Mao Tse-tung: “Strategische Probleme des revolutionären Krieges in China”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

STRATEGISCHE PROBLEME DES REVOLUTIONÄREN KRIEGES IN CHINA

Mao Tse-tung
Dezember 1936

Ausgewählte Werke
Band 1
Reproduziert von
Die Rote Fahne

STRATEGISCHE PROBLEME DES REVOLUTIONÄREN KRIEGES IN CHINA

Der Vorsitzende Mao Tse-tung schrieb die vorliegende Arbeit, um die Erfahrungen des 2. Revolutionären Bürgerkriegs zu verallgemeinern, und benutzte sie für die Vorlesungen, die er zu jener Zeit an der Akademie der Roten Armee in Nordschensi hielt. Der Verfasser bemerkt dazu, dass lediglich fünf Kapitel des Buches vollendet wurden und die Fragen der strategischen Offensive, der politischen Arbeit u. a. nicht mehr dargelegt werden konnten, weil ihm die Sian-Ereignisse keine Zeit dazu liessen. Diese Arbeit zieht das Fazit der grossen Auseinandersetzung, die in der Partei über die militärischen Fragen in der Zeit des Zweiten Revolutionären Bürgerkriegs vor sich gegangen war, und gibt dabei den Auffassungen der einen Linie im Gegensatz zu denen der anderen Linie Ausdruck. Aus dieser Auseinandersetzung hat die Tagung des Politbüros des Zentralkomitees in Dsunyi im Januar 1935 die Schlussfolgerungen gezogen und dabei die Auffassungen des Vorsitzenden Mao Tse-tung bestätigt und die der falschen Linie verworfen. Im Oktober 1935 verlegte das Zentralkomitee seinen Sitz nach Nordschensi, und bald darauf, im Dezember 1935, hielt der Vorsitzender Mao Tse-tung sein Referat „Über die Taktik im Kampf gegen den japanischen Imperialismus“, in welchem die Probleme der politischen Linie der Partei während des 2. Revolutionären Bürgerkriegs systematisch gelöst wurden. Und im folgenden Jahr, d. h. 1936, schrieb der Vorsitzende Mao Tse-tung die vorliegende Arbeit, in der er die strategischen Probleme des revolutionären Krieges in China systematisch darlegte.

1. WIE MAN DEN KRIEG STUDIERT

A. DIE GESETZE DES KRIEGES ENTWICKELN SICH

Die Gesetze des Krieges sind Probleme, die jeder, der einen Krieg leitet, studieren und lösen muss.

Die Gesetze des revolutionären Krieges sind Probleme, die jeder, der einen revolutionären Krieg leitet, studieren und lösen muss.

Die Gesetze des revolutionären Krieges in China sind Probleme, die jeder, der den revolutionären Krieg in China leitet, studieren und lösen muss.

Wir führen jetzt einen Krieg, unser Krieg ist ein revolutionärer Krieg, unser revolutionärer Krieg wird in China, einem halbkolonialen und halbfeudalen Land, geführt. Deshalb müssen wir nicht nur die allgemeinen Gesetze des Krieges, sondern auch die spezifischen Gesetze des revolutionären Krieges und die noch spezifischeren Gesetze des revolutionären Krieges in China studieren.

Wenn man, womit immer man sich beschäftigt, die näheren Umstände der betreffenden Sache, ihren Charakter, ihren Zusammen. hang mit anderen Dingen nicht begriffen hat, dann kennt man, wie jedermann weiss, auch nicht die Gesetze dieser Sache, weiss nicht, wie an sie heranzugehen, kann sie nicht erfolgreich bewältigen.

Kriege, die es seit dem Entstehen des Privateigentums und der Klassen gibt, sind die höchste Kampfform, die bei der Lösung der Widersprüche zwischen Klassen, Nationen, Staaten oder politischen Gruppen angewendet wird, sobald diese Widersprüche eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht haben. Wenn man die näheren Umstände des Krieges, seinen Charakter und seinen Zusammenhang mit anderen Dingen nicht begriffen hat, kennt man auch nicht seine Gesetze, weiss man nicht, wie ihn zu leiten, ist man nicht imstande, ihn zu gewinnen.

Ein revolutionärer Krieg, d. h. ein revolutionärer Klassenkrieg oder ein revolutionärer nationaler Krieg, weist neben den Umständen und Charaktermerkmalen, die dem Krieg im allgemeinen zukommen, seine spezifischen Umstände und Charakterzüge auf. Deshalb wird er nicht nur von den allgemeinen Gesetzen des Krieges, sondern auch von gewissen spezifischen Gesetzen regiert, die ihm eigen sind. Ohne seine spezifischen Umstände und Charakterzüge begriffen zu haben, ohne seine spezifischen Gesetze zu verstehen, ist man nicht in der Lage, einen solchen Krieg zu leiten und ihn siegreich auszufechten.

Ein revolutionärer Krieg in China — sei es ein Bürgerkrieg, sei es ein nationaler Krieg — wird im spezifischen Milieu Chinas geführt, und im Vergleich zum Krieg im allgemeinen sowie zum revolutionären Krieg schlechthin verläuft er unter seinen spezifischen Umständen und hat seinen spezifischen Charakter. Deshalb hat der revolutionäre Krieg in China neben den allgemeinen Gesetzen des Krieges und neben den für alle revolutionären Kriege gemeingültigen Gesetzen auch seine eigenen spezifischen Gesetze. Versteht man diese nicht, dann ist man auch nicht imstande, einen revolutionären Krieg in China zu gewinnen.

Daher müssen wir sowohl die allgemeinen Gesetze des Krieges als auch die Gesetze des revolutionären Krieges und schliesslich auch die Gesetze des revolutionären Krieges in China studieren.

Manche Leute vertreten eine falsche Ansicht, die von uns längst verworfen wurde; diese Leute sagen, es genüge, die allgemeinen Gesetze des Krieges zu studieren, oder, konkret gesprochen, sich an die militärischen Vorschriften zu halten, die von der reaktionären chinesischen Regierung beziehungsweise von den reaktionären chinesischen Militärakademien herausgegeben wurden. Sie begreifen nicht, dass diese Vorschriften lediglich die allgemeinen Gesetze des Krieges darlegen und überdies samt und sonders von ausländischen Quellen abgeschrieben sind; wenn wir sie einfach Wort für Wort abschrieben und uns ihrer ohne die geringste Änderung in Form und Inhalt bedienten, wäre es das gleiche wie “die Füsse beschneiden, damit sie in die Stiefel passen”, und das würde zu einer Niederlage führen. Ihr Argument lautet: Warum müssen wir auf das verzichten, was früher mit Blut erkauft worden ist? Sie begreifen nicht, dass wir zwar die mit Blut erkauften Erfahrungen der Vergangenheit hochhalten sollen, dass wir jedoch auch jene Erfahrungen schätzen müssen, für die wir mit eigenem Blut bezahlt haben.

Von manchen Leuten wird eine andere falsche Ansicht vertreten, die wir auch längst verworfen haben; diese Leute sagen, es genüge, wenn man die Erfahrungen des revolutionären Krieges in Russland studiert, oder, konkret gesprochen, sich an die Gesetze, nach denen der Bürgerkrieg in der Sowjetunion geführt wurde, und an die von den Militärinstitutionen der Sowjetunion herausgegebenen militärischen Vorschriften hält. Sie begreifen nicht, dass in diesen Gesetzen und Vorschriften die Besonderheiten des sowjetischen Bürgerkriegs und der sowjetischen Roten Armee ihren Niederschlag gefunden haben; wenn wir sie einfach Wort für Wort kopierten und uns nach ihnen richteten, ohne irgendwelche Änderungen zu gestatten, dann wäre es wiederum das gleiche wie „die Füsse beschneiden, damit sie in die Stiefel passen“, und das würde ebenfalls zu einer Niederlage führen. Diese Leute argumentieren so: Wir führen einen revolutionären Krieg, wie er in der Sowjetunion geführt wurde; die Sowjetunion hat in ihrem Krieg gesiegt, wie kann es für uns eine andere Möglichkeit geben, als dem Beispiel der Sowjetunion zu folgen? Sie begreifen nicht, dass wir die Kriegserfahrungen der Sowjetunion zwar besonders hochschätzen sollen, weil es die Erfahrungen eines revolutionären Krieges in der jüngsten Zeit sind, die unter der Führung Lenins und Stalins erworben wurden; wir müssen aber auch noch die Erfahrungen des revolutionären Krieges in China schätzen, weil die chinesische Revolution und die chinesische Rote Armee sehr viele eigene Besonderheiten haben.

Es gibt noch eine Art von Leuten, die wieder eine andere falsche Ansicht vertreten, welche wir gleichfalls längst verworfen haben; sie sagen, die Erfahrungen des Nordfeldzugs von 1926-27 seien die wertvollsten, aus denen müssten wir lernen, oder, konkret gesprochen, wir müssten es lernen, ebenso wie die Armee des Nordfeldzugs unaufhaltsam schnurstracks vorzustürmen und die grossen Städte einzunehmen. Sie begreifen nicht, dass man die Erfahrungen des Nordfeldzugs studieren soll, sie aber nicht mechanisch kopieren darf, da die Bedingungen, unter denen wir heute den Krieg führen, anders sind als die damaligen. Wir dürfen vom Nordfeldzug nur das übernehmen, was wir noch unter den heutigen Bedingungen verwerten können, und wir müssen gemäss den gegenwärtigen Umständen etwas Eigenes ausarbeiten.

Daraus folgt, dass die verschiedenen Gesetze, nach denen die jeweiligen Kriege geführt werden, durch die verschiedenen Umstände dieser Kriege — die Verschiedenheit der Zeit, des Ortes und des Charakters — bestimmt werden. Was die Bedingung der Zeit betrifft, entwickeln sich sowohl der Krieg als auch die Gesetze der Kriegführung; jede Geschichtsepoche hat ihre Besonderheiten, und so haben denn auch die Gesetze des Krieges jeweils ihre Besonderheiten, können daher nicht mechanisch von einer Epoche auf eine andere übertragen werden. Was den Charakter des Krieges anbelangt, so hat sowohl der revolutionäre als auch der konterrevolutionäre Krieg jeweils seine Besonderheiten, desgleichen die sie regierenden Gesetze, und was für den einen gilt, darf nicht mechanisch auf den anderen übertragen werden. Was die Bedingung des Ortes betrifft, so hat jeder Staat und jede Nation, vor allem jeder grosse Staat und jede grosse Nation, seine beziehungsweise ihre eigenen Besonderheiten, und so haben denn auch die Gesetze des Krieges für jeden Staat und jede Nation ihre Besonderheiten und können ebensowenig mechanisch von einem Land auf das andere übertragen werden. Wenn wir die Gesetze der Kriegführung an Kriegen studieren, die in verschiedenen historischen Epochen stattfinden, verschiedenen Charakter haben, in verschiedenen Ländern beziehungsweise von verschiedenen Nationen geführt werden, dann müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die jeweiligen Besonderheiten dieser Gesetze und auf ihre Entwicklung konzentrieren, dann müssen wir ein mechanisches Herangehen an das Problem des Krieges bekämpfen.

Damit ist es aber noch nicht genug. Ein Kommandeur macht Fortschritte und entwickelt sich, wenn er zuerst nur eine kleine Truppeneinheit befehligen kann, später aber schon einen grossen Gruppenverband. Ferner ist es auch nicht gleichgültig, ob dies in einer einzigen Gegend geschieht oder aber in vielen Gegenden. Wenn der Kommandeur, der zuerst bloss in einer ihm wohlbekannten Gegend zu operieren versteht, in der Folge lernt, in verschiedenen Gegenden die Kriegshandlungen zu leiten, dann hat er wiederum Fortschritte gemacht und sich entwickelt. Da sich Technik, Taktik und Strategie sowohl beim Feind wie bei uns entwickeln, sind die Verhältnisse in den einzelnen Stadien ein und desselben Krieges untereinander ungleich. Wenn nun der Befehlshaber, der auf einer niedrigen Entwicklungsstufe das Kommando zu führen wusste, auch später, auf einer höheren Stufe, imstande ist, die Truppen zu kommandieren, dann hat er noch grössere Fortschritte gemacht, sich noch weiter entwickelt. Lediglich fähig sein, eine bestimmte Truppeneinheit in einer bestimmten Örtlichkeit, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe des Krieges zu befehligen, heisst keine Fortschritte machen, sich nicht entwickeln. Es gibt Menschen, die sich mit einer einzigen Fähigkeit oder einem eng begrenzten Blickfeld zufriedengeben, aber keine weiteren Fortschritte machen; obwohl sie für die Revolution an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit eine gewisse Rolle spielen können, fällt ihnen doch keine grosse Rolle zu. Wir brauchen militärische Führer, die eine grosse Rolle spielen können. Alle Gesetze der Kriegführung entwickeln sich gemäss der Entwicklung der Geschichte und der Entwicklung des Krieges; nichts bleibt unveränderlich.

B. DAS ZIEL DES KRIEGES IST DIE ABSCHAFFUNG DES KRIEGES

Der Krieg, dieser Moloch, der die Menschen sich gegenseitig abschlachten lässt, wird mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft letzten Endes aus der Welt geschafft werden, und zwar in nicht allzu ferner Zukunft. Es gibt aber nur ein Mittel zur Abschaffung des Krieges: Man muss den Krieg mit dem Krieg bekämpfen, dem konterrevolutionären Krieg den revolutionären Krieg, dem konterrevolutionären nationalen Krieg den revolutionären nationalen Krieg, dem konterrevolutionären Klassenkrieg den revolutionären Klassenkrieg entgegensetzen. In der Geschichte gibt es nur zwei Arten von Kriegen: gerechte und ungerechte. Wir sind für die gerechten Kriege und gegen die ungerechten. Alle konterrevolutionären Kriege sind ungerecht, alle revolutionären Kriege sind gerecht. Die Ära der Kriege im Leben der Menschheit wird durch unsere Hände ihr Ende finden, und zweifellos ist der Krieg, den wir jetzt führen, ein Teil des letzten Ringens. Ebenso steht ausser Zweifel, dass der Krieg, dem wir uns gegenübersehen, einen Teil des grössten und erbarmungslosesten Krieges bilden wird. Uns bedroht der grösste und erbarmungsloseste aller ungerechten konterrevolutionären Kriege, und wenn wir nicht das Banner des gerechten Krieges entfalten, wird der Grossteil der Menschheit ins Unheil gestürzt werden. Das Banner des gerechten Krieges der Menschheit ist das Banner der Rettung der Menschheit. Das Banner des gerechten Krieges Chinas ist das Banner der Rettung Chinas. Der Krieg, den die überwältigende Mehrheit der Menschheit und die überwältigende Mehrheit der Chinesen führt, ist zweifellos ein gerechter Krieg, ist ein höchst erhabenes und ruhmreiches Werk zur Rettung der Menschheit und Chinas, ist die Brücke zu einer neuen Ära der Weltgeschichte. Von dem Zeitpunkt an, da die menschliche Gesellschaft in ihrer fortschreitenden Entwicklung zur Aufhebung der Klassen und des Staates gelangt, wird es auch keinerlei Kriege mehr geben, weder konterrevolutionäre noch revolutionäre, weder ungerechte noch gerechte, und für die Menschheit wird dann das Zeitalter des ewigen Friedens anbrechen. Wenn wir die Gesetze des revolutionären Krieges studieren, so gehen wir von dem Bestreben aus, alle Kriege abzuschaffen, und das ist die Trennungslinie, die uns Kommunisten von allen Ausbeuterklassen scheidet.

C. DIE STRATEGIE IST DIE LEHRE VON DEN GESETZEN DES KRIEGES IN SEINER GESAMTHEIT

Wird ein Krieg geführt, so gibt es stets eine Gesamtsituation des Krieges. Die Gesamtsituation eines Krieges kann die ganze Welt umfassen, sie kann sich auf ein einzelnes Land erstrecken, sie kann auch auf ein selbständiges Guerillagebiet oder eine grössere selbständige Operationsrichtung beschränkt sein. Jede Situation, in der es notwendig ist, die verschiedenen Seiten und die einzelnen Stadien in Betracht zu ziehen, heisst Gesamtsituation des Krieges.

Aufgabe der Strategie ist es, jene Gesetze der Kriegführung zu studieren, welche die Gesamtsituation des Krieges bestimmen. Das Studium jener Gesetze der Kriegführung, die eine Teilsituation bestimmen, ist Aufgabe der operativen Kunst und der Taktik.

Warum ist es notwendig für Kommandeure, die operative bzw. taktische Kampfhandlungen leiten, bis zu einem gewissen Grade die Gesetze der Strategie zu verstehen? Weil man das, was für die Teilsituation gilt, besser anwenden kann, wenn man das für die Gesamtsituation Gültige erfasst hat, und weil der Teil dem Ganzen untergeordnet ist. Die Ansicht, wonach der strategische Sieg allein durch taktische Erfolge entschieden werde, ist falsch, denn dabei wird übersehen, dass Sieg oder Niederlage in einem Krieg hauptsächlich und vor allem davon abhängt, ob die Gesamtsituation und die einzelnen Stadien gehörig in Betracht gezogen werden. Enthält die Berücksichtigung der Gesamtsituation und der einzelnen Stadien ernste Mängel oder Fehler, dann wird der Krieg unweigerlich verlorengehen. Man sagt: „Ein unvorsichtiger Zug verdirbt die ganze Partie.“ Die Rede ist hier von einem Zug, der die Gesamtsituation betrifft, d. h. von einem Zug, der für das Ganze von entscheidender Bedeutung ist, nicht aber von einem Zug, der einen Teilcharakter trägt, also für das Ganze keine entscheidende Bedeutung hat. Wie beim Schach, so im Krieg.

Das Ganze kann jedoch von den Teilen nicht getrennt werden und unabhängig von ihnen existieren, es setzt sich vielmehr aus allen seinen Teilen zusammen. Manchmal können gewisse Teile zerstört werden oder eine Niederlage erleiden, ohne dass dadurch das Ganze ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen würde; der Grund dafür liegt dann darin, dass die betreffenden Teile für das Ganze nicht entscheidend sind. Im Krieg kommt es oft vor, dass taktische oder operative Niederlagen oder Misserfolge nicht zur Verschlechterung der Gesamtsituation des Krieges führen, weil sie eben nicht von entscheidender Bedeutung sind. Wenn aber von den Schlachten, die die Gesamtsituation des Krieges bilden, die meisten oder ein bis zwei Schlachten von entscheidender Bedeutung mit einer Niederlage~ enden, dann tritt sofort in der Gesamtsituation eine Wende ein. Die erwähnten „meisten“ oder „ein bis zwei“ Schlachten — das ist es eben, was die Entscheidung bringt. Die Kriegsgeschichte kennt Fälle, wo eine einzige verlorene Schlacht nach einer ganzen Reihe von Siegen alle erzielten Erfolge zunichte gemacht hat, und es gab auch Fälle, da nach vielen Niederlagen eine einzige gewonnene Schlacht eine neue Situation eingeleitet hat. In allen diesen Fällen trugen die „ganze Reihe von Siegen“ und die „vielen Niederlagen“ nur Teilcharakter und spielten in bezug auf die Gesamtsituation keine entscheidende Rolle, während die „einzige verlorene Schlacht“ beziehungsweise die „einzige gewonnene Schlacht“ entscheidend war. Aus all dem erhellt, von welcher Bedeutung es ist, die Gesamtsituation in Betracht zu ziehen. Am wichtigsten ist es für denjenigen, der das Kommando der militärischen Operationen in ihrer Gesamtheit führt, die Gesamtsituation des Krieges im Auge zu behalten. Für ihn kommt es vor allem darauf an, dass er sich entsprechend den Umständen mit der Gruppierung der Truppenteile und Verbände, mit den Beziehungen zwischen den einzelnen Schlachten, zwischen den verschiedenen Stadien des Krieges sowie zwischen der eigenen und der gegnerischen Aktivität in ihrer Gesamtheit befasst. Das alles sind wichtigste Fragen, die grösste Anstrengungen erfordern. Wenn man all das aus den Augen verliert und sich statt dessen mit zweitrangigen Fragen abgibt, dann sind Rückschläge kaum zu vermeiden.

Was wir von den Beziehungen zwischen dem Ganzen und den Teilen gesagt haben, gilt nicht nur für die Beziehungen zwischen Strategie und operativer Kunst, sondern auch für die Beziehungen zwischen operativer Kunst und Taktik. Als ein praktisches Beispiel dafür können die Beziehungen dienen, die zwischen den Aktionen einer Division und jenen ihrer Regimenter und Bataillone oder zwischen den Aktionen einer Kompanie und jenen ihrer Züge und Gruppen bestehen. Jeder Truppenführer — auf welcher Ebene er auch immer das Kommando führt — hat sein Hauptaugenmerk auf keine anderen Probleme oder Aktionen zu konzentrieren als auf jene, die für die Gesamtsituation in seinem Befehlsbereich von grösster Wichtigkeit und wahrhaft entscheidender Bedeutung sind.

Was wichtig und von entscheidender Bedeutung ist, darf nicht nach der Situation im allgemeinen oder in der Abstraktion, sondern muss nach den konkreten Umständen bestimmt werden. Bei den Kampfhandlungen muss man Stossrichtung und Angriffspunkt je nach der Lage des Gegners, den Geländeverhältnissen und der Stärke der eigenen Kräfte im gegebenen Augenblick wählen. Man muss darauf achten, dass sich die Kämpfer in Gegenden, die reich an Nahrungsmitteln sind, nicht überessen, und dass sie in Gegenden, wo Nahrungsmittel knapp sind, nicht hungern. In weissen Gebieten kann schon allein das Durchsickern einer einzigen Information zur Niederlage im nächstfolgenden Gefecht führen, während in roten Gebieten das Durchsickern von Informationen häufig nicht so schwerwiegende Folgen hat. An manchen Schlachten müssen die höheren Kommandeure persönlich teilnehmen, in anderen Fällen ist das unnötig. Das Wichtigste für eine Militärschule ist die Auswahl des Schulleiters und der Lehrkräfte sowie die Festlegung der Richtlinien für die Ausbildung. Bei einer Massenversammlung muss das Hauptaugenmerk darauf gerichtet werden, dass eine starke Beteiligung gesichert wird und passende Losungen aufgestellt werden usw. Mit einem Wort, unser Prinzip ist es, die Aufmerksamkeit auf die wichtigen Kettenglieder zu konzentrieren, von denen die Gesamtsituation abhängt.

Die Gesetze, die die Gesamtsituation des Krieges regieren, können nur durch intensives Nachdenken erlernt werden. Weil das, was für die Gesamtsituation gilt, mit den Augen nicht wahrnehmbar ist, lernt man es auf keinem anderen Weg begreifen als durch intensives Nachdenken. Da sich aber ein Ganzes aus einzelnen Teilen zusammensetzt, können jene, die in den einzelnen Teilsituationen bewandert sind und über operative und taktische Erfahrungen verfügen, die höheren Zusammenhänge verstehen — vorausgesetzt, dass sie gewillt sind, darüber ernsthaft nachzudenken. Bei den strategischen Problemen geht es darum, folgendes zu berücksichtigen: die Beziehungen zwischen dem Feind und uns; die Beziehungen zwischen den einzelnen Operationen oder den verschiedenen Phasen der Kampfhandlungen; jene Teile, die für die Gesamtsituation von Belang (von entscheidender Bedeutung) sind; die in der allgemeinen Situation enthaltenen Besonderheiten; die Beziehungen zwischen Front und Hinterland; die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen Verlusten und Ersatz, zwischen Kampf und Ruhepause, zwischen Konzentration und Auflockerung, zwischen Angriff und Verteidigung, zwischen Vormarsch und Rückzug, zwischen Verstecken und Demaskieren, zwischen Hauptangriff und Unterstützungsangriff, zwischen Stoss und Bindungsaktion, zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung des Kommandos, zwischen langwierigem Krieg und Krieg mit rascher Entscheidung, zwischen Stellungskrieg und Bewegungskrieg, zwischen den eigenen Truppen und den befreundeten Truppen, zwischen der einen und der anderen Waffengattung, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zwischen Funktionären und Mannschaften, zwischen Altgedienten und Rekruten, zwischen Funktionären auf höheren und Funktionären auf niedrigeren Ebenen, zwischen alten Kadern und neuen Kadern, zwischen roten Gebieten und weissen Gebieten, zwischen alten und neuen roten Gebieten, zwischen Zentralbereich und Randgebiet, zwischen warmem und kaltem Wetter, zwischen Sieg und Niederlage, zwischen grossen Truppenverbänden und kleinen Einheiten, zwischen regulärer Armee und Guerillaabteilungen, zwischen Vernichtung des Gegners und Gewinnung der Massen, zwischen der Vergrösserung der Roten Armee und ihrer Festigung, zwischen militärischer Tätigkeit und politischer Arbeit, zwischen früheren und gegenwärtigen Aufgaben, zwischen gegenwärtigen und künftigen Aufgaben, zwischen Aufgaben unter diesen und Aufgaben unter jenen Bedingungen, zwischen stabiler und beweglicher Frontlinie, zwischen Bürgerkrieg und nationalem Krieg, zwischen dieser und jener historischen Epoche usw. das sind Dinge, die sich der unmittelbaren Beobachtung entziehen, aber durch intensives Nachdenken sämtlich geklärt, erfasst und gemeistert werden können. Das heisst; man kann alle wichtigen Fragen, die den Krieg oder die Kriegführung betreffen, auf die höhere Ebene der Grundsätzlichkeit heben und sie so lösen. Dieses Ziel zu erreichen ist unsere Aufgabe beim Studium der strategischen Probleme.

D. DIE HAUPTSACHE IST, DASS MAN ZU LERNEN VERSTEHT

Wozu wurde die Rote Armee organisiert? Um mit ihrer Hilfe den Feind zu besiegen. Wozu studieren wir die Gesetze des Krieges? Um sie im Krieg anzuwenden.

Lernen ist keine leichte Sache, und die praktische Anwendung ist noch schwieriger. Viele Leute wirken zwar gleichermassen eindrucksvoll, wenn sie im Hörsaal oder in Büchern die Militärwissenschaft darlegen; wenn sie aber aufs Schlachtfeld kommen, dann siegen die einen, während die anderen unterliegen. Das ist sowohl durch die Kriegsgeschichte als auch durch unsere eigenen Kriegserfahrungen bestätigt worden.

Wo liegt denn der Schlüssel dazu?

Es ist nicht realistisch zu verlangen, dass die Generale stets siegreich seien; solche Generale hat es seit alters nur sehr wenige gegeben. Wir brauchen mutige und kluge Generale, die im Verlauf des Krieges in der Regel siegen, d. h. Generale, die Weisheit und Tapferkeit in sich vereinen. Um über diese beiden Eigenschaften zu verfügen, muss man sich eine Methode zu eigen machen, der man sich sowohl beim Studium als auch bei der Anwendung des Erlernten zu bedienen hat.

Was ist das für eine Methode? Sie besteht darin, sich sowohl mit der Lage des Gegners als auch mit der eigenen Lage allseitig vertrautzu machen, die Gesetze, die das Handeln der beiden Seiten bestimmen, zu ermitteln und sie bei unseren eigenen Aktionen anzuwenden.

In den militärischen Vorschriften vieler Länder wird sowohl auf die Notwendigkeit, „die Grundsätze je nach der Lage elastisch anzuwenden“, als auch auf die Massnahmen hingewiesen, die im Falle einer Schlappe zu ergreifen sind. Der erste Hinweis warnt die Kommandeure davor, durch eine starre Anwendung der Grundsätze subjektive Fehler zu begehen; der zweite gibt ihnen Verhaltensmassregeln für den Fall, dass sie subjektive Fehler begangen haben oder dass unvorhergesehene und unabwendbare Änderungen in der objektiven Lage eingetreten sind.

Warum kommen subjektive Fehler vor? Weil die Disposition und die Kampfleitung im Krieg oder im Gefecht den gegebenen Bedingungen von Zeit und Ort nicht entsprochen haben, weil die subjektive Leitung mit den realen objektiven Umständen nicht übereingestimmt hat, ihnen nicht angepasst war, oder anders ausgedrückt, weil der Widerspruch zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven nicht gelöst worden ist. Eine solche Situation ist bei jeder Angelegenheit schwer zu vermeiden, aber manche werden besser, manche schlechter damit fertig. Und wie wir verlangen, dass jede Angelegenheit relativ gut erledigt wird, so verlangen wir auch, dass im Krieg mehr Siege erfochten oder, anders gesagt, weniger Niederlagen erlitten werden. Der Schlüssel liegt hier darin, dass das Subjektive mit dem Objektiven bestens in Übereinstimmung gebracht wird.

Nehmen wir ein Beispiel aus der Taktik. Wenn als Angriffspunkt die eine Flanke des Gegners gewählt wird und sich dort tatsächlich dessen schwacher Punkt befindet, der Angriff daher erfolgreich ist, so besagt dies, dass das Subjektive mit dem Objektiven übereingestimmt hat, d. h. also die Angaben der Aufklärung, deren Beurteilung durch den Befehlshaber und dessen Entschluss der tatsächlichen Lage des Gegners und seiner Aufstellung entsprochen haben. Wäre der Angriff gegen die andere Flanke oder gegen das Zentrum der gegnerischen Stellung vorgetragen worden, der Angriff hier auf eine starke Gegenwehr gestossen und ins Stocken geraten, dann hätte dies eben bedeutet, dass eine solche Übereinstimmung nicht vorhanden war. Wird der Augenblick des Angriffs richtig gewählt, erfolgt der Einsatz der Reserven weder zu spät noch zu früh und verlaufen auch alle anderen Massnahmen und Kampfhandlungen günstig für uns und ungünstig für den Gegner, dann hat im ganzen Verlauf des Gefechts die subjektive Kampfleitung mit der objektiven Situation völlig übereingestimmt. Eine solche völlige Übereinstimmung gibt es in einem Krieg oder in einem Gefecht äusserst selten; denn in einem Krieg oder einem Gefecht sind die beiden kämpfenden Seiten Gruppen lebendiger Menschen, die bewaffnet sind und ihre Geheimnisse voreinander wahren; hier steht die Sache ganz anders als bei unbelebten Dingen oder Angelegenheiten des Alltags. Nichtsdestoweniger ist die Grundlage für einen Sieg allein dann schon gegeben, wenn die Kampfleitung im grossen und ganzen, d. h. hinsichtlich der entscheidenden Elemente, den Umständen entspricht.

Die richtigen Dispositionen des Truppenführers ergeben sich aus seinem richtigen Entschluss, dieser wieder aus seiner richtigen Beurteilung der Lage, und sein richtiges Urteil beruht auf der erforderlichen gründlichen Aufklärung, auf der Erwägung der durch diese Aufklärung gewonnenen mannigfaltigen Angaben in ihrem Zusammenhang. Der Truppenführer bedient sich aller möglichen und notwendigen Mittel der Aufklärung, überlegt alle durch sie gesammelten Angaben über die Lage des Gegners, wobei er die Spreu vom Weizen sondert, das Falsche ausmerzt und das Wahre behält, vom einen zum anderen fortschreitet, von der Oberfläche in den Kern eindringt; dann vergleicht er diese Angaben mit der eigenen Lage, studiert das Verhältnis der beiden Seiten zueinander und deren Wechselbeziehungen, gelangt dadurch zu einem Urteil, fasst seinen Entschluss und arbeitet seinen Plan aus. Das ist ein ganzer Prozess, durch den der Befehlshaber eine Erkenntnis der Umstände gewinnt, ehe er einen strategischen, operativen oder taktischen Plan entwirft. Nachlässige Befehlshaber werden das nicht tun; sie bauen ihre militärischen Pläne auf ihrem Wunschdenken auf, daher sind diese Pläne utopisch und entsprechen nicht der Realität. Unbesonnene Befehlshaber, die sich nur von ihrem Enthusiasmus leiten lassen, gehen unweigerlich dem Gegner auf den Leim, lassen sich durch oberflächliche oder einseitige Angaben über die Lage des Gegners verführen, werden von unverantwortlichen Vorschlägen ihrer Untergebenen beeinflusst, die weder auf einer wirklichen Kenntnis noch auf einer wohldurchdachten Auffassung beruhen, und rennen sich daher unvermeidlich die Köpfe ein, eben weil sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, dass jeder militärische Plan auf der unerlässlichen Aufklärung sowie auf der sorgfältigen Überlegung der Situation der gegnerischen und der eigenen Seite und der Wechselbeziehungen zwischen beiden aufgebaut sein muss.

Der Prozess der Erkenntnis der Situation geht nicht nur vor der Aufstellung eines militärischen Planes vor sich, sondern auch nachher. Im Verlauf der Durchführung des Planes — vom Augenblick an, da er in die Tat umgesetzt wird, bis zur Beendigung der Operation geht ein weiterer Prozess der Exkenntnis der Situation vor sich, nämlich der Prozess der Realisierung des Planes. In diesem Prozess muss erneut überprüft werden, ob das, was im vorhergegangenen Prozess getan worden ist, der tatsächlichen Situation entspricht oder nicht. Wenn der Plan der Situation nicht oder nicht in vollem Umfang entspricht, dann muss man auf Grund der neuen Kenntnisse eine neue Beurteilung vornehmen, einen neuen Entschluss fassen und den gefassten Plan so abändern, dass er den neuen Umständen entspricht. Teilweise Abänderungen gibt es fast bei jeder Operation; es kommt auch zuweilen vor, dass ein Plan völlig geändert wird. Unbesonnene Leute, die kein Verständnis für Abänderungen haben oder zu solchen nicht bereit sind, handeln blindlings, werden sich letzten Endes unweigerlich den Kopf einrennen.

Das oben Gesagte bezieht sich auf eine strategische Aktion, eine Schlacht oder ein Gefecht. Ein erfahrener Befehlshaber wird, falls er bescheiden zu lernen bereit ist, imstande sein, sich mit den Besonderheiten seiner eigenen Truppen (Kommandeure, Kämpfer, Waffen, Versorgung usw. sowie all dies zusammengenommen), den Besonderheiten der gegnerischen Truppen (ebenso Kommandeure, Kämpfer, Waffen, Versorgung usw. und das alles zusammengenommen) und allen anderen den Krieg betreffenden politischen, ökonomischen, geographischen, klimatischen und sonstigen Bedingungen gründlich vertraut zu machen; ein solcher Befehlshaber wird dann bei der Leitung eines Krieges oder einer Kampfhandlung seiner Sache verhältnismässig sicher sein und eher Siege erringen können. Das ergibt sich daraus, dass er nach einer längeren Zeitspanne die gegnerische wie die eigene Situation erkannt, die Gesetze des Handelns ermittelt und den Widerspruch zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven gelöst hat. Dieser Erkenntnisprozess ist ausserordentlich wichtig; ohne eine solche lange Erfahrung ist es schwer, die Gesetze des Krieges in seiner Gesamtheit zu begreifen und zu beherrschen. Ein Anfänger oder jemand, der nur auf dem Papier Krieg zu führen versteht, kann kein wirklich fähiger Befehlshaber auf höherer Ebene sein; um ein solcher zu werden, muss man im Verlauf des Krieges selbst lernen.

Alle militärischen Gesetze oder Theorien von grundsätzlichem Charakter sind Verallgemeinerungen der Erfahrungen früherer Kriege, die von unseren Vorgängern oder Zeitgenossen vorgenommen wurden. Diese mit Blut erkauften Lehren früherer Kriege, die uns als Erbe hinterlassen worden sind, müssen wir nachdrücklich studieren. Das ist die eine Sache. Es gibt aber noch eine andere Sache, nämlich diese Schlussfolgerungen an Hand der eigenen Erfahrung zu überprüfen, davon das Nützliche zu übernehmen, das Nutzlose zu verwerfen, das, was uns eigen ist, hinzuzufügen. Letzteres ist ungemein wichtig, da wir anderenfalls nicht imstande sind, einen Krieg zu leiten.

Lesen ist Lernen, aber die praktische Anwendung ist auch Lernen, und zwar eine noch wichtigere Art des Lernens. Das Kriegführen durch den Krieg selbst erlernen — das ist unsere Hauptmethode. Wer keine Gelegenheit hatte, eine Schule zu besuchen, kann gleichfalls das Kriegführen erlernen, nämlich im Krieg selbst. Ein revolutionärer Krieg ist Sache der Volksmassen; meistens ist es so, dass man nicht zuerst lernt, um dann zu handeln, sondern zuerst handelt und dabei lernt; Handeln heisst eben schon Lernen. Zwischen einem Zivilisten und einem Soldaten besteht ein Abstand, doch ist dieser nicht die Grosse Mauer, er kann rasch überwunden werden, und die Methode zur Überwindung dieses Abstands ist die Teilnahme an der Revolution, am Krieg. Wenn wir sagen, dass Lernen und Anwenden des Gelernten nicht leicht sei, so meinen wir, dass es schwer ist, etwas gründlich zu lernen und das Erlernte mit Geschick anzuwenden. Wenn wir sagen, dass Zivilisten rasch Soldaten werden können, so meinen wir, dass es nicht schwer ist, die Schwelle zu überschreiten. Um die beiden Aussagen zusammenzufügen, könnte man das alte chinesische Sprichwort heranziehen: “Für Menschen starken Willens gibt es auf der Welt nichts Schwieriges.” Die Schwelle zu überschreiten ist also nicht schwer, und auch Meisterschaft zu erlangen ist möglich, wenn man einen starken Willen hat und zu lernen versteht.

Die militärischen Gesetze sind — ebenso wie die Gesetze, die alle anderen Dinge regieren — eine Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit1 in unserem Gehirn; alles, was ausserhalb unseres Bewusstseins existiert, ist objektive Realität. Daher gehören zu den Objekten des Studiums und der Erkenntnis sowohl die Lage des Gegners als auch unsere eigene Situation, müssen diese beiden Seiten als Objekte der Untersuchung betrachtet werden, während lediglich unser Gehirn (das Denken) das untersuchende Subjekt ist. Es gibt Leute, die sich selbst gut kennen, ihren Feind aber schlecht; es gibt wieder andere Leute, bei denen es umgekehrt ist. Weder diese noch jene sind imstande, das Problem des Studiums und der Anwendung der Gesetze des Krieges zu bewältigen. Der grosse Militärwissenschaftler des chinesischen Altertums Sun Wu-dsi2 sagte in seinem Buch: „Kennst du den Feind und kennst du dich selbst — hundert Schlachten ohne Schlappe.“ Der Inhalt dieses Ausspruchs bezieht sich auf beide Phasen: auf das Lernen und auf die Anwendung des Gelernten, auf die Erkenntnis der Entwicklungsgesetze der objektiven Realität und auf die diesen Gesetzen entsprechende Festlegung der eigenen Aktionen zur Überwindung des gegebenen Feindes: Wir dürfen diesen Ausspruch nicht geringschätzen.

Der Krieg ist die höchste Form des Kampfes zwischen einzelnen Nationen, Staaten, Klassen oder politischen Gruppen; alle Gesetze des Krieges werden von den kriegführenden Nationen, Staaten, Klassen oder politischen Gruppen benutzt, um den Sieg zu erringen. Es steht ausser Frage, dass Sieg oder Niederlage in einem Krieg in der Hauptsache durch die militärischen, politischen, wirtschaftliche Einnahmen und Naturbedingungen bestimmt wird, unter denen die beiden Seiten den Krieg führen. Doch damit nicht genug. Der Ausgang des Krieges wird auch durch die jeweilige subjektive Fähigkeit bestimmt, die Kriegshandlungen zu leiten. Ein Stratege kann nicht trachten, den Krieg zu gewinnen, indem er sich über die durch die materiellen Bedingungen gezogenen Grenzen hinwegsetzt; doch innerhalb dieser Grenzen kann und muss er den Sieg anstreben. Die Aktionsbühne eines Strategen ruht auf den Pfeilern der objektiven materiellen Bedingungen, doch auf diesen Brettern kann er eine Menge klangreicher und farbenprächtiger, kraftvoller und majestätischer Stücke inszenieren. Auf der gegebenen objektiven materiellen Basis, d. h. unter den gegebenen militärischen, politischen, wirtschaftlichen und Naturbedingungen, müssen daher die Führer unserer Roten Armee alle ihre Fähigkeiten aufbieten und die ganze Armee mit sich führen, um die nationalen und die Klassenfeinde zu zerschlagen und diese schlechte Welt zu verändern. Hier ist der Platz, wo sich unsere subjektive Fähigkeit zur Führung entfalten kann und muss. Wir werden keinem Kommandeur der Roten Armee gestatten, zu einem blindwütig um sich schlagenden Draufgänger zu werden; wir müssen vielmehr jeden Kommandeur dazu ermuntern, ein kühner Held mit klarem Kopf zu werden, der sowohl eine alles überwindende Tapferkeit als auch die Fähigkeit besitzt, bei allen Veränderungen und Neuentwicklungen während des ganzen Krieges Herr der Situation zu bleiben. Im Ozean des Krieges schwimmend, darf der Kommandeur nicht untergehen, er muss vielmehr mit abgemessenen Stössen sicher ans andere Ufer gelangen. Die Gesetze der Kriegführung meistern heisst eben die Kunst beherrschen, im Ozean des Krieges zu schwimmen.

Soviel über unsere Methode.

2. DIE KOMMUNISTISCHE PARTEI CHINAS UND DER REVOLUTIONÄRE KRIEG IN CHINA

Der im Jahre 1924 begonnene revolutionäre Krieg in China ist durch zwei Perioden hindurchgegangen, die erste von 1924 bis 1927, die zweite von 1927 bis 1936; nunmehr beginnt die Periode des revolutionären nationalen Widerstandskriegs gegen die japanische Aggression. In allen diesen drei Perioden stand und steht der revolutionäre Krieg unter der Führung des chinesischen Proletariats und seiner Partei, der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Die Hauptfeinde im revolutionären Krieg Chinas sind der Imperialismus und die feudalen Kräfte. Die chinesische Bourgeoisie kann zwar zu gewissen historischen Zeitpunkten am revolutionären Krieg teilnehmen, aber infolge ihrer Eigennützigkeit und ihrer mangelnden politischen und ökonomischen Selbständigkeit ist sie weder willens noch imstande, den revolutionären Krieg Chinas auf den Weg des vollen Sieges zu führen. Die Massen der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisies Chinas sind bereit, am revolutionären Krieg aktiv teilzunehmen und ihm zum vollen Sieg zu verhelfen. Sie bilden die Hauptkräfte im revolutionären Krieg; in ihrer Eigenschaft als Kleinproduzenten haben sie jedoch einen engen politischen Horizont (während ein Teil der arbeitslosen Massen anarchistischen Ideen anhängt), so dass sie nicht die richtigen Führer im Krieg sein können. Es kann daher nicht anders sein, als dass in einer Ära, da bereits das Proletariat die politische Bühne betreten hat, die Verantwortung für die Führung im chinesischen revolutionären Krieg auf den Schultern der KPCh liegt. Ohne oder gegen die Führung durch das Proletariat und die Kommunistische Partei muss jeder revolutionäre Krieg in einer solchen Zeit unweigerlich mit einer Niederlage enden. Denn im halbkolonialen China sind von allen sozialen Schichten und politischen Gruppen das Proletariat und die Kommunistische Partei die einzigen, denen am wenigsten Engstirnigkeit und Selbstsucht eigen sind, die den weitesten politischen Gesichtskreis und die höchste Organisiertheit besitzen, die überdies auch am ehesten imstande sind, die Erfahrungen des fortgeschrittenen Proletariats und seiner Parteien in der Welt unvoreingenommen zu übernehmen und für die eigene Sache auszunutzen. Deshalb sind nur das Proletariat und die Kommunistische Partei imstande, die Bauernschaft, die städtische Kleinbourgeoisie und die Bourgeoisie zu führen, die Borniertheit der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisies, die destruktiven Neigungen der arbeitslosen Massen wie auch die Schwankungen und die Inkonsequenz der Bourgeoisie zu überwinden (vorausgesetzt, dass die Kommunistische Partei in ihrer Politik keine Fehler macht) und somit die Revolution und den Krieg auf den Weg des Sieges zu bringen.

Der revolutionäre Krieg von 1924 bis 1927 verlief im wesentlichen unter Bedingungen, da das internationale und das chinesische Proletariat sowie ihre Parteien einen politischen Einfluss auf die nationale Bourgeoisie Chinas und deren Partei ausübten und mit ihnen politisch zusammenarbeiteten. Im kritischen Augenblick der Revolution und des Krieges kam es jedoch, vor allem wegen des Verrats der Grossbourgeoisie, zugleich aber auch deswegen, weil die Opportunisten in den Reihen der Revolution freiwillig auf die Führung in der Revolution verzichtet hatten, zu einer Niederlage in diesem revolutionären Krieg.

Der Agrarrevolutionäre Krieg, der 1927 begonnen hat und bis jetzt andauert, wird unter neuen Bedingungen geführt. Der Feind ist diesmal nicht nur der Imperialismus, sondern auch der Block der Grossbourgeoisie und der Grossgrundherren. Und die nationale Bourgeoisie ist zu einem Anhängsel der Grossbourgeoisie geworden. Dieser revolutionäre Krieg wird ausschliesslich von der Kommunistischen Partei geleitet, die in ihm bereits die absolute Führung übernommen hat. Diese absolute Führung durch die Kommunistische Partei ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass der revolutionäre Krieg beharrlich zu Ende geführt wird. Ohne diese absolute Führung wäre es undenkbar gewesen, dass dieser revolutionäre Krieg mit einer solchen Ausdauer geführt werden konnte.

Die Kommunistische Partei Chinas, die sich mutig und entschlossen an die Spitze des revolutionären Krieges in China gestellt hatte, erwies sich im Laufe von 15 langen Jahren3 vor den Augen aller Chinesen als Freund des Volkes, der jederzeit in der vordersten Linie des revolutionären Krieges zur Verteidigung der Interessen des Volkes, für seine Freiheit und Befreiung stand.

Durch ihren schweren Kampf, der Hunderttausenden von heldenhaften Parteimitgliedern und Zehntausenden von heldenhaften Funktionären Blut und Leben kostete, hat die KPCh auf Hunderte Millionen von Menschen der ganzen Nation eine grosse erzieherische Wirkung ausgeübt. Die grossen historischen Leistungen der KPCh in ihrem revolutionären Kampf haben die Voraussetzung dafür geschaffen, dass China in dem kritischen Augenblick der Invasion des nationalen Feindes gerettet werden und fortbestehen kann; diese Voraussetzung besteht darin, dass China einen politischen Führer hat, der das Vertrauen der grossen Mehrheit des Volkes geniesst, eine lange zeit hindurch vom Volk erprobt und daher von diesem selbst erwählt worden ist. Heute hört das Volk auf die Kommunistische Partei mehr als auf jede andere politische Partei. Ohne den schweren Kampf der Kommunistischen Partei Chinas in den vergangenen 18 Jahren wäre es unmöglich, China vor der neuen Gefahr einer nationalen Unterjochung zu retten.

Im Verlauf des revolutionären Krieges hat die KPCh ausser dem Rechtsopportunismus Tschen Du-hsius4 und dem „linken“ Opportunismus Li Li-sans5 noch zwei weitere Fehler begangen. Der erste von ihnen war der „linke“ Opportunismus in den Jahren 1931 bis 19346, der äusserst schwere Verluste im Agrarrevolutionären Krieg verursachte und zu dem Ergebnis führte, dass bei der Abwehr des fünften „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ der Feind nicht geschlagen werden konnte, statt dessen unsere Stützpunktgebiete verlorengingen und die Rote Armee geschwächt wurde. Dieser Fehler wurde auf der erweiterten Tagung des Politbüros des Zentralkomitees in Dsunyi im Januar 1935 korrigiert. Der zweite Fehler war der Rechtsopportunismus von Dschang Guo-tao in den Jahren 1935-367 Partei. der solche Ausmasse annahm, dass die Disziplin in der Partei und in der Roten Armee untergraben wurde und ein Teil der Hauptkräfte der Roten Armee schwere Verluste erlitt. Aber dank der richtigen Führung des Zentralkomitees und dem politischen Bewusstsein der Parteimitglieder in den Reihen der Roten Armee sowie der Kommandeure und Kämpfer wurde schliesslich auch dieser Fehler berichtigt. All diese Fehler waren natürlich für unsere Partei, unsere Revolution und unseren Krieg schädlich, doch wir haben sie schliesslich überwunden, und unsere Partei sowie unsere Rote Armee wurden durch die Überwindung dieser Fehler gestählt, so dass sie noch stärker geworden sind.

Die KPCh hatte und hat auch weiterhin die Führung in dem revolutionären Krieg inne, der so stürmisch, ruhmvoll und siegreich ist. Dieser Krieg ist nicht nur das Banner der Befreiung Chinas, sondern auch von internationaler revolutionärer Bedeutung. Die Augen der revolutionären Volksmassen der Welt sind auf uns gerichtet. In der neuen Periode, nämlich im revolutionären nationalen Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression, werden wir die chinesische Revolution zu ihrer Vollendung führen und obendrein einen tiefgehenden Einfluss auf die Revolution im Osten und in der ganzen Welt ausüben. Der vergangene revolutionäre Krieg hat bewiesen, dass wir nicht nur eine richtige marxistische politische Linie, sondern auch eine richtige marxistische militärische Linie brauchen. Im Laufe von 11 Jahren Revolution und Krieg wurden solche politischen und militärischen Linien erarbeitet. Wir sind überzeugt, dass wir diese Linien in der kommenden neuen Periode des Krieges auf Grund der neuen Umstände weiterentwickeln, vervollständigen und bereichern und so unser Ziel, den Feind der Nation zu besiegen, erreichen werden. Die Geschichte lehrt uns, dass richtige politische und militärische Linien nicht spontan und friedlich, sondern im Kampf entstehen und sich entwickeln. Der Kampf für diese Linien muss einerseits gegen den „linken“ Opportunismus, andererseits gegen den Rechtsopportunismus geführt werden. Wenn man diese schädlichen Abweichungen, die die Revolution und den revolutionären Krieg gefährden, nicht bekämpft und restlos überwindet, ist es unmöglich, eine richtige Linie auszuarbeiten und im revolutionären Krieg zu siegen. Das ist der Grund, warum ich in dieser Broschüre öfters auf die irrigen Ansichten zu sprechen komme.

3. DIE BESONDERHEITEN DES REVOLUTIONÄREN KRIEGES IN CHINA

A. DIE BEDEUTUNG DIESER FRAGE

Jene Leute, die nicht zugeben, nicht wissen oder nicht wissen wollen, dass der revolutionäre Krieg in China seine Besonderheiten hat, setzen den Krieg der Roten Armee gegen die Kuomintang-Truppen dem Krieg im allgemeinen oder dem Bürgerkrieg in der Sowjetunion gleich. Die Erfahrungen des von Lenin und Stalin geleiteten Bürgerkriegs in der Sowjetunion haben Weltbedeutung. Alle Kommunistischen Parteien, unter ihnen auch die KPCh, betrachten diese Erfahrungen und ihre theoretische Verallgemeinerung durch Lenin und Stalin als ihren Wegweiser. Das bedeutet aber nicht, dass wir sie mechanisch auf unsere Verhältnisse anwenden sollen. Der revolutionäre Krieg in China ist in vieler Hinsicht durch Besonderheiten gekennzeichnet, die ihn vom Bürgerkrieg in der Sowjetunion unterscheiden. Es wäre natürlich ein Fehler, diese Besonderheiten nicht zu berücksichtigen oder sie zu leugnen. Das wurde durch unseren 10-jährigen Krieg voll und ganz bestätigt.

Unser Feind machte ähnliche Fehler. Er gab nicht zu, dass man im Krieg gegen die Rote Armee eine andere Strategie und Taktik anwenden müsste als in Kriegen gegen andere. Gestützt auf seine Überlegenheit in verschiedener Hinsicht, unterschätzte er uns und klammerte sich an seine alten Methoden der Kriegführung. So verhielt es sich sowohl in der Zeit seines vierten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ im Jahre 1933 als auch vorher, und das Ergebnis war, dass der Feind eine Reihe von Niederlagen einstecken musste. Der erste, der in der Kuomintang-Armee eine neue Ansicht in dieser Frage vorbrachte, war der reaktionäre General Liu We-yüan, dem dann Dai Yüä folgte. Schliesslich wurde ihre Ansicht von Tschiang Kai-schek akzeptiert. So kam es zur Gründung des Offiziersausbildungskorps Tschiang Kai-scheks in Luschan8 und zur Aufstellung der neuen reaktionären militärischen Prinzipien9, die dann im fünften „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ angewandt wurden.

Als der Feind seine militärischen Prinzipien änderte, um sie den Verhältnissen, unter denen er gegen die Rote Armee zu kämpfen hatte, anzupassen, traten jedoch in unseren Reihen Leute auf, die wieder in den „alten Trott“ verfielen. Sie bestanden darauf, dass man zu den Methoden zurückkehrt, die den allgemeinen Umständen entsprechen, weigerten sich, jeweils die Besonderheit einer jeden Situation in Betracht zu ziehen, verwarfen die von der Roten Armee in ihren blutigen Schlachten erworbenen Exfahrungen, unterschätzten die Kräfte des Imperialismus und der Kuomintang sowie die Stärke der Kuomintang-Armee, drückten vor den neuen reaktionären Prinzipien, die der Feind anwandte, ein Auge zu. Das Ergebnis war, dass bis auf das Schensi-Kansu-Grenzgebiet alle revolutionären Stützpunktgebiete verlorengingen, die Stärke der Roten Armee von 300‘000 auf einige 10‘000 Mann zurückging und sich die Mitgliederzahl der KPCh von 300‘000 auf einige 10‘000 verringerte, wobei die Parteiorganisationen in den Kuomintang-Gebieten fast restlos zerschlagen wurden. Mit einem Wort, es folgte eine schwere historische Strafe. Diese Leute nannten sich Marxisten-Leninisten, aber in Wirklichkeit hatten sie vom Marxismus-Leninismus nichts gelernt. Lenin sagte, das innerste Wesen des Marxismus, seine lebendige Seele, bestehe in der konkreten Analyse einer konkreten Situation.10 Und gerade das haben diese Kameraden vergessen.

Daraus kann man ersehen, dass man ohne Verständnis für die Besonderheiten des revolutionären Krieges in China nicht imstande ist, diesen Krieg zu leiten und ihn auf den Weg des Sieges zu führen.

B. WAS SIND DIE BESONDERHEITEN DES REVOLUTIONÄREN KRIEGES IN CHINA?

Was sind nun die Besonderheiten des revolutionären Krieges in China?

Meiner Meinung nach gibt es vier hauptsächliche Besonderheiten. Die erste Besonderheit: China ist ein grosses, halbkoloniales Land, das in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ungleichmässig entwickelt ist und die Revolution von 1924-1927 durchgemacht hat.

Diese Besonderheit besagt, dass der revolutionäre Krieg in China sich entwickeln und mit dem Sieg enden kann. Wir haben bereits damals (auf dem 1. Parteitag des Hunan-Kiangsi-Grenzgebiets11) darauf hingewiesen, nachdem im Winter 1927 und im Frühjahr 1928, kurz nach dem Beginn des Guerillakriegs in China, manche Kameraden aus dem Djinggang-Gebirge an der Grenze der Provinzen Hunan und Kiangsi die Frage gestellt hatten: „Wie lange werden wir die rote Fahne noch hochhalten können?“ Denn das war eine Frage von fundamentalster Bedeutung; ohne Beantwortung der Frage, ob die revolutionären Stützpunktgebiete in China und die chinesische Rote Armee bestehen und sich entwickeln könnten, hätten wir keinen einzigen Schritt vorwärts machen können. Der 6. Parteitag der KPCh im Jahre 1928 hat nochmals die Antwort auf diese Frage gegeben. Seither verfügt die revolutionäre Bewegung in China über eine richtige theoretische Grundlage.

Betrachten wir nun diese Frage im einzelnen.

Die politische und wirtschaftliche Entwicklung Chinas verläuft ungleichmässig. Nebeneinander bestehen gleichzeitig: eine schwächliche kapitalistische Wirtschaft und eine gewichtige halbfeudale Wirtschaft; ein paar moderne Industrie- und Handelsstädte und eine riesige Zahl stagnierender Dörfer; einige Millionen Industriearbeiter und mehrere hundert Millionen unter dem Joch der alten Gesellschaftsordnung leidender Bauern und Handwerker; grosse Militärmachthaber, die die Zentralregierung in Händen haben, und kleine Militärmachthaber, die in den einzelnen Provinzen herrschen; zwei Sorten von reaktionären Truppen, nämlich die sogenannte Zentralarmee unter Tschiang Kai-schek und die den Militärmachthabern der einzelnen Provinzen unterstellten sogenannten buntscheckigen Heerhaufen; einige wenige Eisenbahnen, Schiffahrtslinien und Autostrassen sowie eine Unmenge von Karrenwegen, Fusspfaden und Pfaden, die sogar für Fussgänger schwer passierbar sind.

China ist ein halbkoloniales Land. Die Uneinigkeit unter den Imperialisten führt zu einer Uneinigkeit unter den herrschenden Gruppen in China. Zwischen einem halbkolonialen Land, in dem mehrere Staaten schalten und walten, und einer Kolonie, in der ein einziger Staat das Heft in der Hand hat, besteht ein Unterschied.

China ist ein grosses Land. „Ist es dunkel im Osten, so ist es hell im Westen; verfinstert sich der Süden, so leuchtet immer noch der Norden“, und so braucht man denn nicht zu befürchten, dass es an Raum zum Manövrieren mangeln könnte.

China hat eine grosse Revolution erlebt, die den Boden für die Geburt der Roten Armee vorbereitete, die die Führerin der Roten Armee — die Kommunistische Partei — heranbildete und die die Volksmassen, die bereits einmal an der Revolution teilgenommen hatten, ausbildete.

Deshalb sagen wir eben: Die erste Besonderheit des revolutionären Krieges in China besteht darin, dass China ein grosses halbkoloniales Land ist, das bereits eine Revolution durchgemacht hat und in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ungleichmässig entwickelt ist. Diese Besonderheit bestimmt von Grund auf nicht nur unsere politische, sondern auch unsere militärische Strategie und Taktik.

Die zweite Besonderheit: unser Feind ist stark.

Wie liegen die Dinge beim Gegner der Roten Armee, bei der Kuomintang? Die Kuomintang ist eine Partei, die die politische Macht an sich gerissen und ihre Herrschaft mehr oder weniger gefestigt hat. Sie hat die Unterstützung der wichtigsten imperialistischen Staaten der Welt erlangt. Sie hat ihre Armee reorganisiert, sie zu einer Armee umgebaut, die sich von jeder anderen Armee in der Geschichte Chinas unterscheidet und im grossen und ganzen den Armeen der modernen Staaten der Welt gleicht. Hinsichtlich ihrer Versorgung mit Waffen und sonstigem Kriegsmaterial übertrifft sie bedeutend die Rote Armee, und hinsichtlich ihrer zahlenmässigen Stärke ist sie jeder Armee in der Geschichte Chinas und jedem stehenden Heer irgendeines anderen Landes der Welt überlegen. Zwischen der Kuomintang-Armee und der Roten Armee besteht ein himmelweiter Unterschied. Die Kuomintang kontrolliert die Schlüsselstellungen und Kommandohöhen in der Politik, in der Wirtschaft, im Verkehrswesen und im Kulturleben Chinas, ihre Macht erstreckt sich über das ganze Land.

Einem so starken Feind steht die chinesische Rote Armee gegenüber. Das ist die zweite Besonderheit des revolutionären Krieges in China. Aus dieser Besonderheit ergibt sich, dass sich die Kriegführung der Roten Armee in vieler Hinsicht sowohl von den Kriegen im allgemeinen als auch vom Bürgerkrieg in der Sowjetunion und vom Nordfeldzug unterscheiden muss.

Die dritte Besonderheit: die Rote Armee ist schwach.

Die chinesische Rote Armee ist nach der Niederlage der ersten grossen Revolution entstanden, und zwar anfänglich in der Form von Guerillaeinheiten. Dies ereignete sich nicht nur in einer Periode der Reaktion in China, sondern auch in einer Periode der relativen politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung in den reaktionären kapitalistischen Ländern der Welt.

Unser politischer Machtbereich befindet sich in verstreuten und isolierten gebirgigen oder abgelegenen Gegenden, wohin keinerlei Hilfe von aussen gelangt. Die wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen in den revolutionären Stützpunktgebieten sind im Vergleich zu denen im Machtbereich der Kuomintang rückständig. In den revolutionären Stützpunktgebieten gibt es nur Dörfer und Kleinstädte. Diese Gebiete waren anfangs von sehr geringer Ausdehnung und sind auch in der Folge nicht viel grösser geworden. Ausserdem sind sie nicht stabil; die Rote Armee besitzt keine wirklich festen Stützpunkte.

Die Rote Armee ist zahlenmässig schwach, schlecht bewaffnet und hat äusserst grosse Schwierigkeiten bei ihrer Versorgung mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und sonstigen Materialien.

Diese Besonderheit steht in krassem Kontrast zu der vorher erwähnten. Aus diesem krassen Kontrast ergeben sich Strategie und Taktik der Roten Armee.

Die vierte Besonderheit: die Führung durch die Kommunistische Partei und die Agrarrevolution.

Diese Besonderheit ist eine unausbleibliche Folge der ersten Besonderheit. Daraus ergeben sich zwei Aspekte. Erstens: Der revolutionäre Krieg in China kann — obwohl er in einer Periode der Reaktion in China und in der ganzen kapitalistischen Welt stattfindet — mit dem Sieg enden, weil er von der Kommunistischen Partei geleitet wird und die Unterstützung der Bauernschaft geniesst; unsere Stützpunktgebiete stellen trotz ihrer geringen Ausmasse in politischer Hinsicht eine beträchtliche Macht dar, behaupten sich standhaft gegen das Kuomintang-Regime mit seinem riesigen Machtbereich und bereiten in militärischer Hinsicht den Kuomintang-Truppen bei ihren Angriffen sehr grosse Schwierigkeiten, weil die Bauern uns unterstützen; die Rote Armee verfügt trotz ihrer zahlenmässigen Schwäche über eine grosse Kampfkraft, da ihre Angehörigen, geführt von der Kommunistischen Partei, aus der Agrarrevolution hervorgegangen sind und für ihre eigenen Interessen kämpfen, wobei zwischen Kommandeuren und Kämpfern eine politische Einheit besteht.

Zweitens: Die Kuomintang steht in krassem Kontrast dazu; sie ist gegen die Agrarrevolution und erhält daher keinerlei Unterstützung durch die Bauernschaft; obwohl sie eine zahlenmässig starke Armee hat, kann sie die Massen der Soldaten und viele aus den Reihen der Kleinproduzenten stammende Offiziere der unteren Dienstgrade nicht dazu bringen, freiwillig ihr Leben für die Kuomintang in die Schanze zu schlagen; zwischen Offizieren und Soldaten besteht politisch eine Trennungslinie, was die Kampfkraft der Kuomintang-Armee herabmindert.

C. UNSERE DAHERRÜHRENDE STRATEGIE UND TAKTIK

Ein grosses halbkoloniales Land, das eine grosse Revolution erlebt und sich in politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht ungleichmässig entwickelt hat; ein starker Feind; eine schwache Rote Armee; die Agrarrevolution — das sind die vier hauptsächlichen Besonderheiten des revolutionären Krieges in China. Diese Besonderheiten bestimmen die Leitlinie sowie viele strategische und taktische Prinzipien des revolutionären Krieges in China. Aus der ersten und der vierten Besonderheit folgt, dass die chinesische Rote Armee imstande ist, sich zu entwickeln und ihren Feind zu besiegen. Aus der zweiten und der dritten Besonderheit folgt, dass sie sich nicht sehr rasch entwickeln und ihren Feind nicht in kurzer Zeit besiegen kann, das heisst, dass der Krieg langwierig sein wird und, falls er schlecht geführt wird, sogar mit einer Niederlage enden könnte.

Das sind eben die beiden Seiten des revolutionären Krieges in China. Diese beiden Seiten existieren nebeneinander, das heisst, es bestehen sowohl günstige als auch schwierige Bedingungen. Das ist das Grundgesetz des revolutionären Krieges in China, von dem sich viele andere Gesetze ableiten. Die Geschichte unseres zehnjährigen Krieges hat die Gültigkeit dieses Gesetzes bewiesen. Wer seine Augen vor diesem Grundgesetz verschliesst, der ist ausserstande, den revolutionären Krieg in China zu leiten und die Rote Armee zum Sieg zu führen.

Es ist durchaus klar, dass nachstehende prinzipielle Fragen eine richtige Lösung fordern. Wir müssen die strategische Orientierung richtig bestimmen, bei der Offensive dem Abenteurertum, in der Defensive dem Konservatismus entgegentreten, bei einer Truppenverlegung die Fluchtmentalität bekämpfen; gegen das Guerillatum in der Roten Armee auftreten, zugleich aber ihren Guerillacharakter anerkennen; in operativer Hinsicht langwierige Kampfhandlungen und in strategischer Hinsicht einen Krieg mit rascher Entscheidung ablehnen, dagegen einen langwierigen Krieg in strategischer und Kampfhandlungen mit rascher Entscheidung in operativer Hinsicht bejahen; stabile Frontlinien und Stellungskrieg verwerfen, bewegliche Frontlinien und Bewegungskrieg befürworten; Kampfhandlungen mit dem Ziel, den Gegner in die Flucht zu schlagen, verneinen, aber solche zur Vernichtung des Gegners bejahen; die Idee von Schlägen mit beiden Fäusten in zwei strategischen Richtungen bekämpfen, für die Idee von einem Schlag mit einer Faust in einer strategischen Richtung eintreten; das Prinzip eines aufgeblähten Hinterlandsapparates ablehnen, dagegen das Prinzip eines kleinen Hinterlandsapparates befürworten; eine absolute Zentralisierung des Kommandos bekämpfen, für dessen relative Zentralisierung eintreten; dem rein militärischen Gesichtspunkt sowie der Mentalität umherschweifender Rebellenhaufen12 entgegentreten und die Rote Armee als die Propagandistin und die Organisatorin der chinesischen Revolution anerkennen das Banditentum13 bekämpfen und für eine straffe politische Disziplin eintreten; das Militärmachthabertum verwerfen und eine innerhalb gewisser Grenzen gehaltene Demokratie sowie eine auf Autorität beruhende militärische Disziplin befürworten; eine falsche, sektiererische Kaderpolitik ablehnen und eine richtige bejahen; eine Politik der Selbstisolierung verwerfen und für die Gewinnung aller möglichen Bundesgenossen eintreten; und schliesslich ein Stehenbleiben der Roten Armee auf der alten Stufe bekämpfen und ihre Höherentwicklung auf eine neue Stufe fördern. Mit der Behandlung der strategischen Probleme wollen wir all diese Fragen im Lichte der Erfahrungen des zehnjährigen blutigen revolutionären Krieges in China eingehend darlegen.

4. „EINKREISUNGS- UND AUSROTTUNGSFELDZÜGE“ UND GEGENOPERATIONEN
DIE HAUPTFORMEN DES BÜRGERKRIEGS IN CHINA

In den seit Beginn des Guerillakriegs verflossenen zehn Jahren war jede selbständige rote Guerillaabteilung oder Einheit der Roten Armee, jedes revolutionäre Stützpunktgebiet stets den „Einkreisungs und Ausrottungsfeldzügen“ des Feindes ausgesetzt. Der Feind betrachtet die Rote Armee als ein Monstrum, das er, sobald es auftaucht, einzufangen sucht. Er ist stets darauf aus, der Roten Armee nachzusetzen und sie einzukreisen. Seit zehn Jahren hat sich diese Kampfform nicht geändert, und sie wird sich auch, wenn der Bürgerkrieg nicht einem nationalen Krieg weichen sollte, so lange nicht ändern, bis der Feind die schwächere und die Rote Armee die stärkere Seite geworden ist.

Die Aktivität der Roten Armee hat die Form von Gegenoperationen zur Abwehr der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ angenommen. Wenn von unseren Siegen die Rede ist, so handelt es sich hauptsächlich um Siege in den Gegenoperationen, also um strategische und operative Siege. Der Kampf gegen einen „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ war jedesmal eine Operation, die häufig aus einigen bis einigen Dutzend grösseren und kleineren Gefechten bestand. Solange ein „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ nicht im wesentlichen zerschlagen war, konnte von einem strategischen Sieg oder einem siegreichen Abschluss der ganzen Operation nicht die Rede sein, selbst wenn in deren Verlauf eine grosse Anzahl von Gefechten gewonnen worden waren. Die zehnjährige Geschichte des von der Roten Armee geführten Krieges ist eine Geschichte von Gegenoperationen zur Abwehr der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“.

Sowohl bei den „Feldzügen“ des Feindes als auch bei den Gegenoperationen der Roten Armee wurden die beiden Arten des Kampfes, Angriff und Verteidigung, angewandt, und in dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zu anderen Kriegen in Vergangenheit oder Gegenwart, in China oder im Ausland. Die Besonderheit des chinesischen Bürgerkriegs jedoch ist der wiederholte Wechsel zwischen diesen beiden Arten im Laufe eines langen Zeitraums. Bei jedem seiner „Feldzüge“ griff der Feind die sich verteidigende Rote Armee an, und die Rote Armee setzte dem feindlichen Angriff ihre Verteidigung entgegen — das war die erste Phase unserer Gegenoperation. Wenn sich der Feind gegen die angreifende Rote Armee verteidigte und die Rote Armee der feindlichen Verteidigung ihren Angriff entgegensetzte, dann war das die zweite Phase unserer Gegenoperation. Jeder „Feldzug“ bestand aus diesen beiden Phasen, und sie wechselten einander im Laufe einer längeren Zeitperiode ab.

Mit dem wiederholten Wechsel im Laufe einer längeren Zeitspanne meinen wir die Wiederholung der Formen des Krieges und den Wechsel der Arten des Kampfes. Das ist eine für jedermann offenkundige Tatsache. „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ auf der einen und Gegenoperation auf der anderen Seite, das ist die Wiederholung der Formen des Krieges. In jedem „Feldzug“ besteht der Wechsel der Arten des Kampfes darin, dass die erste Phase, in welcher der Feind unserer Verteidigung seinen Angriff entgegensetzt, während wir uns gegen den feindlichen Angriff verteidigen, von der zweiten Phase abgelöst wird, in der wir der feindlichen Verteidigung unseren Angriff entgegensetzen, während sich der Feind gegen unseren Angriff verteidigt.

Was aber den Inhalt des Krieges und der Kämpfe betrifft, so haben wir es hier nicht mit einer einfachen Wiederholung zu tun, sondern mit einer jedesmaligen Änderung. Auch das ist eine für jedermann offenkundige Tatsache. Es stellte sich hier die Gesetzmässigkeit ein, dass mit jedem „Feldzug“ und jeder Gegenoperation das Ausmass grösser, die Lage komplizierter und die Kämpfe erbitterter wurden.

Das heisst jedoch nicht, dass es da kein Auf und Ab gegeben hätte. Nach dem fünften „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ wurde das Ausmass der „Feldzüge“ kleiner, die Lage weniger kompliziert, die Heftigkeit der Kämpfe geringer, weil die Rote Armee äusserst geschwächt war, alle Stützpunktgebiete im Süden verlorengegangen waren, die Rote Armee ihre Standorte nach dem Nordwesten verlegt hatte und nicht mehr eine so wichtige Position wie im Süden innehatte, um den einheimischen Feind bedrohen zu können.

Was ist eine Niederlage der Roten Armee? Nur wenn eine Gegenoperation völlig gescheitert ist, kann man das, strategisch gesehen, als eine Niederlage bezeichnen, aber auch dann lediglich als eine teilweise und zeitweilige Niederlage. Denn eine totale Niederlage im Bürgerkrieg würde bedeuten, dass die Rote Armee restlos vernichtet ist, was jedoch niemals der Fall war. Der Verlust ausgedehnter Stützpunktgebiete und die Standortverlegung der Roten Armee stellten eine zeitweilige und teilweise Niederlage dar, aber keine endgültige und vollständige Niederlage, wenn auch diese Teilniederlage den Verlust von 90% des Mitgliederstands der Partei, der Truppenstärke der Roten Armee und des Umfangs der Stützpunktgebiete mit sich gebracht hat. Wir nennen diese Tatsache eine Fortsetzung der Defensive der Roten Armee und ihre Verfolgung durch den Feind eine Fortsetzung seiner Offensive. Das heisst, in dem Kampf zwischen dem „Feldzug“ und der Gegenoperation verwandelte sich unsere Defensive nicht in eine Offensive, sondern wurde durch die Offensive des Feindes zerschlagen, und so wurde aus unserer Verteidigung ein Rückzug, aus dem Angriff des Feindes eine Verfolgung. Als jedoch die Rote Armee in ein neues Gebiet gelangt war, beispielsweise aus der Provinz Kiangsi und anderen Gegenden in die Provinz Schensi, kam es erneut zu einer Wiederholung der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“. Deshalb sagen wir, dass der strategische Rückzug der Roten Armee (der Lange Marsch) eine Fortsetzung ihrer strategischen Verteidigung und die vom Feind durchgeführte strategische Verfolgung eine Fortsetzung seiner strategischen Offensive war.

Der chinesische Bürgerkrieg kennt — wie alle anderen Kriege der Vergangenheit und der Gegenwart, des In- und des Auslandes — nur zwei Grundarten des Kampfes: Angriff und Verteidigung. Die Besonderheit des chinesischen Bürgerkriegs besteht darin, dass sich eine lange Zeit hindurch „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ und Gegenoperationen wiederholen und dass die beiden Kampfarten Angriff und Verteidigung einander abwechseln, wobei eine so bedeutsame Erscheinung wie die grandiose strategische Standortverlegung über mehr als 10‘000 Kilometer (der Lange Marsch)14 darin mit eingeschlossen ist.

Das gleiche gilt auch für eine Niederlage des Feindes. Der Feind erleidet eine strategische Niederlage, wenn sein „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ von uns zerschlagen wird, unsere Defensive zur Offensive wird, der Feind zur Defensive übergeht und erst eine Reorganisierung vornehmen muss, ehe er einen neuen „Feldzug“ starten kann. Der Feind musste nicht wie wir eine strategische Standortverlegung seiner Truppen in eine mehr als 10‘000 Kilometer entfernte Gegend vornehmen, weil er das ganze Land beherrscht und viel stärker ist als wir. Doch teilweise gab es auch solche Fälle bei seinen Truppenteilen. Es kam vor, dass in einigen unserer Stützpunktgebiete der Feind aus den von der Roten Armee eingekreisten weissen Stützpunkten ausbrach und sich in die weissen Gebiete zurückzog, um neue Angriffe zu organisieren. Wenn der Bürgerkrieg sich in die Länge zieht und die Siege der Roten Armee ein noch grösseres Ausmass annehmen, werden solche Fälle häufiger eintreten. Aber der Feind wird dabei nicht das gleiche Ergebnis erzielen können wie die Rote Armee, weil er nicht die Unterstützung durch das Volk geniesst und zwischen seinen Offizieren und Soldaten keine Einheit herrscht. Sollte er die Standortverlegungen der Roten Armee über weite Entfernungen nachahmen, würde er unweigerlich vernichtet werden.

Zur Zeit der Linie Li Li-sans im Jahre 1930 begriff Kamerad Li Li-san nicht den langwierigen Charakter des chinesischen Bürgerkriegs, bemerkte daher nicht, dass sich dieser Krieg nach dem Gesetz der eine lange Zeit hindurch stattfindenden Wiederholung der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ und ihrer Zerschlagung entwickelt (bis dahin hatte es bereits unter anderen drei solche „Feldzüge“ im Grenzgebiet Hunan-Kiangsi und zwei in der Provinz Fukien gegeben), erteilte infolgedessen der noch in den Kinderschuhen steckenden Roten Armee den Befehl, die Stadt Wuhan anzugreifen, und ordnete einen bewaffneten Aufstand im ganzen Land an, um einen raschen Sieg der Revolution in China herbeizuführen. Damit beging er einen „links“-opportunistischen Fehler.

Die „linken“ Opportunisten der Jahre 1931 bis 1934 glaubten ebenfalls nicht an das Gesetz der Wiederholung der feindlichen „Feldzüge“. In dem Stützpunktgebiet an den Grenzen zwischen den Provinzen Hupeh, Honan und Anhui war die Theorie der sogenannten „Flankentruppen“ verbreitet; dort waren manche führende Kameraden der Ansicht, die Kuomintang-Armee sei nach ihrer Niederlage beim dritten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ zu blossen Flankentruppen geworden, während für weitere Angriffe gegen die Rote Armee die Imperialisten selbst die Hauptkräfte stellen müssten. Der auf einer solchen Einschätzung der Lage beruhende strategische Kurs forderte den Angriff der Roten Armee auf Wuhan. Im Prinzip stimmte das mit den Ansichten jener Kameraden in der Provinz Kiangsi überein, die die Rote Armee zum Angriff auf Nantschang aufriefen, die gegen die Bemühungen um die Verschmelzung der einzelnen Stützpunktgebiete zu einem einheitlichen Ganzen sowie gegen die Taktik, den Feind tief ins Innere des eigenen Territoriums zu locken, auftraten, die die Eroberung der Hauptstadt und anderer Schlüsselstädte einer Provinz als Basis für den Sieg in dieser Provinz betrachteten und der Meinung waren, dass “der Kampf gegen den fünften „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ die Entscheidungsschlacht zwischen dem revolutionären und dem kolonialen Weg” sein würde, usw. In diesem „linken“ Opportunismus lag der Keim jener falschen Linie, an die man sich bei den Gegenoperationen zur Abwehr des vierten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ im Grenzgebiet Hupeh-Honan-Anhui sowie des fünften „Feldzugs“ im Zentralen Gebiet in der Provinz Kiangsi gehalten hat, und dieser „linke“ Opportunismus brachte die Rote Armee angesichts der wütenden „Feldzüge“ des Feindes in eine hilflose Lage und fügte der chinesischen Revolution gewaltigen Schaden zu.

Die Ansicht, dass die Rote Armee unter keinen Umständen zu Defensivmassnahmen greifen dürfe, stand in direkter Verbindung mit diesem „linken“ Opportunismus, der die Wiederholung der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ leugnete. Auch das war durch und durch falsch.

Selbstverständlich hat die These, Revolutionen und revolutionäre Kriege seien offensiv, ihre richtige Seite. Revolutionen und revolutionäre Kriege sind, wenn sie vom Ausbruch zur Ausweitung, von klein zu gross, von der Machtlosigkeit zur Machteroberung, vom Fehlen einer Roten Armee zur Aufstellung einer solchen, vom Fehlen revolutionärer Stützpunktgebiete zu deren Schaffung fortschreiten, notwendigerweise offensiv, dürfen nicht konservativ bleiben; Tendenzen des Konservatismus müssen bekämpft werden.

Vollkommen richtig ist aber nur die These, dass Revolutionen und revolutionäre Kriege wohl offensiv sind, aber auch Verteidigung und Rückzug mit einschliessen. Sich verteidigen, um angreifen zu können; sich zurückziehen, um vorrücken zu können; an den Flanken operieren, um dann gegen die Front vorgehen zu können; einen Umweg machen, um dann den direkten Weg einschlagen zu können — dies ist eine unvermeidliche Erscheinung im Entwicklungsprozess vieler Dinge, insbesondere militärischer Operationen.

Von den beiden obenerwähnten Thesen mag die erste auf politischem Gebiet richtig sein; auf militärisches Gebiet übertragen, wird sie jedoch falsch. Und auch auf dem Gebiet der Politik ist sie nur in einer bestimmten Situation richtig (bei einem Vormarsch der Revolution), wird aber falsch, wenn man sie auf eine andere Situation überträgt (bei der die Revolution im Rückzug begriffen ist — in einem allgemeinen Rückzug wie in Russland im Jahre 190615 und in China im Jahre I927 oder in einem teilweisen Rückzug wie in Russland zur Zeit des Abschlusses des Vertrags von Brest-Litowsk im Jahre 191816). Nur die zweite These gibt die volle Wahrheit richtig wieder. Der „linke“ Opportunismus der Jahre 1931 bis 1934, der sich mechanisch gegen die Anwendung von Mitteln der militärischen Verteidigung wandte, war nichts als eine ungewöhnlich naive Vorstellung.

Wann wird diese Wiederholung der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ zu Ende sein? Wenn sich der Bürgerkrieg in die Länge zieht, wird dies meiner Ansicht nach der Fall sein, sobald im Kräfteverhältnis zwischen uns und dem Feind eine grundlegende Änderung eingetreten ist. Sobald die Rote Armee stärker geworden ist als ihr Gegner, hört diese Wiederholung auf. Dann werden wir es sein, die Feldzüge unternehmen, um den Feind einzukreisen und zu vernichten, und dieser wird versuchen, sie abzuwehren; die politischen und militärischen Bedingungen werden es ihm aber nicht gestatten, die gleiche Position einzunehmen wie die Rote Armee während ihrer Gegenoperationen. Dann kann man mit Gewissheit sagen, dass diese Wiederholung der „Feldzüge“, wenn schon nicht vollständig, so doch im grossen und ganzen ihr Ende gefunden haben wird.

5. DIE STRATEGISCHE VERTEIDIGUNG

In diesem Kapitel möchte ich auf folgende Fragen eingehen: 1. Aktive und passive Verteidigung; 2. Vorbereitung der Gegenoperation gegen die „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“; 3. Strategischer Rückzug; 4. Strategische Gegenoffensive; 5. Beginn der Gegenoffensive; 6. Konzentration der Kräfte; 7. Bewegungskrieg; 8. Blitzkrieg; 9. Vernichtungskrieg.

A. AKTIVE UND PASSIVE VERTEIDIGUNG

Warum beginnen wir die Erörterung mit Fragen der Verteidigung? Nach dem Fehlschlag der ersten nationalen Einheitsfront in China in den Jahren 1924 bis 1927 wurde die Revolution zu einem äusserst erbitterten und schonungslosen Klassenkrieg. Unser Feind herrschte über das ganze Land, während wir nur eine kleine Streitmacht besassen; folglich hatten wir von Anfang an gegen die „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ des Feindes hart zu kämpfen. Unsere Angriffe waren eng mit der Aufgabe verbunden, diese „Feldzüge“ zu zerschlagen, und unser weiteres Schicksal hängt völlig davon ab, ob wir imstande sind, diese „Feldzüge“ zu zerschlagen. Die Zerschlagung eines „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ verläuft in der Regel nicht, wie man es sich wünschen möchte, auf geradem und direktem Weg, sondern auf gewundenen und verschlungenen Pfaden. Die erste und zudem ernste Frage, vor die wir gestellt sind, lautet, wie unsere Kräfte zu erhalten sind, um bei günstiger Gelegenheit den Feind zu schlagen. Die strategische Verteidigung wurde somit zum kompliziertesten und wichtigsten Problem für die Rote Armee bei ihren Operationen.

Im Verlauf unseres 10-jährigen Krieges traten des öfteren zwei Abweichungen in der Frage der strategischen Verteidigung auf: Die eine bestand darin, dass man den Gegner unterschätzte, die andere darin, dass man sich von ihm einschüchtern liess.

Die Unterschätzung des Gegners hatte zur Folge, dass viele Guerillaabteilungen Niederlagen erlitten und die Rote Armee in mehreren Fällen nicht vermochte, die „Feldzüge“ des Feindes zu zerschlagen.

Als die revolutionären Guerillaeinheiten eben erst entstanden waren, schätzten ihre Führer die Lage des Gegners sowie die eigene Lage oft unrichtig ein. Sie sahen nur die zeitweilig günstigen Umstände, die sich herausgebildet hatten infolge ihres Erfolges bei der Organisierung eines plötzlichen bewaffneten Aufstands an einem gegebenen Ort oder einer Meuterei unter den weissen Truppen; oder sie erkannten nicht den Ernst der Lage, der sie gegenübergestellt waren. Aus diesen Gründen unterschätzten sie oft den Feind. Ausserdem kannten sie nicht ihre eigenen Schwächen (ihren Mangel an Erfahrungen, die geringe Zahl ihrer Streitkräfte). Dass der Feind stark war, wir aber schwach, war doch eine objektive Tatsache; aber die Leute wollten darüber nicht nachdenken, sie hatten nur den Angriff im Sinn, wollten von Verteidigung und Rückzug nichts wissen, brachten sich moralisch um eine solche Waffe wie die Verteidigung und lenkten daher ihre Handlungen in eine falsche Richtung. Deswegen wurden viele Guerillaabteilungen geschlagen.

Als Beispiele dafür, dass die Rote Armee aus denselben Gründen nicht imstande war, „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ des Feindes zu zerschlagen, können dienen: ihre Niederlage im Jahre 1928 im Gebiet von Haifeng und Lufeng17, Provinz Kuangtung, sowie die Tatsache, dass die Rote Armee im Grenzgebiet Hupeh-Honan-Anhui bei der Bekämpfung des vierten „Feldzugs“ des Feindes im Jahre I932 ihre Aktionsfreiheit verlor, da sie sich von der Theorie leiten liess, dass die Kuomintang-Armee bloss die Rolle von Flankentruppen spielte.

Für Rückschläge infolge Einschüchterung durch den Feind gibt es zahlreiche Beispiele.

Im Gegensatz zu jenen, die den Feind unterschätzten, gab es Leute, die ihn überschätzten, die eigenen Kräfte jedoch sehr gering achteten, infolgedessen unnötigerweise einen Kurs auf Rückzug einschlugen und sich ebenfalls moralisch um eine solche Waffe wie die Verteidigung brachten. Das Ergebnis davon war, dass entweder manche Guerillaabteilungen geschlagen wurden oder manche Schlachten der Roten Armee mit einem Misserfolg endeten oder Stützpunktgebiete verlorengingen.

Das markanteste Beispiel für den Verlust von Stützpunktgebieten war die Einbusse des Zentralen Stützpunktgebiets in Kiangsi im Verlauf der Gegenoperation gegen den fünften „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“. Dieser Fehler wurde durch eine rechte Abweichung hervorgerufen. Die führenden Funktionäre fürchteten sich vor dem Gegner wie vor einem Tiger, errichteten überall Verteidigungsanlagen, waren auf Schritt und Tritt in der Defensive, wagten nicht, in das Hinterland des Feindes vorzustossen und ihn dort anzugreifen, was von Vorteil für uns gewesen wäre, oder ihn kühn in die Tiefe des eigenen Gebiets zu locken, um ihn hier einzukreisen und zu vernichten; infolgedessen büssten wir das ganze Stützpunktgebiet ein, und die Rote Armee musste den Langen Marsch über mehr als 12‘000 Kilometer antreten. Derartigen Fehlern ging meistens jedoch der „linke“ Fehler einer Unterschätzung des Gegners voraus. Das militärische Abenteurertum, das in dem Angriff auf die Schlüsselstädte im Jahre 1932 zum Ausdruck kam, war eben die Ursache der auf passive Verteidigung abgestellten Linie, an die man sich später, bei der Bekämpfung des fünften feindlichen „Feldzugs“, hielt.

Das krasseste Beispiel für Einschüchterung durch den Feind war die durch Rückzugssucht gekennzeichnete „Linie Dschang Guo-taos“. Die Niederlage der Westkolonne der Vierten Frontarmee der Roten Armee westlich des Gelben Flusses18 besiegelte den endgültigen Bankrott dieser Linie.

Die aktive Verteidigung kann man auch offensive Verteidigung oder Verteidigung durch eine Entscheidungsschlacht nennen. Die passive Verteidigung kann man auch als ausschliesslich auf Abwehr gerichtete Verteidigung oder als rein defensive Verteidigung bezeichnen. Die passive Verteidigung ist faktisch eine Pseudoverteidigung, und nur die aktive Verteidigung ist eine echte Verteidigung, eine Verteidigung, mit der das Ziel verfolgt wird, zur Gegenoffensive und zum Angriff überzugehen. Soviel ich weiss, hat es noch kein einziges militärisches Handbuch von Wert, keinen einzigen einigermassen vernünftigen Militärfachmann gegeben — in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, in China oder im Ausland — die sich nicht gegen die passive Verteidigung gewandt hätten, gleichgültig ob in strategischer oder in taktischer Hinsicht. Nur ein absoluter Narr oder Verrückter wird die passive Verteidigung als einen Talisman betrachten. Dennoch gibt es Leute auf der Welt, die solches tun. Das ist ein Fehler im Krieg, ein Ausdruck des Konservatismus in militärischen Dingen. Die passive Verteidigung müssen wir entschieden bekämpfen.

In den jüngeren, sich rasch entwickelnden imperialistischen Ländern, also in Deutschland und Japan, preisen die Militärfachleute in höchsten Tönen die Vorzüge der strategischen Offensive und wenden sich gegen die strategische Defensive. Solche Ansichten taugen absolut nicht für den revolutionären Krieg in China. Diese Militärfachleute behaupten, eine ernste Schwäche der Verteidigung bestehe darin, dass sie den Kampfgeist der Menschen erschüttere, anstatt ihn zu heben. Das gilt für Länder mit zugespitzten Klassengegensätzen, wo der Krieg lediglich den reaktionären herrschenden Schichten oder sogar nur einer an der Macht befindlichen reaktionären Gruppe Nutzen bringt. Bei uns liegen die Dinge jedoch anders. Unter den Losungen der Verteidigung der revolutionären Stützpunktgebiete und der Verteidigung Chinas können wir die überwältigende Mehrheit des Volkes zusammenschliessen, die wie ein Mann in den Kampf ziehen wird, denn wir sind die Unterdrückten und Opfer einer Aggression. Auch in der Sowjetunion hat die Rote Armee während des Bürgerkriegs ihre Feinde besiegt, indem sie die Form der Verteidigung ausnutzte. Nicht nur als die imperialistischen Staaten die Weissgardisten zu einer Offensive organisierten, wurde der Krieg der Roten Armee unter der Parole der Verteidigung der Sowjets geführt, sondern auch in der Periode der Vorbereitung zum Oktoberaufstand erfolgte die militärische Mobilisierung unter der Losung der Verteidigung der Hauptstadt. In jedem gerechten Krieg hat die Verteidigung nicht nur die Funktion, die politisch fremden Elemente zu paralysieren, sondern sie bietet auch die Möglichkeit, die rückständigen Teile der Massen für die Teilnahme am Krieg zu mobilisieren.

Marx sagte, wenn man einmal den Weg des bewaffneten Aufstands beschritten habe, dürfe man die Offensive nicht für eine Minute unterbrechen;19 er meinte damit, dass die Massen, die den Gegner durch einen plötzlichen Aufstand überrascht haben, den reaktionären Machthabern keine Gelegenheit geben dürfen, die Staatsgewalt zu behaupten oder wiederzugewinnen, sondern den Augenblick benutzen müssen, um die reaktionären herrschenden Kräfte im Land zu schlagen, ehe sie zur Besinnung kommen; dass sie sich mit den errungenen Siegen nicht zufriedengeben, den Feind nicht unterschätzen, in ihren Angriffen auf den Feind nicht nachlassen dürfen; dass sie nicht zögern sollen, vorwärts zu drängen und sich die Gelegenheit, den Feind zu vernichten, nicht entgehen lassen dürfen; sonst würde die Revolution eine Niederlage erleiden. Das ist richtig. Doch es bedeutet nicht, dass wir Revolutionäre auch dann nicht zum Mittel der Defensive greifen dürfen, wenn wir uns bereits in einer militärischen Auseinandersetzung mit dem Feind befinden und wenn dieser überlegen ist und uns hart zusetzt. Nur ein Vollidiot würde so denken.

Unser Krieg war bisher, als Ganzes gesehen, eine Offensive gegen die Kuomintang, militärisch nahm er jedoch die Form der Zerschlagung ihrer „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ an.

Militärisch ausgedrückt, besteht unsere Kriegführung in einer wechselnden Anwendung von Verteidigung und Angriff. In unserem Fall macht es keinen Unterschied aus, ob man sagt, der Angriff folge auf die Verteidigung oder gehe ihr voraus, denn der Angelpunkt der Sache ist die Zerschlagung des „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“. Die Verteidigung dauert bis zu dem Augenblick, da ein „Feldzug“ zerschlagen ist, und die Zerschlagung des „Feldzugs“ ist der Beginn des Angriffs; das sind nur zwei Phasen ein und desselben Geschehens; aber auf einen „Feldzug“ des Feindes folgt gleich ein anderer. Von diesen beiden Phasen ist die der Verteidigung die kompliziertere und wichtigere. Sie enthält zahlreiche Fragen nach der Art und Weise, wie der feindliche „Feldzug“ zu zerschlagen ist. Das Grundprinzip ist hier die Bejahung der aktiven Verteidigung und die Ablehnung der passiven Verteidigung.

Was den Bürgerkrieg anbelangt, wird die strategische Verteidigung, sobald die Kräfte der Roten Armee denen des Gegners überlegen sind, im allgemeinen nicht mehr notwendig sein. Unser Kurs wird dann lediglich der strategische Angriff sein. Diese Wandlung wird von einer allgemeinen Änderung des Kräfteverhältnisses abhängen. Dann wird das Mittel der Verteidigung für uns nur noch partiellen Charakter tragen.

B. VORBEREITUNG DER GEGENOPERATION GEGEN DIE „EINKREISUNGS- UND AUSROTTUNGSFELDZÜGE“

Wenn wir angesichts eines vom Gegner geplanten „Feldzugs“ nicht die erforderlichen und ausreichenden Vorbereitungen treffen, werden wir unweigerlich in eine passive Lage geraten. Nimmt man überstürzt den Kampf auf, so hat man nicht die Gewissheit des Sieges. Deshalb ist es absolut notwendig, dass wir, während der Gegner einen „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ vorbereitet, unsererseits die Gegenoperation vorbereiten. Einwände gegen solche Vorbereitungen, wie sie einst in unseren Reihen laut wurden, sind kindisch und lächerlich.

Hier taucht eine schwierige Frage auf, um die leicht Kontroversen entbrennen: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, da wir unsere eigene Offensive beenden und ins Stadium der Vorbereitungen zur Gegenoperation eintreten müssen? Denn wenn wir erfolgreich angreifen, der Feind aber sich verteidigt, dann bereitet dieser insgeheim seinen nächsten „Feldzug“ vor, und wir können schwer feststellen, wann er den Angriff beginnen wird. Fangen wir dann mit den Vorbereitungen zur Gegenoperation zu früh an, so verringern sich unvermeidlich die Vorteile unseres Angriffs und können sich bisweilen sogar manche nachteilige Auswirkungen auf die Rote Armee und die Volksmassen ergeben. Denn im Vorbereitungsstadium bestehen die Hauptmassnahmen in der militärischen Vorbereitung zum Rückzug und in der politischen Aufklärung dafür. Beginnt die Vorbereitung zu früh, kann sie sich manchmal in ein Warten auf den Gegner verwandeln; wenn der Gegner aber nach langem Warten nicht erscheint, so müssen wir unseren Angriff wiederaufnehmen. Es kann dann mitunter vorkommen, dass der Gegner gerade zu dem Zeitpunkt seine Offensive startet, an dem wir mit unserem neuen Angriff beginnen, so dass wir in eine schwierige Lage geraten. Deshalb ist die Wahl des Zeitpunktes für den Beginn unserer Vorbereitungen eine wichtige Frage. Wenn man den Zeitpunkt bestimmen will, muss man von der Situation beim Gegner und der Situation bei uns selbst sowie von den Wechselbeziehungen zwischen den beiden Situationen ausgehen. Um die Situation beim Gegner kennenzulernen, müssen wir Informationen über seine politische, militärische und finanzielle Lage sowie über die öffentliche Meinung in seinen Gebieten sammeln. Bei der Analyse solcher Informationen müssen wir die Gesamtstärke des Gegners voll in Rechnung stellen, dürfen das Ausmass seiner früheren Niederlagen nicht übertreiben, müssen aber andererseits seine inneren Widersprüche, seine finanziellen Schwierigkeiten, die Auswirkungen seiner früheren Niederlagen usw. in Betracht ziehen. Was unsere Seite betrifft, so dürfen wir das Ausmass unserer früheren Siege nicht übertreiben, müssen aber deren Auswirkungen vollauf berücksichtigen.

Im Hinblick auf den Zeitpunkt des Beginns der Vorbereitungen ist es im allgemeinen besser, ihn zu früh als zu spät anzusetzen; denn man riskiert dann weniger Verluste und hat den Vorteil, dass man auf alle Eventualitäten vorbereitet ist und eine grundsätzlich unbesiegbare Position gewinnt.

Im Vorbereitungsstadium bestehen die Hauptprobleme in der Vorbereitung des Rückzugs der Roten Armee, in der politischen Aufklärung, in der Ergänzung des Personalbestands der Armee, in Massnahmen auf dem Gebiet der Finanzen und der Lebensmittelversorgung, in der Behandlung der uns politisch fremden Elemente usw.

Unter der Vorbereitung des Rückzugs der Roten Armee verstehen wir Vorkehrungen gegen eine Bewegung der Roten Armee in Richtungen, die für den späteren Rückzug ungünstig wären, gegen allzu weite Vorstösse unserer Truppen und gegen ihre Übermüdung. Das sind die erforderlichen Massnahmen, welche die reguläre Rote Armee am Vorabend einer Grossoffensive des Feindes zu treffen hat. Zu diesem Zeitpunkt muss die Rote Armee ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Planung der Auswahl und Vorbereitung des künftigen günstigen Kampfplatzes, der Ansammlung von Versorgungsgütern sowie der Auffüllung und Ausbildung ihrer Kräfte richten.

Die politische Aufklärung ist bei der Gegenoperation gegen die „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ eine Frage von erstrangiger Bedeutung. Wir müssen nämlich den Angehörigen der Roten Armee und der Bevölkerung in den Stützpunktgebieten entschieden und rückhaltlos klarmachen, dass die Offensive des Feindes unausbleiblich ist und nahe bevorsteht, dass dadurch der Bevölkerung schwerer Schaden zugefügt werden wird; doch gleichzeitig müssen wir sie über die Schwächen des Feindes, über die der Roten Armee günstigen Faktoren, über unseren unerschütterlichen Siegeswillen, über die Richtung, in der unsere Tätigkeit verläuft, usw. aufklären. Wir müssen die Rote Armee und die gesamte Bevölkerung zur Bekämpfung des „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“, zur Verteidigung der Stützpunktgebiete aufrufen. Mit Ausnahme der aus militärischen Gründen geheimzuhaltenden Dinge muss die politische Aufklärung öffentlich durchgeführt werden und möglichst jeden erfassen, der irgendwie die Interessen der Revolution wahren könnte. Der Schlüssel hierzu liegt in der Überzeugung der Kader.

Bei der Ergänzung des Personalbestands der Armee muss man von zwei Erwägungen ausgehen: einerseits vom Niveau des politischen Bewusstseins der Volksmassen und von der Bevölkerungszahl, andererseits vom gegebenen Zustand der Roten Armee und dem voraussichtlichen Ausmass ihrer Verluste während der ganzen Gegenoperation.

Selbstverständlich haben die Finanz- und Ernährungsprobleme grosse Bedeutung für die Bekämpfung der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“. Man muss damit rechnen, dass sich der „Feldzug“ in die Länge ziehen kann. Es ist notwendig, den Mindestbedarf zunächst der Roten Armee, dann aber auch der Bevölkerung der revolutionären Stützpunktgebiete an materiellen Versorgungsgütern während des ganzen Verlaufs der Gegenoperation zu berechnen.

Gegenüber den uns politisch fremden Elementen darf man es an Wachsamkeit nicht fehlen lassen; doch wir sollen nicht über Gebühr befürchten, sie könnten Verrat üben, und daher übertriebene Vorsichtsmassregeln treffen. Unter den Grundherren, Kaufleuten und Grossbauern muss man differenzieren, wobei die Hauptsache darin liegt, ihnen unsere Politik zu erläutern, ihre Neutralität zu gewinnen und zugleich die Volksmassen zu ihrer Überwachung zu organisieren. Nur gegen die gefährlichsten Elemente, deren Zahl sehr gering ist, kann man strenge Massnahmen wie Verhaftung usw. treffen.

Wie gross der Sieg bei der Gegenoperation ist, hängt eng damit zusammen, bis zu welchem Grad wir im Vorbereitungsstadium unsere Aufgaben erfüllt haben. Ein Nachlassen in der Vorbereitung infolge Unterschätzung des Gegners und eine Panik infolge Einschüchterung durch seine Angriffe sind schädliche Tendenzen, die entschieden bekämpft werden müssen. Was wir brauchen, ist Begeisterung, aber auch Besonnenheit, ist sowohl intensive wie gut geregelte Arbeit.

C. STRATEGISCHER RÜCKZUG

Der strategische Rückzug ist eine planmässige strategische Massnahme, der sich eine schwächere Armee angesichts eines überlegenen Gegners, dessen Angriff sie nicht rasch zunichtemachen kann, bedient, um ihre Kräfte zu erhalten und einen günstigen Zeitpunkt für die Zerschlagung des Gegners abzuwarten. Militärische Abenteurer widersetzen sich aber hartnäckig einer solchen Massnahme und predigen, man solle „den Feind vor den Toren des eigenen Staates abwehren“.

Bekanntlich weicht bei einem Faustkampf der Klügere der beiden Boxer gewöhnlich am Anfang etwas zurück, während der Dümmere wütend drauflosschlägt und schon zu Beginn alle seine Künste zeigt, so dass dieser am Schluss oft von jenem, der anfangs zurückgewichen ist, niedergeworfen wird.

In dem Roman „Helden vom Liangschan-Moor“ ruft der Trainer Hung im Gutshof Tschai Djins mit herausforderndem Geschrei Lin Tschung zum Zweikampf auf. Lin Tschung weicht zuerst zurück, nimmt dann einen Fehlgriff Hungs wahr und schleudert ihn mit einem einzigen Fusstritt zu Boden.20

In der „Frühlings- und Herbstperiode“ brach zwischen den Staaten Lu und Tji21 ein Krieg aus. Der Herzog Dschuang von Lu wollte angreifen, ehe die Truppen von Tji ermattet waren, doch Tsao Gui hielt ihn zurück. Dschuang wandte daraufhin die Taktik „Wenn der Feind ermattet ist, schlagen wir zu“ an und besiegte die Tji-Armee. In der Kriegsgeschichte Chinas ist dieser Vorfall zu einem klassischen Beispiel für den Sieg einer schwächeren Armee über eine stärkere geworden. Sehen wir uns nun den Bericht des Historikers Dsuotjiu Ming22 an :

Im Frühjahr überfiel uns die Armee von Tji. Der Herzog rüstete sich zum Kampf. Tsao Gui bat um Audienz. Seine Nachbarn sagten: ‚Das ist Sache der Würdenträger. Warum mischst du dich ein?‘ Tsao Gui erwiderte: ‚Die Würdenträger sind kurzsichtig, weitreichende Pläne können sie nicht schmieden.‘ So trat er vor den Herzog, Und er fragte: ‚Worauf wirst du dich im Krieg stützen?‘ Der Herzog antwortete: ‚An Gewändern und Speisen mich allein zu ergötzen, wage ich nie; ich teile sie stets mit anderen.‘ Hierauf Tsao Gui: ‚Die kleinen Wohltaten können nicht alle erreichen, das Volk wird dir nicht folgen.‘ Der Herzog sagte: ‚Nie opfere ich den Göttern weniger heilige Tiere, Jade und Seide als ihnen gebührt, ich bleibe stets ehrlich.‘ Tsao Gui versetzte: ‚Durch kleine Ehrlichkeiten erwirbt man kein Vertrauen. Die Götter werden dich nicht segnen.‘ Da sagte der Herzog: ‚In kleinen und grossen Rechtsfällen habe ich, auch wenn ich die Einzelheiten nicht prüfen konnte, stets gerecht geurteilt.‘ Und Tsao erwiderte: ‚Du bist also pflichttreu. Du kannst in die Schlacht ziehen. Tust du das, lass mich dir folgen.‘ Der Herzog nahm ihn in seinem Streitwagen mit. Und es kam zur Schlacht bei Tschangschao. Der Herzog wollte die Trommel zum Angriff rühren lassen, doch Tsao Gui sagte: ‚Noch nicht!‘ Nachdem die Leute von Tji dreimal zum Angriff getrommelt hatten, sagte Tsao: ‚Nun lass die Trommel rühren!‘ Das Tji-Heer wurde in die Flucht geschlagen. Der Herzog wollte ihm nachsetzen. Doch Tsao sagte: ‚Noch nicht!‘ Er stieg vom Streitwagen, um die vom Feind hinterlassenen Radspuren zu prüfen, dann kletterte er auf die Armstützen des Wagens, um Ausschau zu halten. Nun sagte er: ‚Jetzt geht‘s!‘ So begann die Verfolgung des Tji-Heeres. Nach dem Sieg fragte der Herzog Tsao Gui, warum er solche Ratschläge erteilt hätte. Tsao erwiderte: “Im Krieg kommt es auf den Mut an: Beim ersten Trommelschlag wird er geweckt, beim zweiten sinkt er, beim dritten schwindet er dahin. Der Mut des Feindes war geschwunden, wir aber waren voller Mut, und darum siegten wir. Es ist schwer, die Absichten eines grossen Staates zu ergründen, und darum fürchtete ich einen Hinterhalt. Als ich aber die Radspuren des Feindes prüfte, sah ich, dass sie durcheinander gingen, und als ich Ausschau hielt, sah ich, dass die Banner des Feindes gesunken waren. Da riet ich, die Verfolgung aufzunehmen.”“

Das war ein Fall, wo ein schwacher Staat einem starken widerstanden hatte. In diesem Bericht wird auf die politische Vorbereitung vor dem Krieg hingewiesen — man gewinnt das Vertrauen des Volkes. Dann wird von dem Schlachtfeld erzählt, das für einen Übergang zum Gegenangriff günstig war — Tschangschao. Hierauf wird der günstige Zeitpunkt für den Beginn des Gegenangriffs beschrieben — der Zeitpunkt, da der Mut des Feindes geschwunden war, wir aber voller Mut waren. Schliesslich wird der Zeitpunkt des Beginns der Verfolgung angegeben — der Augenblick, da die Radspuren des Feindes durcheinander gingen und seine Banner gesunken waren. Obwohl es sich hier um keine grosse Schlacht handelt, illustriert die Erzählung die Prinzipien der strategischen Verteidigung. Die Kriegsgeschichte Chinas kennt sehr viele Beispiele dafür, dass durch Anwendung dieser Prinzipien der Sieg errungen wurde: die Schlacht bei Tschenggao zwischen den Staaten Tschu und Han23, die Schlacht von Kunyang zwischen den Staaten Hsin und Han24, die Schlacht von Guandu zwischen Yüan Schao und Tsao Tsao25, die Schlacht von Tschibi zwischen den Staaten Wu und We26 die Schlacht bei Yiling zwischen den Staaten Wu und Schu27, die Schlacht am Fe-Fluss zwischen den Staaten Tjin und Djin28 usw. In allen diesen berühmten grossen Schlachten waren die Kräfte der beiden kämpfenden Parteien ungleich, und die schwächere Seite trug, indem sie zuerst auswich, um dann nach dem ersten feindlichen Schlag die Initiative zu ergreifen, schliesslich den Sieg davon.

Als unser Krieg im Herbst 1927 begann, hatten wir überhaupt keine Erfahrung. Die Aufstände von Nantschang29 und Kanton30 endeten mit einer Niederlage. Auch die Einheiten der Roten Armee, die an dem Herbsternte-Aufstand31 teilnahmen, mussten im Grenzgebiet Hunan-Hupeh-Kiangsi einige Schlappen hinnehmen, bis sie in das Djinggang-Gebirge an der Grenze zwischen Hunan und Kiangsi zogen. Dort trafen im April des folgenden Jahres auch die nach der Niederlage des Nantschang-Aufstands erhalten gebliebenen Einheiten ein, die über Südhunan marschiert waren. Jedoch schon im Mai 1928 wurden die ihrem Charakter nach schlichten, aber den Bedingungen der damaligen Zeit angepassten Grundprinzipien des Guerillakriegs ausgearbeitet, und zwar in der knappen Formel, die nur 16 Schriftzeichen hat: „Rückt der Feind vor, ziehen wir uns zurück; macht er halt, umschwärmen wir ihn; ist er ermattet, schlagen wir zu; weicht er, verfolgen wir ihn.“ Diese militärischen Grundsätze wurden vom Zentralkomitee vor dem Aufkommen der Linie Li Li-sans akzeptiert. In der Folgezeit haben unsere Prinzipien der Kriegführung eine Weiterentwicklung erfahren. Als wir im Kiangsi-Stützpunktgebiet unsere Gegenoperation gegen den ersten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ unternahmen, wurde der Grundsatz “den Feind tief in unser Territorium locken” aufgestellt und auch erfolgreich angewendet. Als der dritte feindliche „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ zerschlagen wurde, waren die Prinzipien der Kriegführung der Roten Armee bereits voll ausgebildet. Das war eine neue Etappe in der Entwicklung unserer militärischen Prinzipien, die inhaltlich bedeutend bereichert und in der Form mannigfaltig abgeändert wurden, und zwar hauptsächlich in dem Sinne, dass sie über die ursprüngliche Einfachheit hinausgewachsen waren; doch die in der erwähnten kurzen Formel ausgedrückten Grundprinzipien blieben erhalten. Diese Formel enthält die Grundprinzipien der Gegenoperation gegen die feindlichen „Feldzüge“, umfasst die beiden Etappen der strategischen Verteidigung und des strategischen Angriffs und schliesst wiederum innerhalb der Etappe der Verteidigung die beiden Phasen ein: den strategischen Rückzug und die strategische Gegenoffensive. Alles, was danach kam, war nur eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Formel.

Doch ab Januar 1932, als die Resolution der Partei „Über den Kampf um den Sieg zunächst in einer oder mehreren Provinzen nach der Zerschlagung des dritten ,Feldzugs‘“ veröffentlicht worden war, jene Resolution, die ernste prinzipielle Fehler enthielt, führten die „linken“ Opportunisten einen Kampf gegen die richtigen Prinzipien, die schliesslich verworfen und durch eine ganze Serie entgegengesetzter „neuer Prinzipien“ oder „regulärer Prinzipien“ ersetzt wurden. Von diesem Augenblick an durfte man die alten Prinzipien nicht mehr als regulär betrachten, sondern musste sie als „Guerillatum“ verwerfen. Die Atmosphäre des Kampfes gegen das „Guerillatum“ herrschte volle drei Jahre. Im ersten Stadium lief dieser Kampf auf militärisches Abenteurertum hinaus, im zweiten verwandelte er sich in einen militärischen Konservatismus, und schliesslich im dritten Stadium wurde er zu einer Fluchtmentalität. Erst auf der erweiterten Tagung des Politbüros des Zentralkomitees der Partei, die im Januar 1935 in Dsunyi, Provinz Kueitschou, stattfand, wurde diese falsche Linie für bankrott erklärt und die Richtigkeit der früheren Linie von neuem anerkannt. Aber um welchen Preis ist das erreicht worden!

Die Kameraden, die sich gegen das „Guerillatum“ ereiferten, argumentierten folgendermassen: Es sei falsch, den Feind tief in das eigene Territorium zu locken, weil man dabei grosse Gebiete aufgeben müsse. Zwar habe man damit früher Siege errungen; sei aber jetzt die Lage nicht anders? Und sei es etwa nicht besser, den Feind zu besiegen, ohne eigene Gebiete preiszugeben? Sei es denn nicht besser, wenn man den Gegner auf dessen eigenem Territorium oder an der Grenze zwischen seinem und unserem Machtbereich schlägt? Die alten Prinzipien hätten nichts Reguläres an sich und wären blosse Guerillamethoden. Wir hätten jetzt unseren Staat begründet, und unsere Rote Armee sei eine reguläre Armee geworden. Unser Krieg gegen Tschiang Kai-schek sei ein Krieg zwischen zwei Staaten, zwischen zwei grossen Armeen. Die Geschichte dürfe sich nicht wiederholen, und alles, was mit „Guerillatum“ zu tun habe, müsse rundweg abgelehnt werden. Die neuen Prinzipien wären „voll und ganz marxistisch“, die alten dagegen seien bei den Guerilla in den Bergen entstanden, und in den Bergen gebe es keinen Marxismus. Die neuen Prinzipien seien den alten direkt entgegengesetzt: „Einer gegen zehn, zehn gegen hundert, kühn und entschlossen kämpfen, den Sieg ausnutzen und den Feind verfolgen“; „an der ganzen Front losschlagen“; „die Schlüsselstädte erobern“; „mit beiden Fäusten schlagen“. Und was die Methoden zur Abwehr des feindlichen Angriffs betrifft, so müsse es heissen: „den Feind vor den Toren des eigenen Staates abwehren“; „man ergreift die Initiative, indem man zuerst zuschlägt“; „unsere Töpfe und Pfannen nicht zerschlagen lassen“; „keinen Fussbreit Boden aufgeben“; „die Truppen in sechs Kolonnen verteilen“. Der Krieg sei „eine Entscheidungsschlacht zwischen dem revolutionären und dem kolonialen Weg“; er bestehe in kurzen, raschen Vorstössen, sei ein Blockhauskrieg, ein Zermürbungskrieg, ein „langwieriger Krieg“; er erfordere ein ausgedehntes Hinterland und ein absolut zentralisiertes Kommando. Und zu guter Letzt kam es dann zu einer grandiosen „Übersiedlung“. Wer aber alle diese Dinge nicht akzeptierte, der wurde gemassregelt, zum Opportunisten gestempelt und dergleichen mehr.

Zweifellos waren alle diese Theorien und Praktiken falsch. Sie waren nichts als Subjektivismus. Wenn die Umstände günstig waren, äusserte sich dieser Subjektivismus in kleinbourgeoisem radikalem Revoluzzertum und kleinbourgeoiser revolutionärer Fiebrigkeit; wenn die Umstände aber schwierig wurden, dann verwandelte er sich, je nach der Veränderung der Situation, in verzweifelte Kopflosigkeit, in Konservatismus oder in Fluchtmentalität. Das waren Theorien und Praktiken von Hitzköpfen und Ignoranten; sie wiesen nicht die leiseste Spur von Marxismus auf, waren vielmehr antimarxistisch.

An dieser Stelle wollen wir nur den strategischen Rückzug erörtern, den man in Kiangsi „Lockung des Feindes ins Innere“ und in Szetschuan „Verkürzung der Frontlinien“ nannte. Kein Militärtheoretiker oder -praktiker der Vergangenheit hat jemals bestritten, dass dies der Kurs ist, den eine schwache Armee einem starken Gegner gegenüber im Anfangsstadium des Krieges einschlagen muss. Ein ausländischer Militärfachmann sagte einst, in der strategischen Defensive solle man in der Regel am Anfang Entscheidungsschlachten unter ungünstigen Umständen vermeiden und sie erst dann suchen, wenn günstige Umstände eingetreten sind. Das ist völlig richtig, und wir haben dem nichts hinzuzufügen.

Der Zweck des strategischen Rückzugs besteht darin, die Kräfte der Armee zu erhalten und die Gegenoffensive vorzubereiten. Ein Rückzug ist deshalb notwendig, weil man unweigerlich die Erhaltung der eigenen Kräfte gefährdet, wenn man sich nicht einen Schritt vor dem angreifenden starken Gegner zurückzieht. In der Vergangenheit waren nichtsdestoweniger viele Leute entschieden gegen Rückzüge, die sie als eine „opportunistische Linie der reinen Defensive“ bezeichneten. Unsere Geschichte hat jedoch gezeigt, dass diese Einwände völlig falsch waren.

Bei der Vorbereitung einer Gegenoffensive müssen wir solche Bedingungen wählen beziehungsweise schaffen, die für uns selbst günstig, aber für den Gegner ungünstig sind, um eine Änderung des Kräfteverhältnisses herbeizuführen, ehe wir zur Gegenoffensive übergehen.

Wie unsere früheren Erfahrungen zeigen, müssen im allgemeinen im Verlauf des Rückzugs mindestens zwei der nachfolgenden Bedingungen erfüllt sein ehe wir die Situation als günstig für uns und ungünstig für den Gegner ansehen und zur Gegenoffensive übergehen können. Diese Bedingungen sind:

1. Die Bevölkerung gewährt der Roten Armee aktive Unterstützung;
2. das Gelände ist für unsere Operationen vorteilhaft;
3. alle Hauptkräfte der Roten Armee sind konzentriert worden;
4. die schwachen Stellen des Gegners sind ermittelt worden;
5. der Gegner ist erschöpft und demoralisiert worden;
6. der Gegner ist zu Fehlern verleitet worden.

Die erste Bedingung, nämlich die Unterstützung durch die Bevölkerung, ist für die Rote Armee die wichtigste von allen. Das ist eben die Bedingung, die nur ein Stützpunktgebiet bieten kann. Ist diese Bedingung vorhanden, dann ist es auch leicht, die vierte, die fünfte und die sechste Bedingung zu schaffen bzw. herauszufinden. Daher zieht sich die Rote Armee, wenn der Feind einen Grossangriff unternimmt, stets aus den weissen Gebieten in die Stützpunktgebiete zurück, wo sie in den Kämpfen gegen die weisse Armee am aktivstenvon den Volksmassen unterstützt wird. Dabei gibt es auch einen Unterschied zwischen den Randgebieten eines Stützpunktgebiets und dessen zentralen Bezirken; die Bevölkerung der zentralen Bezirke ist in bezug auf Geheimhaltung von Informationen, Aufklärung, Transport, Teilnahme an den Kampfhandlungen usw. zuverlässiger als die Bevölkerung in Randgebieten. Deshalb wurden, als wir gegen den ersten, zweiten und dritten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ in Kiangsi kämpften, als „Endpunkte des Rückzugs“ stets solche Gegenden gewählt, wo die Bedingung, dass uns die Bevölkerung unterstützt, ausgezeichnet oder recht gut erfüllt war. Infolge der Besonderheit, dass wir Stützpunktgebiete haben, unterscheidet sich die Kriegführung der Roten Armee bedeutend von der üblichen Kriegführung, und sie war auch die Hauptursache dafür, dass der Feind später zu seiner Blockhaus-Taktik Zuflucht nehmen musste.

Dass die sich zurückziehende Armee ein ihren Wünschen entsprechendes Gelände wählen und den angreifenden Gegner zum Kampf nach ihren eigenen Bedingungen zwingen kann, ist einer der Vorzüge der Operationen auf den inneren Linien. Wenn eine schwache Armee eine starke besiegen will, muss sie Wert auf die Bedingung legen, dass das Gelände für sie günstig ist. Doch diese Bedingung allein genügt nicht, sie muss mit anderen verbunden sein. An erster Stelle steht hier die Bedingung der Unterstützung durch die Bevölkerung. Dann ist es erforderlich, dass man jene Teile des Gegners ermittelt, die leicht zu schlagen sind; das ist beispielsweise der Fall, wenn der Gegner erschöpft ist oder Fehler gemacht hat, oder wenn der uns entgegenrückende Gegner verhältnismässig wenig schlagkräftig ist. Fehlen alle diese Bedingungen, dann muss man, selbst wenn ausgezeichnete Geländeverhältnisse vorhanden sind, diese unbeachtet lassen und den Rückzug fortsetzen, um die gewünschten Voraussetzungen zu gewährleisten. In den weissen Gebieten fehlt es nicht an vorzüglichem Gelände, doch wir haben dort nicht die vorzügliche Bedingung der Unterstützung durch die Bevölkerung. Solange nicht auch die anderen Bedingungen geschaffen bzw. ermittelt worden sind, bleibt der Roten Armee nichts übrig, als sich in ihre Stützpunktgebiete zurückzuziehen. Das gleiche gilt im grossen und ganzen auch für den Unterschied zwischen den Randgebieten und den zentralen Bezirken des Stützpunktgebiets.

Mit Ausnahme der örtlichen Einheiten und der Bindungskräfte sind grundsätzlich alle Stosstruppen zu konzentrieren. Greift die Rote Armee einen Gegner an, der sich in der strategischen Verteidigung befindet, dann sind ihre Kräfte gewöhnlich aufgelockert. Sobald der Feind einen Grossangriff unternimmt, dann führt die Rote Armee einen sogenannten „zentripetalen Rückzug“ durch. Als Endpunkt des Rückzugs wird meistens eine Gegend im Zentrum des Stützpunktgebiets gewählt, zuweilen aber auch — je nach den Umständen — in seinen vorderen oder hinteren Abschnitten. Ein solcher zentripetaler Rückzug ermöglicht es, sämtliche Hauptkräfte der Roten Armee vollständig zu konzentrieren.

Eine weitere unerlässliche Bedingung im Kampf einer schwachen Armee gegen eine starke besteht darin, gegen die schwachen Truppenteile des Gegners Schläge zu führen. Aber zu Beginn des gegnerischen Angriffs wissen wir oft nicht, welcher seiner in verschiedenen Kolonnen vormarschierenden Truppenteile der stärkste ist, welcher der zweitstärkste, welcher der schwächste und welcher der zweitschwächste. Um das festzustellen, sind Aufklärungen erforderlich, wofür man häufig viel Zeit braucht. Auch das ist ein Grund, der den strategischen Rückzug notwendig macht.

Ist der angreifende Gegner unserer Armee an Zahl und Kampfkraft weit überlegen, können wir eine Änderung des Kräfteverhältnisses nur dann herbeiführen, wenn der Feind tief in das Innere unseres Stützpunktgebiets eingedrungen ist und dort alle Bitternis bis zur Neige ausgekostet hat, so dass, wie der Stabschef einer Brigade Tschiang Kai-scheks während des dritten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ sagte, „die Dicken abmagern und die Mageren sich zu Tode schinden“, oder, wie sich der Oberbefehlshaber der Westkolonne der „Einkreisungs- und Ausrottungs“-Armee Tschen Mingschu ausdrückte, „die Nationalarmee überall im Dunkeln tappt, die Rote Armee überall im Lichte wandelt“. Zu diesem Zeitpunkt ist dann die feindliche Armee, obwohl noch stark, dennoch schon beträchtlich geschwächt; ihre Soldaten sind ermattet und demoralisiert, viele schwache Punkte des Gegners sind zum Vorschein gekommen. Die Rote Armee ist zwar noch schwach, hat aber inzwischen ihre Kräfte geschont und Energien aufgespart, wartet ausgeruht auf den erschöpften Feind. Zu diesem Zeitpunkt ist es in der Regel möglich, ein gewisses Gleichgewicht im Kräfteverhältnis der beiden Seiten herbeizuführen oder die absolute Überlegenheit des Gegners in eine relative Überlegenheit und unsere absolute Unterlegenheit in eine relative Unterlegenheit zu verwandeln; es kommt mitunter sogar vor, dass dann der Gegner schwächer wird und wir das Übergewicht über ihn erlangen. Bei der Bekämpfung des dritten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ in Kiangsi unternahm die Rote Armee einen Rückzug bis zur äussersten Grenze des Möglichen (sie konzentrierte sich in den frontabgekehrten Randgebieten des Stützpunktgebiets); andernfalls hätte sie den Feind nicht besiegen können, da die Truppen des „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ mehr als zehnmal so stark waren wie ihre eigenen. Wenn Sun Dsi sagte: „Weiche dem Gegner, wenn er voller Kraft vordringt; schlage ihn, wenn er ermattet ist“, so meinte er eben, man solle den Feind physisch und moralisch zermürben, um seine Überlegenheit zu verringern.

Die letzte Bedingung, die beim Rückzug zu gewährleisten ist, besteht darin, Fehler des Gegners zu verursachen oder aufzudecken. Man muss bedenken, dass kein feindlicher Befehlshaber, wie klug er auch sein mag, imstande ist, im Laufe einer längeren Zeit keinen Fehler zu begehen; daher haben wir stets die Möglichkeit, seine Fehler auszunutzen. Der Gegner kann genauso Fehler machen, wie wir uns selbst manchmal verrechnen und dem Gegner dadurch eine günstige Gelegenheit bieten. Ausserdem können wir Fehler des Gegners künstlich hervorrufen, indem wir zum Beispiel das tun, was Sun Dsi „Vorspiegelung“ nannte (ein Scheinmanöver im Osten vollführen, den Angriff aber im Westen unternehmen), und desgleichen. Haben wir solches vor, dann dürfen wir den Endpunkt des Rückzugs nicht starr auf eine bestimmte Gegend begrenzen. Zuweilen müssen wir, wenn wir uns in den vorgesehenen Raum zurückgezogen, aber noch keine nutzbare Gelegenheit gefunden haben, den Rückzug fortsetzen und warten, bis der Feind uns eine solche Gelegenheit bietet.

Das sind im allgemeinen die günstigen Bedingungen, die wir durch den Rückzug anstreben. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit dem Beginn der Gegenoffensive warten müssen, bis alle obenerwähnten Bedingungen erfüllt sind. Es ist weder möglich noch notwendig, dass alle diese Bedingungen gleichzeitig gegeben sind. Doch muss eine schwache Armee, die auf den inneren Linien gegen einen starken Gegner operiert, darauf bedacht sein, nach der jeweiligen Situation des Gegners, einige der erforderlichen Bedingungen anzustreben; es wäre falsch, das bestreiten zu wollen.

Wenn man den Endpunkt des Rückzugs festlegt, muss man von der Gesamtlage ausgehen. Es wäre falsch, bei der Entscheidung darüber nur eine Teilsituation zu berücksichtigen, die den Übergang zur Gegenoffensive günstig erscheinen lässt, wenn nicht zugleich auch die Gesamtlage für uns vorteilhaft ist. Denn schon zu Beginn einer Gegenoffensive müssen wir mit späteren Veränderungen rechnen, und unsere Gegenoffensive beginnt immer mit Teilaktionen. Zuweilen muss man den Endpunkt des Rückzugs im frontnahen Teil des Stützpunktgebiets festlegen, wie das während der zweiten und vierten Gegenoperation gegen die „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ in Kiangsi und der dritten Gegenoperation im Schensi-Kansu-Gebiet der Fall war. Manchmal muss der Endpunkt im zentralen Teil des Stützpunktgebiets gelegen sein, wie bei unserer ersten Gegenoperation in Kiangsi. Und es kommt auch vor, dass er sich im frontabgekehrten Teil des Stützpunktgebiets befindet, wie zum Beispiel während der dritten Gegenoperation in Kiangsi. In allen diesen Fällen wurde die Entscheidung getroffen, nachdem man die Teilsituation mit der Gesamtlage in Verbindung gebracht hatte. Während der fünften Gegenoperation in Kiangsi zog unsere Armee einen Rückzug überhaupt nicht in Erwägung, weil sie weder auf die Teilsituation noch auf die Gesamtlage achtete, was wirklich unbesonnen und waghalsig war. Eine Situation setzt sich aus einer Reihe von Bedingungen zusammen; bei der Prüfung des Zusammenhangs zwischen der Teilsituation und der Gesamtlage muss man davon ausgehen, ob die Bedingungen auf der Seite des Feindes und auf unserer Seite, wie sie sich in der Teilsituation und in der Gesamtlage offenbaren, für den Beginn unserer Gegenoffensive einigermassen günstig sind.

Die Endpunkte des Rückzugs lassen sich im Stützpunktgebiet im grossen und ganzen in drei Kategorien einteilen, nämlich in solche Punkte, die im frontnahen Teil, solche, die im Zentrum, und solche, die im frontabgewandten Teil des Gebiets liegen. Heisst das aber, dass wir es überhaupt ablehnen, in weissen Gebieten zu operieren? Nein. Nur in dem Fall, wenn wir es mit einem grossangelegten „Feldzug“ des Feindes zu tun haben, lehnen wir das ab. Nur in dem Fall, wenn das Kräfteverhältnis sehr ungleich ist, treten wir, gemäss dem Grundsatz, dass wir unsere Kräfte schonen und die Gelegenheit für die Zerschlagung des Feindes abwarten sollen, dafür ein, dass wir uns ins Stützpunktgebiet zurückziehen und den Feind in die Tiefe unseres eigenen Territoriums locken; denn nur auf diese Weise können wir die für unsere Gegenoffensive günstigen Bedingungen schaffen bzw. herausfinden. Ist aber die Lage nicht sehr ernst, oder ist sie so ernst, dass es der Roten Armee auch in ihrem eigenen Stützpunktgebiet einfach unmöglich ist, die Gegenoffensive zu beginnen, oder kommt unsere Gegenoffensive nicht recht vorwärts und ist daher ein weiterer Rückzug notwendig, um eine Wendung in der Lage herbeizuführen, dann muss man — zumindest theoretisch — anerkennen, dass der Endpunkt des Rückzugs auch in weissen Gebieten gewählt werden kann, obwohl wir sehr wenig Erfahrungen dieser Art gemacht haben.

Die Endpunkte des Rückzugs in weissen Gebieten kann man im grossen und ganzen auch in drei Kategorien einteilen: erstens in solche, die vor unserem Stützpunktgebiet liegen, zweitens in solche, die an dessen Flanken liegen, und drittens in solche, die dahinter liegen. Nehmen wir ein Beispiel für Endpunkte der ersten Kategorie: Hätte es in der Zeit der ersten Gegenoperation in Kiangsi nicht eine Uneinigkeit innerhalb der Roten Armee und eine Spaltung in den örtlichen Parteiorganisationen gegeben, das heisst, hätten nicht zwei so schwierige Probleme wie die Linie Li Li-sans und der A-B-Bund32 bestanden, dann wäre es denkbar gewesen, dass wir unsere Kräfte in dem Dreieck Djian-Nanfeng-Dschangschu konzentriert hätten, um von da aus eine Gegenoffensive zu unternehmen. Denn die Kräfte des Gegners, die damals zwischen dem Gan-Fluss und dem Fu-Fluss vorrückten, waren denen der Roten Armee nicht um vieles überlegen (100‘000 gegen 40‘000 Mann). Wenn hier auch hinsichtlich der Unterstützung durch die Bevölkerung die Bedingungen nicht so gut waren wie im Stützpunktgebiet, so waren doch die Geländebedingungen vorteilhaft; ausserdem hätten wir den Umstand, dass der Gegner in getrennten Kolonnen marschierte, ausnutzen können, um ihn einzeln zu schlagen. Nun ein Beispiel für Endpunkte der zweiten Kategorie: Hätte im Verlauf der dritten Gegenoperation in Kiangsi die gegnerische Offensive nicht so grosse Ausmasse angenommen, wäre eine der feindlichen Kolonnen aus dem Raum Djiänning-Litschuan-Taining an der Grenze zwischen Fukien und Kiangsi vorgerückt und hätte deren zahlenmässige Stärke unserer Armee einen Angriff auf sie erlaubt, dann wäre es ebenfalls denkbar gewesen, dass die Rote Armee ihre Kräfte schon in den weissen Gebieten in Westfukien zusammengezogen und zuerst diese Kolonne zerschlagen hätte, wodurch sie der Notwendigkeit enthoben gewesen wäre, den gewaltigen Umweg von tausend Li über Juidjin nach Hsingguo zu machen. Dieselbe dritte Gegenoperation in Kiangsi hätte auch ein Beispiel für Rückzugsendpunkte der dritten Kategorie liefern können: Wären damals die Hauptkräfte des Gegners nach Süden statt nach Westen vorgerückt, dann wären wir möglicherweise gezwungen gewesen, uns in den Raum Huitschang-Hsünwu-Anyüan (ein weisses Gebiet) zurückzuziehen, um den Feind noch weiter nach Süden zu locken; hierauf hätte die Rote Armee von Süden nach Norden ins Innere des Stützpunktgebiets einrücken können. Zu diesem Zeitpunkt wären die Kräfte des Gegners im Norden des Stützpunktgebiets nicht zahlreich gewesen. Alle diese Beispiele sind jedoch lediglich Hypothesen und beruhen auf keinerlei Erfahrung; man kann sie nur als Ausnahmefälle, aber nicht als ein allgemeines Prinzip betrachten. Wenn der Feind einen grossangelegten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ unternimmt, gilt für uns als allgemeines Prinzip, den Feind tief ins Innere unseres Stützpunktgebiets zu locken, uns ins Stützpunktgebiet zurückzuziehen, um ihn hier zu bekämpfen; denn das ist für uns die verlässlichste Methode, die feindliche Offensive zu zerschlagen.

Jene, die dafür eintraten, dass wir „den Feind vor den Toren des eigenen Staates abwehren“, widersetzten sich dem strategischen Rückzug mit der Begründung, er bedeute Gebietsverluste, bringe der Bevölkerung Schaden (sie nennen das: „Unsere Töpfe und Pfannen werden zerschlagen“) und löse auch nach aussen hin ein ungünstiges Echo aus. Während der fünften Gegenoperation erklärten sie, dass jedesmal, wenn wir einen Schritt zurückwichen, der Feind seine Blockhäuser einen Schritt vorschöbe, so dass unsere Stützpunktgebiete immer mehr zusammenschrumpften und es uns nicht mehr gelingen würde, verlorene Gebiete wiederzugewinnen. Auch wenn es früher nützlich gewesen sein möge, den Feind tief ins Innere unseres Gebiets zu locken, so sei es doch sinnlos, diese Methode gegen den fünften „Feldzug“ anzuwenden, bei dem sich der Gegner der BlockhausTaktik bediene; hier könne man sich nur der Methode einer Verteidigung mit aufgelockerten Kräften sowie der Methode kurzer, rascher Vorstösse bedienen.

Es ist leicht, auf diese Behauptungen zu erwidern, und unsere Geschichte hat bereits die Antwort darauf gegeben. Was die Gebietsverluste betrifft, so hat es sich häufig so ergeben, dass man solche Verluste nur vermeidet, indem man sie in Kauf nimmt. Hier gilt der Grundsatz: „Ich gebe, damit du gibst.“ Wenn wir Gebietsverluste haben, dafür aber den Sieg über den Feind erringen und obendrein die verlorenen Gebiete zurückgewinnen und noch ausdehnen, dann ist das ein einträgliches Geschäft. Bei einem Handel kann der Käufer keine Ware erwerben, wenn er nicht Geld „verliert“, und der Verkäufer kann auch kein Geld erhalten, wenn er nicht die Ware „verliert“. Eine revolutionäre Bewegung bringt Verluste in Form von Zerstörungen mit sich, aber dafür den Gewinn des Aufbaus im Sinne des Fortschritts. Für Schlaf und Erholung verliert man Zeit, gewinnt aber dafür Energie für die Arbeit am nächsten Tag. Wenn irgendein Narr das nicht versteht und sich weigert zu schlafen, wird er tags darauf keine Energie haben, und das ist ein Verlustgeschäft. Der Verlust, den wir beim fünften „Feldzug“ des Feindes zu tragen hatten, ist eben einem solchen Umstand zuzuschreiben. Weil wir einen Teil unseres Gebiets nicht verlieren wollten, haben wir schliesslich das ganze Gebiet verloren. Auch die unelastische Kriegführung Abessiniens hatte zum Ergebnis, dass es sein ganzes Territorium verlor, obwohl dies nicht die einzige Ursache seiner Niederlage war.

Dasselbe gilt für das Argument, dass die Bevölkerung Schaden erleide. Wenn man nicht zulassen will, dass zeitweilig in einem Teil der Haushalte Töpfe und Pfannen zerschlagen werden, dann wird man zulassen müssen, dass eine lange Zeit hindurch bei der gesamten Bevölkerung Töpfe und Pfannen zerschlagen werden. Wenn man sich vor ungünstigen politischen Auswirkungen fürchtet, die für eine kurze Zeit zu erwarten sind, dann wird man mit ungünstigen Auswirkungen auf lange Dauer bezahlen müssen. Hätten die russischen Bolschewiki nach der Oktoberrevolution den Auffassungen der „linken Kommunisten“ gemäss die Unterzeichnung des Friedensvertrags mit Deutschland verweigert, dann hätte den eben erst geborenen Sowjets ein frühes Ende gedroht.33

Solche scheinrevolutionären Ansichten der „linken“ Abweichung entstammen der revolutionären Fiebrigkeit kleinbourgeoiser Intellektueller wie auch dem engstirnigen Konservatismus bäuerlicher Kleinproduzenten. Diese Leute sehen, wenn sie an die Fragen herangehen, nur einen Teil, sind nicht imstande, das Ganze zu erfassen; sie wollen nicht die Interessen von heute mit denen von morgen, die Teilinteressen mit den Gesamtinteressen verknüpfen, sondern klammern sich krampfhaft an das Einzelne und Zeitweilige. Gewiss, wir müssen alles Einzelne und Zeitweilige, das unter den gegebenen konkreten Umständen für das Ganze und für die gesamte Periode von Vorteil ist, durchaus festhalten, besonders dann, wenn es entscheidende Bedeutung hat, da wir anderenfalls zu Befürwortern des Selbstlaufs oder des Gewährenlassens würden. Ebendeshalb muss ja der Rückzug einen Endpunkt haben. Doch wir dürfen uns dabei keinesfalls auf die Kurzsichtigkeit von Kleinproduzenten verlassen. Wir müssen von der Weisheit der Bolschewiki lernen. Das blosse Auge genügt nicht, wir müssen ein Teleskop und ein Mikroskop zu Hilfe nehmen. Die marxistische Methode ist unser Teleskop und Mikroskop auf politischem und militärischem Gebiet.

Der strategische Rückzug hat natürlich seine Schwierigkeiten. Die Bestimmung des Zeitpunkts‘ für den Beginn des Rückzugs, die Wahl des Endpunkts für den Rückzug, die politische Überzeugung der Kader und der Bevölkerung — das alles sind schwierige Probleme, die alle gelöst werden müssen.

Die Frage des Zeitpunktes für den Beginn des Rückzugs ist von sehr grosser Bedeutung. Wäre unser Rückzug im Laufe der ersten Gegenoperation in Kiangsi nicht gerade im rechten Augenblick unternommen worden, wäre er also verspätet erfolgt, dann hätte das unseren Sieg zumindest hinsichtlich des Ausmasses beeinträchtigt. Selbstverständlich bringt sowohl ein verfrühter als auch ein verspäteter Rückzug Verluste mit sich. Im allgemeinen sind aber die Verluste bei einem verspäteten Rückzug grösser. Ein rechtzeitiger Rückzug, durch den wir die Initiative völlig an uns reissen können, erleichtert es ganz beträchtlich, unsere Truppen zu konsolidieren und umzugruppieren und mit frischen Kräften zur Gegenoffensive überzugehen, nachdem der Endpunkt erreicht ist. Während der Operationen zur Zerschlagung des ersten, zweiten und vierten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ in Kiangsi sind wir mit dem Gegner in aller Ruhe und ohne Hast fertig geworden. Nur während des dritten „Feldzugs“ war die Rote Armee äusserst ermüdet, denn sie hatte sich hastig auf Umwegen konzentrieren müssen, weil wir nicht erwartet hatten, dass der Feind nach seiner schweren Niederlage im zweiten „Feldzug“ so rasch eine neue Offensive starten würde (wir beendeten am 29. Mai 1931 unsere zweite Gegenoperation, und Tschiang Kai-schek begann schon am 1. Juli seinen dritten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“). Der Zeitpunkt für den Rückzug wird — ebenso wie der Zeitpunkt für den Beginn des Vorbereitungsstadiums, wovon oben die Rede war — ausschliesslich auf Grund der gesammelten notwendigen Angaben und der Einschätzung der allgemeinen Situation beim Gegner und bei uns bestimmt.

Es ist äusserst schwer, die Kader und die Bevölkerung von der Notwendigkeit eines strategischen Rückzugs zu überzeugen, solange sie noch keine Erfahrungen haben und solange die militärische Führung noch nicht eine so grosse Autorität besitzt, dass sie das Recht auf die Entscheidung über den strategischen Rückzug in den Händen eines ganz kleinen Personenkreises oder gar eines einzigen Menschen konzentrieren und dabei das Vertrauen der Kader geniessen könnte. Da die Kader keine Erfahrungen hatten und daher an den strategischen Rückzug nicht glaubten, stiessen wir in der Anfangsperiode der ersten und der vierten Gegenoperation sowie während der ganzen Dauer der fünften Gegenoperation in dieser Frage auf sehr grosse Schwierigkeiten. Im Laufe der ersten Gegenoperation waren die Kader unter dem Einfluss der Linie Li Li-sans nicht für einen Rückzug, sondern für einen Angriff, bis wir sie vom Gegenteil überzeugten. Während der vierten Gegenoperation waren die Kader unter dem Einfluss des militärischen Abenteurertums dagegen, dass wir uns auf einen Rückzug vorbereiteten. Bei der fünften Gegenoperation vertraten sie zunächst weiter die Ansichten des militärischen Abenteurertums, wonach wir den Feind nicht tief ins Innere unseres Gebiets locken dürften, wurden aber in der Folge zu Anhängern des militärischen Konservatismus. Ein weiteres konkretes Beispiel: Die Anhänger der Linie Dschang Guo-taos glaubten nicht, dass es unmöglich war, in den Gebieten der Tibeter und der Hui34 unsere Stützpunktgebiete zu errichten; erst als sie sich die Köpfe eingerannt hatten, glaubten sie es. Die Kader brauchen Erfahrung, und dabei ist wahrlich die Niederlage die Mutter des Erfolgs. Es ist aber auch notwendig, unvoreingenommen von den Erfahrungen anderer zu lernen; wenn man in jedem einzelnen Fall unbedingt warten will, bis man seine eigenen Erfahrungen gemacht hat, und, solange das nicht geschehen ist, starrköpfig an der eigenen Meinung festhält und die Erfahrungen anderer ablehnt, so ist das nichts als „enger Empirismus“. Wir haben im Laufe unseres Krieges aus diesem Grund nicht wenig zu leiden gehabt.

Niemals war der durch mangelnde Erfahrung bedingte Unglaube der Bevölkerung an die Notwendigkeit eines strategischen Rückzugs stärker als während der Gegenoperation gegen den ersten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ in Kiangsi. Die örtlichen Parteiorganisationen und die Volksmassen der Kreise Dji-an, Hsingguo und Yungfeng waren damals sämtlich gegen einen Rückzug der Roten Armee. Doch nach der Erfahrung der ersten Gegenoperation tauchte dieses Problem bei den folgenden Gegenoperationen nie wieder auf. Jedermann war davon überzeugt, dass die Gebietsverluste im Stützpunktgebiet und die Leiden der Bevölkerung vorübergehend waren, dass die Rote Armee die „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ zerschlagen konnte. Der Glaube des Volkes ist jedoch eng mit dem Glauben der Kader verbunden, und deshalb ist es die erste und wichtigste Aufgabe, die Kader zu überzeugen.

Der strategische Rückzug zielt ausschliesslich auf den Übergang zur Gegenoffensive ab, er ist bloss die erste Etappe der strategischen Verteidigung. Das entscheidende Kettenglied der ganzen Strategie bildet aber die Frage, ob in der nachfolgenden Etappe, also bei der Gegenoffensive, der Sieg errungen werden kann.

D. STRATEGISCHE GEGENOFFENSIVE

Um die Offensive eines absolut überlegenen Feindes zu zerschlagen, stützt man sich auf die in der Etappe des strategischen Rückzugs geschaffene Situation, die zum Unterschied von jener, welche zu Beginn des gegnerischen Angriffs bestanden hat, für uns günstig, für den Gegner jedoch ungünstig ist; eine solche Situation ergibt sich aus verschiedenen Bedingungen. Das haben wir bereits oben erörtert.

Doch das Vorhandensein der Bedingungen und der Situation, welche für uns günstig und für den Gegner ungünstig sind, bedeutet noch nicht, dass der Gegner geschlagen ist. Diese Bedingungen und diese Situation bieten die Möglichkeit für unseren Sieg und die Niederlage des Gegners, stellen aber noch nicht die Realität des Sieges bzw. der Niederlage dar, bedeuten noch nicht, dass die eine der beiden Armeen gesiegt hat und die andere bezwungen worden ist. Der Sieg der einen und die Niederlage der anderen werden durch eine Entscheidungsschlacht zwischen beiden Armeen zur Wirklichkeit. Erst durch die Entscheidungsschlacht kann die Frage beantwortet werden, wer Sieger und wer Besiegter ist. Darin eben besteht die ganze Aufgabe in der Etappe der strategischen Gegenoffensive. Die Gegenoffensive ist ein langer Prozess; sie ist die faszinierendste und dynamischste Etappe der Verteidigung, und sie ist auch ihre abschliessende Etappe. Was man aktive Verteidigung nennt, bezieht sich eben hauptsächlich auf diese strategische Gegenoffensive, die den Charakter einer Entscheidungsschlacht trägt.

Diese Bedingungen und diese Situation werden nicht nur in der Etappe des strategischen Rückzugs geschaffen, sondern gestalten sich weiter in der Etappe der Gegenoffensive, bei der sie jedoch weder der Form noch dem Charakter nach genau die gleichen sind wie beim strategischen Rückzug.

Sie können auch der Form und dem Charakter nach gleich sein. So sind z. B. die weitere Ermattung des Feindes und seine weiteren Verluste nur die Fortsetzung seiner Ermattung und seiner Verluste in der vorangegangenen Phase.

Aber es entstehen notwendigerweise auch völlig neue Bedingungen und eine völlig neue Situation. Wenn beispielsweise der Gegner eine oder mehrere Niederlagen erlitten hat, dann beschränken sich die für uns günstigen und für den Gegner ungünstigen Bedingungen nicht auf dessen Ermattung und dergleichen, sondern es tritt ein neuer Faktor hinzu, nämlich die Tatsache seiner Niederlagen. Auch die Situation erfährt eine Änderung. Wenn die Truppenbewegungen beim Gegner in Unordnung geraten, wenn er verfehlte Massnahmen trifft, dann wird auch das Kräfteverhältnis der beiden Armeen nicht mehr das gleiche bleiben wie früher.

Sollten aber nicht die feindlichen Truppen eine oder mehrere Niederlagen erlitten haben, sondern unsere eigenen, dann ändern sich die Bedingungen und die Situation in umgekehrter Richtung. Dann werden nämlich die Nachteile beim Gegner geringer, während bei uns Nachteile aufkommen und sich in der Folge sogar vergrössern. Und damit wird etwas völlig Neues, etwas anderes entstehen.

Wer von den beiden Seiten eine Niederlage erlitten hat, wird unvermittelt und schleunigst neue Anstrengungen machen, und zwar solche, die darauf abzielen, die ihm drohende Gefahr abzuwenden, aus den neuen Bedingungen und der neuen Situation herauszukommen, die für ihn selbst ungünstig und für seinen Gegner günstig sind, und die Bedingungen und die Situation wiederherzustellen, die für ihn günstig und für den Gegner ungünstig waren, um so auf den Gegner einen Druck auszuüben.

Die Anstrengungen jener Seite, die den Sieg errungen hat, werden genau entgegengesetzt sein; der Sieger wird danach streben, seinen Sieg auszubauen, dem Gegner noch grössere Verluste zuzufügen, die für die eigene Seite günstigen Bedingungen und die für die eigene Seite günstige Situation zu vermehren bzw. zu vergrössern und den Gegner daran zu hindern, dass er sich aus seiner ungünstigen Situation befreit und die ihm drohende Gefahr abwendet.

Somit ist für jede der beiden Seiten der Kampf in der Etappe der Entscheidungsschlacht der erbittertste, komp1izierteste und wechselvollste, zugleich auch der schwierigste und anstrengendste Kampf im ganzen Verlauf des Krieges oder der Operation; auch an die Führung stellt diese Zeit höchste Anforderungen.

In der Etappe der Gegenoffensive erheben sich viele Fragen, von denen die wichtigsten sind: der Beginn der Gegenoffensive, die Konzentration der Kräfte, der Bewegungskrieg, der Blitzkrieg und der Vernichtungskrieg.

Die diese Fragen betreffenden Prinzipien gelten ihrem grundlegenden Charakter nach unterschiedslos sowohl für die Gegenoffensive wie für den Angriff. In diesem Sinne kann man sagen, dass die Gegenoffensive ein Angriff ist.

Und dennoch ist die Gegenoffensive noch nicht ganz der Angriff. Die Prinzipien der Gegenoffensive werden angewandt, wenn der Gegner in der Offensive ist. Die Prinzipien des Angriffs werden angewandt, wenn der Gegner sich in der Defensive befindet. In diesem Sinne gibt es wiederum zwischen den Prinzipien der Gegenoffensive und denen des Angriffs gewisse Unterschiede.

Aus diesem Grund dürfen wir bei der praktischen Anwendung weder die Gemeinsamkeiten noch die Unterschiede zwischen der Gegenoffensive und dem Angriff übersehen, obwohl ich die zahlreichen Fragen der Kriegführung sämtlich bei der Erörterung der Gegenoffensive im vorliegenden Kapitel über die strategische Verteidigung behandle und in dem Kapitel über den strategischen Angriff, um Wiederholungen zu vermeiden, nur auf andere Fragen eingehen werde.

E. BEGINN DER GEGENOFFENSIVE

Die Frage des Beginns der Gegenoffensive ist die Frage des „Anfangsgefechts“ oder des „einleitenden Gefechts“.

Viele bourgeoise Militärfachleute empfehlen Vorsicht bei den Anfangsgefechten, sei es bei der strategischen Verteidigung, sei es beim strategischen Angriff, besonders aber bei der Verteidigung. In der Vergangenheit haben auch wir diese Frage ernsthaft aufgeworfen. Die Operationen gegen die fünf „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ in Kiangsi haben uns reiche Erfahrungen eingebracht, und es ist nicht nutzlos, diese zu studieren.

Während seines ersten „Feldzugs“ rückte der etwa 100‘000 Mann starke Gegner in acht Kolonnen von der Linie Dji’an-Djiänning aus südwärts gegen das Stützpunktgebiet der Roten Armee vor. Die Rote Armee zählte damals ca. 40‘000 Mann und war im Raum Huangpi-Hsiaobu im Kreis Ningdu, Provinz Kiangsi, konzentriert.

Die Lage war folgende:

1. Die „Ausrottungs“-Armee hatte nicht mehr als 100‘000 Mann, darunter keine eigenen Truppen Tschiang Kai-scheks, und die allgemeine Lage war nicht sehr ernst.

2. Die von Luo Lin befehligte feindliche Division, die die Stadt Dji-an verteidigte, stand im Westen jenseits des Gan-Flusses.

3. Die drei feindlichen Divisionen, die von Gung Bing-fan, Dschang Hui-dsan und Tan Dao-yüan befehligt wurden, waren vorgerückt und hatten den Raum Futiän-Dunggu-Lunggang-Yüantou südöstlich von Dji-an und nordwestlich von Ningdu besetzt. Die Hauptkräfte der Division Dschang Hui-dsans befanden sich in Lunggang und die der Division Tan Dao-yüans in Yüantou. Die Gebiete Futiän und Dunggu, wo die Bevölkerung, von dem A-B-Bund irregeführt, zeitweilig der Roten Armee misstrauisch und ablehnend gegenüberstand, waren als Schlachtfeld ungeeignet.

4. Die von Liu Ho-ding kommandierte feindliche Division war fern, in Djiänning, auf weissem Gebiet in der Provinz Fukien, und würde vermutlich nicht nach Kiangsi herüberkommen.

5. Die zwei feindlichen Divisionen, die unter dem Befehl von Mao Bing-wen und Hsü Kö-hsiang standen, waren in den Raum Toupi-Luokou-Dungschao zwischen Guangtschang und Ningdu eingerückt. Toupi war ein weisses Gebiet, Luokou ein Guerillagebiet, und Dungschao, wo es Elemente des A-B-Bundes gab, war ein Gebiet, in welchem Informationen leicht durchsickern konnten. Ausserdem: hätten wir den Schlag gegen Mao Bing-wen und Hsü Kö-hsiang geführt und wären sodann westwärts vorgestossen, dann hätten die im Westen stehenden Divisionen Dschang Hui-dsans, Tan Dao-yüans und Gung Bing-fans ihre Kräfte zusammenziehen können, was uns den Sieg erschwert und es unmöglich gemacht hätte, das Problem endgültig zu lösen.

6. Die Divisionen Dschang Hui-dsans und Tan Dao-yüans bildeten die Hauptkräfte der „Ausrottungs“-Armee. Sie gehörten zu den eigenen Truppen des Gouverneurs von Kiangsi, Lu Di-ping, der den Oberbefehl über diesen „Feldzug“ innehatte, während Dschang das Oberkommando an der Front führte. Die Vernichtung dieser beiden Divisionen hätte im Grunde genommen die Zerschlagung des ganzen „Feldzugs“ bedeutet. Jede dieser Divisionen zählte etwa 14‘000 Mann, wobei die Division Dschangs auf zwei Stellen verteilt war, so dass wir absolut überlegen gewesen wären, falls wir jeweils nur eine dieser Divisionen angegriffen hätten.

7. Der Abschnitt Lunggang-Yüantou, wo die Hauptkräfte der Divisionen Dschangs und Tans standen, lag nahe der Stelle, wo unsere Truppen zusammengezogen waren, und überdies waren die Bedingungen hinsichtlich der Unterstützung durch die Bevölkerung günstig, so dass wir uns unbemerkt dem Gegner nähern konnten.

8. Die Geländebedingungen in Lunggang waren gut. Yüantou war nicht leicht anzugreifen. Falls jedoch der Gegner nach Hsiaobu vorrücken sollte, um uns anzugreifen, würden wir auch dort ein günstiges Gelände vorfinden.

9. In der Richtung Lunggang konnten wir die meisten Kräfte konzentrieren. In Hsingguo, einige Dutzend Li südwestlich von Lunggang, verfügten wir noch über eine selbständige Division von mehr als 1‘000 Mann, die auch in der Lage war, durch ein Umgehungsmanöver in den Rücken des Feindes zu gelangen.

10. Unsere Truppen könnten mit einem Durchbruch im Zentrum eine Bresche in die feindliche Frontlinie schlagen, wodurch die östlichen und die westlichen Kolonnen des Gegners in zwei weit voneinander entfernte Gruppen gespalten würden. Aus all diesen Erwägungen beschlossen wir, das erste Gefecht den Hauptkräften Dschang Hui-dsans zu liefern. Wir zerschlugen zwei seiner Brigaden und den Stab seiner Division, wobei sämtliche 9‘000 Mann, einschliesslich des Divisionskommandeurs, gefangengenommen wurden, ohne dass auch nur ein einziger Soldat und ein einziges Pferd entkommen konnten. Dieser eine Sieg versetzte die Divisionen Tans und Hsüs in einen derartigen ! Schrecken, dass sie Hals über Kopf in Richtung Dungschao beziehungsweise Toupi flüchteten. Unsere Truppen verfolgten darauf die Division Tans und vernichteten sie zur Hälfte. Innerhalb von fünf Tagen (vom 27. Dezember 1930 bis zum 1. Januar 1931) wurden zwei Gefechte ausgetragen, worauf sich alle feindlichen Kräfte aus Furcht vor ihrer Zerschmetterung panikartig aus Futiän, Dunggu und Toupi zurückzogen. So endete der erste „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“.

Beim zweiten „Feldzug“ war die Lage wie folgt:

1. Die 200‘000 Mann zählenden feindlichen „Ausrottungs“-Truppen standen unter dem Oberbefehl von Ho Ying-tjin, der sein Hauptquartier in Nantschang hatte.

2. Wie beim ersten „Feldzug“ gab es unter ihnen keine eigenen Truppen Tschiang Kai-scheks. Stark oder relativ stark waren die 19. Route-Armee Tsai Ting-kais, die 26. Route-Armee Sun Liän-dschungs und die 8. Route-Armee Dschu Schao-liangs, während die übrigen alle relativ schwach waren.

3. Der A-B-Bund war bereits liquidiert, und die ganze Bevölkerung des Stützpunktgebiets stand hinter der Roten Armee.

4. Die 5. Route-Armee Wang Djin-yüs, die aus dem Norden neu eingetroffen war, verhielt sich zaghaft, was im allgemeinen auch für die an ihrer linken Flanke operierenden Divisionen Guo Hua-dsungs und Hao Meng-lings zutraf.

5. Hätten unsere Truppen zuerst Futiän angegriffen und wären dann rasch weiter in östlicher Richtung vorgestossen, dann hätten wir das Stützpunktgebiet durch Einbeziehung des Gebiets Djiänning-Litschuan-Taining an der Grenze zwischen Fukien und Kiangsi erweitern und Versorgungsgüter ansammeln können, um den folgenden „Feldzug“ leichter zu zerschlagen. Hätten wir aber den Stoss von Osten nach Westen geführt, dann wären wir an das Ufer des Gan-Flusses geraten und hätten nach Beendigung der Operation keinen Platz mehr gehabt, um uns zu entfalten. Hätten wir uns nach der Operation wieder ostwärts gewandt, so hätte das eine Ermattung unserer Truppen sowie einen, Zeitverlust bedeutet.

6. Obwohl unsere Armee zahlenmässig etwas schwächer war (mehr als 30‘000 Mann) als zur Zeit der ersten Gegenoperation, hatte sie doch vier Monate zur Verfügung gehabt, sich auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln. Aus diesen Gründen wurde beschlossen, das erste Gefecht mit den im Raume Futiän stehenden Truppen Wang Djin-yüs und Gung Bing-fans (insgesamt 11 Regimenter) auszutragen. Nachdem wir in diesem Gefecht gesiegt hatten, schlugen wir nacheinander Guo Hua-dsung, Sun Liändschung, Dschu Schao-liang und Liu Ho-ding. Im Laufe von 15 Tagen (vom 16. bis zum 30. Mai 1931) legten wir 700 Li zurück, fochten fünf Gefechte aus, erbeuteten mehr als 20‘000 Gewehre und brachten den feindlichen „Feldzug“ völlig zum Scheitern. Während der Operation gegen Wang Djin-yü befanden wir uns zwischen zwei feindlichen Einheiten, etwas mehr als zehn Li von Guo Hua-dsung und über vierzig Li von Tsai Ting-kai entfernt, und manche Leute sagten, wir wären „in eine Sackgasse geraten“; aber wir schlugen uns dennoch durch. Das erklärt sich hauptsächlich aus den Bedingungen, die uns das Stützpunktgebiet bot, sowie aus der Uneinigkeit unter den einzelnen Einheiten des Feindes. Nachdem die Division Guo Hua-dsungs geschlagen worden war, flüchtete die Division Hao Meng-lings bei Nacht und Nebel nach Yungfeng und entging so ihrer Vernichtung.

Während des dritten „Feldzugs“ war die Lage wie folgt:

1. Tschiang Kai-schek persönlich hatte den Oberbefehl übernommen, unter ihm gab es noch drei Befehlshaber, die die linke, die rechte und die mittlere Kolonne kommandierten. Die mittlere stand unter dem Kommando von Ho Ying-tjin, der wie Tschiang Kai-schek sein Hauptquartier in Nantschang hatte, die rechte unter dem Kommando von Tschen Ming-schu, dessen Hauptquartier sich in Dji-an befand, und die linke unter dem Kommando von Dschu Schao-liang mit seinem Hauptquartier in Nanfeng.

2. Die „Ausrottungs“-Truppen zählten 300‘000 Mann. Die Hauptkräfte waren fünf Divisionen aus den eigenen Truppen Tschiang Kai-scheks; sie wurden von Tschen Tscheng, Luo Dschuo-ying, Dschao Guan-tao, We Li-huang und Djiang Ding-wen befehligt; jede dieser Divisionen hatte neun Regimenter; insgesamt zählten sie etwa 100‘000 Mann. Ausser ihnen standen uns noch drei Divisionen mit insgesamt 30‘000 Mann unter dem Kommando von Djiang Guang-nai, Tsai Ting-kai und Han Dö-tjin gegenüber. Hierzu kam noch die Armee von Sun Liändschung in Stärke von 20‘000 Mann. Sie alle gehörten nicht zu den eigenen Truppen Tschiang Kai-scheks und hatten relativ schwache Kampffähigkeit.

3. Im krassen Unterschied zu der beim zweiten „Feldzug“ angewandten Strategie des „Schrittweisen Vorrückens und Ausbaus der jeweils eingenommenen Stellungen“ bestand diesmal die „Ausrottungs“-Strategie des Feindes darin, „geradeaus zügig in die Tiefe vorzustürmen“, in der Absicht, die Rote Armee gegen den Gan-Fluss zu drücken und dort zu vernichten.

4. Zwischen der Beendigung des zweiten „Feldzugs“ und dem Beginn des dritten gab es ein Intervall von nur einem Monat. Die Rote Armee hatte nach den schweren Kämpfen weder ausruhen noch ihre Reihen auffüllen können (sie zählte ungefähr 30‘000 Mann). Obendrein hatte sie, gerade als sie der Feind aus verschiedenen Richtungen heftig bedrängte, eben erst einen Umweg von tausend Li machen müssen, um sich bei Hsingguo im westlichen Teil des Stützpunktgebiets von Südkiangsi zu konzentrieren. Unter diesen Umständen nahmen wir zuerst Kurs darauf, von Hsingguo aus über Wan-an zu marschieren, bei Futiän durchzubrechen und dann quer über die rückwärtige Verbindungslinie des Gegners hinweg nach Osten abzuschwenken, damit die Hauptkräfte des Gegners zu einem Vorstoss in unser Stützpunktgebiet in Südkiangsi verleitet und so in eine Lage versetzt würden, in der sie nicht wüssten, was anzufangen; das wäre die erste Stufe unserer Gegenoperation gewesen. Wenn sich dann der Feind wieder nordwärts gewandt hätte, wäre er unvermeidlich ermüdet gewesen, und wir hätten dann die Gelegenheit zu Schlägen gegen seine verwundbarsten Einheiten benutzen können; das wäre die zweite Stufe unserer Operation gewesen. Das Kernstück dieses Planes bestand darin, den Hauptkräften des Gegners auszuweichen und gegen seine schwachen Einheiten Schläge zu führen. Als jedoch unsere Truppen nach Futiän vorrückten, wurden sie vom Feind entdeckt, und die Divisionen Tschen Tschengs und Luo Dschuo-yings rückten eiligst heran. Wir mussten unseren Plan ändern und zogen uns wieder nach Gaohsinghsü im Westteil des Kreises Hsingguo zurück; zu jenem Zeitpunkt war nur dieser eine Ort mit seiner Umgebung (einige Dutzend Quadrat-Li) geblieben, wo sich unsere Truppen konzentrieren konnten. Einen Tag später, nachdem wir uns hier gesammelt hatten, beschlossen wir, ostwärts in Richtung Liäntang (im Ostteil des Kreises Hsingguo)-Liangtsun (im Südteil des Kreises Yungfeng)-Huangpi (im Nordteil des Kreises Ningdu) vorzustossen. Im Schutz der Dunkelheit passierten wir im Laufe der Nacht eine 40 Li breite Lücke zwischen der Division Djiang Ding-wens und den Einheiten Djiang Guang-nais, Tsai Ting-kais und Han Dö-tjins und schwenkten nach Liäntang ein. Am folgenden Tag kam es zur Gefechtsberührung mit den Vorposten der Truppen Schangguan Yün-hsiangs (der neben seiner eigenen auch die Division Hao Meng-lings befehligte). Am dritten Tag trugen wir das erste Gefecht aus, bei dem die Division Schangguan Yün-hsiangs geschlagen wurde, am vierten Tag schlugen wir in einem zweiten Gefecht die Division Hao Meng-lings. Nach einem dreitägigen Marsch erreichten wir Huangpi und lieferten dort unser drittes Gefecht, und zwar gegen die Division Mao Bing-wens. Wir hatten die drei Gefechte siegreich bestanden und mehr als 10‘000 Gewehre erbeutet. In diesem Augenblick wandten sich alle Hauptkräfte des Gegners, die bis dahin in westlicher und südlicher Richtung vorgerückt waren, nach Osten, konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf Huangpi, wohin sie in Eilmärschen vorrückten, um uns zum Kampf zu stellen, und näherten sich unseren Truppen in Form eines dicht geschlossenen massiven Einkreisungsringes. Wir entschlüpften ihnen durch einen im hohen Gebirge gelegenen Korridor von 20 Li Breite zwischen den Truppen Djiang Guang-nais, Tsai Ting-kais und Han Dö-tjins einerseits und jenen Tschen Tschengs und Luo Dschuo-yings andererseits, wandten uns wiederum nach Westen, um uns im Kreis Hsingguo erneut zu sammeln. Bis der Gegner das entdeckte und abermals nach Westen vorzurücken begann, hatten wir schon einen halben Monat Ruhepause hinter uns, während die gegnerischen Streitkräfte hungrig, erschöpft, demoralisiert und nicht mehr kampffähig waren, so dass sie sich zum Rückzug entschliessen mussten. Wir nutzten ihren Rückzug aus und griffen die Truppen Djiang Guang-nais, Tsai Ting-kais, Djiang Ding-wens und Han Dö-tjins an, wobei eine der Brigaden Djiang Ding-wens und die Division Han Dö-tjins vernichtet wurden. Was die Divisionen Djiang Guang-nais und Tsai Ting-kais betrifft, verlief der Kampf unentschieden, und wir liessen sie ziehen.

Beim vierten „Feldzug“ war die Lage wie folgt: Der Gegner rückte in drei Kolonnen auf Guangtschang vor, wobei die östliche Kolonne von seinen Hauptkräften gebildet wurde, während die westliche, die aus zwei Divisionen bestand, uns gegenüber ungedeckt war und überdies der Gegend unserer Truppenkonzentration sehr nahe kam. Deshalb hatten wir die Gelegenheit, zuerst einen Schlag gegen die westliche Kolonne des Feindes im Südteil des Kreises Yihuang zu führen und die beiden von Li Ming beziehungsweise Tschen Schi-dji befehligten Divisionen auf Anhieb zu vernichten. Als der Gegner zwei Divisionen von seiner östlichen Kolonne abzog, um die mittlere Kolonne zu verstärken, und weiter vorrückte, gelang es uns wiederum, im Südteil des Kreises Yihuang eine seiner Divisionen zu vernichten. In diesen beiden Gefechten erbeuteten wir mehr als zehntausend Gewehre, und so wurde dieser „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ im wesentlichen zerschlagen.

Bei seinem fünften „Feldzug“ führte der Gegner den Vormarsch mit Hilfe seiner neuen Strategie der Errichtung von Blockhäusern durch und besetzte zunächst Litschuan. Bei dem Versuch, Litschuan zurückzuerobern und den Feind ausserhalb der Grenzen des Stützpunktgebiets abzuwehren, griffen wir jedoch den nördlich von Litschuan gelegenen Ort Hsiaoschi an, der ein befestigter Punkt des Gegners war und sich zudem im weissen Gebiet befand. Nachdem wir dieses Gefecht nicht gewonnen hatten, führten wir nun einen Stoss gegen das südöstlich von Hsiaoschi gelegene Dsihsitjiao, das gleichfalls eine befestigte Stellung des Feindes im weissen Gebiet war, und hatten wiederum keinen Erfolg. Dann jagten wir, auf der Suche nach einem günstigen Angriffspunkt, zwischen den Hauptkräften des Feindes und seinen Blockhäusern hin und her und gerieten in völlige Passivität. Während der ganzen fünften Gegenoperation, die ein Jahr dauerte, legten wir nicht die geringste Initiative und Energie an den Tag. Schliess1ich blieb uns nichts anderes übrig, als das Stützpunktgebiet in Kiangsi zu verlassen.

Die von unserer Armee in der Periode der fünf Gegenoperationen gesammelten Erfahrungen in der Kriegführung beweisen, dass für die in der Defensive befindliche Rote Armee das erste Gefecht ihrer Gegenoffensive von sehr grosser Bedeutung ist, wenn sie eine starke „Ausrottungs“-Armee schlagen will. Sieg oder Niederlage im ersten Gefecht hat einen gewaltigen Einfluss auf die Gesamtlage und wirkt sich sogar bis zum letzten Gefecht aus. Daraus sind folgende Schlussfolgerungen zu ziehen:

Erstens, das erste Gefecht muss gewonnen werden. Wir dürfen nur losschlagen, wenn die gegebenen Bedingungen — wie die Situation des Gegners, die Geländeverhältnisse, die Unterstützung durch die Bevölkerung usw. — für uns günstig und für den Gegner ungünstig sind, so dass wir des Erfolgs wirklich sicher sind. Andernfalls ist es besser, sich zurückzuziehen, Vorsicht zu üben und eine Gelegenheit abzuwarten. Gelegenheiten finden sich immer, und man soll sich nicht übereilt auf einen Kampf einlassen. Bei der ersten Gegenoperation hatten wir ursprünglich vor, den Sehlag gegen die Truppen Tan Dao-yüans zu führen; da aber der Gegner die dominierenden Stellungen auf den Höhen von Yüantou nicht verliess, mussten unsere Truppen, die zweimal an die gegnerischen Stellungen heranrückten, beide Male Zurückhaltung üben und wieder umkehren; einige Tage später machten wir die Truppen Dschang Hui-dsans ausfindig, die leicht zu schlagen waren. Während der zweiten Gegenoperation rückten unsere Truppen gegen Dunggu vor, und nur weil sie warten wollten, bis Wang Djin-yü seine befestigten Stellungen in Futiän räumen würde, verharrten sie, auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, volle 25 Tage in unmittelbarer Nähe des Gegners — entgegen allen von Ungeduld diktierten Vorschlägen, den Feind unverzüglich anzugreifen — bis sie schliesslich erreicht hatten, was sie wollten. Während der dritten Gegenoperation war zwar rings um uns ein Sturm losgebrochen, wir waren nach einem Umweg von tausend Li zurückgekehrt, und der Feind hatte unseren Plan, ihn zu umgehen, ausgekundschaftet; dennoch verloren wir nicht die Geduld, sondern machten kehrt, änderten unseren Plan dahingehend ab, dass wir einen Durchbruch im Zentrum unternahmen, und lieferten schliesslich in Liäntang erfolgreich das erste Gefecht. Bei der vierten Gegenoperation zogen wir uns, nachdem unser Angriff gegen Nanfeng fehlgeschlagen war, ohne Zögern zurück, schwenkten schliesslich gegen die rechte Flanke des Gegners ab und sammelten wieder unsere Truppen in der Gegend von Dungschao, um daraufhin unsere grosse und siegreiche Schlacht im Südteil des Kreises Yihuang zu beginnen. Nur bei der fünften Gegenoperation wurde die grosse Bedeutung des Anfangsgefechts überhaupt nicht erkannt; durch den Verlust einer einzigen Stadt, der Kreisstadt Litschuan, kopflos geworden, marschierten unsere Truppen nach Norden direkt auf den Feind zu, um die Stadt zurückzuerobern; anstatt nun das unvorhergesehene Begegnungsgefecht bei Hsünkou, in dem wir den Sieg errangen (eine feindliche Division wurde vernichtet), als das erste Gefecht der Gegenoffensive zu betrachten und die Veränderungen, die dieses mit sich bringen musste, vorauszusehen, unternahmen sie den unüberlegten Angriff auf Hsiaoschi, dessen Erfolg nicht gesichert war. So war die Initiative schon beim ersten Schritt verlorengegangen, und das ist wirklich die dümmste und schlechteste Methode der Kriegführung.

Zweitens, der Plan des Anfangsgefechts muss der Auftakt und ein organischer Bestandteil des Plans der ganzen Operation sein. Ohne einen guten Plan für die ganze Operation ist ein wirklich erfolgreiches erstes Gefecht absolut unmöglich. Das heisst, selbst wenn das erste Gefecht siegreich verlaufen ist, aber der ganzen Operation keinen Nutzen, sondern Schaden bringt, so ist es trotz des errungenen Sieges als eine Niederlage anzusehen (wie zum Beispiel das Gefecht bei Hsünkou während des fünften „Feldzugs“). Deshalb muss man sich noch vor Beginn des ersten Gefechts in grossen Zügen überlegen, wie das zweite, das dritte, das vierte, ja sogar das letzte Gefecht auszutragen sei und welche Veränderungen sich in der Gesamtlage des Gegners im Falle unseres Sieges oder unserer Niederlage in den einzelnen Gefechten jeweils ergeben müssten. Obgleich das Resultat mit unseren Erwartungen nicht ganz übereinstimmen dürfte — ja sogar keineswegs ganz übereinstimmen kann — müssen wir alles sorgfältig und realistisch im Lichte der Gesamtlage auf beiden Seiten durchdenken. Ohne einen Begriff von der Gesamtsituation zu haben, kann man keinen wirklich guten Zug auf dem Schachbrett machen.

Drittens, man muss auch in Betracht ziehen, was in der nächsten strategischen Etappe geschehen würde. Ein strategischer Führer erfüllt seine Pflicht nicht, wenn er sich lediglich um die Gegenoffensive, nicht aber auch um das kümmert, was auf ihren Sieg oder aber auch auf ihre eventuelle Niederlage folgen wird. Noch während des Ablaufs einer gegebenen strategischen Etappe muss der strategische Führer mit den nachfolgenden Etappen, zumindest aber mit der nächsten Etappe rechnen. Wenn auch künftige Veränderungen schwer vorauszusehen sind — je weiter man blickt, desto verschwommener wird das Bild — so ist dennoch eine allgemeine Berechnung möglich und eine Abschätzung der Perspektive unerlässlich. Eine Führungsmethode, bei der man nur das sehen will, was vor der Nase liegt, ist im Krieg ebenso schädlich wie in der Politik. Nach jedem getanen Schritt muss man zwar die sich aus ihm ergebenden konkreten Veränderungen prüfen und diesen gemäss seine strategischen und operativen Pläne modifizieren oder weiterentwickeln, da man andernfalls in den Fehler eines abenteuerlichen Draufgängertums verfallen könnte. Jedoch braucht man unbedingt einen langfristigen Plan, der eine ganze strategische Etappe, ja sogar mehrere, umfasst und in grossen Zügen wohldurchdacht ist. Hat man keinen solchen Plan, dann kann man den Fehler begehen, unschlüssig zu sein und auf der Stelle zu treten, und damit faktisch den strategischen Zielen des Feindes entgegenkommen, sich selbst aber zur Passivität verurteilen. Man muss sich stets vor Augen halten, dass auch das gegnerische Oberkommando über ein gewisses Mass an strategischer Weitsicht verfügt. Nur wenn wir uns darin geübt haben werden, dem Gegner stets um eine Pferdelänge voraus zu sein, werden wir strategische Siege erringen können.

Die strategische Führung im Sinne der „links“ opportunistischen Linie zur Zeit des fünften „Feldzugs“ des Feindes und gemäss der Linie Dschang Guo-taos war deshalb falsch, weil die Führung hauptsächlich in diesem Punkt versagt hat. Kurz, in der Etappe des Rückzugs muss man schon mit der nächsten Gegenoffensive rechnen, in der Etappe der Gegenoffensive mit dem darauffolgenden Angriff, in der Etappe des Angriffs wieder mit dem kommenden Rückzug. Wenn man sich stattdessen auf Erwägungen des Augenblicks allein beschränkt, heisst das direkt der Niederlage entgegenschreiten.

Das erste Gefecht muss gewonnen werden; der Plan der ganzen Operation muss berücksichtigt werden; die nächstfolgende strategische Etappe muss berücksichtigt werden. Das sind die drei Prinzipien, die man beim Beginn der Gegenoffensive, das heisst, wenn das erste Gefecht ausgetragen wird, nicht vergessen darf.

F. KONZENTRATION DER KRÄFTE

Die Konzentration der Kräfte sieht leicht aus, ist aber recht schwer durchzuführen. Jedermann weiss, dass es am besten ist, mit einer grösseren Streitmacht eine k1einere zu besiegen; dennoch können das viele Leute nicht zuwege bringen, sondern zersplittern häufig ihre Kräfte. Der Grund liegt darin, dass es den betreffenden Befehlshabern an strategischem Denken mangelt, dass sie in einer komplizierten Lage den Kopf verlieren; sie sind daher dieser Lage auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert, büssen die Initiative ein, lassen sich das Gesetz ihres Handelns vorschreiben.

Wie kompliziert, ernst und peinlich auch die Lage sei, der militärische Leiter muss vor allen Dingen die Fähigkeit besitzen, die ihm unterstellten Kräfte selbständig, nach eigenem Ermessen zu organisieren und einzusetzen. Es kann oft vorkommen, dass man vom Feind zur Passivität gezwungen wird; dann ist es das wichtigste, die Initiative rasch wiederzugewinnen. Gewinnt man diese nicht zurück, dann ist die Folge eine Niederlage.

Die Initiative ist nicht etwas Eingebildetes, sondern etwas Konkretes, Materielles. Es kommt hierbei vor allem darauf an, eine möglichst grosse und von Kampfgeist erfüllte Streitmacht zu konservieren und zu konzentrieren.

Wenn man sich in der Verteidigung befindet, gerät man eigentlich leicht in eine passive Position, da die Verteidigungsoperationen viel weniger Spielraum für die volle Entfaltung der Initiative lassen als die Angriffsoperationen. Doch können ja die Verteidigungsoperationen so durchgeführt werden, dass ihre passive Form mit einem aktiven Inhalt erfüllt wird und sie aus dem Stadium, in welchem sie der Forln nach passiv sind, in ein Stadium übergeleitet werden, in dem sie sowohl der Form wie dem Inhalt nach aktiv sind. Ein durchaus vorausgeplanter strategischer Rückzug ist der Form nach erzwungen; dem Inhalt nach ist er darauf gerichtet, die Kräfte zu erhalten, den für die Zerschlagung des Gegners geeigneten Zeitpunkt abzuwarten, den Gegner in die Tiefe unseres Territoriums zu locken und die Gegenoffensive vorzubereiten. Wenn man jedoch den Rückzug nicht akzeptiert und sich überhastet auf einen Kampf einlässt (wie im Gefecht bei Hsiaoschi), dann mag es als ein ernsthaftes Bemühen um die Initiative erscheinen, ist aber in Wahrheit passiv. Doch die strategische Gegenoffensive ist bereits nicht nur dem Inhalt nach aktiv, sondern auch in der Form wird hier die während des Rückzugs eingenommene passive Haltung aufgegeben. Für den Gegner bedeutet die Gegenoffensive das Bestreben unserer Truppen, ihm die Initiative zu nehmen, d. h. ihn zur Passivität zu verurteilen.

Um dieses Ziel voll zu erreichen, sind folgende Bedingungen erforderlich: die Konzentration der Kräfte, der Bewegungskrieg, der Krieg mit rascher Entscheidung und der Vernichtungskrieg. Darunter ist die Konzentration der Kräfte die vorrangige und wichtigste Sache.

Die Konzentration der Kräfte ist notwendig, um das Verhältnis der beiden Seiten zueinander zu ändern. Erstens soll sich die Situation hinsichtlich des Vorrückens und des Rückzugs wandeln. Früher war der Gegner im Vormarsch, wir aber waren im Rückzug; jetzt versuchen wir zu erreichen, dass wir vorrücken und er sich zurückzieht. Wenn wir durch Konzentration der Kräfte ein Gefecht gewinnen, so wird eben damit hier dieses Ziel erreicht und auch die ganze Operation beeinflusst.

Zweitens soll sich die Situation hinsichtlich des Angriffs und der Verteidigung wandeln. Bei der Verteidigung gehört der Rückzug bis zum vorgesehenen Endpunkt im wesentlichen zur passiven oder „defensiven“ Phase. Die Gegenoffensive aber gehört zur aktiven oder „offensiven“ Phase. Obwohl die Gegenoffensive während der ganzen Dauer der strategischen Verteidigung ihren Defensivcharakter nicht verliert, bedeutet sie dennoch im Vergleich zum Rückzug eine Wende nicht nur der Form, sondern auch dem Inhalt nach. Die Gegenoffensive bildet den Übergang von der strategischen Verteidigung zum strategischen Angriff, ist ihrem Charakter nach der Auftakt zum strategischen Angriff, und diesem Zweck dient gerade die Konzentration der Kräfte.

Drittens soll sich die Situation hinsichtlich der inneren und der äusseren Linien wandeln. Eine Armee, die strategisch auf den inneren Linien operiert, ist in vieler Hinsicht benachteiligt; dies gilt besonders für die Rote Armee, die sich „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzügen“ gegenübersieht. Aber in unseren operativen oder taktischen Aktionen können wir diese Situation ändern, ja müssen unbedingt ihre Wandlung herbeiführen. Wir können einen grossen „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ des Feindes gegen unsere Armee in eine Reihe kleiner einzelner Einkreisungs- und Ausrottungsaktionen gegen den Feind verwandeln. Den aus mehreren Richtungen vom Feind gegen uns geführten konzentrischen Angriff strategischen Massstabs können wir in konzentrische Stösse operativen oder taktischen Massstabs verwandeln, die unsere Armee gegen feindliche Truppenteile richtet. Aus der strategischen Überlegenheit des Feindes können wir eine operative oder taktische Überlegenheit unserer Truppen machen. Wir können die feindliche Armee, die sich in einer starken strategischen Position befindet, in eine schwache operative oder taktische Position drängen. Gleichzeitig können wir unsere schwache strategische Position in eine starke operative oder taktische Position umwandeln. Das nennen wir eben Operationen auf den äusseren Linien innerhalb der Operationen auf den inneren Linien, Einkreisungs- und Ausrottungsaktionen innerhalb eines „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“, eine Blockade innerhalb der Blockade, Angriffe in der Verteidigung, Überlegenheit bei Unterlegenheit, Stärke bei Schwäche, Vorteil im Nachteil, Initiative bei Passivität. Ob man aus der strategischen Verteidigung heraus den Sieg erringen kann, hängt hauptsächlich von diesem Mittel ab — von der Konzentration der Kräfte.

Im Laufe der Kriegsgeschichte der chinesischen Roten Armee wurde diese Frage oftmals zu einer wichtigen Streitfrage. In der Schlacht bei Dji-an am 4. Oktober 1930 begannen wir schon mit dem Anmarsch und hierauf mit dem Angriff, ehe wir noch unsere Kräfte voll und ganz konzentriert hatten; glücklicherweise suchte der Gegner (die von Deng Ying befehligte Division) aus eigenem Antrieb das Weite, und unser Angriff spielte dabei keine Rolle.

Seit 1932 gab es eine Losung, die „Losschlagen an der ganzen Front“ hiess und mit der gefordert wurde, dass vom Stützpunktgebiet aus in allen vier Windrichtungen — Osten und Westen, Norden und Süden — Angriffe vorgetragen würden. Das aber ist nicht nur bei der strategischen Verteidigung, sondern sogar auch beim strategischen Angriff falsch. Solange im gesamten Kräfteverhältnis zwischen dem Gegner und uns keine grundlegende Änderung eingetreten ist, gibt es, sei es in der Strategie, sei es in der Taktik, nebeneinander sowohl Verteidigung als auch Angriff, sowohl Bindungsaktionen als auch Vorstösse, und ein „Losschlagen an der ganzen Front“ ist in der Tat eine grosse Seltenheit. Die Parole, man solle an der ganzen Front zugleich losschlagen, war Ausdruck der Doktrin von der gleichmässigen Kräfteverteilung, die zugleich mit dem militärischen Abenteurertum in Erscheinung trat.

Die Anhänger dieser Doktrin stellten im Jahre 1933 die These vom sogenannten „Schlag mit beiden Fäusten“ auf; sie spalteten die Hauptkräfte der Roten Armee in zwei Teile, um in zwei strategischen Richtungen gleichzeitig Siege anzustreben. Die Folge war, dass die eine Faust müssig und die andere übermüdet war und dass wir uns den grössten Sieg, der damals zu erringen war, entgehen liessen. Meiner Meinung nach dürfen wir angesichts eines starken Gegners unsere Truppen, wie stark sie auch sein mögen, zu einem gegebenen Zeitpunkt nur in einer Hauptrichtung einsetzen, niemals in zwei. Ich bin nicht gegen zwei oder mehr Operationsrichtungen; aber zu ein und derselben Zeit darf es nur eine Hauptrichtung geben. Die chinesische Rote Armee, die als eine schwache und kleine Streitmacht auf dem Schauplatz des Bürgerkriegs erschienen war, hat seither ihrem starken Gegner wiederholt Niederlagen beigebracht, und diese Kriegserfolge, die die Welt in Erstaunen versetzten, gründeten sich in hohem Masse auf den konzentrierten Einsatz ihrer Kräfte. Das kann am Beispiel jeder der grossen siegreichen Schlachten bewiesen werden. Wenn wir sagen: „Einer gegen zehn, zehn gegen hundert“, so bezieht sich diese Formel auf die Strategie, auf den Krieg als Ganzes und auf die Gesamtheit des Kräfteverhältnisses zwischen dem Feind und uns; und in diesem Sinne verhalten wir uns wirklich so. Das ist aber nicht in bezug auf die operativen oder taktischen Aktionen gemeint; hier dürfen wir uns niemals so verhalten. Sei es in der Gegenoffensive, sei es beim Angriff — wir müssen immer starke Kräfte konzentrieren, um gegen einen Teil der feindlichen Streitkräfte den Schlag zu führen. Jedesmal, wenn wir unsere Kräfte nicht konzentrierten, hatten wir darunter zu leiden, wie bei den Operationen gegen Tan Dao-yüan in der Gegend von Dungschao, Kreis Ningdu, Provinz Kiangsi, im Januar 1931, gegen die 19. Rote-Armee in der Gegend von Gaohsinghsü, Kreis Hsingguo, Provinz Kiangsi, im August 1931, gegen Tschen Dji-tang in der Gegend von Schuikouhsü, Kreis Nanhsiung, Provinz Kuangtung, im Juli 1932 und gegen Tschen Tscheng in der Gegend von Tuantsun, Kreis Litschuan, Provinz Kiangsi, im März 1934. Eigentlich pflegt man ein solches Gefecht wie das bei Schuikouhsü und das bei Tuantsun zu den gewonnenen Gefechten zu zählen, ja sogar als grosse Siege zu betrachten (in dem ersteren wurden 20 Regimenter Tschen Dji-tangs und in dem letzteren zwölf Regimenter Tschen Tschengs in die Flucht geschlagen), aber wir haben solche Siege niemals begrüsst, und in gewissem Sinne kann man sie sogax als Niederlagen bezeichnen. Denn von unserem Standpunkt aus hat ein solcher Sieg sehr geringe Bedeutung, wenn wir dabei keine Kriegsbeute machen, oder wenn diese nicht unsere Materialverluste übersteigt. Unsere Strategie ist: „Einer gegen zehn“, unsere Taktik: „Zehn gegen einen“; das ist eine unserer Grundregeln, dank denen wir den Feind besiegen können.

Die Doktrin von der gleichmässigen Kräfteverteilung erreichte ihren Höhepunkt während der fünften Gegenoperation im Jahre 1934. Man glaubte, durch „Verteilung der Truppen in sechs Kolonnen“ und durch „Abwehr an allen Fronten“ den Feind überwältigen zu können; das Ergebnis war aber, dass der Feind uns überwältigte, und die Ursache war Furcht vor Gebietsverlust. Natürlich lässt sich ein Gebietsverlust kaum vermeiden, wenn man die Hauptkräfte in einer Richtung konzentriert und in den anderen Richtungen nux Bindungskräfte zurücklässt. Aber das sind nur zeitweilige und Teilverluste, um deren Preis in der Stossrichtung der Sieg errungen wird. Nach so einem Sieg kann man das in der Richtung der Bindungsoperationen verlorene Gebiet wiedergewinnen. Der erste, der zweite, der dxitte und der vierte „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ des Feindes waren sämtlich mit Gebietsverlusten für uns verbunden, besonders der dritte „Feldzug“, bei dem fast das ganze Stützpunktgebiet der Roten Armee in Kiangsi verlorenging; das Ergebnis war aber, dass wir unsere Gebiete nicht nur zurückgewannen, sondern noch erweiterten.

Wenn man die Kraft der Volksmassen in den Stützpunktgebieten nicht wahrnimmt, so ergibt sich daraus oft die unbegründete Angst, dass die Rote Armee sich zu weit von den Stützpunktgebieten entfernen könnte. Das war der Fall, als die Rote Armee im Jahre 1932 von der Provinz Kiangsi einen weiten Vorstoss bis nach Dschangdschou in der Provinz Fukien unternahm und als sie nach dem Sieg in der Gegenoperation gegen den vierten „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ im Jahre 1933 zu einem Angriff auf die Provinz Fukien abschwenkte. Da man im ersten Fall befürchtete, der Feind könnte das ganze Stützpunktgebiet einnehmen, und im zweiten Fall, er würde einen Teil des Gebiets besetzen, widersetzte man sich der Konzentration unserer Kräfte und bestand darauf, die Truppen für Verteidigungszwecke aufzulockern; am Ende stellte sich aber die Befürchtung in beiden Fällen als unbegründet heraus. Vom Standpunkt des Feindes aus gesehen, sind einerseits die Stützpunktgebiete etwas, wohin man sich lieber nicht hineinwagt, bedeuten andererseits die in die weissen Gebiete eingedrungenen Truppenteile der Roten Armee die Hauptgefahr. Das Augenmerk der feindlichen Truppen ist immer auf die reguläre Rote Armee konzentriert, wo immer diese sich auch befindet, und es kommt sehr selten vor, dass sie ihre Aufmerksamkeit von der regulären Roten Armee abwenden und einzig und allein den Stützpunktgebieten zuwenden. Sogar wenn sich die Rote Armee in der Defensive befindet, ist die Aufmerksamkeit des Gegners dennoch auf sie konzentriert. Die Verkleinerung der Stützpunktgebiete gehört wohl zum Gesamtplan des Feindes. Wenn aber die Rote Armee ihre Hauptkräfte zusammenzieht und eine der Kolonnen des Feindes vernichtet, dann kann das Oberkommando der feindlichen Armee nicht umhin, der Roten Armee noch grösseres Augenmerk zuzuwenden, ein noch grösseres Truppenkontingent gegen sie einzusetzen. Somit ist es möglich, den Plan des Feindes zur Verkleinerung der Stützpunktgebiete zuschanden zu machen.

Falsch war auch die Behauptung: „Während des fünften ‚Feldzugs‘, bei dem die Blockhaus-Taktik angewandt wurde, konnten wir nicht mit einer Truppenkonzentration operieren, sondern lediglich die Truppen für Verteidigungszwecke auflockern und kurze, rasche Vorstösse unternehmen.“ Die Art der Kriegführung des Feindes, jeweils drei bis fünf Li oder acht bis zehn Li vorzustossen und nach jedem dieser Vorstösse befestigte Blockhäuser zu errichten, war ausschliesslich durch das Verhalten der Roten Armee selbst ermöglicht worden, die bei jedem Schritt Widerstand zu leisten suchte. Hätte unsere Armee die Taktik, auf den inneren Linien bei jedem Schritt Widerstand zu leisten, aufgegeben, um stattdessen zu einem Zeitpunkt, da es notwendig und möglich war, auf die inneren Linien des Gegners hinüberzuwechseln und ihm dort Schläge zu versetzen, dann wäre die Lage sicherlich eine andere gewesen. Das Gesetz der Kräftekonzentration ist gerade das geeignete Instrument, um über die BlockhausTaktik den Sieg davonzutragen.

Die Kräftekonzentration, wie wir sie empfehlen, birgt durchaus nicht eine Preisgabe des Guerillakriegs des Volkes in sich. Es hat sich längst als falsch erwiesen, auf den Kleinkrieg, den Guerillakrieg, zu verzichten und alles „bis auf das letzte Gewehr in der Roten Armee zu konzentrieren“, wie die Linie Li Li-sans es forderte. Vom Standpunkt des revolutionären Krieges als Ganzes verhalten sich der Guerillakrieg des Volkes und die reguläre Rote Armee zueinander wie die linke und die rechte Hand; nur die reguläre Rote Armee einsetzen, nicht aber auch den Guerillakrieg des Volkes entfalten, hiesse mit einem Arm kämpfen. Wenn wir von der Bevölkerung der Stützpunktgebiete als einer der Voraussetzungen sprechen, dann meinen wir konkret — besonders wenn von militärischen Operationen die Rede ist — das bewaffnete Volk. Das ist auch der hauptsächliche Grund, warum der Feind Angst hat, in die Stützpunktgebiete einzudringen.

Es ist auch erforderlich, Einheiten der Roten Armee in zweitrangigen Operationsrichtungen einzusetzen, und man braucht durchaus nicht alle ihre Truppenteile zu konzentrieren. Die Kräftekonzentration, wie wir sie befürworten, gründet sich auf das Prinzip der Gewährleistung einer absoluten oder relativen Überlegenheit auf dem Schlachtfeld. Für Operationen gegen einen starken Gegner oder auf einem Schlachtfeld von entscheidender Bedeutung muss man eine absolut überlegene Streitmacht einsetzen; so hatten wir beispielsweise am 30. Dezember 1930 für das erste Gefecht der ersten Gegenoperation 60‘000 Mann zusammengezogen, um die 9‘000 Mann Dschang Hui-dsans zu schlagen. Für Operationen gegen einen schwachen Gegner oder auf einem minder wichtigen Schlachtfeld genügt auch eine relativ überlegene Streitmacht; so wurden zum Beispiel in dem letzten Gefecht der zweiten Gegenoperation am 29. Mai 1931 bei Djiänning nur etwas mehr als 10‘000 Mann gegen die 7‘000 Mann starke Division Liu Ho-dings eingesetzt.

Damit ist aber nicht gesagt, dass jedesmal eine zahlenmässige Überlegenheit notwendig ist. Unter gewissen Umständen kann man auch mit einer relativ oder absolut unterlegenen Streitmacht in die Schlacht ziehen. Um jenen Fall zu veranschaulichen, bei dem die Rote Armee relativ unterlegen ist, nehmen wir folgendes Beispiel: In einem bestimmten Gebiet steht nur eine kleine Truppeneinheit der Roten Armee (es handelt sich da nicht um einen Fall, wo wir zwar über mehr Truppen verfügen, diese aber nicht zusammengezogen haben); um dann den Angriff eines überlegenen Gegners zu zerschlagen, konzentriert die Rote Armee, wenn die Bedingungen hinsichtlich der Unterstützung durch die Bevölkerung sowie hinsichtlich des Geländes, der Witterung und dergleichen für uns in hohem Masse günstig sind, ihre ganze Kraft auf einen Überraschungsstoss gegen einen Abschnitt der einen Flanke des Gegners, während der Gegner an seiner Front und an der anderen Flanke durch Guerillaabteilungen oder kleinere Einheiten der Roten Armee gebunden wird. Das ist selbstverständlich ebenfalls notwendig und kann den Sieg bringen. Denn bei unserem Stoss gegen einen Abschnitt der feindlichen Flanke entspricht das Kräfteverhältnis noch immer dem Prinzip, „eine stärkere Streitmacht gegen eine schwächere einsetzen und mit einer grösseren Zahl eine kleinere besiegen“. Auch im Fall einer absoluten Unterlegenheit, wenn zum Beispiel eine Guerillaabteilung einen grossen Verband der weissen Armee überfällt, wobei nur ein kleiner Teil dieses Verbands angegriffen wird, gilt das obenerwähnte Prinzip.

Was die Behauptung anbelangt, die Zusammenziehung einer grossen Armee auf einem einzigen Schlachtfeld stosse auf Schranken bezüglich des Geländes, der Wege, der Versorgung, der Unterbringung usw., so muss man hier gleichfalls differenziert an die Frage herangehen. Diese Schranken sind verschiedenen Grades, je nachdem, ob es sich um die Rote Armee oder um die weissen Truppen handelt; denn die Rote Armee kann grössere Härten aushalten als die weissen Truppen.

Wir setzen wenige ein, um viele zu schlagen — das sagen wir allen jenen, die China beherrschen. Wir setzen viele ein, um wenige zu schlagen — das sagen wir den einzelnen Truppenteilen des Feindes auf dem Schlachtfeld. Das ist kein Geheimnis mehr, der Feind kennt im allgemeinen schon unsere Wesensart. Dennoch kann er weder unsere Siege verhindern noch seine Verluste vermeiden, denn er weiss nicht, wann und wo wir nach dieser Weise vorgehen werden. Das halten wir geheim. Die Rote Armee operiert im allgemeinen mit Überraschungsangriffen.

G. BEWEGUNGSKRIEG

Bewegungskrieg oder Stellungskrieg? Unsere Antwort lautet: Bewegungskrieg. Unter Verhältnissen, da wir weder starke Streitkräfte noch einen Munitionsnachschub haben, da es in jedem Stützpunktgebiet lediglich einen Verband der Roten Armee gibt, der einmal hier, einmal dort eingesetzt werden muss, ist ein Stellungskrieg für uns grundsätzlich ungeeignet. Der Stellungskrieg ist für uns in der Regel nicht nur bei der Verteidigung, sondern auch beim Angriff unbrauchbar.

Eine der markanten Besonderheiten der Kampfhandlungen der Roten Armee — die sich daraus ergeben, dass der Feind mächtig, die Rote Armee selbst aber in technischer Hinsicht mangelhaft ausgerüstet ist — liegt im Fehlen stabiler Frontlinien.

Die Frontlinien der Roten Armee werden durch ihre Operationsrichtungen bestimmt. Die Operationsrichtungen sind nicht stabil, daher sind es auch nicht die Frontlinien. Wenn sich auch die allgemeine Richtung eine Zeitlang nicht ändert, so können sich dennoch innerhalb dieser allgemeinen Richtung die einzelnen Teilrichtungen fortwährend ändern: Sehen sich unsere Truppen in einer dieser Richtungen behindert, so müssen sie in eine andere abschwenken. Wenn wir nach einer gewissen Zeit in der allgemeinen Richtung nicht weiterkommen können, dann müssen wir eben auch diese ändern.

In einem revolutionären Bürgerkrieg können die Frontlinien nicht stabil sein; das war auch in der Sowjetunion der Fall. Der Unterschied bestand nur darin, dass die Frontlinien der sowjetischen Armee nicht so beweglich waren wie die unseren. In keinem Krieg kann es absolut stabile Frontlinien geben, denn der Wechsel von Erfolg und Misserfolg, von Vormarsch und Rückzug lässt das nicht zu. Aber relativ stabile Frontlinien sind in gewöhnlichen Kriegen oft anzutreffen. Ausnahmen gibt es nur dort, wo eine Armee einem viel stärkeren Feind gegenübersteht, so wie dies im gegenwärtigen Stadium bei der chinesischen Roten Armee der Fall ist.

Die Beweglichkeit der Frontlinien führt zu einer Beweglichkeit des territorialen Gefüges der Stützpunktgebiete. Es ist ständig so, dass unsere Stützpunktgebiete einmal gross, einmal klein sind, dass sie bald einschrumpfen, bald sich ausdehnen, und oft kommt es vor, dass eins fällt, während ein anderes neu entsteht. Diese Beweglichkeit des Territoriums ist ganz und gar durch die Beweglichkeit des Krieges bedingt.

Die Beweglichkeit des Krieges und des Territoriums verleiht auch der mannigfaltigen Aufbauarbeit in den Stützpunktgebieten einen beweglichen Charakter. Eine Aufbauplanung auf mehrere Jahre hinaus ist da undenkbar. Die häufige Änderung der Pläne ist bei uns eine alltägliche Erscheinung.

Es ist für uns nur von Vorteil, wenn wir diese Besonderheit anerkennen. Wir müssen auf Grund dieser Besonderheit unsere täglichen Aufgaben festlegen und dürfen uns weder Illusionen von einem Krieg machen, bei dem es nur Vormärsche und keine Rückzüge gibt, noch uns durch zeitweilige Veränderungen unseres Territoriums und unseres militärischen Hinterlands ins Bockshorn jagen lassen, noch versuchen, konkrete Pläne auf lange Sicht aufzustellen. Wir müssen unser Denken und unsere Arbeit den Umständen anpassen, bereit sein, uns festzusetzen, und auch bereit sein, loszumarschieren, wir müssen unseren Brotsack stets bei der Hand haben. Nur die Anstrengungen, die wir während unseres gegenwärtigen bewegten Lebens unternehmen, können gewährleisten, dass wir in Zukunft eine verhältnismässige Stetigkeit und schliesslich völlige Stabilität erreichen.

Bei dem strategischen Kurs der sogenannten „regulären Kriegführung“, der während der fünften Gegenoperation vorherrschte, wurde diese Beweglichkeit bestritten und das, was man „Guerillatum“ nannte, bekämpft. Jene Kameraden, die gegen die Beweglichkeit auftraten, gebärdeten sich in ihren Geschäften so, als ob sie einen grossen Staat regierten, und dabei war das Resultat bereits eine ganz ausserordentliche Beweglichkeit: der Lange Marsch über 25‘000 Li.

Unsere demokratische Arbeiter- und Bauernrepublik ist ein Staat, aber heute noch kein vollausgebildeter Staat. Heute befinden wir uns noch in der Periode der strategischen Verteidigung im Bürgerkrieg, unsere politische Macht hat noch lange nicht die Gestalt eines vollausgebildeten Staates angenommen, unsere Armee steht nach Anzahl und technischer Ausrüstung dem Feind noch beträchtlich nach, unser Territorium ist noch klein, der Feind ist unausgesetzt darauf aus, uns zu vernichten, und will niemals Ruhe geben, bis er das erreicht hat. Wir sollen auf Grund dieser Tatsachen unseren Kurs bestimmen, dürfen nicht das Guerillatum in Bausch und Bogen ablehnen, müssen vielmehr den Guerillacharakter der Roten Armee ehrlich anerkennen. Man braucht sich dessen gar nicht zu schämen. Im Gegenteil, der Guerillacharakter ist gerade unsere Eigenart, unsere Stärke, ist das Mittel, mit dem wir den Feind besiegen. Wir müssen uns darauf vorbereiten, den Guerillacharakter aufzugeben, aber heute können wir das noch nicht. In der Zukunft wird sicherlich dieser Guerillacharakter etwas sein, dessen man sich schämen kann und das man aufgeben muss; doch heute ist er etwas Wertvolles, woran man festhalten muss.

„Kämpfen, wenn man gewinnen kann; marschieren, wenn man es nicht kann“ — das ist die populäre Auslegung des Bewegungskriegs, den wir heute führen. Es gibt auf der Welt keinen Militärfachmann, der nur den Kampf und nicht das Marschmanöver anerkennen würde; freilich wird nirgends soviel marschiert wie bei uns. Bei uns nehmen die Märsche gewöhnlich mehr Zeit in Anspruch als die Kämpfe, und wenn wir im Durchschnitt ein grosses Gefecht im Monat austrügen, wären wir schon zufrieden. Alle „Märsche“ werden um des „Kampfes“ willen unternommen, und alle unsere strategischen und operativen Richtlinien laufen lediglich auf eins hinaus: auf den „Kampf“. Doch es gibt eine Reihe von Umständen, unter denen es für uns nicht ratsam ist, den Kampf zu führen: Das ist erstens der Fall, wenn die uns gegenüberstehenden feindlichen Kräfte zahlenmässig zu stark sind; zweitens ist es manchmal der Fall, wenn diese Kräfte zwar nicht zahlreich sind, aber enge Fühlung zu ihren Nachbareinheiten halten; drittens ist es im allgemeinen der Fall, wenn die gegnerischen Einheiten nicht isoliert sind und stark befestigte Stellungen bezogen haben; viertens ist es nicht zweckmässig, ein begonnenes Gefecht fortzusetzen, wenn es uns keinen Erfolg verspricht. In allen diesen Fällen sind wir bereit, abzuziehen. Ein solcher Abzug ist nicht nur zulässig, sondern auch notwendig. Denn wenn wir die Notwendigkeit des Abzugs anerkennen, so unter der Voraussetzung, dass wir vor allen Dingen die Notwendigkeit des Kampfes anerkennen. Eben darin besteht die grundlegende Besonderheit des Bewegungskriegs, den die Rote Armee führt.

Grundlegend ist der Bewegungskrieg, doch das bedeutet nicht, dass wir den Stellungskrieg ablehnen, wenn er notwendig und möglich ist. Der Stellungskrieg muss als notwendig anerkannt werden, wenn während der Zeit der strategischen Verteidigung in der Richtung der Bindungsoperation gewisse Stützpunkte hartnäckig zu halten sind und wir beim strategischen Angriff auf eine isolierte feindliche Einheit stossen, die von jeder Hilfe abgeschnitten ist. Wir haben ziemlich viel Erfahrung mit erfolgreichen Stellungskriegsoperationen dieser Art; viele Städte, Forts und befestigte Siedlungen haben wir so genommen, recht gut ausgebaute Feldstellungen des Feindes durchbrochen. In Zukunft müssen wir in dieser Hinsicht unsere Bemühungen verstärken und unsere Schwächen überwinden. Wir müssen den Angriff auf befestigte Stellungen und die Verteidigung von solchen aus vorbehaltlos befürworten, wann immer das die Umstände erfordern und erlauben. Wir sind lediglich dagegen, dass heute der Stellungskrieg allgemein angewendet oder dem Bewegungskrieg gleichgestellt wird; das ist unzulässig.

Hat sich nun hinsichtlich des Guerillacharakters der Roten Armee, des Fehlens stabiler Frontlinien, der Beweglichkeit des Territoriums der Stützpunktgebiete und der Aufbauarbeit in diesen Gebieten im Laufe der zehn Kriegsjahre nichts geändert? Doch, es gab Änderungen. In der ersten Periode, vom Kampf im Djinggang-Gebirge bis zum Beginn der ersten Gegenoperation in Kiangsi, waren der Guerillacharakter und die Beweglichkeit noch sehr ausgeprägt, steckte die Rote Armee noch in ihren Kinderschuhen, waren die Stützpunktgebiete noch Guerillazonen. In der zweiten Periode, von der ersten Gegenoperation bis zum Abschluss der dritten Gegenoperation, traten der Guerillacharakter und die Beweglichkeit beträchtlich zurück, wurden Frontarmeen aufgestellt, gab es schon Stützpunktgebiete mit mehreren Millionen Einwohnern. In der dritten Periode, vom Ende der dritten bis zur fünften Gegenoperation, traten der Guerillacharakter und die Beweglichkeit noch mehr zurück. Es waren bereits eine Zentralregierung und ein revolutionärer Militärausschuss errichtet worden. Der Lange Marsch bildete die vierte Periode. Da man den Fehler beging, den mässigen Guerillacharakter und die mässige Beweglichkeit zu leugnen, waren ein massloser Guerillacharakter und eine masslose Beweglichkeit die Folge. Derzeit befinden wir uns in der fünften Periode. Da der fünfte „Feldzug“ nicht zerschlagen wurde und diese immense Beweglichkeit herauskam, sind die Rote Armee und die Stützpunktgebiete bedeutend zusammengeschrumpft, doch wir haben im Nordwesten Fuss gefasst und unser hiesiges Stützpunktgebiet, das Schensi-Kansu-Ningsia Grenzgebiet, gefestigt und entwickelt. Die drei Frontarmeen, die die reguläre Rote Armee bilden, wurden unter ein einheitliches Kommando gebracht, was es bisher noch nicht gegeben hatte.

Hat man den Charakter unserer Strategie im Auge, dann kann man auch sagen, dass der Zeitraum vom Kampf im Djinggang-Gebirge bis zum Ende der vierten Gegenoperation die erste Periode, die Zeit der fünften Gegenoperation die zweite und der Zeitraum vom Beginn des Langen Marsches bis zur Gegenwart die dritte Periode bildet. In der Zeit der fünften Gegenoperation beging man den Fehler, den ursprünglichen richtigen Kurs, den wir vorher eingehalten hatten, zu verwerfen; heute handeln wir wiederum richtig, wenn wir den falschen Kurs aus der Zeit der fünften Gegenoperation verwerfen und den richtigen Kurs von früher wiederbeleben. Doch wir verwerfen nicht alles, was während der fünften Gegenoperation getan wurde, und lassen auch nicht alles, was es früher gegeben hat, wieder aufleben. Wir stellen nur das wieder her, was in der Vergangenheit gut war, und lehnen nur das Fehlerhafte aus der Zeit der fünften Gegenoperation ab.

Das Guerillatum hat zwei Seiten. Die eine ist die Irregularität, das heisst, es mangelt an Zentralisierung und Einheitlichkeit, die Disziplin ist locker, die Arbeitsmethoden sind primitiv usw. Das alles stammt aus der Kindheitsperiode der Roten Armee, und manches davon war in der damaligen Zeit einfach notwendig. Nachdem aber die Rote Armee eine höhere Entwicklungsstufe erreicht hat, müssen wir uns davon allmählich bewusst freimachen, damit die Rote Armee zentralisierter, einheitlicher, disziplinierter und methodischer in ihrer Arbeit wird, das heisst einen reguläreren Charakter erhält. Auch bei der Leitung der militärischen Operationen muss man jenen auf der höheren Entwicklungsstufe unnötigen Guerillacharakter allmählich bewusst vermindern. Sich in dieser Hinsicht gegen Fortschritte zu stemmen und sich hartnäckig an das alte Stadium zu klammern, ist unzulässig, schädlich und allen grossangelegten Operationen abträglich.

Die andere Seite des Guerillatums besteht in der Einstellung auf den Bewegungskrieg, in dem jetzt noch erforderlichen Guerillacharakter der strategischen und operativen Kampfhandlungen, in der unvermeidlichen Beweglichkeit der Stützpunktgebiete, in der Elastizität und Veränderlichkeit der Aufbauplanung in den Stützpunktgebieten sowie darin, dass man beim Aufbau der Roten Armee deren vorzeitige Verwandlung in eine reguläre Streitmacht ablehnen muss.

Wenn man in dieser Hinsicht die historischen Tatsachen leugnet, gegen die Beibehaltung dessen auftritt, was nützlich ist, sich unüberlegt vom gegenwärtigen Stadium löst, um blindlings auf ein vorläufig noch unerreichbares, wenn auch absehbares „neues Stadium“ loszustürmen, das derzeit keinen realen Sinn hat, so ist das ebenso unzulässig, schädlich und unseren derzeitigen militärischen Operationen abträglich.

Jetzt stehen wir an der Schwelle eines neuen Stadiums in der Entwicklung der technischen Ausrüstung und Organisation der Roten Armee. Wir müssen uns auf den Übergang zu diesem neuen Stadium vorbereiten. Würden wir uns nicht darauf vorbereiten, dann wäre das falsch und für unsere künftigen Kriegsoperationen von Nachteil. Wenn sich in der Zukunft die technischen und organisatorischen Bedingungen für die Rote Armee geändert haben werden und der Aufbau der Roten Armee in ein neues Stadium getreten sein wird, dann werden ihre Operationsrichtungen und Frontlinien relativ stabil werden; es wird mehr Stellungskrieg geben; die Beweglichkeit des Krieges, des Territoriums und der Aufbauarbeit wird sich beträchtlich verringern, bis sie schliesslich ganz verschwindet; das, was uns jetzt Schranken setzt, wie die Überlegenheit des Gegners und seine stark befestigten Stellungen, wird uns dann nicht mehr behindern.

Wir bekämpfen derzeit einerseits die während der Vorherrschaft des „linken“ Opportunismus getroffenen falschen Massnahmen, andererseits die Wiederbelebung jener zahlreichen Züge der Irregularität, die der Roten Armee in ihrer Kindheitsperiode eigen waren und heute nicht mehr notwendig sind. Wir müssen aber entschlossen jene zahlreichen wertvollen Prinzipien des Armeeaufbaus und der Strategie und Taktik wiederherstellen, dank deren Anwendung die Rote Armee stets Siege erfochten hat. Wir müssen aus der Vergangenheit all das, was gut ist, zusammenfassen und zu einer systematischen, höherentwickelten und inhaltsreicheren militärischen Linie verallgemeinern, um heute Siege über den Feind zu erringen und uns auf den künftigen Übergang in das neue Stadium vorzubereiten.

Hinsichtlich der praktischen Führung des Bewegungskriegs gibt es sehr viele Probleme wie zum Beispiel: Aufklärung, Beurteilung der Lage, Entschlussfassung, Gefechtsaufstellung, Kampfleitung, Verstecken, Konzentration der Kräfte, Anmarsch, Entfaltung, Sturm, Verfolgung, Überraschungsangriff, Angriff auf Stellungen, Verteidigung von Stellungen aus, Begegnungsgefecht, Rückzug, Nachtgefecht, Gefecht unter besonderen Bedingungen, Ausweichen vor dem starken und Angriff auf den schwachen Gegner, Belagerung einer Stadt zum Zwecke eines Schlags gegen die heranrückenden Verstärkungen, Scheinangriff, Luftabwehr, Aufenthalt zwischen mehreren feindlichen Einheiten, Umgehung eines Teils der feindlichen Truppen und Schlag gegen einen anderen Teil, serienweise Gefechte, Operieren ohne Hinterland, Erfordernis der Rast und Kräftesammlung usw. In der Geschichte der Roten Armee haben sich in allen diesen Fragen zahlreiche Besonderheiten gezeigt, die in der operativen Kunst systematisch behandelt und verallgemeinert werden sollen; hier will ich darauf nicht eingehen.

H. BLITZKRIEG

Ein langwieriger Krieg in strategischer Hinsicht und Kampfhandlungen mit rascher Entscheidung in operativer und taktischer Hinsicht sind zwei Seiten ein und derselben Sache, zwei Prinzipien, auf die man im Bürgerkrieg gleichermassen Nachdruck legen muss und die auch im antiimperialistischen Krieg anwendbar sind.

Da die reaktionären Kräfte sehr stark sind, können die revolutionären Kräfte nur allmählich anwachsen, was den langwierigen Charakter des Krieges bestimmt. Hier kann Hast nur Schaden bringen und wäre es falsch, eine „rasche Entscheidung“ zu empfehlen. Dass wir schon zehn Jahre lang einen revolutionären Krieg führen, mag für andere Länder erstaunlich sein, für uns aber ist das gleichsam nur der Beginn eines „achtgliedrigen Aufsatzes“ — die „Einleitung des Themas“, die „Exposition des Themas“ und die „Hauptthesen des Aufsatzes“35 — und viele fesselnde Abschnitte werden noch folgen. Unter dem Einfluss der inneren und äusseren Bedingungen wird die Entwicklung in der Zukunft zweifellos bedeutend rascher vor sich gehen können, als es in der Vergangenheit der Fall war. Da in der internationalen und in der inneren Lage bereits Änderungen eingetreten sind und noch grössere Änderungen bevorstehen, kann man wohl sagen, dass wir den früheren Zustand, als die Entwicklung langsam verlief und wir allein auf uns gestellt kämpften, schon hinter uns haben. Doch man darf nicht darauf rechnen, dass wir morgen schon am Ziel sein werden. „Den Feind vernichten und dann Frühstück essen“ — die damit ausgedrückte Haltung ist gut, doch die darauf gegründeten konkreten Pläne sind schlecht. Da die reaktionären Kräfte in China von vielen imperialistischen Mächten unterstützt werden, wird unser revolutionärer Krieg weiterhin ein langwieriger Krieg bleiben, solange die revolutionären Kräfte Chinas nicht genügend erstarkt sind, um die wichtigsten Positionen der inneren und äusseren Feinde durchbrechen zu können, und solange die internationalen revolutionären Kräfte den Grossteil der internationalen reaktionären Kräfte nicht zerschlagen oder gebunden haben: Einer der wichtigen Leitsätze unserer Strategie ist, dass man bei der Festlegung des strategischen Kurses auf eine langfristige Kriegführung von diesem Punkt ausgeht.

Im Gegensatz dazu gilt für Schlachten oder Gefechte nicht das Prinzip der Langwierigkeit, sondern das der raschen Entscheidung. In einzelnen Schlachten oder Gefechten eine rasche Entscheidung anzustreben, gilt für die Gegenwart wie für die Vergangenheit, für China wie fürs Ausland. Auch in bezug auf den Krieg als Ganzes wird zu allen Zeiten und in allen Ländern eine rasche Entscheidung gesucht und ein Hinziehen des Krieges stets als unvorteilhaft angesehen. Was jedoch den Krieg in China betrifft, muss man grösste Geduld üben und kann nicht umhin, ihn als einen langwierigen Krieg zu behandeln. zur zeit der Linie Li Li-sans machten sich manche Leute über unsere Handlungsweise lustig, die sie „Schattenboxen-Taktik“ nannten (sie meinten damit, dass wir uns mit abwechselnden Abwehr- und Angriffsaktionen fortwährend hin und her bewegen, ehe wir an die Eroberung der Grossstädte schreiten), und höhnten, wir würden alt und grau werden, ehe wir den Sieg der Revolution erlebten. Solche Stimmungen einer fieberhaften Ungeduld haben sich schon längst als unangebracht erwiesen. Bezögen sich aber die kritischen Bemerkungen jener Leute nicht auf die Strategie, sondern auf einzelne Schlachten oder Gefechte, dann wären sie durchaus am Platze. Die Gründe dafür sind folgende: Erstens hat die Rote Armee keine Hilfsquellen zur Ergänzung ihres Waffenbestands und vor allem ihrer Munitionsvorräte; zweitens hat die weisse Armee viele Truppenverbände, während die Rote Armee aber nur einen einzigen Truppenverband darstellt, der bereit sein muss, in rascher Folge eine Operation nach der anderen durchzuführen, um den jeweils fälligen „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ zerschlagen zu können; drittens marschieren die Verbände der weissen Armee zwar getrennt, bleiben aber dabei meistens verhältnismässig nahe beieinander, und wenn wir beim Angriff auf einen dieser Verbände nicht zu einer raschen Entscheidung gelangen, werden die anderen vereint über uns herfallen. Aus allen diesen Gründen müssen wir Kampfhandlungen mit rascher Entscheidung durchführen. Es ist keine Seltenheit, dass wir ein Gefecht binnen weniger Stunden oder an einem Tag oder in zwei Tagen beenden. Nur wenn wir die Taktik „Eine Stadt belagern, um die Verstärkungen zu schlagen“ befolgen, also den Schlag nicht gegen den eingeschlossenen Gegner, sondern gegen dessen heranrückende Verstärkungen führen wollen, dann sind wir bereit, die Belagerungsoperationen bis zu einem bestimmten Grad in die Länge zu ziehen, wobei wir jedoch den feindlichen Verstärkungen gegenüber wie üblich auf eine rasche Entscheidung drängen. Wenn wir in der strategischen Verteidigung einen in der Richtung der Bindungsoperation befindlichen Stützpunkt hartnäckig halten oder beim strategischen Angriff einen isolierten, von jeder Hilfe abgeschnittenen Gegner schlagen wollen, oder wenn es gilt, einen weissen Stützpunkt inmitten unseres Stützpunktgebiets zu vernichten, dann nehmen wir gleichfalls des öfteren Kurs auf Schlachten oder Gefechte von langwierigem Charakter. Aber langwierige Kampfhandlungen dieser Art sind nur eine Hilfe und kein Hindernis für die auf rasche Entscheidung abzielenden Aktionen der regulären Roten Armee.

Eine rasche Entscheidung wird aber nicht einfach dadurch herbeigeführt, dass man sie zu erreichen wünscht, man braucht vielmehr dazu noch eine ganze Reihe konkreter Voraussetzungen. Die wichtigsten dieser Voraussetzungen sind: ausreichende Vorbereitungen treffen, den geeigneten Zeitpunkt nicht verpassen, überlegene Kräfte konzentrieren, Einkreisungs- und Umgehungsmanöver ausführen, eine gute Stellung wählen, den Gegner schlagen, wenn er auf dem Marsch ist, oder wenn er zwar haltgemacht, sich aber noch nicht fest verschanzt hat. Sind diese Voraussetzungen nicht geschaffen, dann ist es unmöglich, in einer Schlacht oder in einem Gefecht eine rasche Entscheidung herbeizuführen.

Die Zerschlagung eines „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs“ stellt eine grosse Operation dar, und auch hier gilt das Prinzip der raschen Entscheidung und nicht das der Langwierigkeit. Denn die Bedingungen der Stützpunktgebiete — ihre Menschenreserven, finanziellen Hilfsquellen und militärischen Kräfte — erlauben keine langwierigen Operationen.

Wenn aber auch im allgemeinen das Prinzip der raschen Entscheidung gilt, muss man doch jede ungebührliche Ungeduld bekämpfen. Es ist unbedingt notwendig, dass sich die höchsten militärischen und politischen Leitungen eines jeden revolutionären Stützpunktgebiets unter Berücksichtigung der obenerwähnten Bedingungen im Stützpunktgebiet und der Situation beim Feind durch dessen wildes und drohendes Gebaren nicht ins Bockshorn jagen, durch noch erträgliche Schwierigkeiten nicht kleinkriegen und durch diese oder jene Misserfolge nicht entmutigen lassen, dass sie vielmehr die erforderliche Geduld und Ausdauer aufbringen. Um den ersten „Feldzug“ des Feindes in Kiangsi zu zerschlagen, bedurfte es, vom ersten bis zum letzten Gefecht, insgesamt nur einer Woche; die Zerschlagung des zweiten „Feldzugs“ dauerte nur einen halben Monat, die des dritten zog sich drei Monate hin; mit dem vierten waren wir in drei Wochen fertig, mit dem fünften hatten wir ein volles Jahr lang zu schaffen. Wir legten jedoch eine unnötige Hast an den Tag, als wir den fünften „Feldzug“ nicht zerschlagen konnten und dann gezwungenermassen die Einkesselung durchbrachen. Unter den damaligen Umständen hätten wir noch gute zwei bis drei Monate ausharren können, um unseren Truppen eine Erholung und Konsolidierung zu ermöglichen. Hätte man das getan und wäre die Führung nach dem Durchbruch etwas klüger gewesen, dann hätte sich die Lage wesentlich anders gestaltet.

Ungeachtet dessen bleibt das erwähnte Prinzip, dass man die Dauer der ganzen Operation nach Möglichkeit abkürzen soll, noch immer in Geltung. Wir müssen nach Möglichkeit danach streben, dass die Voraussetzungen hinsichtlich der Konzentration der Kräfte, des Bewegungskriegs usw. geschaffen werden, dass die lebende Kraft des Feindes auf unseren inneren Linien (also im Stützpunktgebiet) vernichtet und der „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ rasch zerschlagen wird, wie dies die operativen oder taktischen Pläne vorsehen; wenn es aber klar geworden ist, dass der feindliche „Feldzug“ auf unseren inneren Linien nicht zerschlagen werden kann, müssen wir die Hauptkräfte der Roten Armee dazu einsetzen, die Einkreisungslinie des Feindes zu durchbrechen und auf unsere äusseren Linien, also auf die inneren Linien des Feindes, hinüberzuschwenken, um ihn dort zu schlagen. Heute, da der Feind die Blockhaus-Taktik so beträchtlich entwickelt hat, wird dies zur üblichen Methode unserer Kriegführung werden. zwei Monate nach Beginn unserer fünften Gegenoperation, als es zu den Fukien-Ereignisseni kam, hätten die Hauptkräfte der Roten Armee zweifellos in das Gebiet der Provinzen Kiangsi, Tschekiang, Anhui und Kiangsi, mit Tschekiang im Mittelpunkt, vorstossen, aktive Aktionen über den ganzen Raum zwischen den Städten Hangdschou, Sudschou, Nanking, Wuhu, Nantschang und Fudschou entfalten, die strategische Verteidigung in einen strategischen Angriff umwandeln, die lebenswichtigen Zentren des Feindes bedrohen und in dem ausgedehnten, von Blockhäusern freien Raum den Kampf suchen müssen. Auf diese Weise hätten wir die in Südkiangsi und Westfukien vorrückenden Verbände des Feindes zwingen können, umzukehren, um seine lebenswichtigen Zentren zu schützen, und damit seinen Angriff auf unser Stützpunktgebiet in Kiangsi vereiteln und zugleich der Volksregierung in Fukien Beistand leisten können; ganz gewiss hätten wir ihr damit geholfen. Da dieser Plan verworfen wurde, konnte der fünfte „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ nicht zerschlagen werden und musste die Volksregierung in Fukien fallen. Sogar nachdem wir bereits ein Jahr lang gekämpft hatten und ein Einmarsch in Tschekiang für uns unvorteilhaft geworden war, hätten wir noch immer zum strategischen Angriff in einer anderen Richtung übergehen, d. h. mit unseren Hauptkräften nach Hunan vorrücken — und zwar nicht, um durch Hunan nach Kueitschou zu marschieren, sondern um in den zentralen Teil Hunans vorzustossen — und so den Gegner veranlassen können, seine Truppen aus Kiangsi abzuziehen und nach Hunan zu werfen, wo wir sie dann vernichtet hätten. Da auch dieser Plan verworfen wurde, zerrannen endgültig alle Hoffnungen auf eine Zerschlagung des fünften “Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs”, und es blieb uns nur eins übrig den Langen Marsch anzutreten.

I. VERNICHTUNGSKRIEG

Der chinesischen Roten Armee einen „Zermürbungsstreit“ vorzuschlagen, wäre nicht zweckmässig. Würden nicht zwei Drachenkönigeii, sondern ein Bettler und ein Drachenkönig miteinander wetteifern, wer von beiden der reichere sei, dann wäre das doch gewiss lächerlich. Für die Rote Armee, die sich in fast allem vom Feind beliefern lässt, ist der Vernichtungskrieg der grundlegende Kurs. Nur durch die Vernichtung der lebenden Kraft des Gegners können wir seine „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzüge“ zerschlagen und die revolutionären Stützpunktgebiete erweitern. Wenn wir dem Gegner Verluste zufügen, so betrachten wir das als eines der Mittel, um ihn zu vernichten; andernfalls wäre es sinnlos. Indem wir dem Gegner Verluste zufügen, haben wir dabei selbst auch Ausfälle; aber indem wir die gegnerischen Truppen vernichten, ergänzen wir unsere Bestände, wobei wir nicht nur unsere eigenen Verluste wettmachen, sondern darüber hinaus auch noch unsere Armee stärken. Eine Kampfhandlung mit dem Ziel, den Gegner in die Flucht zu schlagen, kann grundsätzlich für Sieg oder Niederlage nicht entscheidend sein, wenn man es mit einem mächtigen Gegner zu tun hat. Eine Vernichtungsschlacht übt hingegen sofort auf jeden Gegner eine starke Wirkung aus. Es ist wirksamer, jemandem einen Finger abzuhacken, als alle zehn zu verletzen; es ist wirksamer, eine Division des Gegners zu vernichten, als zehn in die Flucht zu schlagen.

Bei der Bekämpfung des ersten, zweiten, dritten und vierten “Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzugs” nahmen wir stets Kurs auf einen Vernichtungskrieg. Obwohl die dabei vernichteten gegnerischen Truppen jedesmal nur einen Teil der Gesamtstärke des Gegners ausmachten, wurden alle diese „Feldzüge“ zerschlagen. Bei der fünften Gegenoperation wurde jedoch ein entgegengesetzter Kurs eingeschlagen, was faktisch dem Gegner half, sein Ziel zu erreichen.

Der Vernichtungskrieg setzt die Konzentration überlegener Kräfte und die Anwendung der Einkesselungs- und Umgehungstaktik voraus. Fehlt das alles, dann kann es den Vernichtungskrieg nicht geben. Um den Feind zu vernichten, sind folgende Voraussetzungen unerlässlich: die Unterstützung durch die Bevölkerung, günstige Geländeverhältnisse, ein leicht zu schlagender Gegner, das Überraschungsmoment usw.

Den Feind in die Flucht zu schlagen, ja ihn entkommen zu lassen, hat lediglich dann einen Sinn, wenn im Rahmen des ganzen Gefechts oder der ganzen Schlacht unsere Hauptkräfte gegen einen bestimmten Teil der feindlichen Kräfte eine Vernichtungsoperation durchführen, sonst nicht. Hier haben wir wiederum ein Beispiel, wie Verluste durch Gewinne gerechtfertigt werden.

Wenn wir eine eigene Rüstungsindustrie aufbauen, dürfen wir nicht zulassen, dass wir von ihr abhängig werden. Unser grundlegender Kurs besteht darin, dass wir uns auf die Rüstungsindustrie der Imperialisten und unserer Feinde im eigenen Land stützen. Wir haben einen Anspruch auf die Rüstungsbetriebe Londons und Hanyangs, wobei uns der Feind als Transportbrigade dient. Das ist eine Wahrheit und kein Witz.

1Der Ausdruck „Schidji“ (Wirklichkeit) hat im Chinesischen zwei Bedeutungen: Die eine weist auf die tatsächlichen Umstände hin, die andere auf die Tätigkeit der Menschen (oder das, was man gemeinhin Praxis nennt). Der Vorsitzende Mao Tse-tung pflegt in seinen Werken diesen Begriff in seinem Doppelsinn zu verwenden.

2Sun Wu-dsi oder Sun Wu war ein berühmter chinesischer Militärwissenschaftler des 9. Jahrhunderts v. u. Z. und Autor des aus 1; Kapiteln bestehenden Traktats Sun Dsi. Das vorliegende Zitat ist dem Kapitel dieses Buches — „Planung des Angriffs“ entnommen.

3Im Jahre 1936, als der Vorsitzende Mao Tse-tung diesen Artikel verfasste, waren seit der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas im Juli 1921 genau 15 Jahre vergangen.

4Tschen Du-hsiu war ursprünglich Professor an der Peking-Universität und machte sich als Redakteur der Zeitschrift Neue Jugend einen Namen. Er gehört zu den Begründern der Kommunistischen Partei Chinas. Auf Grund des Rufes, den er zur Zeit der Bewegung des 5. Mai genoss, und auch infolge der Unreife der Partei in ihrem Anfangsstadium wurde er Generalsekretär der Partei. In der letzten Periode der Revolution von 1924-1927 entwickelten sich die von Tschen Du-hsiu vertretenen rechtsopportunistischen Auffassungen innerhalb der Partei zu einer Kapitulationslinie. Damals „gaben die Kapitulanten, freiwillig die Führung der Bauernmassen, der städtischen Kleinbourgeoisies und der mittleren Bourgeoisie, vor allem aber die Führung der Streitkräfte auf und verursachten so die Niederlage der Revolution“ („Die gegenwärtige Lage und unsere Aufgaben“, Ausgewählte Werke Mao Tse-tungs. Bd. 4). Nach der Niederlage der Revolution im Jahre 1927 verloren Tschen Du-hsiu und eine kleine Zahl anderer Kapitulanten den Glauben an die Zukunft der Revolution, verfielen in Pessimismus und wurden zu Liquidatoren. Sie nahmen den reaktionären Standpunkt des Trotzkismus ein, verbündeten sich mit den Trotzkisten zu einer parteifeindlichen Splitterfraktion. Daher wurde Tschen Du-hsiu im November 1929 aus der Partei ausgeschlossen. Er starb im Jahre 1942. Über den Rechtsopportunismus Tschen Du-hsius siehe auch die Anmerkungen zu den Überschriften der beiden Werke „Analyse der Klassen in der chinesischen Gesellschaft“ und „Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung in Hunan“ (vorliegender Band, S. 5 f. und S. 21 f.) sowie die Arbeit „Der Zeitschrift Kommunist zum Geleit“ (Ausgewählte Werke Mao tse-tungs, Bd. 2).

5Der „linke“ Opportunismus Li Li-sans, gewöhnlich die „Linie Li Li-sans“ genannt, war die „links“ opportunistische Linie, die von Kameraden Li Li-san, der zu jener Zeit an der Spitze des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas stand, vertreten wurde und von Juni 1930 an etwa vier Monate lang in der Partei herrschte. Die Linie Li Li-sans ist durch folgendes gekennzeichnet: Entgegen dem vom 6. Parteitag festgelegten Kurs bestritt sie die Notwendigkeit der Vorbereitung der Massen auf die Revolution und die Ungleichmässigkeit der Entwicklung der Revolution; sie betrachtete die Idee des Vorsitzenden Mao Tse-tung, dass man auf lange Zeit hinaus das Hauptaugenmerk darauf richten müsste, ländliche Stützpunktgebiete zu schaffen, von den Dörfern aus die Städte einzukreisen und, auf diese Gebiete gestützt, den Aufschwung der Revolution im ganzen Land zu fördern, als einen „äusserst irrigen“, „für die bäuerliche Mentalität charakteristischen lokal beschränkten und konservativen Standpunkt“; sie war der Ansicht, dass man Vorbereitungen für sofortige Aufstände in allen Teilen des Landes treffen solle. Dieser falschen Linie entsprechend entwarf Kamerad Li Li-san einen abenteuerlichen Plan zur Organisierung sofortiger bewaffneter Aufstände in allen Schlüsselstädten des Landes. Gleichzeitig weigerte er sich, die Ungleichmässigkeit in der Entwicklung der Weltrevolution anzuerkennen, und behauptete, der allgemeine Ausbruch der chinesischen Revolution müsse unweigerlich zu einem allgemeinen Ausbruch der Weltrevolution führen und die chinesische Revolution könne nur unter der Bedingung eines Ausbruchs der Weltrevolution Erfolg haben. Er wollte auch nicht einsehen, dass die bourgeois-demokratische Revolution in China einen langwierigen Charakter trägt, und erklärte, der Sieg der Revolution in einer oder mehreren Provinzen werde der Beginn des Hinüberwachsens in eine sozialistische Revolution sein. In dieser Weise arbeitete er eine ganze Reihe unzeitiger und abenteuerlicher „linker“ Richtlinien aus. Der Vorsitzende Mao Tse-tung kämpfte gegen diese irrige Linie, und auch die breiten Massen der Funktionäre und Mitglieder der Partei verlangten ihre Berichtigung. Auf dem 3. Plenum des 6. Zentralkomitees der Partei im September 1930 gab Kamerad Li Li-san die aufgezeigten Fehler zu und trat dann von seinem leitenden Posten im Zentralkomitee zurück. Da Kamerad Li Li-san im Lauf einer längeren Zeit seine falschen Ansichten korrigieren konnte, wurde er auf dem 7. Parteitag wieder zum Mitglied des Zentralkomitees gewählt.

6Das auf dem 6. Parteitag gewählte Zentralkomitee ergriff auf seinem Plenum, das im September 1930 stattfand, und in dem nachfolgenden Zeitabschnitt eine Reihe positiver Massnahmen, um der Linie Li Li-sans ein Ende zu setzen. Nach dem Plenum jedoch traten einige Leute, die keine Erfahrung im praktischen revolutionären Kampf besassen — mit Tschen Schao-yü (Wang Ming) und Tji Bang-hsiän (Bo Gu) an der Spitze — gegen die Massnahmen des Zentralkomitees auf. In ihrer Broschüre „Zwei Linien“ (oder „Der Kampf um die imeitese Bolschewisierung der Kommunistischen Partei Chinas“) erklärten sie mit besonderem Nachdruck, dass die Hauptgefahr seinerzeit in der Partei nicht der „linke“ Opportunismus, sondern der „Rechtsopportunismus“ war. Um ihre eigene Tätigkeit zu rechtfertigen, „kritisierten“ sie die Linie Li Li-sans als „rechtsorientiert“. Sie legten ein neues politisches Programm vor, das die Linie Li Li-san sowie andere „linke“ Anschauungen und Richtlinien in einer neuen Form fortführte, wiederbelebte oder entwickelte, und setzten es der richtigen Linie des Vorsitzenden Mao Tse-tung entgegen. Der Vorsitzender Mao Tse-tung schrieb das Werk, „Strategische Probleme des revolutionären Krieges in China“ in der Hauptsache deshalb, um die Fehler, die auf militärischem Gebiet durch diese neue „links“ opportunistische Linie verursacht worden waten, einer Kritik zu unterziehen. Diese irrige Linie dominierte in der Partei vom 4. Plenum des 6. Zentralkomitees im Januar 1931 bis zur Tagung des Politbüros des Zentralkomitees, die im Januar 1935 in Dsunyi in der Provinz Kueitschou stattfand. Hier endete die Vorherrschaft dieser irrigen Linie, und es wurde eine neue Führung des Zentralkomitees mit Vorsitzenden Mao Tse-tung an der Spitze eingesetzt. Diese irrige „linke“ Linie herrschte also eine besonders lange Zeit (vier Jahre) in der Partei und brachte der Partei wie der Sache der Revolution ausserordentlich schwere Verluste. Die verhängnisvollen Folgen waren, dass etwa 90% des Bestands der Kommunistischen Partei Chinas, der chinesischen Roten Armee und ihrer Stützpunktgebiete verlorengingen, Dutzende Millionen Menschen in den revolutionären Stützpunktgebieten der grausamen Unterdrückung durch die Kuomintang ausgesetzt und der Vormarsch der chinesischen Revolution verzögert wurden. Die überwältigende Mehrheit der Kameraden, die die Fehler der „linken“ Linie begingen, haben auf Grund persönlicher Erfahrungen im Verlauf von langen Jahren ihre Fehler erkannt und korrigiert und später viel Arbeit zum Nutzen der Partei und des Volkes geleistet. Unter der Führung des Vorsitzenden Mao Tse-tung haben sie sich mit allen anderen Kameraden auf der Basis gemeinsamer politischer Ansichten zusammengeschlossen.

7Siehe Anmerkungen zum Referat „Über die Taktik im Kampf gegen den japanischen Imperialismus“ (vorliegender Band, S. 205 f.).

8Das Offiziersausbildungskorps in Luschan war eine Organisation, die Tschiang Kai-schek im Juli 1933 auf dem Luschan-Berg im Kreis Djiudjiang, Provinz Kiangsi, gründete, um antikommunistische Militärkader auszubilden. Offiziere der Streitkräfte Tschiang Kai-scheks wurden turnusweise dorthin entsandt, um von deutschen, italienischen und amerikanischen militärischen Instrukteuren im Geist des Faschismus militärisch und politisch geschult zu werden.

9Die im fünften „Einkreisungs- und Ausrottungsfeldzug“ angewandten neuen militärischen Prinzipien bestanden hauptsächlich in der „Blockhaus-Taktik“, bei der die Banden Tschiang Kai-scheks nur schrittweise vorrückten und die jeweils eingenommenen Stellungen ausbauten.

10Siehe Lenins Artikel „Kommunismus“ (Werke, Bd. 31). In diesem Artikel kritisierte Lenin den ungarischen Kommunisten Bela Kun und schrieb: „Er umgeht das, worin das innerste Wesen, die lebendige Seele des Marxismus besteht: die konkrete Analyse einer konkreten Situation.“

11Der 1. Parteitag des Hunan-Kiangsi-Grenzgebiets fand am 20. Mai 1928 in Maoping, Kreis Ninggang, statt.

12Siehe Anmerkungen 2 und 3 zu der Schrift „Über die Berichtigung falscher Ansichten in der Partei“ (vorliegender Band, S. 131 f.).

13Die Bezeichnung „Banditentum“ bezieht sich auf Plünderungen, die sich aus dem Fehlen von Disziplin, Organisation und klarer politischer Zielsetzung ergeben.

14Gemeint ist der Lange Marsch der Roten Armee über 25‘000 Li (12‘500 km) aus der Provinz Kiangsi nach dem Norden der Provinz Schensi. Siehe auch Anmerkung 20 zum Referat „Über die Taktik im Kampf gegen den japanischen Imperialismus“ (vorliegender Band, S. 204).

15Gemeint ist die Periode, in der nach der Niederlage des Dezemberaufstands von 1905 die revolutionäre Flut in Russland nach und nach abebbte. Siehe „Geschichte der KPSU(B), Kurzer Lehrgang“, Kapitel 3, Abschnitte E und F.

16Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde im März 1918 zwischen Sowjetrussland und Deutschland geschlossen. Angesichts der offenkundigen Überlegenheit der feindlichen Kräfte mussten sich die Kräfte der Revolution zeitweilig zurückziehen, um den Überfall der deutschen Imperialisten auf die soeben gebildete Sowjetrepublik abzuwenden, die noch keine eigene Armee hatte. Durch den Abschluss dieses Vertrags gewann die Sowjetrepublik Zeit, um die proletarische Staatsmacht zu festigen, die Wirtschaft in Ordnung zu bringen und die Rote Armee aufzubauen. Das Proletariat wurde somit instand gesetzt, die Führung der Bauernschaft zu behaupten und Kräfte zu sammeln, um sodann in den Jahren 1918 bis 1920 die Weissgardisten und die Interventionstruppen Englands, der USA, Frankreichs, Japans, Polens und anderer Staaten zu schlagen.

17Am 30. Oktober 1927 erhoben sich die Bauern von Haifeng und Lufeng (Provinz Kuangtung) unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas zu ihrem dritten Aufstand. Sie nahmen Haifeng und Lufeng samt den umliegenden Gegenden ein, organisierten eine Rote Armee und errichteten die demokratische Macht der Arbeiter und Bauern. Sie unterlagen in der Folge, weil sie den Fehler begingen, den Feind zu unterschätzen.

18Im Herbst 1936 vereinigten sich die 4. und die 2. Frontarmee der Roten Armee und marschierten von Nordost-Sikang nordwärts. Dschang Guo-tao hielt damals hartnäckig an seinem parteifeindlichen Standpunkt fest und befolgte nach wie vor unentwegt seine Rückzugspolitik und sein Liquidatorentum. Im Oktober desselben Jahres, als die 2. und die 4. Frontarmee in der Provinz Kansu eingetroffen waren, befahl er den mehr als 20‘000 Mann zählenden vorausmarschierenden Einheiten der 5. Frontarmee, eine Westkolonne zu bilden, die den Gelben Fluss überschreiten und westwärts in die Provinz Tschinghai vorstossen sollte. Diese Kolonne, die bereits in den Kämpfen vom Dezember 1936 durch verheerende Schläge praktisch eine Niederlage erlitten hatte, wurde dann im März 1937 völlig zerschlagen.

19Siehe den Brief von Marx an Kugelmann über die Pariser Kommune.

20Dieser berühmte chinesische Roman, der im Original „Schui Hu Dscbuan“ („Helden vom Liangschan-Moor“) heisst, handelt von einem Bauernkrieg. Als sein Verfasser gilt Schi Nai-an, der gegen Ende der Yüan-Dynastie und zu Beginn der Ming-Dynastie (im 14. Jahrhundert) lebte. Lin Tschung und Tschai Djin sind Figuren dieses Romans. Hung ist ein Trainer auf dem Landgut Tschai Djins.

21Lu und Tji waren zwei Feudalstaaten während der „Frühlings- und Herbstperiode“ (722-481 v. u. Z.). Tji war ein grosser Staat, im Zentralteil der heutigen Provinz Schantung gelegen, Lu ein kleiner, im Südteil dieser Provinz. Herzog Dschuang regierte Lu von 643 bis 662 v. u. Z.

22Dsuotjiu Ming ist der Verfasser von „Dsuo Dscbuan“, einer klassischen Chronik der Periode der Dschou-Dynastie. Die zitierte Stelle ist dem Abschnitt „Das zehnte Regierungsjahr des Herzogs Dschuang“ (684 v. u. Z.) entnommen.

23Die alte Stadt Tschenggao im Nordwesten des gegenwärtigen Kreises Tschenggao (Provinz Honan) war im Altertum ein Punkt von grosser militärischer Bedeutung. Hier fanden im Jahre 203 v. u. Z. Kämpfe zwischen Liu Bang, dem König von Han, und Hsiang Yü, dem König von Tschu, statt. Zuerst hatte Hsiang Yü die Städte Hsingyang und Tschenggao erobert, und Liu Bangs Truppen wurden fast völlig in die wilde Flucht geschlagen. Dann aber nutzte Liu Bang den günstigen Zeitpunkt aus, da die Tschu-Truppen, die den Si-Fluss überschritten, mitten im Fluss standen, führte gegen sie einen vernichtenden Schlag und eroberte Tschenggao zurück.

24Bei der alten Stadt Kunyang, im heutigen Kreise Yähsiän, Provinz Honan, schlug der Begründer der östlichen Han-Dynastie Liu Hsiu im Jahre 23 u. Z. die Truppen Wang Mangs. Die zahlenmässige Stärke der beiden Seiten in dieser Schlacht war sehr ungleich: Die Streitkräfte Liu Hsius zählten nur 8‘000-9‘000 Mann, während Wang Mang über mehr als 400‘000 Mann verfügte. Liu Hsiu machte sich aber die Sorglosigkeit der Wang Mangs Truppen befehligenden Heerführer, Wang Hsün und Wang Yi, die ihren Gegner unterschätzten, zunutze und zerschlug mit seinen Elitetruppen von nur 30‘000 Mann den Kern der Streitmacht Wang Mangs; sodann ging er unter Ausnutzung seines Erfolgs zum Angriff über und schlug den Rest des feindlichen Heeres in die Flucht.

25Kuandu, im Nordosten des gegenwärtigen Kreises Dschungmou (Provinz Honan) gelegen, war im Jahre 200 v. u. Z. Schauplatz einet Schlacht zwischen den Armeen von Tsao Tsao und Yüan Schao. Letzterer hatte ein Heer von 100‘000 Mann, während ersterer nur über eine zahlenmässig geringe Streitmacht verfügte, deren Proviantvorräte erschöpft waten. Tsao Tsao nutzte aber die mangelnde Wachsamkeit der Truppen Yüan Schaos aus, die ihren Gegner unterschätzten, unternahm mit seinen leicht beweglichen Truppen einen Überraschungsangriff und setzte den Tross der Truppen Yüan Schaos in Brand. Als diese in Panik gerieten, schlugen die Truppen Tsao Tsaos zu und vernichteten die Hauptkräfte Yüan Schaos.

26Der Staat Wu wurde von Sun Tjüan regiert, der Staat We von Tsao Tsao. Tschibi befindet sich am Südufer des Yangtse im Nordosten des heutigen Kreises Djiayü, Provinz Hupeh. Im Jahre 208 u. Z. führte Tsao Tsao ein etwas mehr als 500‘000 Mann zählendes Heer, dessen Stärke er jedoch für 800‘000 Mann ausgab, zum Angriff gegen Sun Tjüan. Letzterer, der sich mit Tsao Tsaos Gegenspieler Liu Be verbündete, bot 30‘000 Mann auf. Er zerschlug die Armee Tsao Tsaos, indem er eine unter dessen Truppen ausgebrochene Epidemie sowie ihre Unfähigkeit, zu Wasser zu kämpfen, ausnutzte und die Kriegsschiffe Tsao Tsaos in Brand steckte.

27Yiling, im Osten des gegenwärtigen Kreises Yitschang, Provinz Hupeh, war der Schauplatz der vernichtenden Niederlage, die im Jahre 222 u. Z. Lu Hsün, ein Heerführer des Staates Wu, dem Herrscher von Schu, Liu Be, bereitete. Liu Bes Truppen hatten zu Beginn des Krieges einen Sieg nach dem anderen errungen und waren 500 bis 600 Li tief in das Gebiet von Wu eingedrungen, bis zur Stadt Yiling. Lu Hsün, der Yiling verteidigte, wich sieben bis acht Monate lang einer Schlacht aus, bis „Liu Be mit seiner Weisheit zu Ende war und seine Truppen äusserst erschöpft und völlig demoralisiert waren“. Dann benutzte Lu Hsün einen günstigen Wind, steckte das Lager Liu Bes in Brand und zerschlug dessen Truppen.

28Im Jahre 383 u. Z. brachte Hsiä Hsüan, ein General der Östlichen Djin-Dynastie, dem Beherrscher des Staates Tjin, Fu Djiän, am Fe-Flusse in der heutigen Provinz Anhui eine schwere Niederlage bei. Fu Djiän standen mehr als 600‘000 Mann Fussvolk, 270‘000 Berittene und eine Leibgarde von über 30‘000 Reitern zur Verfügung, während die Land- und Flussstreitkräfte Hsiä Hsüans zusammen nur 80‘000 Mann zählten. Als die Armeen an beiden Ufern des Fe-Flusses Stellung bezogen hatten, machte sich Hsiä Hsüan die Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit der feindlichen Truppen zunutze und bat Fu Djiän, seine Einheiten etwas zurückzunehmen, so dass die Truppen der Östlichen Djin den Fluss überqueren und die entscheidende Schlacht auf dem jenseitigen Ufer liefern könnten. Fu Djiän stimmte zu, doch als seine Truppen den Rückzug begonnen hatten, waren sie nicht mehr aufzuhalten. Die Truppen der Östlichen Djin nahmen die Gelegenheit wahr, setzten über den Fluss, starteten eine Offensive und zerschlugen die Armee Fu Djiäns.

29Nantschang, die Hauptstadt der Provinz Kiangsi, war der Schauplatz des berühmten Aufstands vom 1. August 1927, der von der Kommunistischen Partei Chinas geleitet wurde und zum Ziel hatte, die von Tschiang Kai-schek und Wang Djing-we entfesselte Konterrevolution zu bekämpfen und die Sache der Revolution von 1923-1927 fortzusetzen. Mehr als 30‘000 bewaffnete Kämpfer nahmen an diesem Aufstand teil, der von Tschou En-lai, Tschu Teh, Ho Lung, Yä Ting und anderen Kameraden geleitet wurde. Die aufständischen Truppen zogen sich am 5. August gemäss dem vorher festgelegten Plan aus Nantschang zurück, erlitten aber eine Schlappe, als sie Tschaodschou und Swatou in der Provinz Kuangtung erreichten. Ein Teil dieser Truppen schlug sich später unter dem Kommando der Kameraden Tschu Teh, Tschen Yi und Lin Biao nach dem Djinggang-Gebirge durch, wo er sich mit der von Kameraden Mao Tse-tung geführten t. Division des 1. Korps der Revolutionären Arbeiter- und Bauernarmee vereinigte.

30Siehe Anmerkung 8 zur Schrift „Warum kann die chinesische rote Macht bestehen?“ (vorliegender Band, S. 77).

31Der berühmte Herbsternte-Aufstand wurde unter Führung des Vorsitzenden Mao Tse-tung im September 1927 von den bewaffneten Volkskräften der Kreise Hsiuschui, Pinghsiang, Pingdjiang und Liuyang im Hunan-Kiangsi-Grenzgebiet unternommen, die dann die 1. Division des 1. Korps der Revolutionären Arbeiter- und Bauernarmee bildeten. Der Vorsitzende Mao Tse-tung führte sie in das Djinggang-Gebirge an der Grenze zwischen den Provinzen Hunan und Kiangsi, wo ein revolutionäres Stützpunktgebiet errichtet wurde.

32Der A-B-Bund (nach den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnung „Anti-Bolshevik“ so genannt) war eine konterrevolutionäre Organisation von Geheimagenten der Kuomintang, die damals illegal in den roten Gebieten tätig war.

33Vgl. Lenin, „Zur Geschichte der Frage eines unglückseligen Friedens, Thesen über den sofortigen Abschluss eines annexionistischen Separatfriedens“ (Werke Bd. 26); „Seltsames und Ungeheuerliches“ (Werke. Bd. 27). Eine ernste Lehre und eine ernste Verantwortung” (Werke, Bd. 27) “Referat über Krieg und Frieden” auf dem VII. Parteitag der KPR(B) (Werke, Bd. 27) sowie „Geschichte der KPSU (B), Kurzer Lehrgang“, Kapitel 7, Abschnitt G.

34Es handelt sich um die Tibeter, die in Sikang leben, sowie um die Angehörigen der Hui-Nationalität, die in den Provinzen Kansu, Tschinghai und Sinkiang beheimatet sind.

35Der „achtgliedrige Aufsatz“ (“Bagu”) war eine besondere Aufsatzform, die im feudalen China vom 15. bis zum 19. Jahrhundert für die kaiserlichen Examen vorgeschrieben wurde. Ein jeder solcher Aufsatz musste aus folgenden Abschnitten bestehen: „Einleitung des Themas“, „Exposition des Themas“, „Hauptthesen des Aufsatzes“, „Übergang zur Darlegung“, „Anfang der Darlegung“, „Mittelteil der Darlegung“, „Weiterführung der Darlegung“ und „Abschluss der Darlegung“. Die „Einleitung des Themas“ enthielt zwei Sätze, die den Hauptinhalt des Themas andeuteten. Die „Exposition des Themas“ wurde in drei bis vier Sätzen ausgeführt, die die „Einleitung des Themas“ fortführten und dessen Sinn erläuterten. In dem Abschnitt „Hauptthesen des Aufsatzes“ wurde in allgemeinen Zügen der Inhalt der Arbeit bekanntgegeben, was praktisch den Beginn der Darlegung bedeutete. Der Abschnitt „Übergang zur Darlegung“ diente als Einführung in die Darlegung. Erst die vier letzten Abschnitte bildeten die eigentliche Darlegung, wobei der „Mittelteil der Darlegung“ die Grundlage des ganzen Aufsatzes darstellte, und bestanden aus je einer These und einer Antithese, was insgesamt acht Glieder ergab. Deshalb wurde der ganze Aufsatz als „achtgliedrig“ oder „achtthesig“ bezeichnet. Kamerad Mao Tse-tung nimmt hier auf die abschnittsweise folgerichtige Entwicklung des Themas in dieser Aufsatzform Bezug, um die Entwicklung der Revolution in ihren aufeinanderfolgenden Etappen anschaulich zu machen. Gewöhnlich verwendet jedoch der Vorsitzende Mao Tse-tung den Ausdruck „Bagu“ als eine Metapher, um den Dogmatismus zu ironisieren.

iIm November 1933 erklärten die Führer der 19. Route-Armee der Kuomintang unter dem Einfluss der in ganz China stürmisch entfalteten antijapanischen Volksbewegung und im Bunde mit den von Li Dji-schen u. a. geführten Kräften der Kuomintang öffentlich, dass sie mit Tschiang Kai-schek gebrochen hätten. Sie errichteten in der Provinz Fukien die „Revolutionäre Volksregierung der Chinesischen Republik“ und trafen mit der Roten Armee eine Vereinbarung über den gemeinsamen Widerstand gegen die japanischen Aggressoren und über den Kampf gegen Tschiang Kai-schek. Dies bezeichnete man als Fukien-Ereignisse. In der Folge erlitten jedoch die 19. Route-Armee und die Volksregierung von Fukien unter den Schlägen der Truppen Tschiang Kai-scheks eine Niederlage.

iiDer Drachenkönig ist in der chinesischen Mythologie der Beherrscher der Meere und Besitzer zahlloser Schätze und Kostbarkeiten.