen Kleinbürgerschaft, der dritte endlich Vertreter der republikanischen Bourgeoispartei, deren demokratische Formeln der Ordnungspartei gegenüber einen sozialistischen Sinn gewonnen und ihren eigenen Sinn längst verloren hatten. Es war dies eine allgemeine Koalition gegen die Bourgeoisie und die Regierung, wie im Februar. Aber diesmal war das Proletariat der Kopf der revolutionären Ligue.

Allen Anstrengungen zum Trotz siegten die sozialistischen Kandidaten. Die Armee selbst stimmte für den Juniinsurgenten gegen ihren eigenen Kriegsminister La Hitte. Die Ordnungspartei war wie vom Donner gerührt. Die Departementswahlen trösteten sie nicht, sie ergaben eine Majorität von Montagnards.

Die Wahl vom 10. März 1850! Es war die Zurücknahme des Juni 1848: Die Massacreurs und Deporteurs der Juniinsurgenten kehrten in die Nationalversammlung zurück, aber gebeugt, im Gefolge der Deportierten, und ihre Prinzipien auf den Lippen. Es war die Zurücknahme des 13. Juni 1849: Die von der Nationalversammlung proskribierte Montagne kehrte in die Nationalversammlung zurück, aber als vorgeschobene Trompeter der Revolution, nicht mehr als ihre Kommandeure. Es war die Zurücknahme des 10. Dezember: Napoleon war durchgefallen mit seinem Minister La Hitte. Die parlamentarische Geschichte Frankreichs kennt nur ein Analogon: das Durchfallen d‘Haussez‘, Ministers Karls 10., 1830. Die Wahl vom 10. März 1850 war endlich die Kassation der Wahl vom 13. Mai, welche der Partei der Ordnung die Majorität gegeben hatte. Die Wahl vom 10. März protestierte gegen die Majorität vom 13. Mai. Der 10. März war eine Revolution. Hinter den Wahlzetteln liegen die Pflastersteine.

„Das Votum des 10. März ist der Krieg“, rief Ségur d‘Aguesseau aus, eines der fortgeschrittensten Glieder der Ordnungspartei.

Mit dem 10. März 1850 tritt die konstitutionelle Republik in eine neue Phase, in die Phase ihrer Auflösung. Die verschiedenen Fraktionen der Majorität sind wieder unter sich und mit Bonaparte vereinigt, sie sind wieder die Retter der Ordnung, er wieder ihr neutraler Mann. Wenn sie sich erinnern, Royalisten zu sein, so geschieht es nur noch aus Verzweiflung an der Möglichkeit der Bourgeoisrepublik, wenn er sich erinnert, Prätendent zu sein, so geschieht es nur noch, weil er verzweifelt, Präsident zu bleiben.

Die Wahl de Flottes, des Juniinsurgenten, beantwortet Bonaparte aufs Kommando der Ordnungspartei durch die Ernennung Baroches zum Minister des Innern, Baroches, des Anklägers von Blanqui und Barbés, von Ledru-Rollin und Guinard. Die Wahl Carnots beantwortet die Legislative durch die Annahme des Unterrichtsgesetzes, die Wahl VidaIs durch die Unterdrückung der sozialistischen Presse. Durch den Trompetenstoss ihrer Presse sucht die Partei der Ordnung ihre eigene Furcht wegzuschmettern. „Das Schwert ist heilig“, ruft eines ihrer Organe; „die Verteidiger der Ordnung müssen die Offensive gegen die rote Partei ergreifen“, ein anderes; „zwischen dem Sozialismus und der Sozietät existiert ein Duell auf den Tod, ein rastlos unbarmherziger Krieg; in diesem Duell der Verzweiflung muss der eine oder der andere untergehen; wenn die Gesellschaft den Sozialismus nicht vernichtet, vernichtet der Sozialismus die Gesellschaft“, kräht ein dritter Ordnungshahn. Werft die Barrikaden der Ordnung, die Barrikaden der Religion, die Barrikaden der Familie auf! Es muss geendet werden mit den 127‘000 Wählern von Paris! Bartholomäusnacht der Sozialisten! Und die Partei der Ordnung glaubt einen Augenblick an ihre eigene Siegesgewissheit.

Am fanatischsten ergehen sich ihre Organe gegen die Boutiquiers von Paris“. Der Juniinsurgent von Paris als Repräsentant erwählt von den Boutiquiers von Paris! das heisst, ein zweiter Juni 1848 ist unmöglich, das heisst, ein zweiter 13. Juni 1849 ist unmöglich, das heisst, der moralische Einfluss des Kapitals ist gebrochen, d.h., die Bourgeoisversammlung vertritt nur noch die Bourgeoisie, d.h., das grosse Eigentum ist verloren, weil sein Lehensträger, das kleine, im Lager der Eigentumslosen seine Rettung sucht.

Die Partei der Ordnung kehrt natürlich zu ihrem unvermeidlichen Gemeinplatze zurück. Mehr Repression!“ ruft sie, Verzehnfachte Repression!“, aber ihre Repressionskraft hat sich um das Zehnfache vermindert, während der Widerstand sich verhundertfacht hat. Das Hauptwerkzeug der Repression selbst, die Armee, muss sie nicht reprimiert werden? Und die Partei der Ordnung spricht ihr letztes Wort: „Der eiserne Ring einer erstickenden Legalität muss gebrochen werden. Die konstitutionelle Republik ist unmöglich. Wir müssen mit unseren wahren Waffen kämpfen, wir haben seit Februar 1848 die Revolution mit ihren Waffen und auf ihrem Terrain bekämpft, wir haben ihre Institutionen akzeptiert, die Konstitution ist eine Festung, die nur die Belagernden beschützt, nicht die Belagerten! Indem wir uns im Bauche des trojanischen Pferdes in das heilige Ilion einschmuggelten, haben wir ungleich unseren Vorfahren, den Grecs5, nicht die feindliche Stadt erobert, sondern uns selbst zu Gefangenen gemacht“

Die Grundlage der Konstitution ist aber das allgemeine Wahlrecht. Die Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts, es ist das letzte Wort der Partei der Ordnung, der Bourgeoisdiktatur.

Das allgemeine Wahlrecht gab ihnen recht am 4. Mai 1848, am 20. Dezember 1848, am 13. Mai 1849, am 8. Juli 1849. Das allgemeine Wahlrecht hat sich selbst unrecht gegeben am 10. März 1850. Die Bourgeoisherrschaft als Ausfluss und Resultat des allgemeinen Stimmrechts, als ausgesprochener Akt des souveränen Volkswillens, das ist der Sinn der Bourgeoiskonstitution. Aber von dem Augenblick an, wo der Inhalt dieses Stimmrechts, dieses souveränen Willens nicht mehr die Bourgeoisherrschaft ist, hat die Konstitution noch einen Sinn? Ist es nicht die Pflicht der Bourgeoisie, das Stimmrecht so zu regeln, dass es das Vernünftige will, ihre Herrschaft? Das allgemeine Wahlrecht, indem es die vorhandene Staatsmacht beständig wieder aufhebt und von neuem aus sich erschafft, hebt es nicht alle Stabilität auf, stellt es nicht jeden Augenblick alle bestehenden Gewalten in Frage, vernichtet es nicht die Autorität, droht es nicht die Anarchie selbst zur Autorität zu erheben? Nach dem 10. März 1850, wer sollte noch zweifeln?

Die Bourgeoisie, indem sie das allgemeine Wahlrecht, mit dem sie sich bisher drapiert hatte, aus dem sie ihre Allmacht saugte, verwirft, gesteht unverhohlen: Unsere Diktatur hat bisher bestanden durch den Volkswillen, sie muss jetzt befestigt werden wider den Volkswillen.“ Und konsequenterweise sucht sie ihre Stützen nicht mehr in Frankreich, sondern ausserhalb, in der Fremde, in der Invasion.

Mit der Invasion ruft sie, ein zweites Koblenz, das seinen Sitz in Frankreich selbst aufgeschlagen hat, alle nationalen Leidenschaften gegen sich wach. Mit dem Angriff auf das allgemeine Stimmrecht gibt sie der neuen Revolution einen allgemeinen Vorwand, und die Revolution bedarf eines solchen Vorwandes. Jeder besondere Vorwand würde die Fraktionen der revolutionären Ligue trennen und ihre Unterschiede hervortreten lassen. Der allgemeine Vorwand, er betäubt die halbrevolutionären Klassen, er erlaubt ihnen, sich selbst zu täuschen über den bestimmten Charakter der kommenden Revolution, über die Konsequenzen ihrer eigenen Tat. Jede Revolution bedarf einer Bankettfrage. Das allgemeine Stimmrecht, es ist die Bankettfrage der neuen Revolution.

Die koalisierten Bourgeoisfraktionen aber sind schon verurteilt, indem sie von der einzig möglichen Form ihrer vereinten Macht, von der gewaltigsten und vollständigsten Form ihrer Klassenherrschaft, der konstitutionellen Republik zurückflüchten zu der untergeordneten, unvollständigen, schwächeren Form der Monarchie. Sie gleichen jenem Greise, der, um seine Jugendkraft wiederzugewinnen, seinen Kinderstaat hervorholte und seinen welken Gliedern anzuquälen suchte. Ihre Republik hatte nur ein Verdienst, das Treibhaus der Revolution zu sein.

Der 10. März 1850 trägt die Inschrift:

Après moi le déluge, nach mir die Sündflut!

4. DIE ABSCHAFFUNG DES ALLGEMEINEN STIMMRECHTS 1850

(Die Fortsetzung der vorstehenden drei Kapitel findet sich in der Revue des letzten erschienenen, fünften und sechsten Doppelheftes der Neuen Rheinischen Zeitung. Nachdem hier zuerst die grosse, 1847 in England ausgebrochene Handelskrise geschildert und aus ihren Rückwirkungen auf den europäischen Kontinent die Zuspitzung der dortigen politischen Verwicklungen zu den Revolutionen des Februar und März 1848 erklärt worden, wird dann dargestellt, wie die im Laufe von 1848 wieder eingetretene, 1849 noch höher gesteigerte Prosperität des Handels und der Industrie den revolutionären Aufschwung lähmte und die gleichzeitigen Siege der Reaktion möglich machte. Speziell von Frankreich heisst es dann: [Geschrieben von Engels zur Ausgabe von 1895])

Dieselben Symptome zeigten sich in Frankreich seit 1849 und besonders seit Anfang 1850. Die Pariser Industrien sind vollauf beschäftigt, und auch die Baumwollfabriken von Rouen und Mülhausen gehen ziemlich gut, obwohl hier die hohen Preise des Rohstoffes, wie in England, hemmend eingewirkt haben. Die Entwicklung der Prosperität in Frankreich wurde zudem besonders befördert durch die umfassende Zollreform in Spanien und durch die Herabsetzung der Zölle auf verschiedene Luxusartikel in Mexiko; nach beiden Märkten hat die Ausfuhr französischer Waren bedeutend zugenommen. Die Vermehrung der Kapitalien führte in Frankreich zu einer Reihe von Spekulationen, denen die Ausbeutung der kalifornischen Goldminen auf grossem Fuss zum Vorwand diente. Eine Menge von Gesellschaften tauchte auf, deren niedrige Aktienbeträge und deren sozialistisch gefärbte Prospekte direkt an den Geldbeutel der Kleinbürger und Arbeiter appellieren, die aber samt und sonders auf jene reine Prellerei hinauslaufen, welche den Franzosen und Chinesen allein eigentümlich ist. Eine dieser Gesellschaften wird sogar direkt von der Regierung protegiert. Die Einfuhrzölle in Frankreich in den ersten neun Monaten betrugen 1848 — 63 Millionen Francs, 1849 — 95 Millionen Francs und 1850 — 93 Millionen Francs. Sie stiegen übrigens im Monat September 1850 wieder um mehr als eine Million gegen den gleichen Monat 1849. Die Ausfuhr ist ebenfalls 1849 und noch mehr 1850 gestiegen. Der schlagendste Beweis der wiederhergestellten Prosperität ist die Wiedereinführung der Barzahlungen der Bank durch das Gesetz vom 6. August 1850. Am 15. März 1848 war die Bank bevollmächtigt worden, ihre Barzahlungen einzustellen. Ihre Notenzirkulation, mit Einschluss der Provinzialbanken, betrug damals 373 Millionen Francs (14‘920‘000 £). Am 2. November 1849 betrug diese Zirkulation 482 Millionen Francs oder 19‘280‘000 £; Zuwachs von 4‘360‘000 £, und am 2. September 1850 — 496 Millionen Francs oder 19‘840‘000 £; Zuwachs von etwa 5 Millionen Pfund. Es trat dabei keine Depreziation der Noten ein; umgekehrt, die vermehrte Zirkulation der Noten war begleitet von beständig wachsender Aufhäufung von Gold und Silber in den Kellern der Bank, so dass im Sommer 1850 der Barvorrat sich auf ungefähr 14 Millionen £ belief, eine in Frankreich unerhörte Summe. Dass die Bank so in den Stand gesetzt wurde, ihre Zirkulation und damit ihr tätiges Kapital um 123 Millionen Francs oder 5 Millionen Pfund zu erhöhen, beweist schlagend, wie richtig unsre Behauptung in einem früheren Heft war, dass die Finanzaristokratie durch die Revolution nicht nur nicht gestürzt, sondern sogar noch verstärkt worden ist. Noch augenscheinlicher wird dies Resultat durch folgende Übersicht über die französische Bankgesetzgebung der letzten Jahre. Am 10. Juni 1847 wurde die Bank bevollmächtigt, Noten von 200 Francs auszugeben; die niedrigste Note war bisher 500 Francs. Ein Dekret vom 15. März 1848 erklärte die Noten der Bank von Frankreich für gesetzliche Münze und enthob die Bank der Verpflichtung, sie gegen bar einzulösen. Ihre Notenausgabe wurde beschränkt auf 350 Millionen Francs. Sie wurde gleichzeitig bevollmächtigt, Noten von 100 Francs auszugeben. Ein Dekret vom 27. April verfügte die Verschmelzung der Departementalbanken mit der Bank von Frankreich; ein andres Dekret vom 2. Mai 1848 erhöhte ihre Notenausgabe auf 452 Millionen Francs. Ein Dekret vom 22. Dezember 1849 steigerte das Maximum der Notenausgabe auf 525 Millionen Francs. Endlich führte das Gesetz vom 6. August 1850 die Austauschbarkeit der Noten gegen Geld wieder ein. Diese Tatsachen, die fortwährende Steigerung der Zirkulation, die Konzentration des ganzen französischen Kredits in den Händen der Bank und die Anhäufung alles französischen Goldes und Silbers in den Bankgewölben, führten Herrn Proudhon zu dem Schluss, dass die Bank jetzt ihre alte Schlangenhaut abstreifen und sich in eine Proudhonsche Volksbank metamorphosieren müsse. Er brauchte nicht einmal die Geschichte der englischen Bankrestriktion von 1797-1819 zu kennen, er brauchte nur seinen Blick über den Kanal zu richten, um zu sehen, dass dies für ihn in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft unerhörte Faktum weiter nichts war, als ein höchst normales bürgerliches Ereignis, das jetzt nur in Frankreich zum erstenmal eintrat. Man sieht, dass die angeblich revolutionären Theoretiker, die nach der provisorischen Regierung in Paris das grosse Wort führten, ebenso unwissend waren über die Natur und die Resultate der ergriffenen Massregeln wie die Herren von der provisorischen Regierung selbst.

Trotz der industriellen und kommerziellen Prosperität, deren sich Frankreich momentan erfreut, laboriert die Masse der Bevölkerung, die 25 Millionen Bauern, an grosser Depression. Die guten Ernten der letzten Jahre haben die Getreidepreise in Frankreich noch viel tiefer gedrückt als in England, und die Stellung verschuldeter, vom Wucher ausgesogener und von Steuern gedrückter Bauern kann dabei nichts weniger als glänzend sein. Die Geschichte der letzten drei Jahre hat indes zur Genüge bewiesen, dass diese Klasse der Bevölkerung durchaus keiner revolutionären Initiative fähig ist.

Wie die Periode der Krise später eintritt auf dem Kontinent als in England, so die der Prosperität. In England findet stets der ursprüngliche Prozess statt; es ist der Demiurg des bürgerlichen Kosmos. Auf dem Kontinent treten die verschiedenen Phasen des Zyklus, den die bürgerliche Gesellschaft immer von neuem durchläuft, in sekundärer und tertiärer Form ein. Erstens führte der Kontinent nach England unverhältnismässig mehr aus als nach irgendeinem anderen Land. Diese Ausfuhr nach England hängt aber wieder ab von dem Stand Englands, besonders zum überseeischen Markt. Dann führt England nach den überseeischen Ländern unverhältnismässig mehr aus als der gesamte Kontinent, so dass die Quantität des kontinentalen Exports nach diesen Ländern immer abhängig ist von der jedesmaligen überseeischen Ausfuhr Englands. Wenn daher die Krisen zuerst auf dem Kontinent Revolutionen erzeugen, so ist doch der Grund derselben stets in England gelegt. In den Extremitäten des bürgerlichen Körpers muss es natürlich eher zu gewaltsamen Ausbrüchen kommen als in seinem Herzen, da hier die Möglichkeit der Ausgleichung grösser ist als dort. Andererseits ist der Grad, worin die kontinentalen Revolutionen auf England zurückwirken, zugleich der Thermometer, an dem es sich zeigt, inwieweit diese Revolutionen wirklich die bürgerlichen Lebensverhältnisse in Frage stellen, oder wieweit sie nur ihre politischen Formationen treffen.

Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten. Die verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen der kontinentalen Ordnungspartei ergehen und gegenseitig kompromittieren, weit entfernt zu neuen Revolutionen Anlass zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die Grundlage der Verhältnisse momentan so sicher und, was die Reaktion nicht weiss, so bürgerlich ist. An ihr werden alle die bürgerliche Entwicklung aufhaltenden Reaktionsversuche ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten Proklamationen der Demokraten. Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.

Gehen wir nun nach Frankreich über.

Der Sieg, den das Volk in Verbindung mit den Kleinbürgern in den Wahlen vom 10. März errungen hatte, wurde von ihm selbst annulliert, indem es die neue Wahl vom 28. April provozierte. Vidal war, ausser in Paris, auch im Niederrhein gewählt. Das Pariser Komitee, in dem die Montagne und die Kleinbürgerschaft stark vertreten waren, veranlasste ihn, für den Niederrhein zu akzeptieren. Der Sieg vom 10. März hörte auf ein entscheidender zu sein; der Termin der Entscheidung wurde abermals hinausgeschoben, die Spannkraft des Volks wurde erschlafft, es wurde an legale Triumphe gewöhnt statt der revolutionären. Der revolutionäre Sinn des 10. März, die Rehabilitierung der Juniinsurrektion, wurde endlich vollständig vernichtet durch die Kandidatur Eugène Sues, des sentimental-kleinbürgerlichen Sozialphantasten, die das Proletariat höchstens als einen Witz, den Grisetten zu Gefallen akzeptieren konnte. Dieser wohlmeinenden Kandidatur gegenüber stellte die Ordnungspartei, kühner geworden durch die schwankende Politik der Gegner, einen Kandidaten auf, der den Junisieg repräsentieren sollte. Dieser komische Kandidat war der spartanische Familienvater Leclerc, dem indes die heroische Rüstung durch die Presse Stück für Stück vom Leibe gerissen wurde und der bei der Wahl auch eine glänzende Niederlage erlebte. Der neue Wahlsieg am 28. April machte die Montagne und die Kleinbürgerschaft übermütig. Sie frohlockte schon in dem Gedanken, auf rein legalem Wege und ohne durch eine neue Revolution das Proletariat wieder in den Vordergrund zu schieben, am Ziel ihrer Wünsche ankommen zu können; sie rechnete fest darauf, bei den neuen Wahlen von 1852 durch das allgemeine Stimmrecht Herrn Ledru-Rollin in den Präsidentenstuhl und eine Majorität von Montagnards in die Versammlung zu bringen. Die Ordnungspartei, durch die Erneuerung der Wahl, durch die Kandidatur Sues und durch die Stimmung der Montagne und Kleinbürgerschaft vollkommen sichergestellt, dass diese unter allen Umständen entschlossen seien, ruhig zu bleiben, antwortete auf die beiden Wahlsiege mit dem Wahlgesetz, das das allgemeine Stimmrecht abschaffte.

Die Regierung hütete sich wohl, diesen Gesetzvorschlag auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin zu machen. Sie machte der Majorität eine scheinbare Konzession, indem sie den Grosswürdenträgern dieser Majorität, den siebzehn Burggrafen, seine Ausarbeitung übertrug. Nicht die Regierung schlug also der Versammlung, die Majorität der Versammlung schlug sich selbst die Aufhebung des allgemeinen Stimmrechts vor.

Am 8. Mai wurde das Projekt in die Kammer gebracht. Die ganze sozialdemokratische Presse erhob sich wie ein Mann, um dem Volk würdevolle Haltung, calme majestueux [majestätische Ruhe], Passivität und Vertrauen auf seine Vertreter zu predigen. Jeder Artikel dieser Journale war ein Geständnis, dass eine Revolution vor allem die sogenannte revolutionäre Presse vernichten müsse und dass es sich also jetzt um ihre Selbsterhaltung handle. Die angeblich revolutionäre Presse verriet ihr ganzes Geheimnis. Sie unterzeichnete ihr eigenes Todesurteil.

Am 21. Mai brachte die Montagne die vorläufige Frage zur Debatte und trug auf Verwerfung des ganzen Projekts an, weil es die Verfassung verletze. Die Ordnungspartei antwortete, man werde die Verfassung verletzen, wenn es nötig sei, man brauche es jetzt indes nicht, weil die Verfassung jeder Deutung fähig sei und weil die Majorität über die richtige Deutung allein kompetent entscheide. Den zügellos wilden Angriffen von Thiers und Montalembert setzte die Montagne einen anständigen und gebildeten Humanismus entgegen. Sie berief sich auf den Rechtsboden; die Ordnungspartei verwies sie auf den Boden, worauf das Recht wächst, auf das bürgerliche Eigentum. Die Montagne wimmerte: Ob man denn wirklich mit aller Gewalt Revolutionen heraufbeschwören wolle? Die Ordnungspartei erwiderte: Man werde sie abwarten.

Am 22. Mai wurde die vorläufige Frage erledigt mit 462 gegen 227 Stimmen. Dieselben Männer, die mit so feierlicher Gründlichkeit bewiesen hatten, dass die Nationalversammlung und jeder einzelne Deputierte abdanke, wenn er das Volk, seinen Vollmachtgeber, abdanke, harrten auf ihren Sitzen aus, suchten nun plötzlich statt ihrer das Land, und zwar durch Petitionen, handeln zu lassen und sassen noch ungerührt da, als am 31. Mai das Gesetz glänzend durchging. Sie suchten sich zu rächen durch einen Protest, worin sie ihre Unschuld an der Notzucht der Konstitution zu Protokoll gaben, einen Protest, den sie nicht einmal offen niederlegten, sondern dem Präsidenten hinterrücks in die Tasche schmuggelten.

Eine Armee von 150‘000 Mann in Paris, die lange Verschleppung der Entscheidung, die Abwiegelung der Presse, die Kleinmütigkeit der Montagne und der neugewählten Repräsentanten, die majestätische Ruhe der Kleinbürger, vor allem aber die kommerzielle und industrielle Prosperität verhinderten jeden Revolutionsversuch von seiten des Proletariats.

Das allgemeine Wahlrecht hatte seine Mission erfüllt. Die Majorität des Volkes hatte die Entwicklungsschule durchgemacht, zu der es allein in einer revolutionären Epoche dienen kann. Es musste beseitigt werden durch eine Revolution oder durch die Reaktion.

Einen noch grösseren Aufwand von Energie entwickelte die Montagne bei einer bald darauf vorkommenden Gelegenheit. Der Kriegsminister d‘Hautpoul hatte von der Tribüne herab die Februarrevolution eine unheilvolle Katastrophe genannt. Die Redner der Montagne, die, wie immer, sich durch sittlich entrüstetes Gepolter auszeichneten, wurden vom Präsidenten Dupin nicht zum Wort zugelassen. Girardin schlug der Montagne vor, sofort in Masse auszutreten. Resultat: Die Montagne blieb sitzen, aber Girardin wurde als unwürdig aus ihrem Schoss hinausgeworfen.

Das Wahlgesetz bedurfte noch einer Vervollständigung, eines neuen Pressgesetzes. Dies liess nicht lange auf sich warten. Ein Vorschlag der Regierung, vielfach verschärft durch Amendements der Ordnungspartei, erhöhte die Kautionen, setzte einen Extrastempel auf die Feuilletonromane (Antwort auf die Wahl von Eugène Sue), besteuerte alle in wöchentlichen oder monatlichen Lieferungen erscheinenden Schriften bis zu einer gewissen Bogenzahl und verfügte schliesslich, dass jeder Artikel eines Journals mit der Unterschrift des Verfassers versehen sein müsse. Die Bestimmungen über die Kaution töteten die sogenannte revolutionäre Presse; das Volk betrachtete ihren Untergang als eine Genugtuung für die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts. Indes erstreckte sich weder die Tendenz noch die Wirkung des neuen Gesetzes allein auf diesen Teil der Presse. Solange die Zeitungspresse anonym war, erschien sie als Organ der zahl- und namenlosen öffentlichen Meinung; sie war die dritte Macht im Staate. Durch die Unterzeichnung jedes Artikels wurde eine Zeitung zu einer blossen Sammlung von schriftstellerischen Beiträgen mehr oder minder bekannter Individuen. Jeder Artikel sank zu einer Annonce herab. Bisher hatten die Zeitungen als das Papiergeld der öffentlichen Meinung zirkuliert; jetzt lösten sie sich auf in mehr oder minder schlechte Solawechsel, deren Güte und Zirkulation von dem Kredit nicht nur des Ausstellers, sondern auch des Indossenten abhing. Die Presse der Ordnungspartei hatte, wie zur Aufhebung des allgemeinen Wahlrechts, so auch zu den äussersten Massregeln gegen die schlechte Presse provoziert. Indes war die gute Presse selbst in ihrer unheimlichen Anonymität der Ordnungspartei und noch mehr ihren einzelnen provinzialen Repräsentanten unbequem. Sie verlangte sich gegenüber nur noch den bezahlten Schriftsteller mit Namen, Wohnort und Signalement. Vergebens jammerte die gute Presse über den Undank, mit dem man ihre Dienste belohne. Das Gesetz ging durch, die Bestimmung der Namennennung traf sie vor allem. Die Namen der republikanischen Tagesschriftsteller waren ziemlich bekannt; aber die respektablen Firmen des Journal des Débats, der Assemblée Nationale, des Constitutionnel usw. usw. machten eine jämmerliche Figur mit ihrer hochbeteuernden Staatsweisheit, als sich die mysteriöse Kompanie auf einmal zersetzte in käufliche Penny-a-liners [Zeilenschinder] von langer Praxis, die für bares Geld alle möglichen Sachen verteidigt hatten, wie Granier de Cassagnac, oder in alte Waschlappen, die sich selbst Staatsmänner nannten, wie Capefigue, oder in kokettierende Nussknacker, wie Herr Lemoinne vom Débats.

In der Debatte über das Pressgesetz war die Montagne bereits auf einen solchen Grad moralischer Verkommenheit herabgesunken, dass sie sich darauf beschränken musste, den glänzenden Tiraden einer alten louis-philippistischen Notabilität, des Herrn Victor Hugo, Beifall zuzuklatschen.

Mit dem Wahlgesetz und dem Pressgesetz tritt die revolutionäre und demokratische Partei von der offiziellen Schaubühne ab. Vor ihrem Aufbruch nach Hause, kurz nach Schluss der Session, erliessen die beiden Fraktionen der Montagne, die sozialistischen Demokraten und die demokratischen Sozialisten, zwei Manifeste, zwei testimonia paupertatis [Armutszeugnisse], worin sie bewiesen, dass, wenn nie die Gewalt und der Erfolg auf ihrer Seite, sie sich doch stets auf der Seite des ewigen Rechts und aller übrigen ewigen Wahrheiten befunden hätten.

Betrachten wir nun die Partei der Ordnung. Die N. Rh. Z. sagte Heft 3, pag. 16: „Den Restaurationsgelüsten der vereinigten Orleanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner tatsächlichen Macht, die Republik; den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber vertritt die Partei der Ordnung den Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft, die Republik; den Orleanisten gegenüber vertreten die Legitimisten, den Legitimisten gegenüber vertreten die Orleanisten den Status quo, die Republik. Alle diese Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eigenen König und ihre eigene Restauration in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen gegenüber die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie, die Form geltend, worin die besonderen Ansprüche neutralisiert und vorbehalten bleiben — die Republik […] Und Thiers sprach wahrer, als er ahnte, wenn er sagte: ‚Wir, die Royalisten, sind die wahren Stützen der konstitutionellen Republik.‘“

Diese Komödie der républicains malgré eux [Republikaner wider Willen], der Widerwille gegen den Status quo und die beständige Befestigung desselben; die unaufhörlichen Reibungen Bonapartes und der Nationalversammlung; die stets erneuerte Drohung der Ordnungspartei, sich in ihre einzelnen Bestandteile zu sondern, und das stets wiederholte Zusammenschliessen ihrer Fraktionen; der Versuch jeder Fraktion, jeden Sieg gegen den gemeinsamen Feind in eine Niederlage der zeitweiligen Alliierten zu verwandeln; die wechselseitigen Eifersüchtelei, Ranküne, Abhetzung, das unermüdliche Ziehen der Schwerter, das immer wieder mit einem baisser-Lamourette endigt — diese ganze unerquickliche Komödie der Irrungen entwickelte sich nie klassischer als während der letzten sechs Monate.

Die Partei der Ordnung betrachtete das Wahlgesetz zugleich als einen Sieg gegen Bonaparte. Hatte die Regierung nicht abgedankt, indem sie der Siebzehnerkommission die Redaktion und die Verantwortlichkeit ihres eignen Vorschlags überliess? Und beruhte nicht die Hauptstärke Bonapartes gegenüber der Versammlung darauf, dass er der Erwählte der sechs Millionen war? — Bonaparte seinerseits behandelte das Wahlgesetz als eine Konzession an die Versammlung, womit er die Harmonie der legislativen mit der exekutiven Gewalt erkauft habe. Zum Lohn verlangte der gemeine Aventurier eine Vermehrung seiner Zivilliste um drei Millionen. Durfte die Nationalversammlung in einen Konflikt mit der Exekutiven treten in einem Augenblick, wo sie die grosse Majorität der Franzosen in den Bann erklärt hatte? Sie fuhr ärgerlich auf, sie schien es auf das Äusserste treiben zu wollen, ihre Kommission verwarf den Antrag, die bonapartistische Presse drohte und verwies auf das enterbte, seines Stimmrechts beraubte Volk, eine Menge geräuschvoller Transaktionsversuche fanden statt, und die Versammlung gab schliesslich nach in der Sache, rächte sich aber zugleich im Prinzip. Statt der jährlichen prinzipiellen Vermehrung der Zivilliste um drei Millionen bewilligte sie ihm eine Aushülfe von 2‘160‘000 frs. Nicht zufrieden damit, machte sie selbst erst diese Konzession, nachdem Changarnier sie unterstützt hatte, der General der Ordnungspartei und der aufgedrungene Protektor Bonapartes. Sie bewilligte also die 2 Millionen eigentlich nicht dem Bonaparte, sondern dem Changarnier.

Dies de mauvaise grâce [widerstrebend] hingeworfene Geschenk wurde von Bonaparte ganz im Sinne des Gebers aufgenommen. Die bonapartistische Presse polterte von neuem gegen die Nationalversammlung. Als nun erst bei der Debatte des Pressgesetzes das Amendement wegen der Namennennung gemacht wurde, das sich wieder speziell gegen die untergeordneten Blätter, die Vertreter der Privatinteressen Bonapartes richtete, brachte das bonapartistische Hauptblatt, das Pouvoir einen offenen und heftigen Angriff gegen die Nationalversammlung. Die Minister mussten das Blatt vor der Versammlung verleugnen; der Gerant des Pouvoir wurde vor die Schranken der Nationalversammlung zitiert und zur höchsten Geldstrafe, zu 5‘000 frs. verurteilt. Den anderen Tag brachte das Pouvoir einen noch viel frecheren Artikel gegen die Versammlung, und als Revanche der Regierung verfolgte das Parkett sogleich mehrere legitimistische Journale wegen Verletzung der Konstitution.

Endlich kam man an die Frage von der Vertagung der Kammer. Bonaparte wünschte sie, um ungehindert von der Versammlung operieren zu können. Die Ordnungspartei wünschte sie, teils zur Durchführung ihrer Fraktionsintrigen, teils zur Verfolgung der Privatinteressen der einzelnen Deputierten. Beide bedurften ihrer, um in den Provinzen die Siege der Reaktion zu befestigen und weiterzutreiben. Die Versammlung vertagte sich daher vom 11. August bis zum 11. November. Da aber Bonaparte keineswegs verhehlte, dass es ihm nur darum zu tun sei, die lästige Aufsicht der Nationalversammlung loszuwerden, drückte die Versammlung dem Vertrauensvotum selbst den Stempel des Misstrauens gegen den Präsidenten auf. Von der permanenten Kommission von 28 Mitgliedern, die als Tugendwächter der Republik während der Ferien ausharrten, wurden alle Bonapartisten ferngehalten. Statt ihrer wurden sogar einige Republikaner vom Siècle und National hineingewählt, um dem Präsidenten die Anhänglichkeit der Majorität an die konstitutionelle Republik darzutun.

Kurz vor und besonders unmittelbar nach der Vertagung der Kammer schienen die beiden grossen Fraktionen der Ordnungspartei, die Orleanisten und die Legitimisten, sich versöhnen zu wollen, und zwar durch eine Verschmelzung der beiden Königshäuser, unter deren Fahnen sie kämpfen. Die Blätter waren voll von Versöhnungsvorschlägen, die am Krankenbett Louis-Philippes zu St Leonards diskutiert worden seien, als der Tod Louis-Philippes plötzlich die Situation vereinfachte. Louis-Philippe war der Usurpator, Heinrich 5. der Beraubte, der Graf von Paris dagegen, bei der Kinderlosigkeit Heinrichs 5., sein rechtmässiger Thronerbe. Jetzt war der Verschmelzung der beiden dynastischen Interessen jeder Vorwand genommen. Gerade jetzt aber entdeckten die beiden Fraktionen der Bourgeoisie erst, dass nicht die Schwärmerei für ein bestimmtes Königshaus sie trennte, sondern dass vielmehr ihre getrennten Klasseninteressen die beiden Dynastien auseinanderhielten. Die Legitimisten, die ins Hoflager Heinrichs 5. nach Wiesbaden gepilgert waren, gerade wie ihre Konkurrenten nach St. Leonards, erhielten hier die Nachricht vom Tode Louis-Philippes. Sogleich bildeten sie ein Ministerium in partibus infidelium, das meist aus Mitgliedern jener Kommission von Tugendwächtern der Republik bestand und das bei Gelegenheit eines im Schoss der Partei vorkommenden Haders mit der unumwundensten Proklamation des Rechts von Gottes Gnaden hervortrat. Die Orleanisten jubelten über den kompromittierenden Skandal, den dies Manifest in der Presse hervorrief, und verhehlten keinen Augenblick ihre offene Feindschaft gegen die Legitimisten.

Während der Vertagung der Nationalversammlung traten die Departementalvertretungen zusammen. Ihre Majorität sprach sich für eine mehr oder weniger verklausulierte Revision der Verfassung aus, d.h., sie sprach sich aus für eine nicht näher bestimmte monarchische Restauration, für eine Lösung“, und gestand zugleich, dass sie zu inkompetent und zu feig sei, diese Lösung zu finden. Die bonapartistische Fraktion legte diesen Wunsch der Revision sogleich im Sinne der Verlängerung der Präsidentschaft Bonapartes aus.

Die verfassungsmässige Lösung, die Abdankung Bonapartes im Mai 1852, die gleichzeitige Wahl eines neuen Präsidenten durch sämtliche Wähler des Landes, die Revision der Verfassung durch eine Revisionskammer in den ersten Monaten der neuen Präsidentschaft ist für die herrschende Klasse durchaus unzulässig. Der Tag der neuen Präsidentenwahl wäre der Tag des Rendezvous für sämtliche feindliche Parteien, der Legitimisten, der Orleanisten, der Bourgeoisrepublikaner, der Revolutionäre. Es müsste zu einer gewaltsamen Entscheidung zwischen den verschiedenen Fraktionen kommen. Gelänge es selbst der Ordnungspartei, über die Kandidatur eines neutralen Mannes ausserhalb der dynastischen Familien sich zu vereinigen, so träte ihm wieder Bonaparte gegenüber. Die Ordnungspartei ist in ihrem Kampf mit dem Volk genötigt, beständig die Gewalt der Exekutive zu vermehren. Jede Vermehrung der Gewalt der Exekutive vermehrt die Gewalt ihres Trägers Bonaparte. In demselben Masse daher, wie die Ordnungspartei ihre gemeinsame Macht verstärkt, verstärkt sie die Kampfmittel der dynastischen Prätensionen Bonapartes, verstärkt sie seine Chance, am Tage der Entscheidung gewaltsam die konstitutionelle Lösung zu vereiteln. Er wird sich dann ebensowenig der Ordnungspartei gegenüber an dem einen Grundpfeiler der Verfassung stossen, als sie dem Volk gegenüber beim Wahlgesetz an dem anderen. Er würde scheinbar sogar der Versammlung gegenüber an das allgemeine Wahlrecht appellieren. Mit einem Wort, die konstitutionelle Lösung stellt den ganzen politischen Status quo in Frage, und hinter der Gefährdung des Status quo sieht der Bürger das Chaos, die Anarchie, den Bürgerkrieg. Er sieht seine Einkäufe und Verkäufe, seine Wechsel, seine Heiraten, seine notariellen Verträge, seine Hypotheken, seine Grundrenten, Mietzinse, Profite, seine sämtlichen Kontrakte und Erwerbsquellen auf den ersten Sonntag im Mai 1852 in Frage gestellt, und diesem Risiko kann er sich nicht aussetzen. Hinter der Gefährdung des politischen Status quo verbirgt sich die Gefahr des Zusammenbrechens der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Die einzig mögliche Lösung im Sinne der Bourgeoisie ist die Aufschiebung der Lösung. Sie kann die konstitutionelle Republik nur retten durch eine Verletzung der Konstitution, durch die Verlängerung der Gewalt des Präsidenten. Dies ist auch das letzte Wort der Ordnungspresse nach den langwierigen und tiefsinnigen Debatten über die „Lösungen“, denen sie sich nach der Session der Generalräte hingab. Die grossmächtige Ordnungspartei sieht sich so zu ihrer Beschämung genötigt, die lächerliche, ordinäre und ihr verhasste Person des Pseudo-Bonaparte ernsthaft zu nehmen.

Diese schmutzige Figur täuschte sich ebenfalls über die Ursachen, die sie mehr und mehr mit dem Charakter des notwendigen Mannes bekleideten. Während seine Partei Einsicht genug hatte, die wachsende Bedeutung Bonapartes den Verhältnissen zuzuschreiben, glaubte er, sie allein der Zauberkraft seines Namens und seiner ununterbrochenen Karikierung Napoleons zu verdanken. Er wurde täglich unternehmender. Den Wallfahrten nach St. Leonards und Wiesbaden setzte er seine Rundreisen durch Frankreich entgegen. Die Bonapartisten hatten so wenig Vertrauen auf den magischen Effekt seiner Persönlichkeit, dass sie ihm überall Leute der Gesellschaft vom 10. Dezember, dieser Organisation des Pariser Lumpenproletariats, massenweise in Eisenbahnzüge und Postchaisen verpackt, als Claqueure mitschickten. Sie legten ihrer Marionette Reden in den Mund, die je nach dem Empfang in den verschiednen Städten die republikanische Resignation oder die ausdauernde Zähigkeit als den Wahlspruch der präsidentiellen Politik proklamierten. Trotz aller Manöver waren diese Reisen nichts weniger als Triumphzüge.

Nachdem Bonaparte so das Volk begeistert zu haben glaubte, setzte er sich in Bewegung, die Armee zu gewinnen. Er liess auf der Ebene von Satory bei Versailles grosse Revuen abhalten, bei denen er die Soldaten durch Knoblauchwürste, Champagner und Zigarren zu kaufen suchte. Wenn der echte Napoleon in den Strapazen seiner Eroberungszüge seine ermatteten Soldaten durch momentane patriarchalische Vertraulichkeit aufzumuntern wusste, so glaubte der Pseudo-Napoleon, die Truppen riefen zum Dank: Vive Napoleon, vive le saucisson ! [Es lebe Napoleon, es lebe die Wurst!] d.h.: Es lebe die Wurst, es lebe der Hanswurst!

Diese Revuen brachten den lange verhaltenen Zwiespalt zwischen Bonaparte und seinem Kriegsminister d‘Hautpoul einerseits und Changarnier andererseits zum Ausbruch. In Changarnier hatte die Ordnungspartei ihren wirklichen neutralen Mann gefunden, bei dem von eigenen dynastischen Ansprüchen keine Rede sein konnte. Ihn hatte sie zum Nachfolger Bonapartes bestimmt. Changarnier war dazu durch sein Auftreten am 29. Januar und 13. Juni 1849 der grosse Feldherr der Ordnungspartei geworden, der moderne Alexander, dessen brutales Dazwischenfahren in den Augen des zaghaften Bürgers den gordischen Knoten der Revolution zerhauen hatte. Im Grunde ebenso lächerlich wie Bonaparte, war er so auf höchst wohlfeile Weise zu einer Macht geworden und wurde von der Nationalversammlung dem Präsidenten zur Überwachung gegenübergestellt. Er selbst kokettierte, z.B. bei der Dotationsfrage mit der Protektion, die er Bonaparte schenkte, und trat immer übermächtiger gegen ihn und die Minister auf. Als bei Gelegenheit des Wahlgesetzes eine Insurrektion erwartet wurde, verbot er seinen Offizieren, vom Kriegsminister oder vom Präsidenten irgendwelche Befehle anzunehmen. Die Presse trug noch dazu bei, die Gestalt Changarniers zu vergrössern. Bei dem gänzlichen Mangel an grossen Persönlichkeiten sah sich natürlich die Ordnungspartei gedrungen, die ihrer ganzen Klasse fehlende Kraft einem einzelnen Individuum anzudichten und dies so zum Ungeheuren aufzuschwellen. So entstand der Mythus von Changarnier, dem Bollwerk der Gesellschaft“. Die anmassende Scharlatanerie, die geheimnisvolle Wichtigtuerei, womit Changarnier sich dazu herabliess, die Welt auf seinen Schultern zu tragen, bildet den lächerlichsten Kontrast mit den Ereignissen wahrend und nach der Revue von Satory, die unwiderleglich bewiesen, dass es nur eines Federstrichs Bonapartes des unendlich Kleinen, bedürfe, um diese phantastische Ausgeburt der bürgerlichen Angst, um den Koloss Changarnier auf die Dimensionen der Mittelmässigkeit zurückzuführen und ihn, den gesellschaftsrettenden Heros, in einen pensionierten General zu verwandeln.

Bonaparte hatte sich schon seit längerer Zeit an Changarnier gerächt, indem er den Kriegsminister zu Disziplinarstreitigkeiten mit dem unbequemen Protektor provozierte. Die letzte Revue bei Satory brachte endlich den alten Groll zum Eklat. Die konstitutionelle Entrüstung Changarniers kannte keine Grenze mehr, als er die Kavallerieregimenter mit dem verfassungswidrigen Ruf: Vive l‘Empereur ! [Es lebe der Kaiser!] vorbeidefilieren sah. Bonaparte, um allen unangenehmen Debatten über diesen Ruf in der bevorstehenden Kammersession zuvorzukommen, entfernte den Kriegsminister d‘Hautpoul, indem er ihn zum Gouverneur von Algier ernannte. An seine Stelle setzte er einen zuverlässigen alten General aus der Kaiserzeit, der an Brutalität Changarnier vollständig gewachsen war. Damit aber die Entlassung d‘Hautpouls nicht als eine Konzession an Changarnier erscheine, versetzte er zu gleicher Zeit den rechten Arm des grossen Gesellschaftsretters, den General Neumayer, von Paris nach Nantes. Neumayer war es gewesen, der bei der letzten Revue die gesamte Infanterie bewogen hatte, mit eisigem Stillschweigen an dem Nachfolger Napoleons vorbeizudefilieren. Changarnier, in Neumayer selbst getroffen, protestierte und drohte. Umsonst Nach zweitägigen Verhandlungen erschien das Versetzungsdekret Neumayers im Moniteur, und dem Heros der Ordnung blieb nichts übrig, als sich der Disziplin zu fügen oder abzudanken.

Der Kampf Bonapartes mit Changarnier ist die Fortsetzung seines Kampfes mit der Partei der Ordnung. Die Wiedereröffnung der Nationalversammlung am 11. November findet daher unter drohenden Auspizien statt. Es wird der Sturm im Glase Wasser sein. Im wesentlichen muss das alte Spiel fortgehen. Die Majorität der Ordnungspartei wird indes trotz des Geschreies der Prinzipienritter ihrer verschiedenen Fraktionen gezwungen sein, die Gewalt des Präsidenten zu verlängern. Ebensosehr wird Bonaparte, trotz aller vorläufigen Protestationen, schon durch den Geldmangel geknickt, diese Verlängerung der Gewalt als einfache Delegation aus den Händen der Nationalversammlung hinnehmen. So wird die Lösung hinausgeschoben, der Status quo forterhalten, eine Fraktion der Ordnungspartei von der anderen kompromittiert, geschwächt, unmöglich gemacht, die Repression gegen den gemeinsamen Feind, die Masse der Nation, ausgedehnt und erschöpft, bis die ökonomischen Verhältnisse selbst wieder den Entwicklungspunkt erreicht haben, wo eine neue Explosion diese sämtlichen hadernden Parteien mit ihrer konstitutionellen Republik in die Luft sprengt.

Zur Beruhigung des Bürgers muss übrigens gesagt werden, dass der Skandal zwischen Bonaparte und der Ordnungspartei das Resultat hat, eine Menge kleiner Kapitalisten auf der Börse zu ruinieren und ihr Vermögen in die Taschen der grossen Börsenwölfe zu spielen.

1Geschweifte Klammern kennzeichnen Textstellen die aus Rücksicht auf die „umsturzvorlagenfurchtsamlichen Bedenken“ (Engels) des Berliner Parteivorstandes gestrichen wurden.

2Annexion von Krakau durch Österreich im Einverständnis mit Russland und Preussen 11. November 1846. — Schweizer Sonderbundskrieg 4. bis 28. November 1847. — Aufstand in Palermo 12. Januar 1848, Ende Januar neuntägiges Bombardement der Stadt durch die Neapolitaner.

3Am 8. Juli 1847 begann vor der Pairskammer in Paris der Prozess gegen Parmentier und General Cubières wegen Beamtenbestechung behufs Erlangung einer Salzwerkskonzession, und gegen den damaligen Minister der öffentlichen Arbeiten, Teste, wegen Annahme solcher Bestechungsgelder. Letzterer machte während des Prozesses einen Selbstmordversuch. Alle wurden zu schweren Geldstrafen verurteilt, Teste ausserdem noch zu drei Jahren Gefängnis.

4So heisst in der Geschichte die unmittelbar nach dem zweiten Sturz Napoleons 1815 gewählte, fanatisch ultaroyalistische und reaktionäre Deputiertenkammer.

5Grecs — Wortspiel: Griechen, aber auch: Falschspieler von Profession.