Leonie Kascher: “Manifest der Kommunistischen Partei der Schweiz”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SCHWEIZ

Leonie Kascher
November 1918

Reproduziert von
Die Rote Fahne

MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SCHWEIZ

1. AN DIE ARBEITER!

Die Revolution hat in allen Ländern Europas ihren Einzug gehalten. Während sie in den einen schroff und stürmisch wütet, fegt sie in anderen die alten morschen Stützen der alten Ordnung im Stillen weg. Auch die schweizerische Arbeiterschaft hat das Gebot der Stunde erkannt. Hinter ihr liegt der erste grosse Kampf, allein sie ging geschlagen aus diesem ersten Kampf hervor. Geschlagen nicht durch die Macht des Gegners, sondern durch die ängstliche kleinbürgerliche Politik ihrer eigenen Führer. Warum haben diese Führer versagt? Weil sie nicht aus eigenem Willen und freudigem Herzen in den Kampf gezogen sind, sondern gestossen und gedrängt von der Arbeiterschaft. Sie mussten versagen, weil sie nicht den Willen hatten, für das zu kämpfen, wofür die Arbeiter in den Kampf zogen — für den Sozialismus.

Nun jubelt das Bürgertum und nützt seinen „Sieg“ entschlossen und zielbewusst aus. Vergessen sind alle die schönen Versprechungen: die sozialen Reformen. Die Regierung trottet im alten Tempo weiter. Die Reaktion wütet mit jedem Tag stärker, viele unserer Genossen schmachten in den Gefängnissen. Ja, noch mehr, das Bürgertuum, das, dank seiner Schulung und Intelligenz, die Verhältnisse ganz anders zu überblicken vermag als die grosse Masse der Arbeiterschaft, hat fieberhaft und systematisch begonnen, sich zum Bürgerkrieg zu rüsten, zum energischen, erbitterten Klassenkampf.

Arbeiter, Genossen, und wir? Wollen wir ruhig abwarten, bis es zu spät ist? Bis eines Tages die Arbeiterschaft von einer weissen Garde, von einem bis zum letzten Mann aufgebotenen Bürgertum umzingelt ist und ihr die Möglichkeit genommen ist, sogar nur einen einfachen Streik durchzuführen? Nein! Der Kampf, der hinter uns liegt, ist nur eine Etappe einer Reihe noch kommender Kämpfe um unser Ziel. Aber wollen wir unseren nächsten Kampf wieder einem Oltener Aktionskomitee anvertrauen? Wenn noch so geniale und radikale […] Männer darin sitzen, wollen wir uns wieder auf Gnade und Ungnade ausliefern, damit sie wieder im entscheidenden Momente zusammenklappen? Arbeiter, Genossen, lernen wir von den uns umgebenden Ländern. Neue Zeiten erfordern auch neue Kampfformen und diese Kampfformen, die allein die Gewähr bieten, dass wir aus den kommenden Kämpfen siegreich hervortreten, sind die

2. ARBEITER UND SOLDATENRÄTE

An Stelle des Oltener Aktionskomitee und der Arbeiterkongresse fordern wir eine Schweizerischen Arbeiterrat, der direkt den Willen der klassenbewussten Arbeiter zum Ausdruck bringt, mit ihnen in ständigem Kontakt steht, indem er gebildet ist aus Arbeiterbrüdern, die wir wählen an den Arbeitsstätten direkt aus den Betrieben. Dieser Arbeiterrat hat den Grosskampf zu führen auf Weisung der lokalen Arbeiterräte. Wir wollen uns endlich klar werden, wie es das Bürgertum längst ist, dass die kommenden Kämpfe einen anderen Charakter annehmen müssen, sollen sie zum Erfolge führen. Sehen wir das ein, so müssen wir aber auch die Taktik des Kampfes ändern. Diese neue Tatik lässt sich zusammenfassen in folgende Punkte:

Alle Macht in die Hände der Arbeiterräte.

Der nächste Kampf soll ein revolutionärer Generalstreik sein. Schon jetzt müssen Vorbereitungen getroffen werden, vor allem eine rege Propaganda, speziell unter den Soldaten.

Die Arbeiterräte haben zusammen mit den Soldatenorganisationen für die Bildung der Soldatenräte zu sorgen.

Die Arbeiterräte haben die Arbeiter fachlich aufzuklären für die Übernahme der wirtschaftlichen Macht, d. h. der Produktion in den Betrieben.

Es soll eine andere Bauernpolitik getrieben werden. Rege Propaganda unter den Kleinbauern und Knechten. Aufklärung über den Sozialismus, der ihnen ja zum Vorteil wird.

Arbeiter, Genossen! Wir wissen, dass wir nicht mit einem Schlage den Sozialismus verwirklichen können, sondern dass uns noch eine Reihe grosser Kämpfe bevorstehen, bis wir unser Ideal errungen haben. Was wir aber wollen, das ist mit jedem Kampfe einen Schritt dem Ziel entgegenzugehen. Darum sind unsere Parolen für den nächsten Kampf noch nicht das Endziel selbst, sondern Parolen, die uns dem Endziel näher bringen. Nämlich:

Der Achtstundentag zum Gesetz.

Kontrollrecht der Arbeiter im Staate über die Lebens- und Bedarfsartikel.

Erweiterte Kontrolle der Arbeiter über die Produktion.

3. WIE ENTSTEHEN ARBEITERRÄTE?

Arbeiterräte werden gebildet, indem in allen Fabriken und Betrieben Werkstätteversammlungen einberufen werden. Aus deren Mittel heraus sollen die Arbeiterratsdelegierten gewählt werden. Wählbar und berechtigt zur Wahl sind alle arbeitenden Männer und Frauen – ob organisiert oder nicht. Auf 30 Arbeiter im Betrieb und eine Bruchzahl von 30 soll ein Delegierter in den örtlichen Arbeiterrat gewählt werden. Die Branchen mit sehr kleinen Betrieben sollen Bezirksarbeiterversammlungen durchführen und aus dieser Versammlung heraus die Delegierten bestimmen. Aus der Mitte der örtlichen Arbeiterräte werden die Delegierten zum schweizerischen Arbeiterrat gewählt. In solchen Betrieben, wo die Arbeiterschaft noch zu wenig aktionsfähig, zu konservativ ist, hat die vorwärtsdrängende Minderheit den Delegierten zu bestimmen. Es ist nicht nötig, dass vom ersten Tage an dem örtlichen Arbeiterrat alle Betriebe angeschlossen sind. Die Hauptsache ist, dass überall angefangen und nicht geruht wird, bis alle Arbeiter Delegierte schicken.

Der grosse Vorteil dieses neuen Kampfmittels, der Arbeiterräte, besteht darin, dass sie von der Bourgeoisie nicht tot gemacht werden können und jederzeit, ohne lange und grosse Reklame die Massen von heute auf morgen, zu jeder Stunde in Bewegung setzen können. Beschliesst ein Arbeiterrat in der Nacht eine Aktion, so können die Delegierten am Morgen in den Betrieben die Arbeiter und Arbeiterinnen von den gefassten Beschlüssen benachrichtigen und diese danach handeln. Der Wille zum Kampf ist freilich die erste Bedingung für das Gedeihen des neuen Kampfmittels. Es steht und fällt mit ihm! Handelt andererseits der Betriebs- oder Bezirksdelegierte nicht nach dem Willen der arbeitenden Wähler, so kann er sofort abberufen und durch einen anderen im Betriebe beschäftigten ersetzt werden. Nur in den Betrieben und Fabriken selbst Arbeitende sind zu delegieren, keine Sekretäre oder sonstige von Partei und Gewerkschaften angestellte Beamte. Weg von den Instanzen, die sollen nur administrative Funktionen besitzen. Der immer inmitten seiner Kameraden und Kameradinnen beschäftigte Arbeiter kennt am besten, was ihnen not tut. Ein so konstituierter Rat muss produktiv sein und kann nicht zum Schweigen gebracht werden. Verhaftet eine Regierung ein Mitglied oder den ganzen Rat, so wählen die Arbeiter einen neuen.

BILDET ÜBERALL SOFORT ARBEITERRÄTE!

TRETET EIN IN DIE SOZIALISTISCHEN SOLDATENORGANISATIONEN!