Mao Tse-tung: “Die Einheitsfront in der Kulturarbeit”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE EINHEITSFRONT IN DER KULTURARBEIT

Mao Tse-tung
30.10.1944

Ausgewählte Werke
Band 3
Reproduziert von
Die Rote Fahne

DIE EINHEITSFRONT IN DER KULTURARBEIT

Rede des Vorsitzenden Mao Tse-tung auf der Konferenz für Mitarbeiter des Kultur- und Bildungswesens im Grenzgebiet Schensi-Kansu-Ningsia.

Unsere gesamte Arbeit ist auf die Zerschlagung des japanischen Imperialismus gerichtet. Die japanischen Imperialisten sind ebenso wie Hitler ihrem Untergang nahe. Aber wir müssen unsere Bemühungen fortsetzen, nur so können wir sie endgültig vernichten. In unserer Arbeit steht an erster Stelle der Krieg, dann die Produktion, dann die Kultur. Eine Armee ohne Kultur ist eine unwissende Armee, und eine unwissende Armee kann den Feind nicht besiegen.

Im Kulturleben der befreiten Gebiete ist bereits eine fortschrittliche Seite zu verzeichnen, aber es hat auch noch eine rückständige Seite. In den befreiten Gebieten gibt es bereits eine neue Kultur, die Volkskultur, aber auch noch weitverbreitete Überreste des Feudalismus. Im Grenzgebiet Schensi-Kansu-Ningsia zählt man unter der anderthalb Millionen starken Bevölkerung bis auf den heutigen Tag über 1‘000‘000 Analphabeten und 2‘000 Medizinmänner; der Aberglaube übt immer noch einen Einfluss auf die breiten Massen aus. Das ist ein Feind, der sich im Bewusstsein der Massen eingenistet hat. Und der Kampf gegen diesen Feind ist häufig schwieriger als der Kampf gegen den japanischen Imperialismus. Wir müssen den Massen sagen, dass sie sich selbst zum Kampf gegen das eigene Analphabetentum, gegen den Aberglauben, gegen unhygienische Gewohnheiten erheben sollen. Zur Führung dieses Kampfes ist unbedingt eine breite Einheitsfront erforderlich. Und in einem so dünn besiedelten und an Verkehrswegen armen Gebiet, wie es das Grenzgebiet Schensi-Kansu-Ningsia ist, das früher auf einem sehr niedrigen Kulturniveau stand, und dazu noch in einer Kriegszeit, muss diese Einheitsfront besonders breit sein. Deshalb müssen wir auf dem Gebiet des Bildungswesens nicht nur konzentrierte, reguläre Grund- und Mittelschulen haben, sondern auch über verschiedene Orte verstreute, irreguläre Dorfschulen, Zeitungslesezirkel und Gruppen zur Beseitigung des Analphabetentums. Wir müssen nicht nur Schulen neuen Typus haben, sondern auch die Dorfschulen alten Typus ausnutzen und sie umgestalten. Auf dem Gebiet der Kunst brauchen wir nicht nur das moderne Drama, sondern auch die Tjin-Oper1 und das Yanggoi. Wir brauchen nicht nur die neue Tjin-Oper und ein Yanggo neuen Typus, wir müssen auch die Truppen des alten klassischen Theaters und die Yanggo-Ensembles alten Typus, die neunzig Prozent aller Yanggo-Gruppen ausmachen, verwenden und sie nach und nach umgestalten. Das Gesagte gilt erst recht für die Medizin. Im Grenzgebiet Schensi-Kansu-Ningsia ist die Sterblichkeit unter der Bevölkerung sehr hoch, der Prozentsatz des verendenden Viehs ist sehr hoch, viele Menschen glauben noch dem Medizinmann. Wenn wir uns unter solchen Bedingungen einzig und allein auf moderne Ärzte stützen, werden wir nichts ausrichten können. Moderne Ärzte sind natürlich überlegener als die Ärzte alten Typus, aber wenn sich die modernen Ärzte nicht um die Leiden des Volkes kümmern, wenn sie das medizinische Personal nicht für das Volk ausbilden wollen, wenn sie sich nicht mit den im Grenzgebiet vorhandenen mehr als tausend Ärzten und Veterinären alten Typus zusammenschliessen und ihnen nicht helfen vorwärtszuschreiten, dann werden sie in Wirklichkeit den Medizinmännern helfen, dann werden sie in Wirklichkeit gleichgültig zusehen, wie die Menschen in Massen sterben und das Vieh massenhaft verendet. Für die Einheitsfront gibt es zwei Prinzipien: 1. Zusammenschluss; 2. Kritik, Aufklärung und Umerziehung. In der Einheitsfront ist das Kapitulantentum ein Fehler, und ebenso falsch ist das Sektierertum, das darin zum Ausdruck kommt, dass man andere Menschen verdrängt und missachtet. Unsere Aufgabe besteht darin, uns mit allen Intellektuellen, Künstlern und Ärzten alten Typus, die man verwenden kann, zu vereinigen, ihnen behilflich zu sein, sie auf den richtigen Weg zu führen und umzuerziehen. Um sie umzuerziehen, müssen wir uns vor allem mit ihnen zusammenschliessen. Wenn wir das richtig anpacken, werden sie unsere Hilfe begrüssen.

Unsere Kultur ist eine Kultur des Volkes. Die Kulturschaffenden müssen mit grossem Enthusiasmus dem Volk dienen, müssen sich mit den Massen verbinden und dürfen sich nicht von ihnen lösen. Wenn man sich mit den Massen verbinden will, muss man den Bedürfnissen und Wünschen der Massen entsprechend handeln. Bei jeder Arbeit, die für die Massen geleistet wird, muss man von den Bedürfnissen der Massen ausgehen und nicht von irgendwelchen persönlichen Wünschen, und seien diese noch so wohlmeinend. Es kommt sehr oft vor, dass die Massen zwar objektiv bestimmter Reformen bedürfen, subjektiv aber sich dessen noch nicht bewusst sind, sich noch nicht entschlossen haben oder noch nicht den Wunsch hegen, die Reformen vorzunehmen; dann müssen wir geduldig abwarten. Erst dann, wenn durch unsere Arbeit den Massen in ihrer Mehrheit das betreffende Bedürfnis zum Bewusstsein gekommen ist, wenn sie ihren Entschluss gefasst haben und selbst den Wunsch hegen, die Reform durchzuführen, können wir an diese Arbeit schreiten; sonst könnten wir uns von den Massen loslösen. Jede Tätigkeit, bei der die Teilnahme der Massen erforderlich ist, wird zu einer blossen Formsache werden und Schiffbruch erleiden, wenn das Bewusstsein und der Wille der Massen fehlen. „Mit Eile gelangt man nicht ans Ziel.“2 Das bedeutet natürlich nicht, dass man nicht rasch handeln soll, sondern nur, dass man nicht unbesonnen voranstürmen darf; ein Draufgängertum führt unweigerlich zum Fiasko. Dies gilt für jede Tätigkeit und besonders für die Kultur- und Bildungsarbeit zur Umgestaltung des Bewusstseins der Massen. Hier gibt es zwei Prinzipien. Das eine lautet: Man muss von den realen Bedürfnissen der Massen ausgehen, nicht aber von solchen, die wir uns einbilden. Das andere besagt: Die Massen müssen es selbst wünschen, der Entschluss muss von den Massen selbst gefasst werden, nicht aber von uns an ihrer Statt.

1Tjin-Oper — eine alte Operngattung in der Provinz Schensi. Da sich in alten Zeiten auf dem Territorium der heutigen Provinz Schensi das Fürstentum Tjin befand, erhielt diese Gattung die Bezeichnung Tjin-Oper.

2Worte von Konfuzius aus dem Buch Gespräche.

iYanggo — eine volkstümliche Gesangs- und Tanzgattung in China.