Mao Tse-tung: “Gegen den Parteischematismus”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

GEGEN DEN PARTEISCHEMATISMUS

Mao Tse-tung
08.02.1942

Ausgewählte Werke
Band 3
Reproduziert von
Die Rote Fahne

GEGEN DEN PARTEISCHEMATISMUS

Eine Rede, die Vorsitzender Mao Tse-tung auf einer Funktionärkonferenz in Yenan hielt.

Kamerad Kai-feng hat hier soeben über den Zweck der heutigen Versammlung gesprochen. Ich möchte nun darauf eingehen, wie der Subjektivismus und das Sektierertum den Parteischematismus als Propagandawerkzeug oder Ausdrucksform benutzen. Wir stehen im Kampf gegen Subjektivismus und Sektierertum, und wenn wir nicht zugleich mit dem Parteischematismus abrechnen, werden Subjektivismus und Sektierertum immer noch einen Schlupfwinkel finden, wo sie sich verbergen können. Wenn wir dagegen auch mit dem Parteischematismus Schluss machen, werden wir letzten Endes den Subjektivismus und das Sektierertum „matt setzen“, werden wir diese beiden Scheusale dazu bringen, sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen, so dass man sie leicht vernichten können wird; denn jeder, der eine Ratte über die Strasse laufen sieht, ruft: „Schlagt sie tot!“

Wenn ein Mensch nur für den eigenen Gebrauch nach Parteischemata schreibt, ist das nicht so schlimm. Gibt er das Geschriebene einem anderen zu lesen, verdoppelt sich die Anzahl der Leser, und das richtet schon einen nicht geringen Schaden an. Wird aber das Geschriebene öffentlich angeschlagen, hektographiert, in der Zeitung veröffentlicht oder als Buch gedruckt, dann wird die Angelegenheit zu einem ernsten Problem, denn jetzt werden bereits viele Menschen davon beeinflusst. Nun haben aber diejenigen, die nach Parteischemata schreiben, immer die Absicht, sich an ein grosses Publikum zu wenden. Deshalb müssen wir den Parteischematismus unbedingt entlarven und niederringen.

Der Parteischematismus ist eine Spielart des ausländischen Schematismus, den schon vor langer Zeit Lu Hsün bekämpft hat.1 Weshalb aber nennen wir ihn Parteischematismus? Weil er neben ausländischem auch ein wenig einheimischen Geruch an sich trägt. Vielleicht kann man das auch als eine schöpferische Leistung betrachten! Wer behauptet, bei uns gäbe es keine schöpferischen Leistungen? Da ist eine! (Allgemeine Heiterkeit.)

Der Parteischematismus hat in unserer Partei schon eine lange Geschichte, besonders in der Periode der Agrarrevolution nahm er zuweilen ernsthafte Ausmasse an.

Historisch gesehen war der Parteischematismus eine Reaktion auf die Bewegung des 4. Mai.

Während der Bewegung des 4. Mai bekämpften modern eingestellte Leute die Verwendung der klassischen Literatursprache und traten für die Verwendung der allgemeinverständlichen Literatursprache ein; sie kämpften gegen die alten Dogmen, für Wissenschaft und Demokratie; das alles war vollkommen richtig. Damals war diese Bewegung voll sprühender Lebenskraft, vorwärtsdrängend, revolutionär. Zu jener Zeit erzogen die herrschenden Klassen die studierende Jugend nach den Lehren Konfuzius‘ und zwangen das Volk, an das konfuzianische Schrifttum wie an ein religiöses Dogma zu glauben; die Autoren bedienten sich nur der klassischen Literatursprache. Mit einem Wort, was die herrschenden Klassen und ihre Trabanten schrieben und lehrten, war in Inhalt und Form schematisch und dogmatisch. Das waren die alten Schemata und die alten Dogmen. Ein grosses Verdienst der Bewegung des 4. Mai bestand darin, dass sie die Abscheulichkeit der alten Schemata und der alten Dogmen vor dem Volk blossstellte und es zum Kampf gegen sie aufrief. Die Bewegung des 4. Mai erwarb sich auch grosse Verdienste durch ihren damit verbundenen Kampf gegen den Imperialismus; eins ihrer grossen Verdienste bleibt jedoch ihr Kampf gegen den alten Schematismus und die alten Dogmen. In der Folgezeit aber tauchten ausländische Schemata und ausländische Dogmen auf. Innerhalb unserer Partei entwickelten nun einige dem Marxismus zuwiderhandelnde Leute diese ausländischen Schemata und Dogmen zu einem Subjektivismus, einem Sektierertum und einem Parteischematismus. Das sind eben die neuen Schemata und die neuen Dogmen. Diese neuen Schemata und Dogmen verwurzelten sich so tief und fest in den Köpfen vieler unserer Kameraden, dass wir heute immer noch grosse Anstrengungen machen müssen, eine Umerziehung durchzuführen. So sehen wir, dass die lebenssprühende, vorwärtsdrängende, revolutionäre Bewegung der Periode des „4. Mai“, die gegen die feudalistischen alten Schemata und Dogmen gerichtet war, in der Folgezeit von einigen Leuten in ihr Gegenteil verkehrt wurde und neue Schemata und Dogmen aufkamen. Diese sind nicht von vitaler Dynamik, sondern von Totenstarre gekennzeichnet; sie drängen nicht vorwärts, sondern zerren zurück; sie sind nicht revolutionär, sondern behindern die Revolution. Das bedeutet, dass die ausländischen Schemata oder der Parteischematismus eine Reaktion auf den ursprünglichen Charakter der Bewegung des 4. Mai sind. Aber die Bewegung des 4. Mai hatte auch ihre Mängel. Viele der damaligen führenden Persönlichkeiten besassen noch nicht den kritischen Geist des Marxismus, und die Methoden, deren sie sich bedienten, waren im allgemeinen bürgerliche, d. h. formalistische Methoden. Es war durchaus richtig, dass sie sich gegen die alten Schemata und Dogmen wandten, für Wissenschaft und Demokratie eintraten. Es fehlte ihnen jedoch der kritische Geist des historischen Materialismus, wo es sich um aktuelle Verhältnisse, um die Geschichte, um ausländische Dinge handelte, und für sie war das, was schlecht war, absolut schlecht, völlig schlecht, und das, was gut war, absolut gut, völlig gut. Dieses formalistische Herangehen an die Probleme beeinflusste die weitere Entwicklung dieser Bewegung. Im Verlauf ihrer Entwicklung teilte sich die Bewegung des 4. Mai in zwei Strömungen. Ein Teil Menschen übernahm den wissenschaftlichen und demokratischen Geist der Bewegung des 4. Mai und gestaltete ihn auf marxistischer Grundlage um; das wurde von Kommunisten und einigen der Kommunistischen Partei nicht angehörenden Marxisten getan. Der andere Teil Menschen ging den Weg der Bourgeoisie; das war eine Entwicklung des Formalismus nach rechts. Aber auch innerhalb der Kommunistischen Partei entwickelten sich die Dinge nicht einheitlich; auch manche ihrer Mitglieder wichen vom richtigen Weg ab und begingen, da sie den Marxismus nicht richtig begriffen hatten, formalistische Fehler, nämlich die Fehler des Subjektivismus, Sektierertums und Parteischematismus; das war eine Entwicklung des Formalismus nach „links“. Daraus ist ersichtlich, dass der Parteischematismus einerseits eine Reaktion auf die positiven Faktoren der Bewegung des 4. Mai, andererseits eine Übernahme, Fortsetzung oder Weiterentwicklung ihrer negativen Faktoren und keineswegs etwas Zufälliges ist. Das zu verstehen wird für uns nur von Nutzen sein. War in der Periode der Bewegung des 4. Mai der Kampf gegen den alten Schematismus und den alten Dogmatismus revolutionär und notwendig, so ist heute unsere marxistische Kritik am neuen Schematismus und neuen Dogmatismus ebenfalls revolutionär und notwendig. Wäre in der Periode der Bewegung des 4. Mai nicht gegen den alten Schematismus und den alten Dogmatismus gekämpft worden, dann hätte sich das Denken des chinesischen Volkes nicht von diesen Fesseln befreien können und würde China keine Hoffnung auf Freiheit und Unabhängigkeit haben. Die Periode der Bewegung des 4. Mai war erst der Beginn dieser Aufgabe, und die endgültige Befreiung des gesamten chinesischen Volkes von der Herrschaft des alten Schematismus und Dogmatismus wird noch sehr grosse Anstrengungen, noch ein gutes Stück Arbeit auf dem Weg der revolutionären Umgestaltung erfordern. Wenn wir heute dem neuen Schematismus und dem neuen Dogmatismus nicht entgegentreten, wird das Denken des chinesischen Volkes in die Fesseln eines anderen Formalismus geschlagen werden. Wenn wir das Gift des Parteischematismus und die Fehler des Dogmatismus, wovon ein Teil der Kameraden unserer Partei (natürlich nur ein Teil) befallen ist, nicht beseitigen, werden wir weder einen lebendigen, revolutionären Geist entfachen, noch die schlechte Gewohnheit einer falschen Einstellung zum Marxismus ausmerzen, noch den echten Marxismus weit verbreiten und entwickeln können; dann wird es auch unmöglich sein, einen energischen Kampf gegen den Einfluss der alten Schemata und Dogmen auf das ganze Volk und gegen den Einfluss der ausländischen Schemata und Dogmen auf viele Leute unseres Landes zu führen und zu erreichen, dass diese Einflüsse vernichtet und ausgerottet werden.

Subjektivismus, Sektierertum und Parteischematismus — diese drei Dinge sind gegen den Marxismus gerichtet, und nicht das Proletariat braucht sie, sondern die Ausbeuterklassen. Sie sind eine Widerspiegelung der kleinbürgerlichen Ideologie innerhalb der Partei. China ist ein Land mit einem ausserordentlich zahlreichen Kleinbürgertum, und unsere Partei ist von der Riesenmenge dieser Klasse eingekreist; sehr viele Mitglieder unserer Partei entstammen dieser Klasse und schleppen unvermeidlich in grösserem oder geringerem Masse kleinbürgerliche Überbleibsel in die Partei ein. Wenn der Fanatismus und die Einseitigkeit der kleinbürgerlichen Revolutionäre nicht eingeschränkt und umgebildet werden, können daraus sehr leicht Subjektivismus und Sektierertum entstehen, und zu deren Ausdrucksformen gehört eben der ausländische Schematismus oder der Parteischematismus:

Es ist nicht leicht, diese Dinge auszurotten, sie hinwegzufegen. Das muss in angemessener Weise gemacht werden, das heisst durch richtige Überzeugung. Wenn wir richtig, mit treffenden Argumenten überzeugen, wird das gute Ergebnisse zeitigen. Anfangen aber muss man mit einer Schocktherapie, indem man den Patienten anschreit: „Du bist krank!“ — so dass er einen Schreck bekommt und ihm der kalte Schweiss ausbricht; dann soll man ihm gütlich zureden, sich behandeln zu lassen.

Analysieren wir nun den Parteischematismus, um herauszufinden, wo das Übel liegt. Wir verfassen der Form der schematischen Schriften2 nach auch eine „achtgliedrige Schrift“, die Anklageschrift in acht Punkten genannt werden kann, d. h., wir werden das Gift durch Gegengift bekämpfen.

Der erste Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Endlose Phrasendrescherei und gegenstandsloses Geschwätz. Einige unserer Kameraden schreiben gern lange Artikel, die aber keinerlei Inhalt haben, wie „die Fussbinden einer Schlampe lang und übelriechend“ sind. Warum muss man so langatmig und inhaltslos schreiben? Hier kann es nur eine Erklärung geben: Die Verfasser sind entschieden dagegen, dass die Massen sie lesen. Langatmig und dazu noch inhaltslos — wenn die Massen so etwas sehen, schütteln sie nur den Kopf; wer möchte das schon lesen? So etwas ist nur dazu gut, naive Menschen einzuschüchtern, einen schlechten Einfluss auf sie auszuüben und ihnen schlechte Gewohnheiten beizubringen. Am 22. Juni des vorigen Jahres ist die Sowjetunion in einen grossen Krieg gegen die Aggression eingetreten, doch Stalins Rede vom 3. Juli war nicht länger als ein Leitartikel unserer Zeitung Djiäfang Jibao. Wenn aber unsere verehrten Herrschaften das verfasst hätten, stellt euch das mal vor! Sie wären bestimmt nicht mit weniger als einigen zehntausend Wörtern ausgekommen. Jetzt ist Kriegszeit, und wir müssen es lernen, kurz und bündig zu schreiben. Obgleich es in Yenan vorläufig keine Kriegshandlungen gibt, steht doch die Armee an der Front täglich im Kampf, und auch im Hinterland hat man alle Hände voll zu tun; wer wird also einen Artikel lesen, der zu lang ist? Auch an der Front schreiben manche Kameraden gern lange Berichte. Sie plagen sich mit diesen Schriftstücken ab und schicken sie her, damit wir sie lesen. Wie soll man aber den Mut aufbringen, sie zur Hand zu nehmen? Langatmig und inhaltslos schreiben ist schlecht; nun, ist kurz und inhaltslos schreiben etwa gut? Nein, das ist ebenfalls schlecht. Wir müssen jedes leere Geschwätz verbieten. Die wichtigste und vordringliche Aufgabe ist jedoch, die langen und übelriechenden Fussbinden der Schlampe rasch auf den Müllhaufen zu werfen. Man könnte einwenden: Ist denn Das Kapital nicht sehr lang? Was soll man nun damit anfangen? Sehr einfach: es weiterlesen. Ein Sprichwort sagt: „Je nach dem Berg, den du bestiegen hast, singe dein Lied“; ein anderes: „Iss so viel Reis wie die Zukost verlangt, nähe den Anzug nach deiner Figur.“ Was wir auch tun mögen, wir müssen immer die Umstände berücksichtigen, und das gilt auch für Artikel und Reden. Wir sind gegen den Schematismus endloser Phrasendrescherei und gegenstandslosen Geschwätzes; das heisst aber durchaus nicht, dass alles, was man schreibt, kurz sein müsse, um gut zu sein. In Kriegszeiten braucht man natürlich kurze Artikel, aber noch notwendiger sind inhaltsreiche. Was wir am wenigsten rechtfertigen können und am entschiedensten bekämpfen müssen, sind Schreibereien ohne Sinn und Gehalt. Das gilt auch für Reden; man muss mit nichtssagenden Tiraden und leerem Gewäsch Schluss machen.

Der zweite Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Wichtigtuerei zum Zwecke der Einschüchterung anderer. Manche dieser Schreibereien sind nicht nur voll endloser Phrasendrescherei, sondern auch bewusst wichtigtuerisch, um andere einzuschüchtern, und darin verbirgt sich ein sehr gefährliches Gift. Kann man endlose Phrasendrescherei und gegenstandsloses Geschwätz noch für Zeichen der Unreife halten, so ist Wichtigtuerei zum Zweck der Einschüchterung schon nicht mehr blosse Unreife, sondern einfach Niedertracht. Lu Hsün kritisierte solche Menschen mit den Worten: „Beschimpfen und bedrohen heisst keineswegs kämpfen.“3 Wissenschaftliche Werke fürchten niemals Kritik, denn Wissenschaft ist Wahrheit und fürchtet keine Widerlegung. Subjektivistisches und sektiererisches Zeug hingegen, das in schematisch aufgebauten Artikeln und Reden zum Ausdruck kommt, fürchtet die Widerlegung; seine Verfasser sind ausserordentlich feige und greifen deshalb zur Wichtigtuerei, um andere einzuschüchtern; sie glauben, so den Menschen den Mund stopfen und selbst „im Triumphzug in den Palast zurückkehren“ zu können. Derartige Wichtigtuereien können nicht die Wahrheit widerspiegeln, sondern sie nur beeinträchtigen. Die Wahrheit macht sich nicht wichtig und schüchtert andere nicht ein, sie spricht und handelt in grösster Aufrichtigkeit. Früher waren in den Schriften und Reden vieler Kameraden häufig zwei Ausdrücke anzutreffen: „erbitterter Kampf“ und „schonungslose Schläge“. Solche Mittel sind im Kampf gegen den Feind oder die feindliche Ideologie durchaus notwendig; es ist jedoch falsch, sie den eigenen Kameraden gegenüber anzuwenden. Es kommt häufig vor, dass Feinde und feindliche Ansichten in die Partei eindringen, wie dies in Punkt 4 der Schlussfolgerungen der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang“ ausgeführt wird. Es unterliegt keinem Zweifel, dass gegen solche Leute ein erbitterter Kampf geführt oder ihnen schonungslose Schläge versetzt werden müssen, weil jene Schufte gerade mit solchen Mitteln gegen die Partei kämpfen; übten wir ihnen gegenüber Nachsicht, würden wir ihnen gerade in die Falle gehen. Man darf jedoch nicht die gleichen Mittel gegen Kameraden anwenden, die zufällig Fehler gemacht haben; solchen Kameraden gegenüber soll die Methode der Kritik und Selbstkritik angewandt werden, also die Methode, von der in Punkt f der Schlussfolgerungen der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang“ die Rede ist. Und wenn früher manche unserer Kameraden dafür eintraten, auch gegen solche Kameraden einen „erbitterten Kampf“ zu führen und ihnen „schonungslose Schläge“ zu versetzen, so erklärte sich das einerseits daraus, dass sie die betreffenden Personen keiner Analyse unterzogen, anderseits aus ihrer Wichtigtuerei, mit der sie andere einschüchtern wollten. Die Methode der Einschüchterung durch Wichtigtuerei darf gegen niemand, wer es auch sei, angewandt werden. Denn gegen den Feind ist eine solche Taktik absolut nutzlos, und Kameraden gegenüber ist sie nur schädlich. Die Taktik der Einschüchterung ist ein beliebtes Mittel der Ausbeuterklassen und des Lumpenproletariats, das Proletariat aber bedarf derartiger Mittel nicht. Für das Proletariat ist eine ernste und kämpferische wissenschaftliche Haltung die schärfste und wirksamste Waffe. Die Kommunistische Partei lebt nicht davon, dass sie Menschen einschüchtert, sondern sie lebt von der Wahrheit des Marxismus-Leninismus, von der Suche nach der Wahrheit in den Tatsachen und von der Wissenschaft. Es bedarf keiner weiteren Worte, dass es eine noch grössere Niederträchtigkeit ist, sich durch Wichtigtuerei Ruhm und Stellung verschaffen zu wollen. Mit einem Wort: Wenn irgendeine Organisation einen Beschluss fasst oder eine Anweisung erteilt, wenn irgendein Kamerad einen Artikel schreibt oder eine Rede hält, müssen sie sich ausnahmslos auf die Wahrheit des Marxismus-Leninismus stützen und einen nützlichen Zweck anstreben. Nur so können wir den Sieg der Revolution erringen; alles andere ist unnütz.

Der dritte Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Die Pfeile ziellos verschiessen und nicht in Betracht ziehen, an wen man sich wendet. Vor einigen Jahren sah ich an der Stadtmauer von Yenan eine Losung: „Arbeiter und Bauern, vereinigt euch für den Sieg im Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression!“ Der Inhalt dieser Losung war gar nicht schlecht, aber in dem Wort [„Gungjen“, Arbeiter] war der vertikale Strich des Schriftzeichens [„Gung“] zickzackförmig geknickt. Und das Schriftzeichen [„Jen“]? Ihm waren auf dem rechten Schenkel drei Striche beigefügt

Zweifellos war der Kamerad, der das geschrieben hatte, ein Jünger der Literaten alter Schule; warum er aber diese Schnörkel gerade auf der Stadtmauer von Yenan und noch dazu während des Widerstandskriegs gegen die japanische Aggression anbringen musste, das ist ein Rätsel. Wahrscheinlich hatte er sich geschworen, dass das einfache Volk die Losung nicht lesen sollte; eine andere Erklärung ist kaum möglich. Ein Kommunist, der wirklich Propagandaarbeit leisten will, muss berücksichtigen, an wen er sich wendet; er muss sich überlegen, wer seine Artikel und Reden, seine Äusserungen und die von ihm geschriebenen Schriftzeichen lesen beziehungsweise hören soll; tut er das nicht, so kann das nur heissen, er ist entschlossen, dass es die Leute nicht lesen und nicht hören sollen. Viele glauben oft, das, was sie schreiben und reden, werde von jedermann leicht verstanden, wiewohl das in Wahrheit ganz und gar nicht der Fall ist, denn wer versteht schon, wenn einer nach Parteischemata schreibt oder spricht? Die Redensart „Einer Kuh auf der Laute vorspielen“ enthält eine Verhöhnung des Zuhörers. Wenn wir sie jedoch umdeuten und ihr einen Sinn unterlegen, der Achtung für den Zuhörer bedeutet, dann kehrt sich der Spott gegen den Musikanten: Weshalb klimpert er, ohne zu beachten, wer ihm zuhört? Was noch schlimmer ist, wenn es sich gar um den Parteischematismus handelt; es ist einfach ein Rabengekrächze, das dennoch den Volksmassen immer wieder vorgeplärrt wird. Wenn man einen Pfeil abschiesst, muss man auf die Zielscheibe visieren, wenn man Laute spielt, muss man an die Zuhörer denken; wie kann man denn das Publikum übersehen, wenn man einen Artikel schreibt oder eine Rede hält? Mit wem wir uns auch immer anfreunden mögen, können wir gute Freunde werden, wenn wir unsere Herzen nicht kennen, wenn wir nicht wissen, was der andere im innersten Herzen denkt? Es geht auf keinen Fall an, dass ein Propagandist, ohne sein Publikum zu erforschen, zu studieren und zu analysieren, einfach drauflosschwätzt.

Der vierte Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Die trockene und farblose Sprache, die an einen „Biäsan4 erinnert. Jene Geschöpfe, die von den Schanghaiern „kleine Biäsan“ genannt werden, sind genauso verhutzelt und garstig wie unser Parteischematismus. Wenn in einem Artikel oder einer Rede einige wenige Ausdrücke nach allen Richtungen hin schülerhaft abgewandelt werden und auch nicht ein einziges lebendiges Wort enthalten ist, gleicht das denn nicht mit seiner dürren Sprache und seinem abstossenden Aussehen einem „Biäsan“? Wenn jemand als siebenjähriges Kind in die Grundschule eintritt, als Halbwüchsiger in die Mittelschule, mit mehr als 20 Jahren die Hochschule absolviert und während dieser ganzen Zeit nicht mit den Volksmassen in Berührung kommt, kann man ihm die Armut und Primitivität seiner Sprache nicht übelnehmen. Wir aber sind eine revolutionäre Partei und arbeiten für die Volksmassen; wir werden keine gute Arbeit leisten, wenn wir nicht die Sprache des Volkes lernen. Wir haben jetzt Kameraden, die sich mit der Propagandaarbeit befassen und nicht die Sprache studieren. Ihre Propaganda ist äusserst farblos, ihre Artikel werden nur von wenigen gern gelesen, ihre Reden auch nur von wenigen gern gehört. Warum muss man die Sprache studieren, und zwar mit grösster Energie? Weil die Sprache nicht so ohne weiteres zu meistern ist, weil das ohne emsiges Bemühen nicht geht. Erstens muss man die Sprache von den Volksmassen lernen. Der Wortschatz des Volkes ist sehr reich und lebendig, er bringt das reale Leben zum Ausdruck. Sehr viele unter uns beherrschen die Sprache nicht gut; deshalb findet man in unseren Artikeln und Reden kaum lebendige, treffende, kraftvolle Sätze, sie sind ohne Fleisch und Blut, erinnern an einen verhutzelten und hässlichen „Biäsan“, nicht aber an einen gesunden Menschen. Zweitens müssen wir das aus fremden Sprachen absorbieren, was wir gebrauchen können. Wir übernehmen nicht mechanisch fremdes Sprachgut oder missbrauchen es, sondern wollen nur das davon aufnehmen, was gut ist und uns nützt. Da der ursprüngliche chinesische Wortschatz nicht ausreichte, enthält unser Vokabular jetzt bereits vieles, was aus fremden Sprachen geschöpft wurde. So halten wir beispielsweise heute eine Funktionärkonferenz ab, und unseren Ausdruck „Ganbu“ [Funktionär] selbst haben wir vom Ausland gelernt. Wir müssen uns noch viel Neues aneignen, das aus dem Ausland kommt, und zwar nicht nur fortschrittliche Ideen, sondern auch neue Ausdrücke. Drittens müssen wir noch das Lebendige der klassischen Literatursprache studieren. Da wir die Sprache nicht eifrig genug studiert haben, können wir vieles, was aus der klassischen Literatursprache noch lebendig ist, nicht vollständig und rationell ausnutzen. Natürlich widersetzen wir uns entschieden dem Gebrauch ausgestorbener Ausdrücke und Redensarten — das steht fest — doch sollen wir alles Gute und Verwertbare übernehmen. Heute nehmen sich jene, die besonders stark vom Gift des Parteischematismus verseucht sind, nicht die Mühe, das Brauchbare aus der Sprache der Volksmassen, aus fremden Sprachen und aus der klassischen Literatursprache zu studieren; deshalb spricht die öde und fade Propaganda dieser Leute die Massen nicht an, und auch wir brauchen solche erbärmlichen und untauglichen Propagandisten nicht. Wer sind unsere Propagandisten? Nicht nur Lehrer, Journalisten, Schriftsteller, Künstler — unsere Kader auf allen Arbeitsgebieten sind Propagandisten. Nehmen wir die Befehlshaber der Armee als Beispiel: Sie geben zwar keine öffentlichen Erklärungen ab, reden jedoch mit den Soldaten und pflegen Kontakt zur Bevölkerung; ist das etwa keine Propaganda? Sobald ein Mensch mit einem anderen spricht, treibt er auch schon Propaganda. Falls er nicht stumm ist, hat er stets einiges zu sagen. Somit ist es unumgänglich, dass alle unsere Kameraden die Sprache studieren.

Der fünfte Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Das schematische Anordnen des Materials wie in einer chinesischen Apotheke. Man sehe sich eine chinesische Apotheke an: Die Regale der Apotheke enthalten eine Vielzahl von kleinen Schubladen, und auf jeder Schublade steht die Bezeichnung einer Arznei Liebstöckel, Fingerhut, Rhabarber, Glaubersalz, kurz, alles was hierher gehört. Auch diese Methode haben unsere Kameraden aufgegriffen. In ihren Artikeln, Reden, Büchern und Berichten verwenden sie erstens die grossen chinesischen Ziffern, zweitens die kleinen chinesischen Ziffern, drittens die Zeichen der zehn Himmelsstämme, viertens die Zeichen der zwölf Erdstämme, ferner lateinische Grossbuchstaben, kleine lateinische Buchstaben, dann arabische Ziffern und noch vieles andere mehr! Zum Glück haben unsere Vorfahren und die Ausländer für uns diese vielen Zeichen geschaffen, so dass wir ohne die geringste Mühe eine chinesische Apotheke eröffnen können. Und nun wimmelt ein Artikel von diesen Zeichen, er wirft keine Fragen auf, gibt keine Analyse, löst keine Probleme, nimmt weder für noch gegen etwas Stellung, entbehrt — was immer und wieviel auch darin stehen mag jeden echten Gehalts, ist eben nichts als eine chinesische Apotheke. Ich will damit nicht sagen, dass zyklische und andere Zeichen nicht verwendet werden dürfen, sondern nur, dass dieses Herangehen an die Probleme falsch ist. Diese Methode der chinesischen Apotheke, für die jetzt viele Kameraden schwärmen, ist in Wirklichkeit die primitivste, naivste, vulgärste. Es ist eine formalistische Methode, die die Dinge nach ihren äusseren Merkmalen klassifiziert und nicht nach ihren inneren Zusammenhängen. Wer nur anhand der äusseren Kennzeichen der Dinge einen Haufen innerlich miteinander nicht verbundener Begriffe zu einem Artikel, einer Rede oder einem Bericht arrangiert, treibt nicht nur selbst ein Spiel mit Begriffen, sondern kann auch andere zu derlei Spielereien verleiten, so dass diese Menschen dann nicht mehr ihr Gehirn gebrauchen, um über die Probleme nachzudenken, sich keine Gedanken über das Wesen der Dinge machen, sondern sich damit begnügen werden, die Phänomene hübsch nach Punkten anzuordnen. Was ist ein Problem? Ein Problem — das ist der Widerspruch in einem Ding. Wo ein ungelöster Widerspruch ist, da gibt es auch ein Problem. Besteht nun ein Problem, dann nimmt man notwendigerweise für die eine Seite und gegen die andere Stellung, bringt also das Problem zwangsläufig zur Sprache. Wenn man ein Problem aufwirft, muss man zuerst die beiden grundlegenden Seiten des Problems, d. h. des Widerspruchs, in grossen Zügen untersuchen und erforschen; erst dann wird man das Wesen des Widerspruchs begreifen können. Das ist der Prozess der Aufdeckung des Problems. Durch eine Untersuchung und Erforschung in grossen Zügen kann man das Problem aufdecken, kann man das Problem aufwerfen, aber man kann es noch nicht lösen. Zur Lösung des Problems bedarf es noch einer systematischen und sorgfältigen Untersuchungs- und Forschungsarbeit. Das ist der Prozess der Analyse. Auch beim Aufwerfen des Problems muss man sich der Analyse bedienen, da man sonst angesichts der chaotischen Anhäufung dinglicher Erscheinungen nicht feststellen kann, worin das Problem, d. h. der Widerspruch, besteht. Mit dem genannten Prozess der Analyse ist der Prozess einer systematischen, sorgfältigen Analyse gemeint. Häufig kommt es vor, dass ein Problem aufgeworfen wurde, aber noch nicht gelöst werden kann, weil der innere Zusammenhang der Dinge noch nicht enthüllt, das Problem noch nicht einem solchen Prozess systematischer, sorgfältiger Analyse unterzogen worden ist; infolgedessen sind die Grundzüge des Problems noch nicht klar zutage getreten, ist es noch nicht möglich, eine Synthese vorzunehmen und somit das Problem zufriedenstellend zu lösen. Wenn ein Artikel oder eine Rede bedeutungsvoll und richtungweisend sein soll, muss darin immer ein bestimmtes Problem aufgeworfen, dann analysiert und hierauf synthetisch zusammengefasst werden, muss das Wesen des Problems aufgezeigt und die Methode für seine Lösung angegeben werden; formalistische Verfahren sind dabei untauglich. Da aber solche naiven, primitiven, vulgären formalistischen Methoden, bei denen man das Gehirn nicht anzustrengen braucht, in unserer Partei sehr verbreitet sind, müssen wir sie entlarven; erst dann werden wir erreichen, dass alle es lernen, mit Hilfe der marxistischen Methode die Probleme zu betrachten, sie aufzuwerfen, zu analysieren und zu lösen; erst dann können wir erfolgreiche Arbeit leisten, kann die Sache unserer Revolution siegen.

Der sechste Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Verantwortungslos sein und überall Schaden anrichten. Alles, was vorher erwähnt wurde, hat einerseits Unreife, andererseits ungenügendes Verantwortungsbewusstsein zur Ursache. Nehmen wir das Gesichtwaschen als Beispiel. Wir alle waschen uns täglich, viele sogar mehrere Male am Tag, und nachdem wir uns gewaschen haben, werfen wir noch einen Blick in den Spiegel, nehmen sozusagen Untersuchungen und Forschungen vor (allgemeine Heiterkeit), weil wir befürchten, es könnte etwas noch nicht ganz in Ordnung sein. Seht nur, was für ein grosses Verantwortungsgefühl! Hätten wir nur beim Artikelschreiben oder Redenhalten das gleiche Verantwortungsgefühl wie beim Waschen, dann würden wir nicht schlecht dabei fahren. Zeige nicht her, was nicht verdient, gezeigt zu werden! Versteht doch, dass es das Denken und Handeln anderer Menschen beeinflussen wird! Wenn es einmal vorkommt, dass sich jemand ein, zwei Tage das Gesicht nicht wäscht, so ist das natürlich nicht gut, und wenn nach dem Waschen noch ein paar Schmutzflecke im Gesicht verblieben sind, ist das gewiss auch nicht schön, aber gar so gefährlich ist das nicht. Mit Artikeln und Reden verhält es sich anders: Sie sind ja gerade dazu bestimmt, andere Menschen zu beeinflussen. Aber unsere Kameraden lässt das gleichgültig, und das bedeutet eben, dass sie das Wichtige leicht nehmen und dem Geringfügigen Gewicht geben. Viele Leute schreiben ihre Artikel oder halten ihre Reden ohne vorheriges Studium und ohne Vorbereitung, und nachdem sie einen Artikel geschrieben haben, lesen sie ihn nicht mehrmals durch, so wie man nach dem Waschen noch einen Blick in den Spiegel wirft, sondern übergeben ihn unbekümmert gleich der Öffentlichkeit. Das Ergebnis ist meistens so: „Eintausend Worte mit ein paar Federstrichen, zehntausend Li vom Thema abgewichen.“ Mögen sie noch so talentiert scheinen, in Wirklichkeit richten sie überall nur Schaden an. Dieser Unsitte eines geringen Verantwortungsgefühls muss abgeholfen werden.

Der siebente Punkt der Anklage gegen den Parteischematismus lautet: Das Gift breitet sich in der ganzen Partei aus und gefährdet die Revolution. Der achte Anklagepunkt besagt: Die Verbreitung des Giftes kann katastrophale Folgen für das Land und das Volk haben. Die Bedeutung dieser beiden Punkte versteht sich von selbst und man braucht nicht näher darauf einzugehen. Mit anderen Worten: Wenn man den Parteischematismus nicht ausrottet, wenn man ihm gestattet, sich frei zu entfalten, können seine Folgen sehr ernst sein. In dem Parteischematismus ist das Gift des Subjektivismus und des Sektierertums verborgen, seine Ausbreitung würde der Partei und dem Land schweren Schaden zufügen.

Die eben angeführten acht Punkte sind unsere Anklageschrift gegen den Parteischematismus.

Diese Form des Parteischematismus ist nicht nur ungeeignet, dem revolutionären Geist Ausdruck zu verleihen, sondern kann ihn nur zu leicht ersticken. Will man den revolutionären Geist entwickeln, dann muss man den Parteischematismus verwerfen und in der Literatur den lebendigen, frischen und kraftvollen Stil des Marxismus-Leninismus einbürgern. Dieser Literaturstil existiert bereits seit langem, ist jedoch noch nicht voll ausgebildet und allgemein verbreitet. Nachdem wir den ausländischen und den Parteischematismus zerschlagen haben werden, wird der neue Stil voll ausgebildet und allgemein verbreitet werden können, und dann werden wir auch die revolutionäre Sache der Partei vorwärtstreiben können.

Der Parteischematismus äussert sich nicht nur in Artikeln und Reden, sondern auch in unseren Versammlungen:

„1. Eröffnung der Versammlung; 2. Referat; 3. Diskussion; 4. Schlussfolgerungen; 5. Schliessung der Versammlung.“

Ist es etwa kein Parteischematismus, wenn man sich überall und jederzeit bei allen Zusammenkünften, grossen und kleinen, streng an diese starre Prozedur hält? Wird in einer Versammlung ein „Referat“ gehalten, ist es meist wie folgt aufgebaut: „1. die internationale Lage; 2. die innenpolitische Lage; 3. die Lage im Grenzgebiet; 4. die Lage am eigenen Arbeitsabschnitt.“ Die Versammlung dauert oft vom Morgen bis zum Abend; auch wer nichts zu sagen hat, hält es für nötig, das Wort zu ergreifen, sonst wäre es ihm den Leuten gegenüber peinlich. Kurz, sollten wir nicht auch mit der Erscheinung aufhören, uns, ohne der realen Lage Rechnung zu tragen, an starre alte Formen und an alte Gewohnheiten zu klammern?

Jetzt rufen viele nach einer Wandlung in der Richtung auf die nationale Eigenart, auf die Wissenschaft, auf die Massen, und das ist sehr gut. „Wandlung“ heisst aber völlige Umgestaltung, vom Scheitel bis zur Sohle, inwendig und auswendig. Manche haben in dieser Richtung noch nicht das „Winzigste“ geleistet und ereifern sich schon für eine „Wandlung“! Ich möchte daher diesen Kameraden raten, zuerst einmal jenes „Winzigste“ zu unternehmen und sich hernach an die „Wandlung“ zu machen, da sie andernfalls weiterhin nicht vom Dogmatismus und Parteischematismus loskommen können; das hiesse dann: „flink mit dem Maul, mit der Hand aber faul“, oder: „grosser Ehrgeiz, kleines Talent“, und das Endergebnis wäre gleich Null. So sollte sich beispielsweise einer, der gern den Mund voll nimmt über eine Wandlung zu den Massen hin, während er sich in seinem engen Kreis herumdreht, gut in acht nehmen: Es könnte ihn nämlich eines Tages ein Mann aus der Masse auf der Strasse anhalten und ihn auffordern: „Lassen Sie mich doch bitte einmal sehen, mein Herr, wie Sie sich gewandelt haben!“ Und dann wird er weder aus noch ein wissen. Wer für die Wandlung zu den Massen hin nicht nur in Worten eintritt, sondern sie wirklich durchführen will, der muss ernsthaft vom einfachen Volk lernen, sonst wird er sich niemals „wandeln“ können. Es gibt Leute, die Tag für Tag nach einer Wandlung zu den Massen hin rufen, aber selbst keine drei Sätze in der Sprache des einfachen Volkes hervorbringen können. Das beweist, dass sie gar nicht entschlossen sind, vom einfachen Volk zu lernen, sondern sich in Wirklichkeit nach wie vor in ihrem engen Kreis bewegen.

An die Teilnehmer dieser Versammlung wurde heute eine Broschüre Wegweiser für die Propagandaarbeit verteilt. Sie enthält vier Lesestücke, die ich den Kameraden zur wiederholten Lektüre empfehle.

Das erste Dokument sind Auszüge aus der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang“, in denen darüber berichtet wird, wie Lenin Propagandaarbeit leistete. Darin wird unter anderem beschrieben, wie Lenin Flugblätter verfasste:

Unter Lenins Führung begann der Petersburger ‚Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse‘ zum erstenmal in Russland die Vereinigung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung in die Tat umzusetzen. Wenn in irgendeiner Fabrik ein Streik ausbrach, so reagierte der ‚Kampfbund‘, der durch die Teilnehmer seiner Zirkel über die Lage in den Betrieben gut unterrichtet war, unverzüglich durch Herausgabe von Flugblättern, durch Herausgabe sozialistischer Aufrufe. In diesen Flugblättern wurden die von den Fabrikherren an den Arbeitern verübten Drangsalierungen gegeisselt, wurde erläutert, wie die Arbeiter für ihre Interessen kämpfen sollen, wurden die Forderungen der Arbeiter veröffentlicht. In den Flugblättern wurde über die Eiterbeulen des Kapitalismus, über das elende Leben der Arbeiter, über ihre masslos schwere, 12- bis 14-stündige Arbeit, über ihre rechtlose Lage die volle Wahrheit gesagt. Hier wurden auch die entsprechenden politischen Forderungen gestellt.“

Man merke sich: „Gut unterrichtet“, „die volle Wahrheit gesagt“! Ende des Jahres 1894 schrieb Lenin unter Teilnahme des Arbeiters Babuschkin das erste dieser Agitationsflugblätter und einen Aufruf an die streikenden Arbeiter des Semjannikow-Werkes in Petersburg. Man muss sich beim Schreiben von Flugblättern mit Kameraden beraten, die über die Lage gut unterrichtet sind. Eben auf diese Weise, auf Grund der Untersuchungen und Forschungen, schrieb und arbeitete Lenin.

Durch jedes dieser Flugblätter wurde der Mut der Arbeiter erheblich gesteigert. Die Arbeiter sahen, dass die Sozialisten ihnen helfen und sie verteidigen.“5

Sind wir mit Lenin einverstanden? Wenn ja, dann müssen wir im Leninschen Geist arbeiten. Dann darf es keine endlose Phrasendrescherei und kein gegenstandsloses Geschwätz geben; dann dürfen wir keine Pfeile abschiessen, ohne ein Ziel vor uns zu haben, dürfen wir das Publikum nicht vergessen; dann dürfen wir nicht von uns eingenommen sein und bombastische Tiraden von uns geben. Wir müssen so arbeiten, wie Lenin gearbeitet hat.

Das zweite Lesestück enthält Auszüge aus dem Referat Georgi Dimitroffs auf dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KI). Was sagte da Dimitroff? Er sagte:

Man muss es lernen, mit den Massen nicht in Bücherformeln zu sprechen, sondern in der Sprache von Kämpfern für die Sache der Massen; von Kämpfern, bei denen jedes Wort, jeder Gedanke das Denken und Fühlen der Millionen widerspiegelt.

[…] dass es den breiten Massen unmöglich ist, sich unsere Beschlüsse anzueignen, wenn wir es nicht lernen werden, in einer den Massen verständlichen Sprache zu sprechen. Wir verstehen es bei weitem nicht immer, schlicht, konkret, in Bildern zu reden, die den Massen naheliegen und begreiflich sind. Wir können immer noch nicht auf auswendig gelernte und abstrakte Formeln verzichten. In der Tat, seht euch unsere Flugblätter, Zeitungen, Resolutionen und Thesen an, und ihr werdet sehen, dass sie oft in einer solchen Sprache abgefasst, so schwerfällig geschrieben sind, dass sie sogar für Funktionäre unserer Parteien schwer verständlich sind, ganz zu schweigen von den einfachen Arbeitern.“

Nun, wie ist das? Zeigt er damit nicht mit dem Finger gerade auf unsere wunde Stelle? Gewiss, den Parteischematismus gibt es nicht nur in China, es gibt ihn auch im Ausland, offensichtlich handelt es sich um eine verbreitete Krankheit. (Heiterkeit.) Aber dennoch müssen wir unsere eigene Krankheit so rasch wie möglich kurieren, indem wir den Weisungen des Kameraden Dimitroff folgen.

Jeder von uns muss sich folgende elementare Regel wie ein Gesetz, wie ein bolschewistisches Gesetz gründlich zu eigen machen:

Wenn du schreibst und sprichst, so musst du stets an den einfachen Arbeiter denken, der dich verstehen, deinem Rufe glauben und dir mit Bereitschaft folgen soll. Du musst daran denken, für wen du schreibst und zu wem du sprichst.“6

Dieses Rezept zur Heilung der Krankheit hat uns die Kommunistische Internationale gegeben, und wir müssen uns daran halten. Möge es für uns zu einer „Regel“ werden!

Das dritte Lesestück ist Lu Hsüns Werken entnommen. Es ist ein Antwortbrief an die Redaktion der Zeitschrift Bedou-Dsadscha,7 in dem Lu Hsün auseinandersetzt, wie man einen Artikel schreiben soll. Was sagt er? Er stellt alles in allem acht Regeln für das Artikelschreiben auf, von denen ich nun einige anführen will.

Die erste Regel: „Auf die verschiedensten Dinge achtgeben, recht viel beobachten, nicht auf den ersten Eindruck hin schreiben.“

Er sagt: „Auf die verschiedensten Dinge achtgeben“, nicht gerade auf ein Ding oder ein halbes Ding. Er sagt: „Recht viel beobachten“ und nicht bloss einen Blick oder einen halben Blick hinwerfen. Und wie verfahren wir? Machen wir nicht das genaue Gegenteil und schreiben auf den ersten Eindruck hin?

Die zweite Regel: „Zwinge dich nicht zum Schreiben, wenn du nichts zu schreiben hast.“

Und wie verfahren wir? Zwingen wir uns nicht oft, viele Seiten voll zu schreiben, wenn es auch ganz klar ist, dass wir nichts im Kopf haben? Ohne Forschung, ohne Untersuchung zur Feder greifen und „sich zum Schreiben zwingen“ ist verantwortungslos.

Die vierte Regel: „Lies das Geschriebene mindestens zweimal durch und bemühe dich, entbehrliche Worte, Sätze und Absätze schonungslos zu streichen. Verdichte lieber den Stoff für eine Erzählung zu einer Skizze, hüte dich dagegen stets davor, einen nur für eine Skizze ausreichenden Stoff zu einer Erzählung breitzuwalzen.“

Konfuzius gab den Rat, „zweimal zu überlegen“8, und Han Yü sagte: „Dein Handeln hat Erfolg, wenn es durchdacht ist.“9 So hiess es in der alten Zeit. Heute sind die Dinge sehr kompliziert. Es gibt Angelegenheiten, über die man sogar drei- und viermal nachdenken muss — und auch das ist noch zuwenig. Lu Hsün rät, „mindestens zweimal durchzulesen“. Und höchstens? Darüber sagt er nichts; ich aber glaube, dass es durchaus nicht schaden würde, einen wichtigen Artikel zehnmal und noch öfter durchzulesen, ihn gewissenhaft zu redigieren und erst dann zu veröffentlichen. Ein Artikel ist die Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit, die Wirklichkeit ist aber kurvenreich und kompliziert; erst wenn man sie immer wieder studiert hat, kann man sie richtig widerspiegeln. Dabei oberflächlich und nachlässig sein heisst die elementarsten Kenntnisse der literarischen Arbeit nicht besitzen.

Die sechste Regel: „Keine Adjektive und andere Ausdrücke erdichten, die ausser dir selbst niemand versteht.“

Wir „erdichten“ zuviel, und „niemand versteht“ das alles. Ein Satz wird auf vierzig bis fünfzig Wörter ausgedehnt, und in ihm wimmelt es von „Adjektiven und anderen Ausdrücken, die niemand versteht“. Viele, die mit Worten Lu Hsün stets eifrig beipflichten, sind gerade diejenigen, die ihm zuwiderhandeln!

Das letzte Lesestück ist eine Stelle aus einem auf dem 6. Plenum des auf dem 6. Parteitag gewählten Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gehaltenen Referat, die von der Wandlung unserer Propaganda im Sinne eines nationalen Stils handelt. Auf diesem Plenum, das 1938 stattfand, sagten wir, dass „jedes von den Besonderheiten Chinas losgelöste Gerede über Marxismus bloss ein abstrakter, hohler Marxismus ist“. Das bedeutet, dass es notwendig ist, jedes leere Gerede über Marxismus zu bekämpfen; ein Kommunist, der in China lebt, muss den Marxismus in Verbindung mit der Praxis der chinesischen Revolution studieren.

In diesem Referat heisst es weiter:

Man muss die ausländischen Schemata beseitigen; weniger hohle und abstrakte Phrasen dreschen und den Dogmatismus ruhen lassen; an ihre Stelle sollen der frische, lebhafte chinesische Stil und die frische, lebhafte chinesische Manier treten, die bei den einfachen Menschen Chinas beliebt sind. Den internationalistischen Inhalt von der nationalen Form loslösen können nur Leute, die nichts vom Internationalismus verstehen; wir jedoch müssen das eine mit dem anderen eng verbinden. In dieser Frage gibt es in unseren Reihen ernste Fehler, die wir gewissenhaft überwinden müssen.“

Hier wird dazu aufgerufen, die ausländischen Schemata zu beseitigen; es gibt aber Kameraden, die sie in der Praxis noch immer fördern. Hier wird dazu aufgerufen, weniger hohle und abstrakte Phrasen zu dreschen; es gibt aber Kameraden, die sie beharrlich weiterhin dreschen. Hier wird dazu aufgerufen, den Dogmatismus ruhen zu lassen; es gibt aber Kameraden, die ihn aus dem Bett rufen. Mit einem Wort, vielen ging das von dem 6. Plenum des Zentralkomitees der KPCh angenommene Referat zu einem Ohr hinein, zum anderen wieder hinaus, als hätten sie mit Absicht dagegen Stellung genommen.

Das Zentralkomitee hat nun den Beschluss gefasst, dass mit dem Parteischematismus, dem Dogmatismus und ähnlichen Erscheinungen ein für allemal restlos aufgeräumt wird, und eben deshalb habe ich hier soviel davon gesprochen. Ich hoffe, dass die Kameraden über das, was ich gesagt habe, nachdenken und es analysieren werden, dass gleichzeitig jeder einzelne seinen eigenen Fall analysieren wird. Ein- jeder soll gut über sich selbst nachdenken, sich mit seinen engsten Freunden und den Kameraden seiner Umgebung über das, was ihm klargeworden ist, aussprechen und seine Fehler tatsächlich korrigieren.

1Der ausländische Schematismus wurde nach der Bewegung des 4. Mai von bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intellektuellen, die jedes tieferen Gedankens bar sind, entwickelt und war, nachdem er von diesen verbreitet wurde, unter den revolutionären Kulturschaffenden eine lange Zeit in Umlauf. Lu Hsün wandte sich in vielen Artikeln gegen den ausländischen Schematismus in den Reihen der revolutionären Kulturschaffenden, und er kritisierte diesen ausländischen Schematismus mit den Worten: „Jeder Schematismus — sei es nun der alte, sei es der neue — muss restlos ausgemerzt werden […] Wenn jemand beispielsweise nichts anderes kann als ‚schimpfen‘, ‚einschüchtern‘ und sogar so weit geht, ‚Urteile zu fällen‘, aber nicht gewillt ist, die von der Wissenschaft gewonnenen Formeln konkret und im Einklang mit der Wirklichkeit anzuwenden, um die täglich neuauftretenden Tatsachen und Erscheinungen zu erklären, vielmehr lediglich fertige Formeln abschreibt und sie unterschiedslos auf alle und jegliche Tatsachen anwendet, so ist das gleichfalls ein Schematismus.“ (Aus dem „Antwortschreiben an Dschu Hsiu-hsia“.)

2Siehe Anmerkung 35 zur Arbeit „Strategische Probleme des revolutionären Krieges in China“, Ausgewählte Werke Mao Tse-tungs, Bd. 1, S. 297 f.

3Das ist der Titel einer Arbeit Lu Hsüns. Sie wurde im Jahre 1932 geschrieben und ist in der Sammlung „Nördliche Melodien und Südliche Weisen enthalten“ (Lu Hsüns Werke, Bd. 5).

4Städtische vagierende Elemente, die keine nutzbringende Arbeit leisteten, sondern von Bettelei und Diebstahl lebten, wurden in Schanghai Biäsan“ genannt. Im allgemeinen waren das auffallend dürre Gestalten.

5Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolscbewiki), Kurzer Lehrgang, Kapitel 1.

6Siehe das Schlusswort Georgi Dimitroffs auf dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale: „Für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus“, Teil 6, „Es genügt nicht, eine richtige Linie zu haben“.

7Die Monatsschrift Bedou Dsadschi (Des Genosse Bär) wurde vom Bund linker Schriftsteller Chinas in den Jahren 1931-32 herausgegeben. Lu Hsüns Artikel „Antwort an die Redaktion der Zeitschrift Bedou Dsadschi“ ist in der Sammlung „Zwei Herzen enthalten“ (Lu Hsüns Werke, Bd. 4).

8Lunyü (Gespräche), Buch 5, „Gungyä Tschang“.

9Han Yü (8.-9. Jahrhundert u. Z.) war ein hervorragender Schriftsteller der Tang-Zeit. In seinem Essay „Einführung in die Wissenschaft“ schrieb er: „Dein Handeln hat Erfolg, wenn es durchdacht ist; Gedankenlosigkeit führt zum Misserfolg.“