Mao Tse-tung: “Die Orientierung der Jugendbewegung”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE ORIENTIERUNG DER JUGENDBEWEGUNG

Mao Tse-tung
04.05.1939

Ausgewählte Werke
Band 2
Reproduziert von
Die Rote Fahne

DIE ORIENTIERUNG DER JUGENDBEWEGUNG

Die vorliegende Schrift gibt eine Rede wieder, die Vorsitzender Mao Tse-tung auf einer Massenkundgebung der Jugend in Yenan zu Ehren des zwanzigsten Jahrestags der Bewegung des 4. Mai hielt. In dieser Rede entwickelte Vorsitzender Mao Tse-tung seine Gedanken zur Frage der chinesischen Revolution.

Heute ist der 20. Jahrestag der Bewegung des 4. Mai. Die Jugend Yenans hat sich hier zu dieser Gedenkkundgebung versammelt. Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um einige Fragen zu behandeln, die die Orientierung der Jugendbewegung in China betreffen.

Erstens. Der 4. Mai ist jetzt als Tag der chinesischen Jugend festgelegt worden, und das ist völlig richtig.1 Es ist ein Ereignis von grosser Bedeutung, dass in diesem Jahr, zwanzig Jahre nach der Bewegung des 4. Mai, dieser Tag endlich im ganzen Land zum Tag der Jugend erklärt worden ist. Denn das zeigt, dass unsere gegen Imperialismus und Feudalismus gerichtete volksdemokratische Revolution bald einen Wendepunkt erreichen wird. In den letzten Jahrzehnten hat diese Revolution wiederholt Fehlschläge erlitten, aber jetzt muss sich das ändern; es wird nicht zu einer abermaligen Niederlage kommen, sondern zu einer Wendung zum Sieg hin. Jetzt schreitet die chinesische Revolution vorwärts, vorwärts zum Sieg. Die früheren Niederlagen können und dürfen sich nicht wiederholen, wir müssen eine Wendung zum Sieg durchsetzen. Ist denn diese Wendung jetzt noch nicht da? Nein, sie ist noch nicht eingetreten, wir haben den Sieg noch nicht errungen. Der Sieg kann aber errungen werden. Gerade im Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression müssen wir uns bemühen, zu einem Wendepunkt von den Niederlagen zum Sieg zu gelangen. Die Bewegung des 4. Mai war gegen eine landesverräterische Regierung gerichtet, gegen eine Regierung, die sich mit dem Imperialismus verschworen und die Interessen der Nation verraten hatte, gegen eine Regierung, die das Volk unterdrückte. Sollte man gegen eine solche Regierung kämpfen oder nicht? Hätte man es nicht tun sollen, dann wäre ja die Bewegung des 4. Mai ein Fehler gewesen. Es ist völlig klar, dass eine solche Regierung unbedingt bekämpft, eine Regierung des Landesverrats gestürzt werden musste. Seht: Dr. Sun Yat-sen war schon lange vor der Bewegung des 4. Mai zum Rebellen gegen die damalige Regierung geworden; er bekämpfte die Regierung der Tjing-Dynastie und stürzte sie. Hat er richtig gehandelt? Ich glaube, dass er völlig im Recht war, denn er kämpfte nicht gegen eine Regierung, die dem Imperialismus Widerstand leistete, sondern gegen eine Regierung, die sich mit dem Imperialismus verschworen hatte, nicht gegen eine revolutionäre Regierung, sondern gegen eine Regierung, die die Revolution unterdrückte. Da die Bewegung des 4. Mai gegen eine Regierung der Landesverräter auftrat, war sie eben eine revolutionäre Bewegung. So muss die gesamte chinesische Jugend die Bewegung des 4. Mai betrachten. Heute, da sich das ganze Volk zum Widerstand gegen die japanische Aggression erhoben hat, sind wir auf Grund der aus den früheren Niederlagen der Revolution gezogenen Lehren fest entschlossen, den japanischen Imperialismus zu besiegen, und wir werden keine neuen Landesverräter dulden, werden nicht zulassen, dass die Revolution aufs neue eine Niederlage erleidet. Die Jugend des ganzen Landes ist, mit Ausnahme eines kleinen Teils, erwacht und fest entschlossen zu siegen; eben das kommt in der Ausrufung des 4. Mai zum Tag der Jugend zum Ausdruck. Wir schreiten vorwärts auf dem Weg zum Sieg, und wenn das ganze Volk wie ein Mann seine Kräfte anspannt, wird die chinesische Revolution im Widerstandskrieg sicherlich triumphieren.

Zweitens. Wogegen richtet sich die chinesische Revolution? Was sind die Objekte der Revolution? Bekanntlich ist das eine der Imperialismus, das andere der Feudalismus. Gegen wen ist die Revolution gegenwärtig gerichtet? Gegen die japanischen Imperialisten und gegen die Landesverräter. Will man die Revolution, dann muss man unbedingt die japanischen Imperialisten und die Landesverräter niederschlagen. Und wer macht die Revolution? Wer ist die Hauptkraft der Revolution? Es ist das einfache Volk Chinas. Die Triebkräfte der Revolution sind das Proletariat, die Bauernschaft sowie all jene von den anderen Klassen, die zum Kampf gegen den Imperialismus und den Feudalismus bereit sind; das sind die antiimperialistischen, antifeudalen revolutionären Kräfte. Wer von diesen unzähligen Menschen ist jedoch die grundlegende Kraft, das Rückgrat der Revolution? Die Arbeiter und Bauern, die neunzig Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen. Was ist der Charakter der chinesischen Revolution? Was für eine Revolution führen wir jetzt durch? Unsere gegenwärtige Revolution ist eine bourgeois-demokratische Revolution, und nichts von dem, was wir tun, geht über den Rahmen der bourgeois-demokratischen Revolution hinaus. Jetzt dürfen wir das bourgeoise System des Privateigentums schlechthin noch nicht vernichten; vernichten müssen wir den Imperialismus und den Feudalismus, und das heisst eben bourgeois-demokratische Revolution. Aber die Bourgeoisie ist bereits ausserstande, diese Revolution zu vollenden, sie kann nur durch die Anstrengungen des Proletariats und der breiten Volksmassen vollendet werden. Was ist das Ziel dieser Revolution? Der Sturz des Imperialismus und des Feudalismus sowie die Errichtung einer volksdemokratischen Republik. Eine solche Republik gründet sich auf die revolutionären Drei Volksprinzipien. Sie unterscheidet sich von dem gegenwärtigen halbkolonialen, halbfeudalen Zustand sowie auch vom künftigen sozialistischen System. In der sozialistischen Gesellschaftsordnung haben die Kapitalisten keinen Platz; in der volksdemokratischen Ordnung dagegen muss die Existenz von Kapitalisten noch zugelassen werden. Aber wird China ewig Kapitalisten brauchen? Nein, später bestimmt nicht. Das gilt nicht für China allein, sondern für die ganze Welt. Weder in Grossbritannien noch in den USA, weder in Frankreich noch in Japan, weder in Deutschland noch in Italien wird man in Zukunft die Kapitalisten brauchen, und China kann keine Ausnahme bilden. Die Sowjetunion ist ein Land, das den Sozialismus aufgebaut hat, und die ganze Welt wird zweifellos ihrem Beispiel folgen. Dass sich China in Zukunft unbedingt zum Sozialismus entwickeln wird, ist ein Gesetz, das niemand umzustossen vermag. Aber in dem gegenwärtigen Stadium haben wir nicht den Sozialismus zu verwirklichen, sondern den Imperialismus und den Feudalismus zu vernichten, den gegenwärtigen halbkolonialen, halbfeudalen Zustand Chinas zu verändern und eine volksdemokratische Ordnung zu schaffen. Diesem Ziel soll unsere ganze Jugend zustreben.

Drittens. Was sind die Erfahrungen und Lehren der bisherigen chinesischen Revolution? Das ist ebenfalls eine wichtige Frage, die unsere Jugend begreifen muss. Die antiimperialistische, antifeudale bourgeois-demokratische Revolution in China hat, streng genommen, mit Dr. Sun Yat-sen begonnen und dauert bereits mehr als fünfzig Jahre; was die Aggression ausländischer kapitalistischer Staaten gegen China betrifft, so währt sie fast hundert Jahre. Die Kämpfe, die China nun seit hundert Jahren führt — vom Opiumkrieg gegen die englische Aggression über den Taiping-Tiänguo-Krieg, den Chinesisch-Japanischen Krieg von 1894, die Reformbewegung von 1898, die Yihotuan-Bewegung, die Revolution von 1911, die Bewegung des 4. Mai und den Nordfeldzug bis zum Krieg der Roten Armee — unterscheiden sich zwar voneinander, waren aber alle auf die Abwehr äusserer Feinde oder auf die Änderung der bestehenden Zustände gerichtet. Doch erst mit Dr. Sun Yat-sen begann eine verhältnismässig klar definierte bürgerlich-demokratische Revolution. Die von Dr. Sun Yat-sen eingeleitete Revolution hat in den letzten fünfzig Jahren einerseits Erfolg, andererseits Misserfolg aufzuweisen. Seht, war es etwa nicht ein Erfolg, dass die Revolution von I911 den Kaiser verjagt hat? Ein Misserfolg aber war es, dass sie lediglich den Kaiser verjagt, China aber nach wie vor unter dem Joch des Imperialismus und Feudalismus belassen hat, so dass die Aufgabe der antiimperialistischen und antifeudalen Revolution unvollendet blieb. Welches Ziel verfolgte die Bewegung des 4. Mai? Sie war auch gegen Imperialismus und Feudalismus gerichtet, erlitt aber ebenfalls eine Niederlage, und China blieb weiterhin unter der Herrschaft des Imperialismus und Feudalismus. Das gleiche gilt für die als Nordfeldzug bekannte Revolution: Sie war ein Erfolg, zugleich aber ein Misserfolg. Von dem Zeitpunkt an, da die Kuomintang den Kampf gegen die Kommunistische Partei aufnahm,2 war China wieder im Machtbereich des Imperialismus und Feudalismus. Das aber hatte zwangsläufig den zehnjährigen Krieg der Roten Armee zur Folge. Aber dieser zehnjährige Kampf löste die Aufgabe der Revolution nur in einem Teil Chinas und noch nicht im ganzen Land. Wenn wir das Fazit der Revolution aus den vergangenen Jahrzehnten ziehen, können wir sagen, dass wir nur zeitweilige und teilweise Siege, aber keinen dauernden Sieg im ganzen Land errungen haben. Es ist so, wie Dr. Sun Yat-sen einmal sagte: „Die Revolution ist noch nicht vollendet, meine Kameraden müssen das Ringen fortsetzen.“ Nun fragt es sich: Warum hat die chinesische Revolution nach mehreren Jahrzehnten Dauer ihr Ziel noch immer nicht erreicht? Worin liegt die Ursache? Ich denke, die Ursache liegt darin, dass erstens die Kräfte des Feindes zu stark und zweitens die eigenen Kräfte zu schwach sind. Da die eine Seite stark, die andere schwach ist, hat die Revolution nicht gesiegt. Wenn wir sagen, dass der Feind zu stark ist, so meinen wir, dass die Kräfte des Imperialismus (das ist der Hauptfaktor) und des Feudalismus zu stark sind. Wenn wir die eigenen Kräfte als zu schwach bezeichnen, so meinen wir, dass sie auf militärischem, politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet Schwächen gezeigt haben; doch ist ihre Schwäche hauptsächlich daraus zu erklären, dass die werktätigen Massen der Arbeiter und Bauern, die neunzig Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen, noch nicht mobilisiert worden sind; daher die Schwäche, daher auch die Unmöglichkeit, die antiimperialistische und antifeudale Aufgabe zu erfüllen. Zieht man das Fazit der Revolution aus den letzten Jahrzehnten, so ergibt sich, dass nicht im vollen Masse das ganze Volk mobilisiert worden ist, dass die Reaktionäre stets gegen eine solche Mobilisierung waren und sie hintertrieben. Es wird aber erst dann möglich sein, den Imperialismus und Feudalismus zu stürzen, wenn die breiten Massen der Arbeiter und Bauern, die neunzig Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen, mobilisiert und organisiert sind. Dr. Sun Yat-sen sagte in seinem Testament:

Ich habe meine Kräfte vierzig Jahre lang der nationalen Revolution gewidmet, um Freiheit und Gleichheit für China zu erringen. Auf Grund vierzigjähriger Erfahrung bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, dass wir, um dieses Ziel zu erreichen, die Volksmassen wecken und uns zum gemeinsamen Kampf mit jenen Nationen der Welt verbünden müssen, die uns als gleichberechtigt behandeln.“

Über zehn Jahre sind bereits seit dem Tod dieses hochverehrten Menschen vergangen. Mit den vierzig Jahren, von denen er spricht, ergibt das insgesamt mehr als fünfzig Jahre. Was sind die Erfahrungen und Lehren der Revolution seit mehr als fünfzig Jahren? Das Wesentliche besteht darin, „die Volksmassen zu wecken“. Ihr sollt diese Lehre eingehend studieren, die Jugend des ganzen Landes muss sie eingehend studieren. Die Jugendlichen müssen begreifen, dass man Imperialismus und Feudalismus nur dann besiegen kann, wenn die breiten Massen der Arbeiter und Bauern — 90% der Landesbevölkerung — mobilisiert werden. Wenn wir jetzt den Sieg über Japan erringen und ein neues China aufbauen wollen, dann kann dieses Ziel ohne die Mobilisierung der Arbeiter- und Bauernmassen im ganzen Land nicht erreicht werden.

Viertens. Ich komme nun wieder auf die Jugendbewegung zurück. Heute vor zwanzig Jahren erfolgten in China die grossen Ereignisse, an denen sich die Studenten beteiligten und die in der Geschichte als die Bewegung des 4. Mai bekannt wurden. Das war eine Bewegung von gewaltiger Bedeutung. Welche Rolle haben die Jugendlichen Chinas seit der Bewegung des 4. Mai gespielt? In gewissem Sinn die Rolle einer Avantgarde. Das wird im ganzen Land, mit Ausnahme der Ultrakonservativen, von jedermann anerkannt. Was heisst das: die Rolle einer Avantgarde spielen? Das heisst sich an die Spitze stellen, in den vorderen Reihen der Revolution stehen. In den Reihen des gegen Imperialismus und Feudalismus kämpfenden chinesischen Volkes gibt es eine Armee junger Intellektueller und Studenten. Das ist eine recht grosse Armee. Mögen auch viele gefallen sein, zählt sie gegenwärtig doch einige Millionen Menschen. Das ist eine Armee, die an einem Frontabschnitt des Kampfes gegen Imperialismus und Feudalismus steht, und zwar eine wichtige Armee. Es genügt aber nicht, sich auf diese Armee allein zu stützen; wenn man sich nur auf sie verlässt, kann man den Feind nicht besiegen, da sie immerhin nicht die Hauptstreitmacht bildet. Wer ist die Hauptstreitmacht? Es ist die grosse Masse der Arbeiter und Bauern. Die jungen Intellektuellen und Studenten Chinas müssen unter die Arbeiter und Bauern gehen, um diese 90% der Gesamtbevölkerung zu mobilisieren und zu organisieren. Ohne diese Hauptstreitmacht, ohne die Arbeiter- und Bauernmassen, nur gestützt auf die Armee der jungen Intellektuellen und der studierenden Jugend, kann man den Sieg über Imperialismus und Feudalismus nicht erringen. Deshalb müssen die junge Intelligenz und die Studentenschaft des ganzen Landes sich mit den breiten Massen der Arbeiter und Bauern verbinden, mit ihnen verschmelzen; nur dann kann eine starke und mächtige Armee gebildet werden. Das wird eine Armee von einigen hundert Millionen sein ! Nur mit solch einer grossen Armee wird man die festen Stellungen des Gegners und seine letzten Bastionen zerstören können. Betrachtet man von diesem Gesichtspunkt aus die frühere Jugendbewegung, so muss man auf eine falsche Tendenz hinweisen: In den letzten Jahrzehnten war ein Teil der Jugendlichen innerhalb dieser Bewegung nicht gewillt, sich mit den Massen der Arbeiter und Bauern zu verbinden, und trat gegen die Arbeiter- und Bauernbewegung auf; das war eine Gegenströmung in der Jugendbewegung. In der Tat sind das gar keine gescheiten Leute, die sich nicht mit den Arbeitern und Bauern, also mit neunzig Prozent aller Einwohner unseres Landes, verbinden, ja sogar grundsätzlich gegen die Arbeiter und Bauern eingestellt sind. Ist eine solche Strömung gut? Meiner Meinung nach nicht, denn, indem diese Jugendlichen gegen die Arbeiter und Bauern auftreten, sind sie auch gegen die Revolution, darum sagen wir ja auch, dass sie eine Gegenströmung innerhalb der Jugendbewegung sind. Eine solche Jugendbewegung kann zu nichts Gutem führen. Vor einigen Tagen schrieb ich einen kurzen Artikel.3 Darin sagte ich:

Letzten Endes befindet sich die Trennungslinie zwischen einem revolutionären Intellektuellen und einem nichtrevolutionären oder konterrevolutionären Intellektuellen dort, wo es sich zeigt, ob einer willens ist, sich mit den Massen der Arbeiter und Bauern zu verbinden, und ob er das auch tatsächlich tut.“

Damit habe ich ein Kriterium aufgestellt, welches meiner Meinung nach das einzig mögliche ist. Was denn soll das Kriterium dafür sein, ob ein junger Mensch revolutionär ist? Wie kann man das feststellen? Es gibt nur ein Kriterium: Will er sich mit den breiten Massen der Arbeiter und Bauern verbinden und tut er das auch tatsächlich oder nicht. Wenn er sich mit den Arbeitern und Bauern verbinden will und das tatsächlich tut, ist er revolutionär; andernfalls ist er nichtrevolutionär oder konterrevolutionär. Wenn er sich heute mit den Massen der Arbeiter und Bauern verbindet, ist er heute ein Revolutionär. Wenn er aber morgen nicht mit ihnen verbunden ist oder umgekehrt das einfache Volk unterdrückt, wird er ein Nichtrevolutionär oder ein Konterrevolutionär sein. Manche junge Menschen führen lediglich grossartige Reden im Mund von ihrem Glauben an die Drei Volksprinzipien oder an den Marxismus; aber das zählt nicht. Schaut doch, schwatzt nicht Hitler auch von seinem „Glauben an den Sozialismus“? Auch Mussolini war vor 20 Jahren noch ein „Sozialist“! Aber was ist denn im Grunde ihr „Sozialismus“? Nichts anderes als Faschismus! Hat nicht auch Tschen Du-hsiu an den Marxismus „geglaubt“? Und was hat er dann getan? Er ist zu den Konterrevolutionären übergelaufen. Hat nicht Dschang Guo-tao ebenfalls an den Marxismus „geglaubt“? Und wo ist er jetzt hingeraten? Er hat sich aus dem Staub gemacht und ist im Sumpf gelandet. Es gibt manche Leute, die sich selbst für „Anhänger der Drei Volksprinzipien“ ausgeben, ja sogar für deren namenhafteste Verfechter. Doch was haben sie gemacht? Wie sich herausstellt, besteht ihr Prinzip des Nationalismus in einem Komplott mit dem Imperialismus, ihr Prinzip der Demokratie in der Unterdrückung des einfachen Volkes und ihr Prinzip des Volkswohls darin, dem Volk möglichst viel Blut auszusaugen. Mit den Lippen sind sie Anhänger, im Herzen aber Gegner der Drei Volksprinzipien. Deshalb brauchen wir, wenn wir einen Menschen einschätzen und wissen wollen, ob er ein falscher oder echter Anhänger der Drei Volksprinzipien, ein falscher oder echter Marxist ist, nur zu untersuchen, wie seine Beziehungen zu den breiten Massen der Arbeiter und Bauern sind, und alles wird sofort klar werden. Es gibt nur dieses eine Kriterium, ein anderes gibt es nicht. Ich hoffe, die Jugend des Landes wird sich stets hüten, in jene unheilvolle Gegenströmung zu geraten; ich hoffe, sie wird klar erkennen, dass die Arbeiter und Bauern ihre Freunde sind, und wird vorwärtsschreiten, einer lichten Zukunft entgegen.

Fünftens. Der gegenwärtige Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression stellt ein neues Stadium der chinesischen Revolution dar, und zwar das grandioseste, kraftvollste, lebhafteste Stadium. In diesem Stadium trägt die Jugend eine ungeheure Verantwortung. Bei uns in China hat die revolutionäre Bewegung in den letzten Jahrzehnten viele Stadien des Kampfes durchlaufen, aber sie erreichte niemals solche Ausmasse wie jetzt im Krieg gegen die japanischen Aggressoren. Wenn wir behaupten, dass der chinesischen Revolution heute Besonderheiten eigen sind, die sie in der Vergangenheit nicht gehabt hat, und dass sie jetzt einen Umschwung von Niederlagen zum Sieg erfahren wird, so verweisen wir darauf, dass die breiten Massen des chinesischen Volkes Fortschritte gemacht haben; der Fortschritt der Jugend ist dafür ein klarer Beweis. Deshalb muss und wird der gegenwärtige Widerstandskrieg gegen Japan unbedingt mit einem Sieg enden. Es ist allgemein bekannt, dass die grundlegende Politik in diesem Krieg die antijapanische nationale Einheitsfront ist, welche die Niederschlagung der japanischen Imperialisten und der Landesverräter, die Umwandlung des alten China in ein neues China und somit die Befreiung der ganzen Nation vom halbkolonialen und halbfeudalen Zustand zum Ziel hat. Die gegenwärtige Uneinigkeit in der chinesischen Jugendbewegung ist ein grosser Mangel. Ihr müsst das Streben nach Einheit fortsetzen, denn nur Einigkeit macht stark. Ihr müsst die Jugend des ganzen Landes dazu bringen, dass sie die gegenwärtige Lage begreift, sich zusammenschliesst und den Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression bis zum Ende führt.

Und schliesslich, sechstens, möchte ich auf die Jugendbewegung in Yenan eingehen. Die Jugendbewegung in Yenan ist das Vorbild für die Jugendbewegung im ganzen Land. Nach der Richtung, welche die Jugendbewegung in Yenan einhält, soll sich die Jugendbewegung im ganzen Land orientieren. Warum? Weil sie richtig ist. Denn, seht ihr, was die Einheit betrifft, hat die Jugend Yenans nicht nur eine Arbeit geleistet, sondern auch sehr gut gearbeitet. Die Jugendlichen hier sind zusammengeschlossen, sind einig. In Yenan sind die jugendlichen Intellektuellen, die Studenten, die Arbeiter- und Bauernjugend alle vereint. Aus allen Gegenden des Landes und selbst aus den Kreisen der Auslandschinesen kommen revolutionäre Jugendliche in grosser Zahl nach Yenan, um zu lernen. Die meisten Teilnehmer an der heutigen Kundgebung haben einen weiten Weg von Tausenden Li zurückgelegt, um nach Yenan zu gelangen, und sie alle — heissen sie nun Dschang oder Li, ob Männer oder Frauen, Arbeiter oder Bauern sind eines Sinnes. Ist das etwa kein Vorbild fürs ganze Land? Die Jugend von Yenan ist nicht nur in sich selbst geeint, sondern hat sich auch mit den Massen der Arbeiter und Bauern verbunden, und in dieser Hinsicht ist sie noch mehr ein Vorbild fürs ganze Land. Worin bestehen die Leistungen der Jugendlichen von Yenan? Sie studieren die revolutionäre Theorie, sie studieren die Prinzipien und Methoden des Widerstands gegen die japanischen Aggressoren zur Rettung des Vaterlands. Sie führen die Produktionsbewegung durch und haben bereits Tausende und aber Tausende Mu Neuland erschlossen. Erschliessung von Neuland, Bestellung der Felder — damit hat sich nicht einmal Konfuzius befasst. Als Konfuzius seine Schule leitete, hatte er eine ganze Anzahl von Schülern. „70 Weise und 3‘000 Schüler“ fürwahr sehr eindrucksvoll! Aber seine Schüler waren weitaus geringer an Zahl als die Studenten in Yenan und hätten überdies so etwas wie Produktionsbewegungen nicht gemocht. Als einst ein Schüler Konfuzius fragte, wie man die Felder bestelle, antwortete er: „Das weiss ich nicht, darin bin ich dem Bauern nicht ebenbürtig.“ Als er ihn weiter fragte, wie man Gemüse anbaue, antwortete er wiederum: „Das weiss ich nicht, darin bin ich dem Gärtner nicht ebenbürtig.“ In der alten Zeit hat die chinesische Jugend, die bei den Weisen lernte, nicht nur keine revolutionäre Theorie studiert, sie hat auch keine körperliche Arbeit geleistet. Gegenwärtig wird in weiten Gebieten des Landes in den Schulen wenig revolutionäre Theorie gelehrt und gibt es solche Dinge wie die Produktionsbewegung gar nicht. Nur bei uns in Yenan sowie in den antijapanischen Stützpunktgebieten im Rücken des Feindes steht es um die Jugend ganz anders. Sie ist in der Tat die Vorhut im Kampf gegen die japanischen Aggressoren zur Rettung des Vaterlands, da sowohl ihre politische Orientierung als auch ihre Arbeitsmethoden richtig sind. Deshalb sagte ich, dass die Jugendbewegung in Yenan das Vorbild für die Jugendbewegung im ganzen Land ist.

Die heutige Kundgebung hat grosse Bedeutung. Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Ich hoffe, dass ihr alle die Erfahrungen der chinesischen Revolution während der vergangenen fünfzig Jahre studiert, das Gute, das es in der Vergangenheit gab, weiter entwickelt und die gemachten Fehler ausmerzt, damit sich überall in China die Jugend mit dem Volk verbindet und sich in der Revolution die Wendung von Fehlschlägen zum Sieg vollzieht. Wenn im ganzen Land die Jugend und das Volk mobilisiert sind, sich organisiert und zusammengeschlossen haben, wird der japanische Imperialismus geschlagen werden. Die Verantwortung dafür muss jeder junge Mensch auf sich nehmen. Jetzt müsst ihr anders sein als bisher: Ihr müsst fest entschlossen sein, euch mit der Jugend des ganzen Landes zu vereinigen und das ganze Volk zu organisieren, ihr müsst den japanischen Imperialismus niederschlagen und müsst das alte China in ein neues China umwandeln. Das ist es, was ich von euch allen erwarte.

1Der 4. Mai war ursprünglich von der Jugendorganisation des Grenzgebiets Schensi-Kansu-Ningsia als Tag der chinesischen Jugend festgelegt. Damals stimmte die Kuomintang, unter dem Druck des patriotischen Aufschwungs unter den breiten Massen der Jugendlichen, ebenfalls diesem Beschluss zu. Später jedoch hielt die Kuomintang, die Angst bekam, dass die Jugend revolutionär werden würde, diesen Beschluss für gefährlich und verlegte den Tag der Jugend auf den 29. März (den Tag des Gedenkens an die revolutionären Märtyrer, die während des Aufstands von Kantoa im Jahre 1911 gefallen und in Huanghuagang bestattet sind). In den revolutionären Stützpunktgebieten, die unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas standen, blieb aber der 4. Mai der Tag der Jugend. Nach der Gründung der Volksrepublik China erklärte der Verwaltungsrat der Zentralen Volksregierung im Dezember 1949 den 4. Mai offiziell zum Tag der chinesischen Jugend.

2Es handelt sich um den konterrevolutionären Staatsstreich, den 1927 Tschiang Kai-schek in Schanghai und Nanking und danach Wang Djing-we in Wuhan verübten.

3Es handelt sich hier um den Artikel „Die Bewegung des 4. Mai“, vorliegender Band, S. 275 ff.