Mao Tse-tung: “Eine überlegene Streitmacht konzentrieren, um die feindlichen Truppenteile einzeln zu vernichten”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

EINE ÜBERLEGENE STREITMACHT KONZENTRIEREN, UM DIE FEINDLICHEN TRUPPENTEILE EINZELN ZU VERNICHTEN

Mao Tse-tung
16.09.1946

Ausgewählte Werke
Band 4
Reproduziert von
Die Rote Fahne

EINE ÜBERLEGENE STREITMACHT KONZENTRIEREN, UM DIE FEINDLICHEN TRUPPENTEILE EINZELN ZU VERNICHTEN

Eine von Vorsitzenden Mao Tse-tung entworfene innerparteiliche Direktive des Revolutionären Militärausschusses beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas.

1. Eine überlegene Streitmacht konzentrieren, um die feindlichen Truppenteile einzeln zu vernichten1 — diese Kampfmethode ist nicht nur bei operativen, sondern auch bei taktischen Dispositionen anzuwenden.

2. Bei einer operativen Disposition muss unsere Armee, wenn der Feind viele Brigaden2 (oder Regimenter) einsetzt und aus mehreren Richtungen gegen unsere Armee vorrückt, in einem günstigen Augenblick zuerst eine Brigade (oder ein Regiment) des Feindes umzingeln und vernichten, indem sie eine absolut überlegene Streitmacht — eine sechs-, fünf-, vier- oder wenigstens dreimal so starke wie diese Brigade (oder dieses Regiment) des Feindes — zusammenzieht. Es soll dies eine relativ schwache feindliche Einheit sein, oder eine, die weniger Unterstützung erhält, oder eine, die dort stationiert ist, wo die Gelände- und Bevölkerungsverhältnisse am günstigsten für uns, aber ungünstig für den Feind sind. Damit wir zuerst die Brigade (oder das Regiment), die (das) wir einkreisen und angreifen, vernichten können, müssen wir die übrigen feindlichen Brigaden (oder Regimenter) mit einer kleinen Truppenstärke binden, um zu verhindern, dass sie der betreffenden Einheit schnell Verstärkung zukommen lassen. Wenn das erreicht ist, müssen wir gemäss den Umständen entweder noch eine oder einige feindliche Brigaden vernichten (so haben beispielsweise unsere Truppen unter dem Kommando von Su Yü und Tan-Dschen-lin am 22. August in der Nähe von Jugao 8‘000 Mann der Verkehrsschutzpolizei des Feindes,i am 26. August eine feindliche Brigade und am 27. August wieder anderthalb Brigaden vernichtete; ein anderes Beispiel: unsere von Liu Bo-tscheng und Deng Hsiao-ping geführten Truppen haben zwischen dem 3. und 6. September in der Nähe von Dingtao eine feindliche Brigade, am Nachmittag des 6. September eine andere und am 7. und 8. September zwei weitere vernichtet,3 oder wir müssen unsere Truppen zurückziehen, um sie für weitere Kämpfe ausruhen zu lassen, sie zu konsolidieren und auszubilden. Bei einer operativen Disposition müssen wir die infolge der Unterschätzung des Feindes angewandte falsche Kampfmethode, dem Feind durch gleichmässige Verteilung unserer Kräfte in allen Richtungen zu begegnen, verwerfen, da wir sonst nicht eine einzige feindliche Kolonne vernichten könnten, selbst aber in eine passive Lage geraten würden.4

3. Bei einer taktischen Disposition sollen unsere angreifenden Verbände (oder Einheiten), wenn unsere Armee eine absolut überlegene Streitmacht zusammengezogen und eine der feindlichen Kolonnen (eine Brigade oder ein Regiment) eingekreist hat, nicht durch den Versuch, alle diese von uns eingekreisten Feindtruppen gleichzeitig auf einen Schlag zu vernichten, die Kräfte gleichmässig verteilen und überall zuschlagen, ohne irgendwo stark genug zu sein, wobei sie Zeit verlieren und kaum Resultate erzielen würden. Statt dessen müssen wir absolut überlegene Kräfte zusammenziehen, d. h. solche, die sechs-, fünf-, vier- oder mindestens dreimal so stark wie die des Feindes sind, und unsere Artillerie ganz oder zum grössten Teil konzentrieren, einen (nicht zwei) schwächeren Punkt in der feindlichen Stellung auswählen, einen heftigen Angriff darauf unternehmen, damit wir ihn mit Sicherheit erstürmen können. Wenn nun das gelungen ist, müssen wir den Sieg schnell ausbauen und die eingekreisten feindlichen Truppen einzeln vernichten.

4. Das Ergebnis dieser Kampfmethode ist erstens eine vollständige Vernichtung und zweitens eine rasche Entscheidung. Nur eine vollständige Vernichtung kann dem Feind die wirkungsvollsten Schläge versetzen; denn wenn wir ein Regiment vernichten, wird er eins weniger haben, und wenn wir eine Brigade vernichten, wird er eine weniger haben. Diese Methode ist am wirkungsvollsten, wenn wir sie gegen einen Feind anwenden, dem es an Truppen der zweiten Linie mangelt. Nur die vollständige Vernichtung kann unsere Bestände im höchsten Grad ergänzen. Dies ist zur Zeit nicht nur unsere Hauptquelle von Waffen und Munition, sondern auch eine wichtige Quelle unseres Soldatenbestands. Eine vollständige Vernichtung demoralisiert und deprimiert den Feind, während sie unseren Kampfgeist steigert und uns begeistert. Eine rasche Entscheidung ermöglicht unseren Truppen, die feindlichen Verstärkungen einzeln zu vernichten oder ihnen auszuweichen. Rasche Entscheidung in taktischer und operativer Hinsicht ist eine notwendige Voraussetzung für eine lange Ausdauer in strategischer Hinsicht.

5. Unter unseren militärischen Kadern gibt es noch viele, die, wenn sie nicht in Aktion sind, das Prinzip der Konzentration der Kräfte zur Einzelvernichtung der feindlichen Truppen billigen, es aber während der Kampfhandlungen oft nicht anwenden können. Das kommt von einer Unterschätzung des Feindes wie auch vom Fehlen einer intensiven Erziehungsarbeit und eines nachdrücklichen Studiums. Es ist notwendig, zahlreiche Beispiele von früheren Schlachten anzuführen, um immer wieder die Vorzüge dieser Kampfmethode zu erklären und hervorzuheben, dass dies die Hauptmethode ist, mit der die Angriffe Tschiang Kai-scheks vereitelt werden können. Mit dieser Methode werden wir siegen. Wenn wir ihr zuwiderhandeln, werden wir unterliegen.

6. Das Prinzip der Konzentration der Kräfte zur Einzelvernichtung der feindlichen Truppen wurde nicht erst jetzt aufgestellt, sondern ist eine ausgezeichnete Tradition unserer Armee seit ihrer Gründung vor fast 20 Jahren. In der Periode des Widerstandskriegs gegen Japan spielte jedoch die Auflockerung unserer Truppen zur Führung des Partisanenkriegs die Hauptrolle und die Zusammenziehung unserer Streitkräfte zur Führung des Bewegungskriegs eine Hilfsrolle. In der gegenwärtigen Bürgerkriegsperiode ist die Lage anders geworden, und auch die Methode der Kriegführung muss sich ändern: Die Zusammenziehung unserer Streitkräfte zur Führung des Bewegungskriegs muss die Hauptsache und die Auflockerung der Truppen zur Führung des Partisanenkriegs ein Hilfsmittel sein. Nun, da die Armee Tschiang Kai-scheks ihre Bewaffnung verstärkt hat, muss unsere Armee besonderen Nachdruck auf jene Methode legen, bei der eine überlegene Streitmacht zusammengezogen wird, um die feindlichen Truppenteile einzeln zu vernichten.

7. Wenn der Feind sich in der Offensive und wir uns in der Defensive befinden, muss diese Methode angewandt werden. Wenn aber der Feind in der Defensive und wir in der Offensive sind, haben wir zwischen zwei Arten von Situationen zu unterscheiden und dementsprechend verschiedene Methoden anzuwenden. Wenn unsere Streitkräfte zahlreich und die feindlichen Truppen in dem betreffenden Gebiet verhältnismässig schwach sind, oder wenn wir einen Überraschungsangriff unternehmen, können wir verschiedene Truppenteile des Feindes zu gleicher Zeit angreifen. Beispielsweise griffen unsere Truppen zwischen dem 5. und 10. Juni in der Provinz Schantung gleichzeitig mehr als zehn Städte an der Tsingtao-Tsinan- und der Tientsin-Pukou-Eisenbahnlinie an und nahmen sie ein5 oder noch ein anderes Beispiel: Zwischen dem 10. und 21. August führten unsere Truppen unter dem Kommando von Liu Bo-tscheng und Deng Hsiao-ping einen Angriff gegen mehr als 10 Städte an der Kaifeng-Hsüdschou-Strecke der Lunghai-Eisenbahn durch und eroberten sie6 andernfalls aber, wenn wir nicht genügend Kräfte besitzen, sollen wir die vom Feind besetzten Städte nacheinander erstürmen und den Feind nicht in mehreren Städten zugleich angreifen. Auf diese Weise haben z. B. unsere Truppen in der Provinz Schansi die Städte an der Datung-Pudschou-Eisenbahn erobert.7

8. Wenn die Feldtruppen unserer Armee zur Vernichtung des Feindes zusammengezogen sind, müssen die regionalen Verbände, die örtlichen Guerillaabteilungen und die Volksmiliz durch ihre wirkungsvollen Aktionen mit ihnen zusammenwirken. Wenn die regionalen Verbände (oder Truppeneinheiten) ein Regiment, ein Bataillon oder eine Kompanie des Feindes angreifen, gilt auch für sie das Prinzip, die Kräfte zusammenzuziehen, um die feindlichen Truppenteile einzeln zu vernichten.

9. Das Prinzip der Zusammenziehung der Streitkräfte zur Einzelvernichtung der feindlichen Truppen zielt in der Hauptsache darauf ab, die lebende Kraft des Feindes zu vernichten, und nicht darauf, Gebiete zu halten oder einzunehmen. Unter gewissen Umständen ist es zulässig, gewisse Orte aufzugeben, damit wir unsere Kräfte zur Vernichtung der feindlichen Truppen konzentrieren, oder damit unsere Feldtruppen den schweren Schlägen der feindlichen Armee ausweichen können und es ihnen somit erleichtert wird, Ruhepausen, Konsolidierung und Ausbildung für weitere Kämpfe zu erlangen. Solange wir in grossem Ausmass die lebende Kraft des Feindes vernichten können, wird es uns möglich sein, verlorene Gebiete zurückzuerobern und neue Gebiete einzunehmen. Darum sollen alle jene ausgezeichnet werden, denen es gelingt, die lebende Kraft des Feindes zu vernichten. Nicht nur die Vernichtung der regulären Truppen des Feindes, sondern auch die Vernichtung der Sicherheitstruppen, der Heimkehrerkorps8 und anderer reaktionärer örtlicher bewaffneter Banden des Feindes verdient ein solches Lob. Aber wir müssen solche Gebiete halten oder erobern, wo das Kräfteverhältnis zwischen uns und dem Feind das möglich macht oder wo ein solches Gebiet in operativer und taktischer Hinsicht von Bedeutung ist; anders handeln wäre ein Fehler. Darum sollen auch diejenigen ausgezeichnet werden, denen es gelingt, solche Gebiete zu halten oder zu erobern.

1Die Ausdrücke „den Feind vernichten“ oder „den Feind aufreiben“, die in den verschiedenen Arbeiten dieses Bandes gebraucht werden, schliessen alle den Begriff „den Feind töten, verwunden und gefangennehmen“ ein.

2Die Organisation der regulären Kuomintang-Truppen war ursprünglich so: Ein Korps bestand aus drei oder zwei Divisionen und eine Division aus drei Regimentern. Im Mai 1946 fing die Kuomintang an, ihre regulären Truppen südlich des Gelben Flusses etappenweise zu reorganisieren; was früher ein Korps war, wurde eine reorganisierte Division, und aus früheren Divisionen wurden Brigaden zu drei oder zwei Regimentern. Der Teil der Kuomintang-Truppen nördlich des Gelben Flusses wurde nicht reorganisiert und behielt die ursprüngliche Organisation bei. Ein Teil der reorganisierten Divisionen wurde später wieder in Korps umbenannt.

3Im August 1946 rückten die Kuomintang-Truppen aus den Gegenden von Hsüdschou und Dschengdschou in zwei Kolonnen vor und griffen das befreite Gebiet Schansi-Hopeh-Schantung-Honan an. Die Volksbefreiungsarmee dieses Gebiets unter dem Kommando von Liu Bo-tscheng, Deng Hsiao-ping und anderen Kameraden zog überlegene Kräfte zusammen, um der von Dschengdschou vorrückenden feindlichen Kolonne entgegenzutreten. Vom 3. bis zum 8. September vernichtete sie in der Gegend von Hodsö, Dingtao und Tsaohsiän, Provinz Schantung, nacheinander vier feindliche Brigaden.

4Im August 1946 rückten die Kuomintang-Truppen aus den Gegenden von Hsüdschou und Dschengdschou in zwei Kolonnen vor und griffen das befreite Gebiet Schansi-Hopeh-Schantung-Honan an. Die Volksbefreiungsarmee dieses Gebiets unter dem Kommando von Liu Bo-tscheng, Deng Hsiao-ping und anderen Genossen zog überlegene Kräfte zusammen, um der von Dschengdschou vorrückenden feindlichen Kolonne entgegenzutreten. Vom 3. bis zum 8. September vernichtete sie in der Gegend von Hodsö, Dingtao und Tsaohsiän, Provinz Schantung, nacheinander vier feindliche Brigaden.

5Anfang Juni 1946 unternahm die Volksbefreiungsarmee von Schantung einen Straffeldzug gegen die Marionettentruppen entlang der Eisenbahnlinien TsugtaoTsinan und Tientsin-Pukou und befreite nacheinander mehr als zehn Städte, darunter Djiaohsiän, Dschangdiän, Dschoutsun, Dödschou, Taian und Dsaodschuang.

6Vom 10. bis zum 21. August 1946 rückte die Volksbefreiungsarmee von Schansi-Hopeh-Schantung-Honan, um ihre Kampftätigkeit mit jener der Volksbefreiungsarmeen der Zentralebene und Ostchinas zu koordinieren, aus verschiedenen Richtungen vor und griff die feindlichen Truppen an, die entlang der Kaifeng-Hsüdschou-Strecke der Lunghai-Eisenbahn stationiert waren, und eroberte nacheinander mehr als 10 Städte, darunter Dangschan, Lanfeng, Huangkou, Lidschuang und Yangdji.

7Im Juli 1946 griffen die Kuomintang-Truppen unter Hu Dsung-nan und Yän Hsi-schan gemeinsam das befreite Gebiet Südschansi an. Die Taiyüä-Einheiten der Volksbefreiungsarmee von Schansi-Hopeh-Schantung-Honan und ein Teil der Volksbefreiungsarmee von Schansi-Suiyüan führten einen Gegenstoss und schlugen den Angriff des Feindes in Südschansi zurück. Im August eröffneten sie eine Offensive gegen die feindlichen Truppen, die zwischen Linken und Lingschi entlang der Datung-Pudschou-Eisenbahnlinie stationiert waren, und befreiten nacheinander die Städte Hungtung, Dschaotscheng, Huohsiän, Lingschi und Fenhsi.

8Während des Volksbefreiungskriegs flohen einige Grundherren und örtliche Despoten der befreiten Gebiete in die Kuomintang-Gebiete. Die Kuomintang organisierte aus ihnen reaktionäre bewaffnete Banden wie die „Heimkehrerkorps“, die „Heimkehrerlegionen“ usw., damit sie zusammen mit den Kuomintang-Truppen die befreiten Gebiete angriffen. Überall befassten sich diese reaktionären bewaffneten Banden der Grundherren mit Raub, Mord und allen möglichen Greueltaten.

iDie Verbände der Verkehrsschutzpolizei der Kuomintang wurden im März 1945 gebildet. Nach der Kapitulation Japans wurden diese Verbände an den Verkehrslinien „für den Garnisondienst“ aufgestellt, unter dem Vorwand der „Bewachung der Verkehrslinien“, in Wirklichkeit aber, um Geheimpolizeidienste zu verrichten. Dies war ein Teil der Streitkräfte, mit denen die Kuomintang den Bürgerkrieg führte.