Mao Tse-tung: “Rundschreiben über die Lage”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

RUNDSCHREIBEN ÜBER DIE LAGE

Mao Tse-tung
20.03.1948

Ausgewählte Werke
Band 4
Reproduziert von
Die Rote Fahne

RUNDSCHREIBEN ÜBER DIE LAGE

Ein innerparteiliches Rundschreiben des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, das Vorsitzender Mao Tse-tung verfasst hat. Anschliessend begab sich das Zentralkomitee der Partei aus dem Grenzgebiet Schensi-Kansu-Ningsia über das befreite Gebiet Schansi-Suiyüan nach dem befreiten Gebiet Schansi-Tschahar-Hopeh und traf im Mai 1948 im Dorf Hsibaipo, Kreis Pingschan, Westhopeh, ein.

1. In den letzten Monaten hat das Zentralkomitee die ganze Kraft darauf konzentriert, die in der neuen Lage entstandenen Probleme der konkreten Politik und Taktik in bezug auf die Bodenreform, die Industrie und den Handel, die Einheitsfront, die Konsolidierung der Partei und die Arbeit in den neuen befreiten Gebieten zu lösen; gleichzeitig hat es rechte und „linke“ Abweichungen innerhalb der Partei bekämpft, hauptsächlich „linke“ Abweichungen. Die Geschichte unserer Partei zeigt, dass in einer Periode der Einheitsfront unserer Partei mit der Kuomintang rechte Abweichungen und in einer Periode des Bruchs zwischen den beiden Parteien „linke“ Abweichungen aufzutreten pflegen. Gegenwärtig bestehen die „linken“ Abweichungen hauptsächlich darin, dass man die Interessen der Mittelbauern und der nationalen Bourgeoisie beeinträchtigt; dass man in der Gewerkschaftsbewegung einseitig das unmittelbare materielle Wohl der Arbeiter betont; dass man in der Behandlung der Grundherren und Grossbauern, der grossen, mittleren und kleinen Grundherren sowie der despotischen und nichtdespotischen Grundherren keine Unterschiede macht; dass man den Grundherren die notwendigen Unterhaltsmittel versagt, wie sie ihnen nach dem Prinzip der gleichmässigen Verteilung gegeben werden sollten; dass man im Kampf zur Unterdrückung der Konterrevolutionäre gewisse Grenzen in der Politik überschreitet, die politischen Parteien, welche die nationale Bourgeoisie vertreten, sowie die aufgeklärten Schenschi ablehnt; dass man in den neuen befreiten Gebieten die taktische Bedeutung der Einengung der Angriffsfläche (das heisst die Neutralhaltung der Grossbauern und kleinen Grundherren) ignoriert und keine Geduld zu einer Schrittweisen Arbeit aufbringt. In den vergangenen rund zwei Jahren traten diese „linken“ Abweichungen mehr oder weniger in allen befreiten Gebieten auf, und in einigen Fällen haben sie sich zu ernstlichen abenteuerlichen Tendenzen ausgewachsen. Glücklicherweise ist es nicht sehr schwer, diese Abweichungen zu berichtigen; in den vergangenen Monaten wurden sie im wesentlichen berichtigt, oder sie werden jetzt berichtigt. Doch nur wenn sich die leitenden Funktionäre auf allen Ebenen eifrig bemühen, können diese Abweichungen gründlich korrigiert werden. Die rechten Abweichungen bestehen hauptsächlich darin, dass man die Stärke des Feindes überschätzt und die umfangreiche Hilfe der USA für Tschiang Kai-schek fürchtet; dass man des langwierigen Krieges mehr oder weniger überdrüssig wird; dass man gewissen Zweifel an der Macht der demokratischen Kräfte der Welt hegt und sich nicht traut, die Massen kühn zur Abschaffung des Feudalsystems zu mobilisieren; dass man gegenüber Unreinheiten in der Klassenzusammensetzung der Partei und in ihrem Arbeitsstil gleichgültig ist. Jetzt sind aber diese Abweichungen nicht die hauptsächlichen, und es ist nicht schwer, sie zu berichtigen. In den letzten Monaten hat unsere Partei im Krieg, bei der Bodenreform, bei der Konsolidierung der Partei und Konsolidierung der Armee, bei der Errichtung neuer befreiter Gebiete und Gewinnung der demokratischen Parteien und Gruppen Erfolge erzielt; und sie hat mit Nachdruck die Abweichungen berichtigt, die in allen diesen Arbeitsbereichen vorkamen, oder berichtigt sie jetzt. Dadurch kann die ganze revolutionäre Bewegung Chinas auf die Bahn einer gesunden Entwicklung geleitet werden. Nur wenn die Politik und die Taktik der Partei in ihrer Gesamtheit im richtigen Geleise sind, wird die chinesische Revolution siegen können. Politik und Taktik sind das Leben der Partei; die führenden Kameraden aller Ebenen müssen der Politik und Taktik höchste Aufmerksamkeit zuwenden, dürfen sie unter keinen Umständen auf die leichte Achsel nehmen.

2. Gewisse demokratische Persönlichkeiten, die geglaubt hatten, es könnte immer noch einen sogenannten dritten Weg1 geben, und die eine Mittelstellung zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei eingenommen hatten, weil sie sich gewissen Illusionen über die USA und Tschiang Kai-schek hingaben und an der genügenden Stärke unserer Partei und des Volkes zur Niederschlagung aller inneren und äusseren Feinde zweifelten, gerieten angesichts des Überraschungsangriffs der Kuomintang in eine passive Lage; im Januar 1948 nahmen sie schliesslich die Losungen unserer Partei an und erklärten sich gegen Tschiang Kai-schek und die USA und für das Bündnis mit der Kommunistischen Partei und mit der Sowjetunion.2 Diesen Leuten gegenüber müssen wir eine Politik des Zusammenschlusses verfolgen, dabei aber ihre falschen Ansichten in angemessener Weise kritisieren. Wenn in der Zukunft eine zentrale Volksregierung gebildet sein wird, wird es notwendig und vorteilhaft sein, einige von ihnen zur Mitarbeit bei der Regierung einzuladen. Es ist charakteristisch für solche Leute, dass sie immer nicht gewillt sind, in Berührung mit den werktätigen Massen zu kommen, dass sie sich an das Leben in der Grossstadt gewöhnt haben und zögern, in die befreiten Gebiete zu gehen. Trotzdem ist die von ihnen vertretene soziale Basis, die nationale Bourgeoisie, von Bedeutung und darf nicht ignoriert werden. Darum ist es notwendig, sie zu gewinnen. Wir nehmen an, dass diese Leute — nachdem wir noch grössere Siege errungen und eine Anzahl von Städten wie Schenyang, Peiping und Tientsin eingenommen haben und es vollkommen klar ist, dass die Kommunistische Partei siegen und die Kuomintang verlieren wird — wenn wir sie einladen, an der zentralen Volksregierung teilzunehmen, wahrscheinlich gewillt sein werden, in die befreiten Gebiete zu kommen und mit uns zusammenzuarbeiten.

3. Wir haben nicht die Absicht, in diesem Jahr eine zentrale Volksregierung zu errichten, weil die Zeit dazu noch nicht reif ist. Nachdem die Pseudo-Nationalversammlung in diesem Jahr Tschiang Kai-schek zum Präsidenten gewählt haben3 und dessen Ruf noch schlechter geworden sein wird, nachdem wir grössere Siege errungen, unser Territorium erweitert und dabei womöglich ein oder zwei der grössten Städte eingenommen haben werden und wenn Nordostchina, Nordchina, Schantung, Nordkiangsu, Honan, Hupeh und Anhui ein einziges zusammenhängendes Gebiet bilden werden, wird es absolut notwendig sein, eine zentrale Volksregierung zu errichten. Das wird wahrscheinlich 1949 der Fall sein. Zur Zeit sind wir dabei, die Gebiete Schansi-Tschahar-Hopeh und Schansi-Hopeh-Schantung-Honan sowie das Gebiet Bohai in Schantung unter der Leitung eines einzigen Parteikomitees (des Nordchina-Regionalbüros), einer einzigen Regierung und eines einzigen Militärorgans zu vereinigen (der Einschluss des Gebiets Bohai kann für eine Weile hinausgeschoben werden); diese drei Gebiete umfassen ausgedehnte Territorien nördlich der Lunghai-Eisenbahnlinie, westlich der Eisenbahnlinie Tientsin-Pukou und des Bohai-Golfs, östlich der Eisenbahnlinie Datung-Pudschou und südlich der Eisenbahnlinie Peiping-Suiyüan.4 Sie bilden bereits ein zusammenhängendes Gebiet mit einer Gesamtbevölkerung von 60‘000‘000 Menschen, und ihre völlige Verschmelzung wird höchstwahrscheinlich bald erfolgen können. Dadurch wird es möglich sein, die Kriegsoperationen an der Südfront tatkräftig zu unterstützen und viele Kader in die neuen befreiten Gebiete zu entsenden. Das Führungszentrum dieses vereinigten Gebiets wird in Schidjiadschuang liegen. Das Zentralkomitee bereitet sich auch vor, seinen Sitz nach Nordchina zu verlegen, und sein Arbeitsausschuss wird sich mit ihm vereinigen.

4. Unsere Truppen an der Südfront haben sich von Dezember bis Februar ausgeruht, konsolidiert und ausgebildet; es handelt sich um 9 Brigaden der Schantung-Armee, 7 Brigaden der Nordkiangsu-Armee, 21 Brigaden der Armee des Gebiets zwischen dem Gelben Fluss und dem Huai-Fluss, 10 Brigaden der Armee des Gebiets Honan-Hupeh-Schensi, 19 Brigaden der Armee des Gebiets zwischen dem Yangtse, dem Hai-Fluss und dem Han-Fluss, 12 Brigaden der Nordwest-Armee und 12 Brigaden der Armee von Südschansi und Nordhonan. Die einzige Ausnahme bilden die Hauptkräfte der unter Liu Bo-tscheng und Deng Hsiao-ping stehenden Armee des Gebiets zwischen dem Yangtse, dem Huai-Fluss und dem Han-Fluss, die keine Ruhepause, keine Konsolidierungs- und Ausbildungsmöglichkeit hatten, weil Bai Tschung-hsi seine Truppen für einen Angriff auf das Dabiä-Gebirge zusammenzog;5 erst Ende Februar konnte ein Teil dieser Armee in den Raum nördlich des Huai-Flusses zum Ausruhen, zur Konsolidierung und Ausbildung entsandt werden. Das war die erste Ruhepause, Konsolidierung und Ausbildung im grossen Ausmass während der vergangenen zwanzig Monate der Kriegsoperationen. Hierbei wandten wir folgende Methoden an: die öffentliche Klageführung der Massen (Klage über die Leiden, welche die alte Gesellschaft und die Reaktionäre dem werktätigen Volk zugefügt haben), die dreifache Überprüfung (Überprüfung der Klassenherkunft, der Arbeitsleistung und des Kampfwillens) und die massenhafte militärische Ausbildung (die Offiziere lehren die Soldaten, die Soldaten lehren die Offiziere, ein Soldat lehrt den anderen). Mittels dieser Methoden entwickelten wir unter den Kommandeuren und Kämpfern der ganzen Armee eine hohe revolutionäre Aktivität; wir erzogen die Grundherren, Grossbauern und schlechten Elemente um, die wir in einigen unserer Armee-Einheiten vorfanden, oder entfernten sie; wir strafften die Disziplin und stellten die verschiedenen politischen Richtlinien hinsichtlich der Bodenreform, die Politik für Industrie und Handel sowie für die Intellektuellen klar; wir entfalteten in der Armee den demokratischen Arbeitsstil und hoben das Niveau des militärischen Könnens und der militärischen Taktik. Dadurch erhöhte sich gewaltig die Kampfkraft unserer Armee. Mit Ausnahme jener Truppeneinheiten der von Liu Bo-tscheng und Deng Hsiao-ping geführten Armee, die sich immer noch ausruhen, konsolidieren und ausbilden, haben alle unsere Armeen seit Ende Februar oder Anfang März nacheinander neue Kampfhandlungen begonnen, und in zwei Wochen haben sie 9 feindliche Brigaden vernichtet. Von unseren Truppen an der Nordfront — 46 Brigaden der Nordost-Armee, 18 Brigaden der Armee des Gebiets Schansi-Tschahar-Hopeh und 2 Brigaden der Armee des Gebiets Schansi-Suiyüan — hat der grössere Teil den Winter hindurch gekämpft, während ein Teil sich ausruhte, konsolidierte und ausbildete. Als der Liao-Fluss zugefroren war, nutzte unsere Nordost-Armee diese Gelegenheit, und in drei Monate währenden Kämpfen vernichtete sie 8 feindliche Brigaden, erreichte es, dass 1 feindliche Brigade rebellierte und auf unsere Seite überging, nahm Dschangwu, Faku, Hsinlitun, Liaoyang, Anschan, Yingkou und Sipingdjiä ein und eroberte Kirin zurück. Diese Armee hat nun begonnen, sich auszuruhen, zu konsolidieren und auszubilden. Nach dieser Pause wird sie entweder einen Schlag gegen Tschangtschun führen oder den Feind längs der Eisenbahnlinie Peiping-Liaoning angreifen. Die Armee des Gebiets Schansi-Tschahar-Hopeh hat sich mehr als einen Monat lang ausgeruht, konsolidiert und ausgebildet. Sie rückt nun zur Eisenbahnlinie Peiping-Suiyüan vor. Die Armee des Gebiets Schansi-Suiyüan ist zahlenmässig relativ klein, und ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Truppen Yän Hsi-schans zu binden. An der südlichen und nördlichen Front haben wir insgesamt 10 reguläre Armeen verschiedener Grösse, die aus 50 Kolonnen der regulären Truppen bestehen (jede Kolonne entspricht einer reorganisierten Kuomintang-Division) oder aus 156 Brigaden (jede Brigade entspricht einer reorganisierten Kuomintang-Brigade); alle zusammen zählen über 1‘322‘000 Mann, wobei jede Brigade (3 Regimenter) durchschnittlich etwa 8‘000 Mann stark ist. Dazu kommen noch mehr als 1‘168‘000 Mann irregulärer Truppen (800‘000 Mann davon sind Kampftruppen), zu denen regionale Verbände, örtliche Einheiten, Guerillaabteilungen, militärische Organe im Hinterland und Militärakademien gehören. Unsere ganze Armee beträgt daher insgesamt mehr als 2‘491‘000 Mann. Vor dem Juli 1946 hatten wir hingegen nur 28 Kolonnen regulärer Truppen oder 118 Brigaden mit insgesamt mehr als 612000 Mann, wobei jede Brigade (3 Regimenter) durchschnittlich weniger als 5‘000 Mann zählte. Einschliesslich der über 665‘000 Mann irregulärer Truppen machte das eine Gesamtzahl von mehr als 1‘278‘000 Mann aus. Man ersieht daraus, dass unsere Armee gewachsen ist. Die Zahl der Brigaden hat sich zwar nicht stark vermehrt, der Mannschaftsbestand jeder Brigade hat sich jedoch beträchtlich vergrössert. Nach zwanzig Monaten Kriegführung ist auch unsere Kampfkraft bedeutend gestiegen.

5. Vom Juli 1946 bis zum Sommer 1947 betrug die reguläre Kuomintang-Armee 93 Divisionen mit 248 Brigaden, jetzt hat sie Truppenbezeichnungen für 104 Divisionen mit 279 Brigaden. Ihre Verteilung ist folgende: An der Nordfront befinden sich 29 Divisionen mit 93 Brigaden in einer Stärke von etwa 550‘000 Mann (13 Divisionen mit 45 Brigaden unter We Li-huang in Schenyang, 2 Divisionen mit 33 Brigaden unter Fu Dsuo-yi in Peiping, 5 Divisionen mit 15 Brigaden unter Yän Hsi-schan in Taiyüan); an der Südfront befinden sich 66 Divisionen mit 158 Brigaden, insgesamt ungefähr 1‘060‘000 Mann (38 Divisionen mit 86 Brigaden unter Gu Dschu-tung in Dschengdschou, 14 Divisionen mit 33 Brigaden unter Bai Tschung-hsi in Djiudjiang und 14 Divisionen mit 39 Brigaden unter Hu Dsung-nan in Sian); in der zweiten Linie stehen 9 Divisionen mit 28 Brigaden (4 Divisionen mit 8 Brigaden im Nordwesten, die Gegend westlich von Landschou mit eingerechnet; 4 Divisionen mit 10 Brigaden im Südwesten, die Provinzen Szetschuan, Sikang, Yünnan und Kueitschou mit eingerechnet; 8 Brigaden im Südosten, die Provinzen südlich des Yangtse mit eingerechnet; und 1 Division mit 2 Brigaden in Taiwan), insgesamt ungefähr 196000 Mann. Der Grund, warum die Zahl der Truppenbezeichnungen der regulären Kuomintang-Armee sich erhöht hat, liegt darin, dass die Kuomintang-Truppen, nachdem eine bedeutende Anzahl von ihnen durch unsere Armee vernichtet worden und sie von der strategischen Offensive zur strategischen Defensive übergegangen waren, ihren Mangel an Truppen deutlich spürten und daher viele örtliche Streitkräfte und Marionettentruppen zu regulären Einheiten beförderten oder reorganisierten. Auf diese Weise wurden zusätzlich an der Nordfront 3 Divisionen mit 14 Brigaden dem Kommando We Lihuangs und 2 Divisionen mit 6 Brigaden dem Kommando von Fu Dsuo-yi, an der Südfront 6 Divisionen mit 9 Brigaden dem Kommando von Gu Dschu-tung und 2 Brigaden dem Kommando Hu Dsung-nans unterstellt. Die Gesamtzunahme betrug 2 Divisionen oder 31 Brigaden. Folglich verfügt die Kuomintang-Armee jetzt über 104 Divisionen statt 93 und über 279 Brigaden statt 248. Doch erstens existieren die 6 Divisionen mit 29 Brigaden, die in den vergangenen Monaten (bis zum 20. März) von uns vernichtet wurden, jetzt nur noch dem Namen nach; man ist bisher nicht dazugekommen, sie wieder aufzubauen oder zu ergänzen, und wahrscheinlich können einige von ihnen niemals wieder aufgebaut bzw. ergänzt werden; daher besitzt die Kuomintang-Armee jetzt tatsächlich nur 98 Divisionen mit 250 Brigaden, hat also seit dem Sommer vergangenen Jahres nur einen Zuwachs von 5 nominellen Divisionen und 2 reellen Brigaden zu verzeichnen. Zweitens haben von den 250 Brigaden, die wirklich existieren, nur 116 keine vernichtenden Schläge von unserer Armee erhalten, die übrigen 132 Brigaden wurden von unserer Armee einmal, zweimal oder sogar dreimal vernichtet, worauf man sie wieder ergänzt hat; oder sie haben einmal, zweimal oder sogar dreimal von unserer Armee vernichtende Schläge erhalten (eine Brigade gilt als vernichtet, wenn sie vollständig oder zum grösseren Teil vernichtet ist; wenn eins oder etwas mehr als eins ihrer Regimenter vernichtet worden sind, ihre Hauptkräfte aber noch keine Verluste erlitten haben, dann spricht man von einem vernichtenden Schlag), und ihre Moral und Kampfkraft sind bedeutend gesunken. Die 118 Brigaden, die noch keine vernichtenden Schläge erhalten haben, bestehen teils aus Rekruten, die in der zweiten Linie ausgebildet wurden, teils aus örtlichen Einheiten und Marionettentruppen, die befördert oder reorganisiert wurden; ihre Kampfkraft ist sehr gering. Drittens sind die Kuomintang-Streitkräfte auch zahlenmässig zusammengeschrumpft. Vor dem Juli 1946 beliefen sie sich auf 2‘000‘000 Mann regulärer Truppen, 738‘000 Mann irregulärer Einheiten, 367000 Mann Sondertruppen, 190‘000 Mann See- und Luftstreitkräfte, 1‘100‘000 Mann der rückwärtigen militärischen Dienststellen und Militärakademien — insgesamt 4‘305‘000 Mann. Im Februar 1948 zählten jedoch ihre regulären Truppen 1‘810‘000 Mann, die irregulären Einheiten 560‘000, die Sondertruppen 280‘000, die See-und Luftstreitkräfte 190‘000, die rückwärtigen militärischen Dienststellen und Militärakademien 810‘000 Mann, betrug also ihre Gesamtstreitmacht 3‘650‘000 Mann, was eine Abnahme von 655‘000 Mann bedeutet. In den 19 Monaten vom Juli 1946 bis Januar 1948 hat unsere Armee insgesamt 1‘977‘000 Mann Kuomintang-Truppen ausser Gefecht gesetzt (ihre Verluste im Februar und in der ersten Märzhälfte sind statistisch noch nicht erfasst, belaufen sich vermutlich auf etwa 180‘000 Mann), das heisst, die Kuomintang hat nicht nur mehr als 1‘000‘000 Mann verloren, die sie während des Krieges rekrutierte, sondern auch eine grosse Anzahl ihrer ursprünglichen Truppen. Unter diesen Umständen hat die Kuomintang einen Kurs eingeschlagen, der im Gegensatz zu unserem Kurs nicht darauf abzielt, die Brigaden auf ihre volle Stärke zu bringen, sondern ihren Mannschaftsbestand zu verringern und die Zahl der Brigaden numerisch zu erhöhen. Während 1946 die durchschnittliche Stärke einer Kuomintang-Brigade an die 8‘000 Mann betrug, beträgt sie jetzt nur ungefähr 6‘500 Mann. Von jetzt ab werden sich die Gebiete, die unsere Armee einnimmt, von Tag zu Tag weiter ausdehnen, die Truppenressourcen und Nahrungsmittelhilfsquellen der Kuomintang werden aber mit jedem Tag mehr zusammenschrumpfen, so dass nach einem vollen Jahr des Kampfes — im nächsten Frühjahr — unsere Armee und die Kuomintang-Armee schätzungsweise ungefähr den gleichen zahlenmässigen Stand erreichen werden. Unser Kurs besteht darin, mit sicheren Schritten vorwärtszukommen und mit sicheren Schlägen anzugreifen, keine raschen Resultate anzustreben, sondern danach zu trachten, dass wir durchschnittlich jeden Monat ungefähr 8 Brigaden der regulären Kuomintang-Truppen oder ungefähr 100 Brigaden im Jahr vernichten. In Wirklichkeit wurde diese Zahl seit Herbst vorigen Jahres überschritten, und in Zukunft kann sie noch mehr überschritten werden. Es besteht die Möglichkeit, die ganze Kuomintang-Armee im Laufe von ungefähr fünf Jahren (vom Juli 1946 an gerechnet)6 zu vernichten.

6. Gegenwärtig hat der Feind in zwei Gebieten an der Süd- und Nordfront immer noch ziemlich grosse, zum beweglichen Einsatz bereitstehende Streitkräfte, mit denen er operative Offensiven unternehmen und dort unsere Truppen zeitweilig in eine schwierige Lage versetzen kann. Das eine Gebiet liegt im Dabiä-Gebirge, wo der Feind ungefähr 14 mobile Brigaden hat; das andere befindet sich nördlich des Huai-Flusses, wo er über ungefähr 12 solche Brigaden verfügt. In diesen beiden Gebieten halten die Kuomintang-Truppen immer noch die Initiative in den Händen (sie haben die Initiative im Gebiet nördlich des Huai-Flusses, weil wir 9 Brigaden unserer Elitetruppen aus diesem Gebiet abmarschieren liessen für eine Ruhepause, Konsolidierung und Ausbildung nördlich des Gelben Flusses, um sie für andere Zwecke vorzubereiten). Die feindlichen Truppen auf allen anderen Kriegsschauplätzen befinden sich in einer passiven Lage und erhalten Schläge. Die Kriegsschauplätze, auf denen die Lage für uns besonders günstig ist, sind der Nordosten, Schantung, der Nordwesten, Nordkiangsu, das Gebiet Schansi-Tschahar-Hopeh, das Gebiet Schansi-Hopeh-Schantung-Honan und ausgedehnte Gebiete westlich der Eisenbahnlinie Dschengdschou-Hankou, nördlich des Yangtse und südlich des Gelben Flusses.

1Siehe „Die gegenwärtige Lage und unsere Aufgaben“, Anmerkung 8, vorliegender Band, S. 183.

2Im Oktober 1947 ordnete die reaktionäre Kuomintang-Regierung die Auflösung der Demokratischen Liga an. Unter dem Druck der Kuomintang-Reaktionäre veröffentlichten einige wankelmütige Elemente der Demokratischen Liga eine Bekanntmachung über die Auflösung dieser Partei und die Einstellung ihrer Tätigkeit. Seinerzeit wurden auch andere demokratische Parteien und Gruppen von den Kuomintang-Reaktionären verfolgt und konnten in den Gebieten unter der Kuomintang-Herrschaft nicht offen auftreten. Im Januar 1948 beriefen Schen Djün-ju und andere Führer der Demokratischen Liga in Hongkong eine Tagung ein, auf der beschlossen wurde, ihren Führungsstab neu aufzubauen und ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen. Im selben Monat bildeten gleichfalls in Hongkong Li Dji-schen und andere Mitglieder der demokratischen Gruppe der Kuomintang das Revolutionäre Komitee der Kuomintang. Diese beiden Organisationen erklärten sich mit dem Standpunkt der Kommunistischen Partei Chinas zur Lage einverstanden und veröffentlichten Deklarationen, in denen sie für das Bündnis mit der Kommunistischen Partei Chinas und anderen demokratischen Parteien und Gruppen eintraten, den Sturz der Diktatur Tschiang Kai-scheks verlangten und gegen die bewaffnete Einmischung der USA in die inneren Angelegenheiten Chinas auftraten. Auch die wankelmütigen Elemente der Demokratischen Liga haben damals diese Losungen angenommen.

3Vom 24. März bis 1. Mai l948 hielten die Kuomintang-Reaktionäre in Nanking eine Pseudo-„Nationalversammlung“ ab, die Tschiang Kai-schek zum „Präsidenten“ und Li Dsung-jen zum „Vizepräsidenten“ wählte.

4Im Mai 1948 haben sich die befreiten Gebiete Schansi-Tschahar-Hopeh und Schansi-Hopeh-Schantung-Honan vereinigt, und es wurden der Nordchinesische Vereinigte Verwaltungsausschuss und der Nordchinesische Militärbezirk errichtet. Im August desselben Jahres wurde der Nordchinesische Vereinigte Verwaltungsausschuss in Nordchinesische Volksregierung umbenannt.

5Im Dezember 1947 begann Bai Tschung-hsi die Offensive gegen das Dabiä-Gebirge, die dafür eingesetzten Truppen betrugen 33 Brigaden.

6Die gesamte Kuomintang-Armee in etwa fünf Jahren zu vernichten entsprach der damaligen Einschätzung. Später wurde die kalkulierte Zeit auf etwa dreieinhalb Jahre verkürzt. Siehe „Eine bedeutsame Wendung in der militärischen Lage Chinas“, vorliegender Band, S. 305 ff.