Mao Tse-tung: “Die dialektische Methode in der Frage der Einheit der Partei”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE DIALEKTISCHE METHODE IN DER FRAGE DER EINHEIT DER PARTEI

Mao Tse-tung
18.11.1957

Ausgewählte Werke
Band 5
Reproduziert von
Die Rote Fahne

DIE DIALEKTISCHE METHODE IN DER FRAGE DER EINHEIT DER PARTEI

Auszüge aus einer Rede vom Vorsitzenden Mao Tse-tung auf der Moskauer Beratung von Vertretern der Kommunistischen und Arbeiterparteien.

Ich möchte einige Worte über die Methode in der Frage der Einheit sagen. Ich denke, wir müssen allen Kameraden gegenüber, wer sie auch seien, die Haltung einnehmen, Einheit mit ihnen herstellen zu wollen, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um feindliche Elemente oder um Saboteure. Die Methode, die wir ihnen gegenüber anwenden, muss dialektisch, darf nicht metaphysisch sein. Was ist mit dialektischer Methode gemeint? Sie bedeutet, an alles analytisch heranzugehen, einzuräumen, dass jeder Mensch Fehler macht, und jemanden nicht völlig abzuschreiben, bloss weil er Fehler gemacht hat. Lenin sagte einmal, dass es auf der Welt keinen Menschen gibt, der frei von Fehlern ist. jeder braucht Hilfe. Ein Held braucht die Unterstützung von drei anderen Leuten, zu einem Zaun braucht es drei Pfähle. Bei all ihrer Schönheit braucht die Lotosblume das Grün ihrer Blätter, um sich in ihrer ganzen Pracht zu zeigen. Das sind chinesische Sprichwörter. Da ist noch ein anderes: Drei einfachen Schustern im Verein gelingt, was der eine Dschugo Liang allein vollbringt. Denn auch ein Dschugo Liang ist nicht vollkommen, er hat seine Grenzen. Denken Sie an die Deklaration unserer zwölf Länder: Wir haben einen ersten, einen zweiten, einen dritten und einen vierten Entwurf formuliert und sind mit der Überarbeitung immer noch nicht fertig. Meiner Meinung nach ist es anmassend, wenn sich jemand für allwissend und allmächtig wie Gott hält. Welche Haltung ist also den Kameraden gegenüber angebracht, die Fehler begangen haben? Wir sollten analytisch vorgehen und eine dialektische, nicht eine metaphysische Methode anwenden. Unsere Partei ist einst in den Sumpf der Metaphysik, des Dogmatismus geraten; die Dogmatiker suchten all jene zugrunde zu richten, die ihnen nicht gefielen. Später haben wir den Dogmatismus verurteilt und uns nach und nach etwas mehr Dialektik angeeignet. Der Grundgedanke der Dialektik ist die Einheit der Gegensätze. Was hat also, ist dieser Gedanke einmal akzeptiert, mit einem Kameraden zu geschehen, der Fehler begangen hat? Erstens muss ein Kampf geführt werden mit dem Ziel, seine falschen Ideen auszuräumen. Zweitens muss ihm geholfen werden. Also erstens Kampf und zweitens Hilfe. Von guten Absichten ausgehend, müssen wir ihm bei der Korrektur seiner Fehler helfen, damit er aus der Sackgasse herausfindet.

Ich mit Leuten anderer Art müssen wir natürlich anders umgehen. Gegenüber Leuten wie Trotzki, wie Tschen Du-hsiu, Dschang Guo-tao und Gao Gang in China ist Hilfsbereitschaft nicht am Platz, denn sie sind unverbesserlich. Hitler, Tschiang Kai-schek, der Zar und ihresgleichen waren ebenfalls unverbesserlich und mussten niedergeschlagen werden, denn wir und sie schlossen einander absolut aus. In diesem Sinn kann man sagen, dass sie keine Doppelnatur haben, dass in ihrem Fall nur ein Aspekt zählt. Das gilt letzten Endes auch für das imperialistische und kapitalistische System, das eines Tages zwangsläufig durch das sozialistische System abgelöst werden wird. Das gleiche gilt für die Ideologie — Idealismus wird durch Materialismus und Gottesglauben durch Atheismus ersetzt werden. Hier geht es um unsere strategischen Ziele. Jedoch bei den einzelnen taktischen Phasen liegt die Sache ganz anders, da kann man Kompromisse schliessen. Sind wir nicht in Korea, am 38. Breitengrad, einen Kompromiss mit den Amerikanern eingegangen? Und war das mit den Franzosen in Vietnam etwa kein Kompromiss?

In jeder taktischen Phase muss man es verstehen, den Kampf zu führen wie auch Kompromisse zu schliessen. Nun zurück zu den Beziehungen zwischen Kameraden. Ich schlage vor, dass Kameraden, die Differenzen haben, Gespräche miteinander führen. Manche scheinen zu glauben, dass alle gleich nach ihrem Beitritt zur Kommunistischen Partei zu Heiligen ohne Differenzen oder Missverständnisse werden und dass die Partei kein Objekt der Analyse, also monolithisch und uniform ist, woraus folgt, dass Gespräche unnötig sind — als wäre man, einmal in die Partei eingetreten, notwendigerweise sofort ein hundertprozentiger Marxist. In Wirklichkeit aber gibt es Marxisten der verschiedensten Abstufungen: Es gibt hundertprozentige Marxisten, neunzigprozentige Marxisten, achtzigprozentige Marxisten, siebzig-, sechzig- und fünfzigprozentige Marxisten, und manche sind gar nur zu zehn oder zwanzig Prozent Marxisten. Sollte es nicht möglich sein, dass sich zwei oder mehrere von uns in einem Zimmer unterhalten? Sollte es nicht möglich sein, dass wir ausgehend vom Wunsch nach Einheit und im Geist der gegenseitigen Hilfe miteinander sprechen? Wohlverstanden, hier geht es nicht um Gespräche mit den Imperialisten (wenngleich wir auch mit ihnen sprechen), sondern um Gespräche unter Kommunisten. Ein Beispiel: Führen unsere zwölf Länder jetzt Gespräche oder nicht? Und die über 60 Parteien, beraten sie sich, ja oder nein? Sie tun es, das ist eine Tatsache. Das heisst, man akzeptiert unter der Bedingung, dass die Prinzipien des Marxismus-Leninismus nicht verletzt werden, bestimmte annehmbare Auffassungen anderer und verzichtet auf eigene, die man aufgeben kann. So ist es möglich, im Umgang mit einem Kameraden, der Fehler gemacht hat, beide Hände zu gebrauchen: Mit der einen bekämpfen wir ihn, die andere reichen wir ihm zum Bund. Ziel des Kampfes ist es, die Prinzipien des Marxismus hochzuhalten; das ist unter Prinzipienfestigkeit zu verstehen. Das tut die eine Hand. Die andere Hand dient der Einheit. Zweck der Einheit ist es, dem Betreffenden einen Ausweg offenzuhalten, mit ihm Kompromisse zu schliessen; das nennt man Flexibilität. Die Einheit von Prinzipienfestigkeit und Flexibilität ist ein Grundsatz des Marxismus-Leninismus, sie ist eine Einheit von Gegensätzen.

Jede Welt, welcher Art sie auch sei, und natürlich besonders die Klassengesellschaft, ist voller Widersprüche. Manche sagen, man könne in der sozialistischen Gesellschaft Widersprüche „finden“, doch ich halte diese Formulierung für falsch. Ob Widersprüche gefunden werden können oder nicht, ist nicht die Frage, denn es gibt sie ja in Hülle und Fülle. Da ist kein Ort ohne Widersprüche und kein Mensch, der nicht Objekt einer Analyse sein kann. Zu denken, es gebe Menschen, die sich der Analyse entziehen, ist metaphysisch. Betrachten Sie das Atom, es ist ein Komplex verschiedener Einheiten von Gegensätzen. Atomkern und Elektronen bilden zusammen eine Einheit zweier gegensätzlicher Seiten. Der Atomkern wiederum ist die Einheit der Gegensätze Protonen und Neutronen. Ist nun von Protonen die Rede, muss von Protonen und Antiprotonen gesprochen werden; handelt es sich um Neutronen, so muss man Neutronen und Antineutronen unterscheiden. Kurzum überall Einheit der Gegensätze. Die Konzeption von der Einheit der Gegensätze, also die Dialektik, muss so breit wie nur möglich propagiert werden. Meiner Meinung nach sollte die Dialektik aus dem kleinen Kreis der Philosophen heraustreten und unter die Massen gehen. Ich schlage vor, dass diese Frage auf Politbürositzungen und Plenartagungen der Zentralkomitees der verschiedenen Parteien und auch auf Sitzungen ihrer jeweiligen Parteikomitees der verschiedenen Ebenen diskutiert wird. Tatsächlich ist es ja so, dass sich die Sekretäre unserer Parteizellen auf die Dialektik verstehen, denn sie pflegen zwei Punkte in ihren Notizbüchern festzuhalten, wenn sie ihre Berichte für die Zellensitzungen vorbereiten: Punkt eins — die Erfolge, Punkt Zwei — die Mängel. Eins teilt sich in zwei, das ist ein universelles Phänomen, das eben ist die Dialektik.