Karl Marx: “Guerillakrieg im revolutionären Spanien”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DAS REVOLUTIONÄRE SPANIEN

Karl Marx
1854

Werke
Band 10
Reproduziert von
Die Rote Fahne

GUERILLAKRIEG IM REVOLUTIONÄREN SPANIEN

Aus der „New-York Tagestribüne“, Nr. 4222, vom 30. Oktober 1854.

Die Zentraljunta versagte in der Verteidigung ihres Vaterlands, weil sie in ihrer revolutionären Mission versagt hatte. Im Bewusstsein der eigenen Schwäche, der unsicheren Grundlage ihrer Macht und ihrer ausserordentlichen Unpopularität, wie konnte sie da wagen, den allen revolutionären Epochen eigentümlichen Rivalitäten, Eifersüchteleien und anmassenden Prätensionen ihrer Generale anders entgegenzutreten als durch unwürdige Tricks und kleinliche Intrigen? Da sie ständig in Furcht und Argwohn gegen ihre eigenen militärischen Befehlshaber lebte, so dürfen wir Wellington vollen Glauben schenken, wenn er seinem Bruder, dem Marquis von Wellesley, am 1. September 1809 schreibt:

„Ich fürchte sehr, dass, soweit ich das Vorgehen der Zentraljunta beobachten konnte, sie viel weniger ihr Augenmerk auf militärische Verteidigung und militärische Operationen richtet als auf politische Intrigen und auf Erreichung kleinlicher politischer Ziele.“

In revolutionären Zeiten, wo alle Bande der Subordination gelockert sind, kann die militärische Disziplin nur aufrechterhalten werden, wenn die Generale unter strengster bürgerlicher Disziplin gehalten werden. Weil die Zentraljunta infolge ihrer disharmonischen Zusammensetzung es niemals fertig brachte, ihre Generale im Zaum zu halten, so vermochten die Generale auch wieder nicht, ihre Soldaten zu bändigen, und bis zum Schluss des Kriegs erreichte die spanische Armee niemals ein Durchschnittsmass an Disziplin und Subordination. Diese Insubordination wurde noch verstärkt durch den Mangel an Nahrung, Kleidung und allen anderen materiellen Bedürfnissen einer Armee – denn die moralische Verfassung einer Armee hängt, wie Napoleon sich ausdrückte, ganz von ihrer materiellen Verfassung ab. Die Zentraljunta war nicht imstande, die Armee regelmässig zu versorgen; dazu reichten die Manifeste des armen Poeten Quintana nicht aus, und um ihren Dekreten den nötigen Nachdruck zu verleihen, hätte sie zu denselben revolutionären Massnahmen greifen müssen, die sie in den Provinzen verurteilt hatte. Sogar die allgemeine Wehrpflicht ohne Ausnahmen und ohne Rücksicht auf Privilegien und die jedem geborenen Spanier garantierte Möglichkeit, in der Armee jede Rangstufe erklimmen zu können, waren das Werk der Provinzjuntas und nicht der Zentraljunta. Waren also einerseits die Niederlagen der spanischen Armee hervorgerufen durch die konterrevolutionäre Unfähigkeit der Zentraljunta, so drückten diese Missgeschicke andrerseits wieder diese Regierung noch mehr herab, und in dem Masse, als sie zum Gegenstand der öffentlichen Missachtung und des öffentlichen Misstrauens wurde, wuchs ihre Abhängigkeit von unfähigen, aber anmassenden militärischen Befehlshabern.

Obzwar überall geschlagen, tauchte die spanische stehende Armee dennoch immer wieder überall auf. Mehr als zwanzigmal zerstreut, war sie stets wieder bereit, dem Feind entgegenzutreten, und erschien oft nach einer Niederlage wieder in erneuter Stärke. Es hatte keinen Zweck, sie zu schlagen, denn bei ihrer raschen Flucht war ihr Verlust an Menschen meistens gering, und aus dem Verlust an Gebiet machte sie sich nichts. Nachdem sie sich hastig auf die Sierras zurückgezogen, konnte man sicher sein, dass sie sich wieder sammeln und, verstärkt durch neuen Zuzug, wieder auftauchen würde, wenn man sie am wenigsten erwartete, und war sie auch nicht fähig, den Franzosen Widerstand zu leisten, so war sie doch imstande, sie in steter Bewegung zu halten und zu zwingen, ihre Kräfte zu zersplittern. Glücklicher als die Russen, hatten sie es nicht einmal nötig, erst zu sterben, um von den Toten auferstehen zu können.

Die verhängnisvolle Schlacht von Ocaña am 19. November 1809 war die letzte grosse reguläre Schlacht, die die Spanier ausfochten; von dieser Zeit an beschränkten sie sich auf den Guerillakrieg. Schon die Tatsache, dass sie die regelrechte Kriegführung aufgaben, beweist die Verdrängung der nationalen durch lokale Regierungszentren. Als die Misserfolge der stehenden Armee sich regelmässig wiederholten, wurde die Erhebung der Guerillas allgemein, und die Masse des Volkes dachte kaum mehr an die nationalen Niederlagen, sondern berauschte sich an den lokalen Erfolgen seiner Helden. In diesem einen Punkt wenigstens teilte die Zentraljunta die allgemeinen Illusionen. „Von einer Guerillaaffäre wurden in der ‚Gaceta‘ genauere Berichte gebracht als von der Schlacht von Ocaña.“

So wie Don Quixote mit seiner Lanze gegen das Schiesspulver protestiert hatte, so protestierten die Guerillas gegen Napoleon, nur war der Erfolg ein anderer.

„Diese Guerillas“, sagt die Oestreichische militärische Zeitschrift, (Band I, 1821) „trugen sozusagen ihre Basis in sich selbst, und jede Unternehmung gegen sie endete mit einem verschwundenen Objekte.“

Man muss in der Geschichte des Guerillakrieges drei Perioden unterscheiden. In der ersten griff die Bevölkerung ganzer Provinzen zu den Waffen und führte einen Freischärlerkrieg, wie in Galicien und Asturien. In der zweiten betrieben Guerillabanden, die sich aus den Resten der spanischen Armeen, aus spanischen Deserteuren der französischen Armeen, aus Schmugglern etc. gebildet hatten, den Krieg als ihre eigene Sache, unabhängig von jedem fremden Einfluss und nur, soweit er ihren unmittelbaren Interessen diente. Durch glückliche Zufälle und Umstände machten sie sich häufig zu Herren ganzer Bezirke. Solange die Guerillas sich in dieser Weise zusammenfanden, flössten sie als Ganzes wohl keinen Schrecken ein, waren aber nichtsdestoweniger den Franzosen äusserst gefährlich. Sie bildeten die Grundlage einer tatsächlichen Volksbewaffnung. Bot sich die Gelegenheit zu einem Beutezug, oder plante man ein gemeinsames Unternehmen, so fanden sich die rührigsten und verwegensten Elemente der Bevölkerung ein, und diese vereinigten sich dann mit den Guerillas. Mit äusserster Schnelligkeit stürzten sie sich auf ihre Beute oder stellten sich in Schlachtordnung auf, je nachdem es das Unternehmen erheischte. Häufig kam es vor, dass sie einen ganzen Tag einem wachsamen Feind gegenüberstanden, nur um einen Kurier abzufangen oder Vorräte zu ergattern. Auf diese Art hatte der jüngere Mina den Vizekönig von Navarra abgefangen, der von Joseph Bonaparte eingesetzt war, und ebenso hatte Julian den Kommandanten von Ciudad Rodrigo zum Gefangenen gemacht. War ihr Vorhaben ausgeführt, so ging jeder einzelne wieder seines Weges, und man konnte bewaffnete Männer sich nach allen Richtungen zerstreuen sehen; die Bauern aber, die sich angeschlossen hatten, kehrten ruhig wieder zu ihrer gewohnten Beschäftigung zurück, „ohne dass ihre Abwesenheit auch nur bemerkt worden wäre“. Dadurch war der Verkehr auf allen Wegen unterbunden. Tausende von Feinden waren zur Stelle, und dabei wurde kein einziger sichtbar. Kein Kurier konnte abgesandt, ohne abgefasst, kein Proviant verschickt, ohne abgefangen, kurz, keine Bewegung unternommen, ohne von Hunderten von Augen beobachtet zu werden. Dabei aber gab es keine Mittel, eine derartige Verbindung an der Wurzel zu fassen. Die Franzosen mussten unaufhörlich gerüstet sein gegen einen Feind, der, obwohl unausgesetzt auf der Flucht, doch immer wieder auftauchte, der überall war, ohne dass man ihn je zu Gesicht bekam, da ihm die Berge als Schlupfwinkel dienten. Abbé de Pradt sagt:

„Es waren weder Schlachten noch Zusammenstösse, die die Franzosen erschöpften, sondern die unaufhörlichen Quälereien eines unsichtbaren Feindes, der sich im Volk verlor, wenn man ihn verfolgte, um aus demselben alsbald wieder mit erneuter Kraft emporzutauchen. Der Löwe in der Fabel, den die Mücke zu Tode peinigt, gibt ein getreues Bild der französischen Armee.“

In ihrer dritten Periode äfften die Guerillas ein regelrechtes stehendes Heer nach, verstärkten ihre Korps auf 3‘000 bis 6‘000 Mann, hörten auf, die Sache ganzer Bezirke zu sein, und gerieten in die Hände einiger weniger Führer, die sie für ihre eigenen Zwecke missbrauchten. Diese Änderung des Systems verschaffte den Franzosen bei ihren Kämpfen mit den Guerillas beträchtliche Vorteile. Durch ihre grosse Zahl wurde es den Guerillas unmöglich, sich wie bisher zu verstecken und plötzlich zu verschwinden, ohne sich zum Kampf stellen zu müssen; sie wurden jetzt häufig eingeholt, geschlagen, zerstreut und für einige Zeit ausserstande gesetzt, weitere Beunruhigung zu verursachen.

Vergleicht man die drei Perioden des Guerillakriegs mit der politischen Geschichte Spaniens, so findet man, dass sie die entsprechenden Grade darstellen, bis zu denen der konterrevolutionäre Geist der Regierung die Begeisterung des Volkes nach und nach abgekühlt hatte. Im Anfang hatte sich die ganze Bevölkerung erhoben, dann wurde von Guerillabanden der Freischärlerkrieg geführt, dessen Reserven ganze Bezirke bildeten, und schliesslich endeten sie in losen Korps, die stets auf dem Punkt standen, zu Banditen zu werden oder auf das Niveau stehender Regimenter herabzusinken.

Entfremdung von der obersten Regierung, gelockerte Disziplin, unaufhörliches Missgeschick, beständige Formierung, Auflösung und Wiederformierung — und das sechs Jahre lang in allen Kadern — mussten der Gesamtheit der spanischen Armee das Gepräge des Prätorianertums geben und sie gleichermassen zum Werkzeug oder zur Peitsche ihrer Führer werden lassen. Die Generale selbst hatten notwendigerweise entweder an der Zentralregierung teilgenommen, oder sie hatten sich mit ihr gestritten oder gegen sie konspiriert; stets aber hatten sie das Gewicht ihres Schwerts in die politische Waagschale geworfen. So hatte Cuesta, der später das Vertrauen der Zentraljunta in dem selben Masse zu gewinnen schien, wie er ihre Schlachten verlor, mit dem Consejo Real zu konspirieren begonnen und die Abgeordneten der Zentraljunta für León gefangengesetzt. General Morla, selbst Mitglied der Zentraljunta, ging in das bonapartistische Lager über, nachdem er Madrid den Franzosen ausgeliefert hatte. Der geckenhafte Marquis de las Romerias, ebenfalls ein Mitglied der Junta, konspirierte gegen sie mit dem aufgeblasenen Francisco Palafox, mit dem nichtswürdigen Montijo und mit der aufrührerischen Junta von Sevilla. Die Generale Castaños, Blake, La Bisbal (ein O‘Donnell) figurierten nacheinander als Regenten zur Zeit der Cortes und intrigierten ununterbrochen. Der Generalkapitän von Valencia, Don Xavier Elio, lieferte Spanien schliesslich auf Gnade und Ungnade an Ferdinand VII. aus. Das prätorianische Element war sicher unter den Generalen stärker vertreten als unter ihren Truppen.

Auf der anderen Seite bildeten die Armee und die Guerilleros — die während des Kriegs einen Teil ihrer Führer, wie Porlier, Lacy, Eroles und Villacampa, aus den Reihen der hervorragendsten Linienoffiziere genommen hatten, während die Linie wiederum später Guerillaführer, wie Mina, Empecinado und andere, aufnahm — den revolutionärsten Teil der spanischen Gesellschaft; sie rekrutierten sich aus allen Kreisen, eingeschlossen die ganze feurige, strebsame und patriotische Jugend, alle, die dem einschläfernden Einfluss der Zentralregierung nicht zugänglich waren und sich von den Fesseln des ancien régime befreit hatten; ein Teil von ihnen, darunter Riego, kehrte nach mehrjähriger Gefangenschaft aus Frankreich zurück. Wir brauchen daher durchaus nicht überrascht zu sein über den Einfluss, den die spanische Armee in späteren Bewegungen ausübte; weder wenn sie die revolutionäre Initiative ergriff, noch wenn sie durch ihr Prätorianertum die Revolution schädigte.

Die Guerillas selbst mussten, das ist klar, nachdem sie so viele Jahre auf dem Schauplatz blutiger Kampfe agiert, die Gewohnheiten von Landstreichern angenommen und allen ihren Leidenschaften des Hasses, der Rache und der Plünderungswut freien Lauf gelassen hatten, in Friedenszeiten einen höchst gefährlichen Mob bilden, der stets auf jeden Wink bereit war, im Namen irgendeiner Partei oder irgendeines Prinzips für denjenigen aufzutreten, der gut bezahlte oder den willkommenen Vorwand zu einem Plünderungsstreifzug bot.