LENINS VORHERSAGE ÜBER DIE REVOLUTIONÄREN STÜRME IM OSTEN

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

LENINS VORHERSAGE ÜBER DIE REVOLUTIONÄREN STÜRME IM OSTEN

Verlag für Fremdsprachige Literatur
Peking, März 1967

Übersetzt und reproduziert von
Die Rote Fahne

INHALT

ANMERKUNG DER REDAKTION

01.03.1913. [ASIEN IST EINE NEUE QUELLE FÜR WELTREVOLUTIONÄRE STÜRME]

07.05.1913. DAS ERWACHEN ASIENS

18.05.1913. RÜCKSTÄNDIGES EUROPA UND FORTSCHRITTLICHES ASIEN

20.12.1919. [DIE VÖLKER DES OSTENS ENTSCHEIDEN MIT ÜBER DAS SCHICKSAL DER GANZEN WELT]

1921. [DIE WERKTÄTIGEN MASSEN WERDEN IN DEN KOMMENDEN PHASEN DER WELTREVOLUTION EINE SEHR WICHTIGE REVOLUTIONÄRE ROLLE SPIELEN]

ANMERKUNG DER REDAKTION

Die Rote Fahne“, die theoretische Zeitschrift des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, veröffentlichte in ihrer Ausgabe Nr. 2 von 1965 fünf Artikel und Auszüge aus Lenins Werken, in denen er die Aussicht auf revolutionäre Stürme im Osten diskutierte. „Die Rote Fahne“ stellte der Sammlung einen Herausgeberkommentar voran, der wie folgt lautet:

Wir drucken in dieser Ausgabe einige Artikel und Auszüge aus Lenins Werken ab, in denen er die Aussicht auf revolutionäre Stürme im Osten analysierte.

Die meisten dieser Artikel wurden erstmals in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts veröffentlicht, als die europäische Bourgeoisie längst dekadent und reaktionär geworden war, während die geknechteten und benommenen Völker im Osten aus der mittelalterlichen Stagnation erwacht waren. Lenin bejubelte enthusiastisch die „neue Quelle grosser Weltstürme“, die sich in Asien aufgetan hatte. Er sagte voraus, dass die revolutionären Bewegungen des Ostens Auswirkungen auf die europäischen kapitalistischen Länder haben und ihrer proletarischen Revolution einen Impuls geben würden.

Wir sehen aus Lenins Artikeln, wie er mit den revolutionären Kämpfen der unterdrückten Nationen und Völker sympathisierte und sie unterstützte und wie er die falsche Haltung der Revisionisten der 2. Internationale verachtete und verurteilte, die die Bewegung in den Kolonien als „eine unbedeutende nationale und völlig friedliche Bewegung“ betrachteten.

Die revolutionären Stürme in Asien vor dem 1. Weltkrieg und der Oktoberrevolution, die Lenin wärmstens begrüsste, waren noch demokratische Revolutionen unter Führung der Bourgeoisie. Doch seit dem 1. Weltkrieg und der Oktoberrevolution und vor allem seit dem 2. Weltkrieg hat sich in den revolutionären Bewegungen der asiatischen Völker eine grosse Veränderung vollzogen. Das Proletariat hat die Bühne der Geschichte betreten und in vielen Ländern die Führung in der Revolution übernommen. Das Volk Chinas und einiger anderer Länder hat die imperialistische Front im Osten durchbrochen und sich auf den breiten Weg des Aufbaus des Sozialismus begeben. In vielen anderen Ländern haben die revolutionären Völker die direkte Kolonialherrschaft des Imperialismus gestürzt und national unabhängige Staaten errichtet.

Lenin wies nach der Oktoberrevolution weiter darauf hin, dass die Masse der Menschen in den Kolonialländern „in den kommenden Phasen der Weltrevolution eine sehr wichtige revolutionäre Rolle spielen wird“. Die Geschichte hat die wissenschaftliche Vorhersage Lenins voll bestätigt. Die Völker des Ostens, auf die man jahrhundertelang herabgeblickt hatte, stehen jetzt in der vordersten Reihe der Weltrevolution, ergreifen positive Massnahmen und „nehmen an der Entscheidung des Schicksals der ganzen Welt teil“. Der Osten, der früher von den imperialistischen Mächten nach Belieben zerstückelt wurde, ist jetzt der antiimperialistische, revolutionäre und kämpferische Osten geworden.

Die grossen Siege, die das südvietnamesische Volk in seinem patriotischen Kampf gegen die USA-Aggression errungen hat, zeigen in vollem Umfang die Macht der revolutionären Kräfte des Volkes im Osten. Unter den vernichtenden Schlägen des südvietnamesischen Volkes hat der angeblich starke USA-Imperialismus eine vernichtende Niederlage erlitten und sich in einer verzweifelten Lage befunden, aus der er sich nicht befreien kann.

Nicht nur in Asien, sondern auch in Afrika und Lateinamerika haben sich heftige revolutionäre Stürme erhoben. Im Lichte dieser neuen Weltlage hat das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas 1963 in seinem „Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ die Thesen Lenins weiter ausgeführt. Darin heisst es:

In den weiten Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas konzentrieren sich die verschiedenen Arten von Widersprüchen in der gegenwärtigen Epoche, hier sind die schwächsten Kettenglieder in der Herrschaft des Imperialismus, hier sind heute die wichtigsten Sturmzentren der Weltrevolution, wo dem Imperialismus direkte Schläge versetzt werden.

Die national-demokratische revolutionäre Bewegung in diesen Gebieten und die internationale sozialistische revolutionäre Bewegung sind die zwei gewaltigen historischen Strömungen unserer Zeit.

Die national-demokratische Revolution in diesen Gebieten bildet einen wichtigen Bestandteil der gegenwärtigen proletarischen Weltrevolution.

Die antiimperialistischen revolutionären Kämpfe der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas haben die Grundlagen der Herrschaft des Imperialismus und des Kolonialismus, alt und neu, angeschlagen und erschüttert, sie stellen eine gewaltige Kraft für die Verteidigung des Weltfriedens in der gegenwärtigen Epoche dar.

In einem gewissen Sinne hängt daher die ganze Sache der internationalen proletarischen Revolution letztlich von den revolutionären Kämpfen der Völker in diesen Gebieten, der überwältigenden Mehrheit der Weltbevölkerung, ab.

Die antiimperialistischen revolutionären Kämpfe der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sind daher keinesfalls lediglich von lokaler Bedeutung, sondern von allgemeiner Bedeutung für die Weltrevolution des ganzen internationalen Proletariats.“

Wie Lenin freuen sich alle Marxisten über die kräftige Entwicklung der nationalen Befreiungsbewegung. Je weiter sich die Flammen des Kampfes der nationalen Befreiung ausbreiten, desto erfreuter und ermutigter fühlen sie sich. Genau wie Lenin studieren sie sorgfältig die Erfahrungen der revolutionären Kämpfe der unterdrückten Nationen und unterstützen entschlossen diesen großen revolutionären Kampf mit praktischen Aktionen.

Obwohl diese Artikel von Lenin vor etwa 40 oder 50 Jahren geschrieben wurden, haben sie immer noch eine grosse theoretische und praktische Bedeutung für die revolutionären Völker der Welt. Lenin sagte: Wer nach den Erfahrungen sowohl Europas als auch Asiens von einer nicht klassengebundenen Politik und einem nicht klassengebundenen Sozialismus spricht, der verdient, einfach in einen Käfig gesperrt und neben irgendeinem australischen Känguruh zur Schau gestellt zu werden.“ Hat die Realität diese Aussage nicht bestätigt?

[ASIEN IST EINE NEUE QUELLE FÜR WELTREVOLUTIONÄRE STÜRME]

Die Opportunisten waren noch des Lobes voll darüber, dass unter der „Demokratie“ „sozialer Frieden“ herrsche und Stürme nicht notwendig seien, als in Asien ein neuer Herd der heftigsten Weltstürme entstand. Auf die russische Revolution folgten die türkische, die persische, die chinesische. Wir leben heute gerade in der Epoche dieser Stürme und ihrer „Rückwirkung“ auf Europa. Welches immer die Schicksale der grossen chinesischen Republik sein mögen, gegen die jetzt die verschiedenen „zivilisierten“ Hyänen die Zähne fletschen, keine Kraft in der Welt wird die alte Fronherrschaft in Asien wiederherstellen, wird den heldenhaften demokratischen Geist der Volksmassen in den asiatischen und halbasiatischen Ländern vom Erdboden vertilgen können.

Manche Leute, die den Bedingungen der Vorbereitung und Entwicklung des Massenkampfes keine Aufmerksamkeit schenkten, wurden durch den langen Aufschub des entscheidenden Kampfes gegen den Kapitalismus in Europa zur Verzweiflung und zum Anarchismus getrieben. Wir sehen heute, wie kurzsichtig und kleinmütig die anarchistische Verzweiflung ist.

Nicht Verzweiflung, sondern Zuversicht müssen wir aus der Tatsache schöpfen, dass Asien mit seinen 800‘000‘000 in den Kampf um die selben Ideale einbezogen wurde, um die in Europa gekämpft wird.

Die asiatischen Revolutionen haben uns die gleiche Charakterlosigkeit und Niedertracht des Liberalismus gezeigt, die gleiche ausserordentliche Bedeutung der Selbständigkeit der demokratischen Massen, die gleiche deutliche Abgrenzung des Proletariats von jeglicher Bourgeoisie. Wer nach den Erfahrungen sowohl Europas als auch Asiens von einer nicht klassengebundenen Politik und einem nicht klassengebundenen Sozialismus spricht, der verdient, einfach in einen Käfig gesperrt und neben irgendeinem australischen Känguruh zur Schau gestellt zu werden.

Nach Asien begann sich auch Europa zu rühren — nur nicht auf asiatische Art. Die „friedliche“ Periode 1872-1904 gehört unwiederbringlich der Vergangenheit an. Die Teuerung und der Druck der Trusts rufen eine unerhörte Verschärfung des ökonomischen Kampfes hervor, die sogar die durch den Liberalismus am stärksten demoralisierten englischen Arbeiter in Bewegung gebracht hat. Vor unseren Augen reift die politische Krise selbst in dem „hartgesottensten“ bourgeois-junkerlichen Land, in Deutschland, heran. Die wahnsinnigen Rüstungen und die Politik des Imperialismus schaffen im heutigen Europa einen „sozialen Frieden“, der am ehesten einem Pulverfass gleicht. Und die Zersetzung aller bourgeoisen Parteien und der Reifungsprozess des Proletariats schreiten unaufhaltsam vorwärts.

Jede der drei grossen Epochen der Weltgeschichte nach dem Aufkommen des Marxismus brachte ihm neue Bestätigungen und neue Triumphe. Einen noch grösseren Triumph aber wird dem Marxismus als der Lehre des Proletariats die kommende geschichtliche Epoche bringen.

[Aus W. I. Lenin: „Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx“, 01.03.1913.]

DAS ERWACHEN ASIENS

Galt China nicht noch vor kurzem als Musterbeispiel eines Landes, das sich seit Jahrhunderten im Zustand völliger Stagnation befindet? Jetzt aber brodelt in China das politische Leben, entfalten sich stürmisch die soziale Bewegung und der demokratische Aufschwung. Nach der russischen Bewegung des Jahres 1905 hat die demokratische Revolution ganz Asien erfasst: die Türkei, Persien, China. In Britisch-Indien gärt es immer stärker.

Interessant ist, dass die revolutionär-demokratische Bewegung jetzt auch Niederländisch-Indien — die Insel Java und andere niederländische Kolonien — mit einer Bevölkerung von ca. 40‘000‘000 Menschen erfasst hat.

Träger dieser demokratischen Bewegung sind erstens die Volksmassen auf Java, unter denen eine nationalistische Bewegung im Zeichen des Islams erwacht ist. Zweitens hat der Kapitalismus eine einheimische Intelligenz aus akklimatisierten Europäern geschaffen, die für die Unabhängigkeit Niederländisch-Indiens eintreten. Drittens har die ziemlich zahlreiche chinesische Bevölkerung auf Java und den anderen Inseln die revolutionäre Bewegung aus ihrer Heimat hierhergetragen.

Der holländische Marxist van Ravesteyn, der dieses Erwachen Niederländisch-Indiens schildert, weist darauf hin, dass der eingewurzelte Despotismus und die Willkürherrschaft der niederländischen Regierung jetzt bei den Massen der einheimischen Bevölkerung auf entschiedenen Widerstand und Protest stossen.

Es zeigen sich die üblichen Erscheinungen einer vorrevolutionären Periode: mit erstaunlicher Schnelligkeit entstehen Verbände und Parteien. Die Regierung verbietet sie und ruft dadurch noch grössere Erbitterung und ein neues Anwachsen der Bewegung hervor. So hat die niederländische Regierung vor kurzem die „Indische Partei“ aufgelöst, weil im Statut und Programm dieser Partei vom Streben nach Unabhängigkeit die Rede war. Die holländischen „Dershimordas“1 (die übrigens die volle Zustimmung sowohl der Klerikalen als auch der Liberalen finden: bis auf die Knochen ist der europäische Liberalismus verfault!) erblickten darin das strafwürdige Streben nach einer Lostrennung von den Niederlanden! Die aufgelöste Partei ist natürlich unter anderem Namen wiedererstanden.

Auf Java ist ein nationaler Verband der einheimischen Bevölkerung entstanden, der bereits 80‘000 Mitglieder zählt und Massenversammlungen durchführt. Das Wachstum der demokratischen Bewegung ist nicht aufzuhalten.

Der Weltkapitalismus und die russische Bewegung des Jahres 1905 haben Asien endgültig wachgerüttelt. Hunderte Millionen einer eingeschüchterten, in mittelalterlicher Stagnation niedergehaltenen Bevölkerung sind zu neuem Leben und zum Kampf für die elementaren Menschenrechte, für die Demokratie erwacht.

Die Arbeiter der fortgeschrittenen Länder der Welt verfolgen mit Interesse und Begeisterung dieses gewaltige Anwachsen der Befreiungsbewegung in allen ihren Formen und in allen Teilen der Welt. Die europäische Bourgeoisie hat sich, durch die Stärke der Arbeiterbewegung erschreckt, der Reaktion, dem Militarismus, dem Pfaffentum und dem Obskurantismus in die Arme geworfen. Doch an die Stelle dieser bei lebendigem Leibe verfaulenden Bourgeoisie treten bereits das Proletariat der europäischen Länder und die junge, vom Glauben an ihre Kräfte und vom Vertrauen zu den Massen erfüllte Demokratie der asiatischen Länder.

Das Erwachen Asiens und der Beginn des Kampfes des fortgeschrittenen Proletariats Europas um die Macht kennzeichnen die neue Ära der Weltgeschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts angebrochen ist.

DAS RÜCKSTÄNDIGE EUROPA UND DAS FORTGESCHRITTENE ASIEN

Die Gegenüberstellung dieser Worte scheint Paradox. Wer weiss denn nicht, dass Europa fortgeschritten, Asien dagegen rückständig ist`Aber die Worte, die wir als Überschrift für diesen Artikel gewählt haben, enthalten eine bittere Wahrheit.

Im zivilisierten und fortgeschrittenen Europa mit seiner glänzend entwickelten Technik, mit seiner reichen, vielseitigen Kultur und seinen Verfassungen ist ein Zeitpunkt in der Geschichte eingetreten, wo die herrschende Bourgeoisie aus Furcht vor dem wachsenden und erstarkenden Proletariat alles Rückständige, Absterbende, Mittelalterliche unterstützt. Die untergehende Bourgeoisie verbindet sich mit allen überlebten Kräften, um die ins Wanken geratene Lohnsklaverei zu erhalten.

Im fortgeschrittenen Europa herrscht eine Bourgeoisie, die alles Rückständige unterstützt. Europa ist heute nicht dank der Bourgeoisie, sondern trotz der Bourgeoisie fortgeschritten, denn einzig und allein das Proletariat vergrössert immer mehr das Millionenheer der Kämpfer für eine bessere Zukunft, einzig und allein das Proletariat hält die schonungslose Feindschaft gegen Rückständigkeit, Barbarei, Privilegien, Knechtung und Erniedrigung des Menschen durch den Menschen wach und verbreitet sie.

Im „fortgeschrittenen“ Europa ist nur das Proletariat eine fortgeschrittene Klasse. Die heutige Bourgeoisie aber ist zu jeder Barbarei, zu jeder Bestialität und jedem Verbrechen bereit, um die untergehende kapitalistische Sklaverei zu erhalten.

Und schwerlich kann man ein treffenderes Beispiel für diese Fäulnis der gesamten europäischen Bourgeoisie anführen als die Unterstützung, die sie um der eigennützigen Zwecke der Finanzhyänen und der kapitalistischen Gauner willen der Reaktion in Asien gewährt.

Überall in Asien wächst, verbreitet sich und erstarkt eine mächtige demokratische Bewegung. Die Bourgeoisie geht dort noch mit dem Volk gegen die Reaktion. Hunderte Millionen Menschen erwachen zum Leben, zum Licht, zur Freiheit. Welche Begeisterung löst diese Weltbewegung in den Herzen aller klassenbewussten Arbeiter aus, die wissen, dass der Weg zum Kollektivismus über die Demokratie führt! Von welcher Sympathie für das junge Asien sind alle ehrlichen Demokraten erfüllt!

Und das „fortgeschrittene“ Europa? Es raubt China us und hilft den Feinden der Demokratie, den Feinden der Freiheit in China!

Hier ein einfaches, aber lehrreiches kleines Rechenexempel. Der neue chinesische Anleihevertrag ist gegen die chinesische Demokratie abgeschlossen worden: „Europa“ ist für Yüan Schi-kai, der eine Militärdiktatur vorbereitet. Warum ist es für ihn? Wegen eines vorteilfahten Geschäftens. Die Anleihe wurde in Höhe von rund 250‘000‘000 Rubel zum Kurs von 84% vereinbart. Das bedeutet: Die Bourgeois „Europas“ zahlen den Chinesen 210‘000‘000; vom Publikum aber nehmen sie 225‘000‘000 Rubel. Das gibt auf einen Schlag, in wenigen Wochen, einen Reingewinn von 15‘000‘000 Rubel! Nicht wahr, was ist das doch in der Tat für ein „reiner“ Gewinn?

Wenn aber das chinesische Volk die Anleihe nicht anerkennt? China ist doch eine Republik, und die Mehrheit des Parlaments ist gegen die Anleihe?

Oh, dann wird das „fortgeschrittene“ Europa ein Geschrei über „Zivilisation“, „Ordnung“, „Kultur“ und „Vaterland“ erheben! Dann wird es Kanonen auffahren lassen und die Republik des „rückständigen“ Asiens im Bunde mit dem Abenteurer, Verräter und Freund der Reaktion Yüan Schi-kai erdrosseln!

Das ganze herrschende Europa, die gesamte europäische Bourgeoisie steht im Bunde mit allen Kräften der Reaktion und des Mittelalters in China.

Dafür besitzt das ganze junge Asien, das heisst die Hunderte Millionen von Werktätigen in Asien, einen zuverlässigen Verbündeten im Proletariat aller zivilisierten Länder. Keine Macht der Welt wird seinen Sieg aufhalten können, der sowohl die Völker Europas als auch die Völker Asiens befreien wird.

[DIE VÖLKER DES OSTENS BESTIMMEN MIT ÜBER DAS SCHICKSAL DER GANZEN WELT]

Wir wissen, dass sich dort als selbständige Teilnehmer, als Schöpfer des neuen Lebens die Volksmassen des Ostens erheben werden, weil Hunderte Millionen dieser Bevölkerung zu den abhängigen, nicht vollberechtigten Nationen gehören, die bisher ein Objekt der internationalen Politik des Imperialismus waren und für die kapitalistische Kultur und Zivilisation nur als Düngemittel existierten. Und ist von der Verteilung der Kolonialmandate die Rede, so wissen wir sehr wohl, dass es sich um eine Verteilung von Mandaten für Plünderung und Raub, um eine Verteilung von Rechten an einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung der Erde auf die Ausbeutung der Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs handelt. Diese Mehrheit, die bis dahin völlig ausserhalb des geschichtlichen Fortschritts gestanden hatte, da sie keine selbständige revolutionäre Kraft darstellen konnte, hörte bekanntlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, solch eine passive Rolle zu spielen. Wir wissen, dass auf das Jahr 1905 die Revolutionen in der Türkei, in Persien und in China folgten, dass sich in Indien eine revolutionäre Bewegung entwickelt hat. Der imperialistische Krieg trug gleichfalls zum Anwachsen der revolutionären Bewegung bei, weil ganze Regimenter der Kolonialbevölkerung in den Kampf der europäischen Imperialisten einbezogen werden mussten. Der imperialistische Krieg weckte auch den Osten und bezog dessen Völker in die internationale Politik ein. England und Frankreich bewaffneten die Kolonialvölker und verhaften ihnen dazu, technische Kampfmittel und moderne Maschinen kennenzulernen. Diese Kenntnisse werden sie nun gegen die Herren Imperialisten ausnutzen. Auf die Periode des Erwachens des Ostens folgt in der gegenwärtigen Revolution die Periode, in der alle Völker des Ostens die Geschicke der ganzen Welt mitentscheiden, in der sie aufhören, nur ein Objekt der Bereicherung zu sein. Die Völker des Ostens erwachen, um praktisch zu handeln und damit jedes Volk das Schicksal der ganzen Menschheit mitbestimmt.

[Aus W. I. Lenin: „Referat auf dem 2. Gesamtrussischen Kongress der kommunistischen Organisationen der Völker des Ostens“, 22.11.1919.]

[DIE WERKTÄTIGEN MASSEN WERDEN IN DEN KOMMENDEN PHASEN DER WELTREVOLUTION EINE SEHR GROSSE REVOLUTIONÄRE ROLLE SPIELEN]

Die werktätigen Massen der kolonialen und halbkolonialen Länder, die die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung der Erde ausmachen, sind bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum politischen Leben erwacht, besonders durch die Revolutionen in Russland, der Türkei, Persien und China. Der imperialistische Krieg 1914-18 und die Sowjetmacht in Russland verwandeln diese Massen endgültig ein einen aktiven Faktor der Weltpolitik und der revolutionären Zerstörung des Imperialismus, obwohl die gebildete Kleinbourgeoisie Europas und Amerikas, darunter auch die Führer der 2. und zweieinhalbten Internationale, das hartnäckig nicht sehen wollen. Britisch-Indien steht an der Spitze dieser Länder; dort reift die Revolution um so schneller heran, je bedeutender dort einerseits das Industrie- und Eisenbahnproletariat wird und je brutaler anderseits der Terror der Engländer wird, die immer öfter zu Massenmorden (Amritsar), zu öffentlichen Auspeitschungen usw. greifen.

[…]

Ich möchte hier auch die Bedeutung der Bewegung in den Kolonien betonen. Diesbezüglich sehen wir in allen alten Parteien, in allen bourgeoisen und kleinbourgeoisen Arbeiterparteien der 2. und zweieinhalbten Internationale noch immer Reste alter sentimentaler Anschauungen: Sie sind, sagen sie, voller Sympathie für die unterdrückten kolonialen und halbkolonialen Völker. Die Bewegung in den Kolonialländern wird immer noch als unbedeutende nationale und völlig friedliche Bewegung betrachtet. Dem ist aber nicht so. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind in dieser Beziehung grosse Veränderungen eingetreten, nämlich: Millionen und Hunderte Millionen — faktisch die übergrosse Mehrheit der Bevölkerung unseres Erdballs — treten jetzt als selbständige aktive revolutionäre Faktoren auf. Und es ist absolut klar, dass in den kommenden entscheidenden Schlachten der Weltrevolution die ursprünglich auf die nationale Befreiung gerichtete Bewegung der Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs sich gegen den Kapitalismus und Imperialismus kehren und vielleicht eine viel grössere revolutionäre Rolle spielen wird, als wir erwarten. Es ist wichtig zu betonen, dass wir zum erstenmal in unserer Internationale darangegangen sind, diesen Kampf vorzubereiten. Gewiss sind auf diesem gewaltigen Gebiet die Schwierigkeiten viel grösser, aber jedenfalls geht die Bewegung vorwärts, und die Massen der Werktätigen, die Bauern der Kolonialländer, werden, obwohl sie jetzt noch rückständig sind, in den folgenden Phasen der Weltrevolution eine sehr grosse revolutionäre Rolle spielen. (Lebhafte Zustimmung.)

[Aus W. I. Lenin: 3. Kongress der Kommunistischen Internationale, „1. Thesen zum Referat auf dem 3. Kongress der Kommunistischen Internationale über die Taktik der Kommunistischen Partei Russlands: Ursprünglicher Entwurf“, 2021.]

1Dershimorda — Polizist in Gogols „Revisor“.