Mao Tse-tung: “Die Tschiang Kai-schek Regierung wird vom ganzen Volk belagert”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE TSCHIANG KAI-SCHEK REGIERUNG WIRD VOM GANZEN VOLK BELAGERT

Mao Tse-tung
30.05.1947

Ausgewählte Werke
Band 4
Reproduziert von
Die Rote Fahne

DIE TSCHIANG KAI-SCHEK REGIERUNG WIRD VOM GANZEN VOLK BELAGERT

Dieser Kommentar wurde vom Vorsitzenden Mao Tse-tung für die Hsinhua-Nachrichtenagentur geschrieben. Darin wird darauf hingewiesen, dass der Lauf der Ereignisse in China rascher vor sich ging, als die Menschen erwartet hatten, und darin wird das Volk aufgerufen, schnell alle notwendigen Voraussetzungen für den Sieg der chinesischen Revolution im ganzen Land zu schaffen. Die hier gemachte Voraussage wurde bald bestätigt. Dieser Kommentar und die Arbeit „Über den Kurs für Operationen auf dem nordwestlichen Kriegsschauplatz“ wurden beide in Wangdjiawan, Kreis Djingbiän in Nordschensi, geschrieben.

Die Tschiangkaischek-Regierung, die sich mit dem ganzen Volk verfeindet hat, sieht sich nun von ihm belagert. An beiden Fronten, der militärischen wie der politischen, hat sie Niederlagen erlitten und ist nun von jenen Kräften belagert, die sie für ihren Feind erklärt hat, und kann keinen Weg finden zu entkommen.

Die landesverräterische Tschiangkaischek-Clique und ihr Gebieter, der USA-Imperialismus, haben die Lage falsch eingeschätzt. Sie überschätzten ihre eigene Kraft und unterschätzten die Kraft des Volkes. Für sie sahen China und die Welt nach dem zweiten Weltkrieg ebenso aus wie vorher; nichts durfte geändert werden, und niemand durfte gegen ihren Willen handeln. Nach der Kapitulation Japans waren sie entschlossen, die frühere alte Ordnung in China wiederherzustellen. Und nachdem sie mit solchen Betrügereien wie die politischen Konsultationen und militärischen Vermittlungen Zeit gewonnen hatte, zog die landesverräterische Tschiangkaischek-Regierung zwei Millionen Mann starke Truppen zusammen und entfesselte eine allgemeine Offensive.

Es gibt jetzt in China zwei Kampffronten. Der Krieg zwischen Tschiang Kai-scheks angreifenden Truppen und der Volksbefreiungsarmee bildet die erste Front. Nun ist eine zweite Front hervorgetreten, nämlich der verschärfte Kampf zwischen der grossen und gerechten Studentenbewegung und der reaktionären Tschiangkaischek-Regierung.1 Die Losungen der Studentenbewegung lauten: „Brot, Frieden, Freiheit!“ oder „Gegen Hunger, Bürgerkrieg und Verfolgung!“. Tschiang Kai-schek hat „Provisorische Massnahmen für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“2 verkündet. Überall stossen seine Armee, Polizei, Gendarmerie und Geheimagenten mit den Massen der Studenten und Schüler zusammen. Tschiang Kai-schek wendet gegen unbewaffnete Studenten brutale Gewalt an, lässt sie verhaften einkerkern, misshandeln und niedermetzeln. Die Folge ist, dass sich die Studentenbewegung mit jedem Tag mehr ausbreitet. Die Sympathien der Öffentlichkeit gehören ganz den Studenten und Schülern; Tschiang Kai-schek und seine Lakaien sind vollkommen isoliert, und seine grausame Fratze ist restlos entlarvt. Die Studentenbewegung ist ein Teil der gesamten Volksbewegung. Der Aufschwung der Studentenbewegung wird unausbleiblich den Aufschwung der Volksbewegung als Ganzes fördern. Das hat bereits die geschichtliche Erfahrung der Bewegung des 4. Mai 1919 und der Bewegung des 9. Dezember 1935 gezeigt.

Da der USA-Imperialismus und sein Lakai Tschiang Kai-schek an die Stelle des japanischen Imperialismus und seines Kettenhundes Wang Djing-we getreten sind und den Kurs verfolgen, China in eine USA-Kolonie umzuwandeln, einen Bürgerkrieg zu entfesseln und die faschistische Diktatur zu festigen, haben sie sich selbst für Feinde des ganzen chinesischen Volkes erklärt und alle Bevölkerungsschichten des ganzen Landes an den Rand des Hungers und des Todes gebracht. Das hat alle Bevölkerungsschichten gezwungen, sich zu einem Kampf auf Leben und Tod gegen die reaktionäre Tschiangkaischek-Regierung zusammenzuschliessen, und eine rasche Entwicklung dieses Kampfes bewirkt. Für das Volk im ganzen Land gibt es keinen anderen Ausweg. Zu jenen Bevölkerungsschichten Chinas, die von der reaktionären Politik der Tschiangkaischek-Regierung bedrängt sind und sich zu ihrer eigenen Rettung zusammenschliessen, gehören die Arbeiter, die Bauern, das städtische Kleinbürgertum, die nationale Bourgeoisie, die aufgeklärten Schenschi und andere patriotische Elemente sowie die nationalen Minderheiten und die Überseechinesen. Das ist eine sehr breite Einheitsfront der ganzen Nation.

Die äusserst reaktionäre Finanz- und Wirtschaftspolitik, die die Tschiangkaischek-Regierung schon seit langem verfolgt, ist nun durch den chinesisch-amerikanischen Handelsvertrag — einen landesverräterischen Vertrag ohne jede Parallele — verschlimmert worden. Auf Grund dieses Vertrags haben sich das Monopolkapital der USA und Tschiang Kai-scheks bürokratisch-kopradorisches Kapital fest miteinander verknüpft und kontrollieren das wirtschaftliche Leben des ganzen Landes. Die Folgen sind: eine galoppierende Inflation, enorm in die Höhe schiessende Preise, sich ununterbrochen vermehrende Bankrotte von Industrie- und Handelsunternehmen der nationalen Bourgeoisie und sich täglich verschlechternde Lebensverhältnisse der werktätigen Massen, der öffentlichen Bediensteten und der Lehrer. Unter diesen Umständen sehen sich alle Bevölkerungsschichten gezwungen, sich zum Kampf ums Dasein zusammenzuschliessen.

Militärische Unterdrückung und politischer Betrug sind die zwei Hauptmittel, mit denen Tschiang Kai-schek seine reaktionäre Herrschaft aufrechterhält. Man kann sich jetzt von dem rapiden Bankrott dieser Mittel überzeugen.

Auf jedem Schlachtfeld hat die Armee Tschiang Kai-scheks Niederlagen erlitten. Allein von seinen regulären Truppen sind in den elf Monaten seit Juli vergangenen Jahres ungefähr 90 Brigaden vernichtet worden. Seine Truppen tragen nicht mehr den frechen Hochmut zur Schau, der ihnen im Vorjahr eigen war, als sie Tschangtschun, Tschengdö, Dschangdjiakou, Hodsö, Huaiyin und Andung besetzten, sie hatten auch nicht mehr jenen Hochmut, der ihnen noch in diesem Jahr bei der Besetzung von Linyi und Yenan eigen war. Tschiang Kai-schek und Tschen Tscheng haben die Stärke und die Kampfmethoden der Volksbefreiungsarmee falsch eingeschätzt. Sie hielten unsere Rückzüge für Feigheit und die Preisgabe einer Anzahl unserer Städte für Niederlagen und gaben sich der eitlen Hoffnung hin, uns südlich der Grossen Mauer in drei oder höchstens sechs Monaten erledigen zu können, um uns dann im Nordosten zu erledigen. Aber nach zehn Monaten sind alle angreifenden Truppen Tschiang Kai-scheks in eine hoffnungslose Klemme geraten; sie sind vom Volk in den befreiten Gebieten und von der Volksbefreiungsarmee lückenlos eingekesselt, und es ist für sie sehr schwer zu entkommen.

Da immer mehr Nachrichten über die Niederlagen der Truppen Tschiang Kai-scheks an der Front sein Hinterland erreichen, wächst die Hoffnung der breiten Volksmassen, die unter dem Druck der reaktionären Tschiangkaischek-Regierung ersticken, auf Beendigung ihrer Not und Erringung ihrer Freiheit. Und eben in diesem Augenblick schlagen alle politischen Tricks Tschiang Kai-scheks fehl, sobald er sie zu vollführen beginnt. Alles läuft den Erwartungen der Reaktionäre zuwider. Solche Schritte wie die Einberufung einer „Nationalversammlung“, die eine „Verfassung“ ausarbeiten soll, wie die Reorganisierung der Einparteienregierung zu einer „Mehrparteienregierung“ und dergleichen mehr waren an und für sich darauf abgezielt, die Kommunistische Partei Chinas und andere demokratische Kräfte zu isolieren. Sie haben jedoch das Gegenteil erreicht; nicht die Kommunistische Partei Chinas und irgendwelche anderen demokratischen Kräfte wurden isoliert, sondern die Reaktionäre selbst. Nach allen diesen Tricks hat das chinesische Volk aus eigener Erfahrung gelernt, was von Tschiang Kai-scheks „Nationalversammlung“, „Verfassung“ und „Mehrparteienregierung“ zu halten ist. Früher hatten viele Chinesen, hauptsächlich jene, die den mittleren Schichten angehören, mehr oder weniger Illusionen über diese Manöver Tschiang Kai-scheks. Das gleiche gilt für seine „Friedensverhandlungen“. Nun, da Tschiang Kai-schek mehrere feierliche Waffenstillstandsabkommen in Fetzen gerissen hat und gegen die Studentenmassen, die Frieden verlangten und gegen den Bürgerkrieg auftraten, mit Bajonetten vorgegangen ist, glaubt niemand mehr an seine sogenannten Friedensverhandlungen, ausgenommen jene, die darauf brennen, das Volk zu betrügen, oder politisch ganz und gar unerfahren sind.

Alle Ereignisse haben bewiesen, dass unsere Einschätzung richtig war. Wiederholt haben wir darauf hingewiesen, dass die Tschiangkaischek-Regierung nichts anderes ist als eine Regierung des Landesverrats, des Bürgerkriegs und der Diktatur. Sie versucht die Kommunistische Partei Chinas und alle anderen demokratischen Kräfte mittels eines Bürgerkriegs auszurotten, um China in eine USA-Kolonie zu verwandeln und ihre eigene diktatorische Herrschaft aufrechtzuerhalten. Weil sie einen solchen reaktionären Kurs eingeschlagen hatte, verlor diese Regierung in politischer Hinsicht ihr ganzes Ansehen und ihre ganze Macht. Die Stärke der Tschiangkaischek-Regierung ist nur vorübergehend und oberflächlich; in der Tat ist das eine Regierung, die äusserlich stark aber innerlich schwach ist. Ihre Offensiven können — gleich, in welcher Gegend und an welcher Front — zerschlagen werden. Ihr unvermeidliches Ende wird Rebellion der Massen, Fahnenflucht der Anhänger und die völlige Vernichtung der Armee sein. Alle Ereignisse haben die Richtigkeit dieser Einschätzung bewiesen und werden sie weiter beweisen.

Der Lauf der Ereignisse in China ist schneller, als man erwartet hat. Auf der einen Seite sind es die Siege der Volksbefreiungsarmee, auf der anderen ist es der Vormarsch des Volkskampfes in den Gebieten, die unter der Kontrolle Tschiang Kai-scheks stehen; beides geht mit grosser Geschwindigkeit vor sich. Das chinesische Volk muss rasch alle notwendigen Voraussetzungen für die Errichtung eines friedlichen, demokratischen und unabhängigen neuen China schaffen.

1Vom Dezember 1946 an erlebte die demokratische und patriotische Bewegung der breiten Massen der Studenten und Schüler in den Gebieten unter der Kuomintang-Herrschaft gegen Hunger, Bürgerkrieg und Verfolgung mit der Entwicklung des Volksbefreiungskriegs einen neuen Aufschwung und wurde allmählich zu einer zweiten Front im Kampf gegen Tschiang Kai-scheks reaktionäre Herrschaft. Von Ende Dezember 1946 bis Anfang Januar 1947 streikten mehr als 500‘000 Studenten und Schüler in Dutzenden grossen und mittleren Städten, einschliesslich Peiping, Tientsin, Schanghai und Nanking, hielten Protestdemonstrationen ab gegen die Greueltat der Vergewaltigung einer Studentin der Peking-Universität durch USA-Soldaten und verlangten den Abzug der USA-Streitkräfte aus China. Dieser Kampf gewann sofort die Unterstützung der Arbeiter, Lehrer und anderer Volksmassen. Am 4. Mai 1947 demonstrierten Studenten und Schüler verschiedener Lehranstalten in Schanghai gegen den Bürgerkrieg. Zu gleicher Zeit belagerten 8‘000 Arbeiter, Studenten und Schüler in Schanghai das Kuomintang-Polizeiamt. Diese patriotische Bewegung griff rasch auf Nanking, Peiping, Hangdschou, Schenyang, Tsingtao, Kaifeng und viele andere Städte über. Die Kuomintang-Reaktionäre nahmen zu äusserst brutalen Massnahmen Zuflucht, um die patriotische und demokratische Bewegung der Studenten und Schüler zu unterdrücken. Am 20. Mai wurden mehr als hundert Studenten und Schüler in Nanking und Tientsin verwundet und verhaftet, was als die „blutigen Ereignisse vom 20. Mai“ bekannt war. Dennoch konnte die patriotische Studentenbewegung, von den breiten Volksmassen unterstützt, nicht unterdrückt werden. Die Studentenstreiks und -demonstrationen, die unter der Losung „Gegen Hunger, Bürgerkrieg und Verfolgung!“ stattfanden, und die Kampfaktionen aller Bevölkerungsschichten gegen den USA-Imperialismus und Tschiang Kai-schek wie Arbeiter- und Lehrerstreiks erfassten mehr als sechzig grosse und mittlere Städte. Im Mai 1948 begannen die Studenten und Schüler in Schanghai gemeinsam mit Kulturschaffenden, Journalisten und Angehörigen anderer Berufe eine patriotische Bewegung gegen das von den USA begünstigte Wiederaufleben der japanischen Aggressionskräfte, die sich ebenfalls rasch auf zahlreiche andere Städte ausbreitete. Die patriotischen Kämpfe der Studenten und Schüler hörten bis zum Sieg im ganzen Land niemals auf; sie versetzten der Kuomintang schwere Schläge.

2Am 18. Mai 1947 proklamierte die Tschiangkaischek-Regierung „Provisorische Massnahmen für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“. In dieser Verordnung wurden dem Volk Petitionsaktionen mit mehr als zehn Menschen, alle Arbeiter- und Studentenstreiks sowie jegliche Demonstrationen strengstens verboten. Sie autorisierte auch die örtlichen Kuomintang-Behörden, „notwendige Schritte“ zu unternehmen und „Notstandsmassnahmen“ zur blutigen Unterdrückung patriotischer und demokratischer Bewegungen des Volkes zu treffen.