Mao Tse-tung: “Die Lage nach der Abwehr der zweiten antikommunistischen Kampagne”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE LAGE NACH DER ABWEHR DER ZWEITEN ANTIKOMMUNISTISCHEN KAMPAGNE

Mao Tse-tung
18.03.1941

Ausgewählte Werke
Band 2
Reproduziert von
Die Rote Fahne

DIE LAGE NACH DER ABWEHR DER ZWEITEN ANTIKOMMUNISTISCHEN KAMPAGNE

Eine parteiinterne Direktive, die Vorsitzender Mao Tse-tung im Namen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas verfasst hat.

1. Die zweite antikommunistische Kampagne,1 die durch das Telegramm von Ho Ying-tjin und Bai Tschung-hsi (vom 19. Oktober vorigen Jahres) eingeleitet worden war, erreichte mit den Ereignissen von Südanhui und dem Befehl Tschiang Kai-scheks vom 17. Januar ihren Höhepunkt; die antikommunistische Rede Tschiang Kai-scheks vom 6. März und die antikommunistische Resolution des Politischen Nationalrats2 waren dagegen Nachhutgefechte in dieser Kampagne. Von nun an wird sich die Lage möglicherweise bis zu einem gewissen Grad vorübergehend entspannen. Am Vorabend des entscheidenden Kampfes zwischen den beiden grossen imperialistischen Blocks in der Welt kann die pro-anglo-amerikanische Gruppe der chinesischen Grossbourgeoisie, die nach wie vor im Gegensatz zu den japanischen Eindringlingen steht, nicht umhin, eine zeitweilige leichte Milderung der gegenwärtigen Spannung in den Beziehungen zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei anzustreben. Gleichzeitig gestattet es die Lage innerhalb der Kuomintang selbst (wo es Widersprüche gibt zwischen der Zentrale und den örtlichen Stellen, zwischen der CC-Clique und der Clique „Politische Wissenschaft“, zwischen der CC-Clique und der Fuhsing-Clique sowie zwischen den Ultrakonservativen und den Kräften der Mitte, aber auch Widersprüche innerhalb der CC-Clique und der Fuhsing-Clique), die Lage innerhalb des Landes (die breiten Massen des Volkes sind gegen die Tyrannei der Kuomintang eingestellt und sympathisieren mit der Kommunistischen Partei) und die Politik unserer Partei (die Fortsetzung der Protestbewegung) — gestattet das alles zusammengenommen der Kuomintang nicht, die Beziehungen zwischen ihr und der Kommunistischen Partei weiter so gespannt zu belassen, wie sie in den vergangenen fünf Monaten waren. Deshalb ist es derzeit für Tschiang Kai-schek unerlässlich, eine vorübergehende leichte Entspannung anzustreben.

2. Der jüngste Kampf zeigte, dass die Position der Kuomintang geschwächt und die der Kommunistischen Partei gestärkt ist, und das bildete den Angelpunkt, an welchem eine gewisse Wendung im Kräfteverhältnis zwischen den beiden Parteien eingetreten ist. Unter diesen Umständen sah sich Tschiang Kai-schek gezwungen, von neuem über seine eigene Position und Haltung nachzudenken. Dadurch, dass er jetzt die Landesverteidigung betont und predigt, die Parteistandpunkte seien veraltet, versucht er, sich als „Führer der Nation“, der über den innenpolitischen Widersprüchen stehe, aufzuspielen und sich den Anschein zu geben, dass er keiner Klasse und keiner Partei zuneige, um so die Herrschaft der Klasse der grossen Grundherren und der Grossbourgeoisie sowie der Kuomintang aufrechtzuerhalten. Wenn es sich aber bei diesem Versuch bloss um eine zur Täuschung bestimmte Änderung der Form, jedoch nicht um eine Änderung der tatsächlichen Politik handelt, dann ist das natürlich vergebliche Liebesmühe.

3. Die Politik der Versöhnung und Zugeständnisse, die unsere Partei mit Rücksicht auf die Interessen der Allgemeinheit zu Beginn dieser antikommunistischen Kampagne eingeschlagen hatte (siehe unser Telegramm vom 9. November vorigen Jahres), errang die Sympathien der breiten Volksmassen; und als wir nach den Ereignissen von Südanhui zu einer machtvollen Gegenoffensive übergingen (die beiden Zwölf-Punkte-Forderungen3, die Weigerung, an der Tagung des Politischen Nationalrats teilzunehmen, und die im ganzen Land entfaltete Protestbewegung), wurden wir ebenfalls vom gesamten Volk unterstützt. Diese Politik, bei der wir im Recht sind, Vorteil haben und masshalten, war unbedingt notwendig, um die jüngste antikommunistische Kampagne zurückzuschlagen, und hat auch schon Erfolge gebracht. Solange die Hauptpunkte im Konflikt zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei keine vernünftige Regelung erfahren haben, müssen wir ohne lockerzulassen die energische Protestbewegung gegen die von den projapanischen und antikommunistischen Cliquen der Kuomintang hervorgerufenen Ereignisse von Südanhui sowie gegen alle ihre politischen und militärischen Unterdrückungsmassnahmen fortsetzen und die Propaganda für unsere erste Zwölf-Punkte-Forderung intensivieren.

4. Die Kuomintang wird in den von ihr beherrschten Gebieten in ihrer Unterdrückungspolitik gegen unsere Partei und alle fortschrittlichen Menschen sowie in ihrer antikommunistischen Propaganda niemals nachlassen, deshalb muss unsere Partei ihre Wachsamkeit erhöhen. Die Kuomintang wird noch weitere Angriffe gegen die Gebiete nördlich des Huai-Flusses, in Ostanhui und in Mittelhupeh unternehmen, und unsere Armee wird diese Angriffe entschlossen abschlagen müssen. Alle Stützpunktgebiete müssen die Direktive des Zentralkomitees vom 25. Dezember vorigen Jahres4 strikt in die Tat umsetzen, die Schulung innerhalb der Partei über Fragen der Taktik verstärken und ultralinke Ansichten korrigieren, damit wir die antijapanischen demokratischen Stützpunktgebiete eine lange Zeit hindurch unerschütterlich halten können. Sowohl im Landesmassstab wie in den Stützpunktgebieten muss man der falschen Einschätzung der gegenwärtigen Situation, wonach ein endgültiger Bruch zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei erfolgt ist oder demnächst erfolgen wird, und vielen sich aus dieser Einschätzung ergebenden unrichtigen Ansichten entgegentreten.

1Näheres über diese antikommunistische Kampagne siehe in der Arbeit „Über das 2. Plenum des Zentralexekutivkomitees der Kuomintang und die 2. Tagung des Politischen Nationalrats (3. Einberufung)“, Ausgewählte Werke Mao Tse-tungs, Bd. 3.

2Am 6. März 1941 hielt Tschiang Kai-schek auf einer Sitzung des Politischen Nationalrats eine antikommunistische Rede. Indem er abgeleierte Phrasen über die Notwendigkeit einer „Vereinheitlichung der militärischen Befehle und der Regierungsanordnungen“ drosch, behauptete er, die antijapanischen demokratischen Machtorgane im Hinterland des Feindes dürften nicht existieren und die von der Kommunistischen Partei Chinas geführten bewaffneten Kräfte des Volkes müssten sich gemäss seinen „Befehlen und Plänen in den ihnen zugewiesenen Gebieten konzentrieren“. Am selben Tag verabschiedete der von den Kuomintang-Reaktionären beherrschte „Politische Nationalrat“ eine Resolution welche die antikommunistischen und volksfeindlichen Verbrechen Tschiang Kai-scheks rechtfertigte und in der die kommunistischen Mitglieder dieser Körperschaft heftig angegriffen wurden, weil sie sich aus Protest gegen die Ereignisse von Südanhui geweigert hatten, an der Tagung teilzunehmen.

3Die erste „Zwölf-Punkte-Forderung“, die von den kommunistischen Mitgliedern des Politischen Nationalrats am 15. Februar l941 erhoben wurde, stimmte inhaltlich mit den zwölf Forderungen überein, die in der Arbeit „Befehl und Erklärung anlässlich der Ereignisse von Südanhui“ aufgezählt werden. Die zweite „Zwölf-Punkte-Forderung“ wurde Tschiang Kai-schek am 2. März 1941 von den kommunistischen Mitgliedern des Politischen Nationalrats als vorläufige Massnahme unterbreitet. Diese zwölf Punkte, von deren Erfüllung die Teilnahme der Kommunisten an der Tagung des Rates abhängig gemacht wurde, lauteten: „1. Sofortige Einstellung der antikommunistischen militärischen Angriffe im ganzen Land. 2. Sofortige Einstellung der politischen Verfolgung im ganzen Land, Anerkennung des legalen Status der Kommunistischen Partei Chinas und aller anderen demokratischen Parteien und Gruppen und Freilassung aller in Sian, Tschungking, Guiyang und anderen Orten verhafteten Personen. 3. Wiedereröffnung der Buchhandlungen, die in verschiedenen Orten geschlossen wurden, und Aufhebung des Befehls, antijapanische Bücher und Presseorgane auf den Postämtern zurückzuhalten. 4. Sofortige Einstellung aller Verfolgungsmassregeln gegen die Zeitung Hsinbua Jibao. 5. Anerkennung des legalen Status des Grenzgebiets Schensi-Kansu-Ningsia. 6. Anerkennung der antijapanischen demokratischen Machtorgane im Hinterland des Feindes. 7. Aufrechterhaltung des Status quo bei der Verteilung der Garnisonsgebiete in Zentral-, Nord- und Nordwestchina. 8. Genehmigung der Bildung einer weiteren Armee durch die von der Kommunistischen Partei geführten Streitkräfte, zusätzlich zur 18. Armee, so dass diese Streitkräfte insgesamt sechs Armeekorps bilden. 9. Freilassung aller während der Ereignisse von Südanhui verhafteten Kader und Bereitstellung von Mitteln zur Hilfeleistung an die Familien der Opfer. 10. Freilassung aller bei den Ereignissen von Südanhui gefangengenommenen Soldaten sowie Rückgabe aller ihrer Waffen. 11. Bildung eines gemeinsamen Ausschusses aller Parteien und Gruppen mit je einem Vertreter derselben und Ernennung der Vertreter der Kuomintang und der Kommunistischen Partei zum Vorsitzenden respektive Vizevorsitzenden dieses Ausschusses. 12. Aufnahme von Vertretern der Kommunistischen Partei in das Präsidium des Politischen Nationalrats.“

4Die Direktive vom 25. Dezember ist unter dem Titel „Über unsere Politik“ in den vorliegenden Band aufgenommen.