Mao Tse-tung: “Über die Produktionstätigkeit der Armee für ihre Selbstversorgung und über die Bedeutung, der grossen Ausrichtungs- und Produktionsbewegungen”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

ÜBER DIE PRODUKTIONSTÄTIGKEIT DER ARMEE FÜR IHRE SELBSTVERSORGUNG UND ÜBER DIE BEDEUTUNG, DER GROSSEN AUSRICHTUNGS- UND PRODUKTIONSBEWEGUNGEN

Mao Tse-tung
27.04.1945

Ausgewählte Werke
Band 3
Reproduziert von
Die Rote Fahne

ÜBER DIE PRODUKTIONSTÄTIGKEIT DER ARMEE FÜR IHRE SELBSTVERSORGUNG UND ÜBER DIE BEDEUTUNG, DER GROSSEN AUSRICHTUNGS- UND PRODUKTIONSBEWEGUNGEN

Ein von Vorsitzenden Mao Tse-tung für die Yenaner Tageszeitung „Djiäfang Jibao“ verfasster Leitartikel.

Unter den gegenwärtigen Umständen, da unsere Armee unter grössten materiellen Schwierigkeiten leidet und aufgelockerte Kampfoperationen durchführt, darf man keineswegs die ganze Verantwortung für die materielle Versorgung der Armee den leitenden Organen aufbürden; denn auf diese Weise würden der breiten Masse auf den unteren Ebenen die Hände gebunden und könnten die von unten kommenden Forderungen nicht befriedigt werden. Wir müssen sagen: „Kameraden, lasst uns alle die Ärmel aufkrempeln und die Schwierigkeiten überwinden!“ Soweit die oberen Ebenen es verstehen, die Aufgaben zu stellen, und den unteren Ebenen freie Hand lassen, damit sie sich auf die eigenen Kräfte stützen, wird die Frage gelöst sein, und zwar in einer recht zufriedenstellenden Weise. Wenn aber die oberen Ebenen das nicht tun, sondern sich stets die ganze Last, die faktisch über ihre Kräfte geht, aufbürden, wenn sie es nicht wagen, den unteren Ebenen kühn Handlungsfreiheit einzuräumen, wenn sie die Aktivität der breiten Massen zur Überwindung der Schwierigkeiten aus eigener Kraft nicht entfalten, dann werden trotz noch so grosser Anstrengungen der oberen Ebenen sowohl diese als auch die unteren Ebenen in eine schwierige Lage geraten, und das Problem wird unter den gegenwärtigen Bedingungen niemals gelöst werden können. Das ist durch die Erfahrungen der letzten Jahre vollauf bestätigt worden.

Das Prinzip der „einheitlichen Leitung und dezentralisierten Wirtschaftsführung“ ist, wie bereits bewiesen, unter den gegenwärtigen Bedingungen das richtige Prinzip für die Organisierung des gesamten wirtschaftlichen Lebens in unseren befreiten Gebieten.

Die Armee der befreiten Gebiete zählt bereits über 900‘000 Mann; um die japanischen Eindringlinge zu zerschlagen, ist es notwendig, die Armee zu vervielfachen. Aber wir erhalten noch keine Hilfe von aussen. Selbst wenn uns in Zukunft eine solche Hilfe zuteil wird, müssen wir uns dennoch selbst die Mittel zum Leben bereitstellen, und in dieser Hinsicht ist nicht das Geringste von Subjektivismus zulässig. In naher Zukunft werden wir die erforderlichen Armee-Einheiten aus Gebieten, wo sie derzeit aufgelockert operieren, zurückziehen und zum Angriff auf bestimmte Objekte konzentrieren müssen. Solche grossen Verbände für massive Aktionen werden nicht nur ausserstande sein, sich durch eigene Produktionstätigkeit selbst zu versorgen, sondern in grossem Umfang einer materiellen Versorgung aus dem Hinterland bedürfen; nur die in diesen Gebieten zurückgelassenen örtlichen Truppen und regionalen Verbände (deren Stärke nach wie vor gross sein wird) können dann weiterhin sowohl kämpfen als auch in der Produktion tätig sein. Aus diesem Grund müssen alle unsere Truppen ausnahmslos die gegenwärtige Gelegenheit benutzen, um zu lernen, ohne Beeinträchtigung der Kampfhandlungen und der Kampfausbildung mit den Aufgaben der teilweisen Selbstversorgung durch die eigene Produktionstätigkeit fertig zu werden. Kann man denn daran noch zweifeln?

Unter unseren Bedingungen ist die Produktion der Armee für ihre Selbstversorgung eine Massnahme, die der Form nach rückständig und rückschrittlich, dem Wesen nach aber fortschrittlich und von grosser historischer Bedeutung ist. Formal verstossen wir gegen das Prinzip der Arbeitsteilung. Doch unter unseren Bedingungen — Armut und Zersplitterung des Landes (das Ergebnis der verbrecherischen Tätigkeit der herrschenden Hauptclique der Kuomintang) sowie der in voneinander isolierten Gebieten geführte langdauernde Guerillakrieg des Volkes — ist eine solche Handlungsweise fortschrittlich. Man sehe, wie bleich und mager die Soldaten der Kuomintang-Armee aussehen und wie stark und kräftig unsere Soldaten der befreiten Gebiete sind. Man sehe, wie schwer wir es hatten, bevor wir die Produktion zur Selbstversorgung begannen, und wie leicht wir es haben, seit wir uns durch unsere eigene Produktionstätigkeit versorgen. Nehmen wir zwei Abteilungen, beispielsweise zwei Kompanien, von denen sich jede für eine der zwei Versorgungsmethoden entscheiden möge: die eine wird voll und ganz von den oberen Ebenen mit Mitteln für den Lebensunterhalt versorgt, die andere dagegen wird entweder überhaupt keine oder nur einen Teil der Versorgung von den oberen Ebenen erhalten, aber dafür die eigenen Bedürfnisse voll oder zu einem grösseren Teil oder zur Hälfte oder zu einem kleineren Teil durch ihre eigene Produktionstätigkeit befriedigen. In welchem Fall werden die Ergebnisse besser sein? Welcher Methode ist der Vorzug zu geben? Wenn die Methode der Selbstversorgung durch die eigene Produktionstätigkeit versuchsweise ein Jahr lang ernsthaft angewandt worden ist, dann wird man zweifellos einsehen, dass die zweite Methode bessere Ergebnisse zeitigt, und ihr den Vorzug geben; man wird zweifellos anerkennen, dass die erste Methode schlechtere Resultate ergibt, und sie nicht akzeptieren. Die Ursache liegt darin, dass die zweite Methode es ermöglicht, die Lebensbedingungen aller Angehörigen unserer Truppen zu verbessern; bei der ersten Methode dagegen ist es unter den Bedingungen der gegenwärtigen materiellen Schwierigkeiten unmöglich, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, so sehr sich auch die oberen Ebenen um ihre Versorgung bemühen werden. Durch Anwendung einer solchen, scheinbar „rückständigen“ oder „rückschrittlichen“ Methode sind unsere Truppen imstande, Schwierigkeiten bei der Lebensmittelversorgung zu überwinden und ihre Lebensbedingungen zu verbessern, so dass jeder Soldat stark und kräftig wird; auf diese Weise können sie die Steuerlast der Bevölkerung, welche ebenfalls Schwierigkeiten durchmacht, erleichtern und damit ihre Unterstützung gewinnen, können sie den langdauernden Krieg durchhalten und die Reihen der Armee erweitern und somit die befreiten Gebiete vergrössern, die vom Feind besetzten Gebiete verkleinern und die endgültige Vernichtung der Aggressoren sowie die Befreiung ganz Chinas erreichen. Ist das etwa nicht von grosser historischer Bedeutung?

Der Umstand, dass die Armee für den eigenen Bedarf produziert, hat nicht nur die Lebenshaltung der Truppen verbessert, die vom Volk zu tragenden Lasten erleichtert und daher eine Erweiterung der Reihen der Armee ermöglicht, sondern auch sofort eine Reihe anderer unmittelbarer Vorteile mit sich gebracht. Diese Vorteile sind:

1. Bessere Beziehungen zwischen Offizieren und Soldaten. Die einen wie die anderen arbeiten in der Produktion zusammen und stellen ein brüderliches Verhältnis untereinander her.

2. Eine bessere Einstellung zur körperlichen Arbeit. Bei uns wird jetzt weder das alte Söldnersystem noch die allgemeine Wehrpflicht, sondern ein drittes System eingeführt: das System der Mobilisierung von Freiwilligen. Dieses System ist besser als das Söldnersystem, denn es wird nicht so viele Faulenzer hervorbringen, aber es ist dennoch schlechter als die allgemeine Wehrpflicht. Unsere gegenwärtigen Bedingungen gestatten uns nur, das System der Mobilisierung von Freiwilligen anzuwenden, und wir sind noch nicht imstande, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen. Die auf freiwilliger Basis mobilisierten Soldaten müssen lange Zeit in der Armee leben, und dieser Umstand könnte ihre positive Einstellung zur körperlichen Arbeit schwächen, so dass Faulenzer aufkommen und manche Leute gewisse üble Gewohnheiten, wie sie unter den Truppen der Militärmachthaber anzutreffen sind, annehmen würden. Seit die Armee für ihren Eigenbedarf produziert, hat sich die Einstellung zur körperlichen Arbeit gebessert, sind die üblen Gewohnheiten der Faulenzerei beseitigt worden.

3. Eine straffere Disziplin. Weit davon entfernt, die Disziplin im Gefecht und im täglichen Leben der Armee zu schwächen, hat die Arbeitsdisziplin bei der Produktion sie umgekehrt gestärkt.

4. Bessere Beziehungen zwischen Armee und Volk. Da nun die Armee selbst einen „Haushalt“ führt, kommt es selten oder überhaupt nicht mehr zu Eingriffen in das Vermögen der Bevölkerung. Da die Armee und die Bevölkerung einander in der Produktion mit Arbeitskräften aushelfen und Beistand leisten, haben sich die freundschaftlichen Bande zwischen ihnen noch mehr verstärkt.

5. Weniger Murren in der Armee über die Regierung, bessere Beziehungen zwischen Armee und Regierung.

6. Ein Ansporn für die grosse Produktionsbewegung der Bevölkerung. Da sich die Armee mit Produktion befasst, wird die Notwendigkeit noch offenkundiger, dass die Regierungsinstitutionen das gleiche tun, und sie tun dies auch mit grösserem Eifer; auch wird natürlich die Notwendigkeit der allgemeinen Bewegung des ganzen Volkes zur Steigerung der Produktion offenkundiger, und sie geht gleichfalls energischer vonstatten.

Die Ausrichtungs- und die Produktionsbewegung, die im Jahre 1942 beziehungsweise im Jahre 1943 begonnen haben und einen allgemeinen Charakter tragen, spielten und spielen auch jetzt in unserem geistigen und materiellen Leben eine entscheidende Rolle. Wenn wir diese beiden Kettenglieder nicht im richtigen Augenblick packen, werden wir ausserstande sein, die ganze Kette der Revolution fest in der Hand zu halten, und unser Kampf wird sich nicht Vorwärtsentwickeln können.

Allen ist bekannt, dass von den Mitgliedern unserer Partei, die ihr vor 1937 beitraten, nicht mehr als einige Zehntausende übriggeblieben sind, heute aber mehr als 1‘200‘000 Parteimitglieder gezählt werden, von denen die Mehrheit aus der Bauernschaft und aus anderen Schichten der Kleinbourgeoisies stammt. Diese Kameraden zeigen eine bewundernswerte revolutionäre Aktivität und sind bereit, eine marxistische Schulung zu erhalten; sie sind jedoch mit ihrer früheren Ideologie, die sich mit dem Marxismus nicht oder nicht ganz in Einklang bringen lässt, in die Partei eingetreten. Das gleiche gilt auch für manche Parteimitglieder, die vor 1937 in die Partei eingetreten sind. Das ist ein überaus ernster Widerspruch, eine gewaltige Schwierigkeit. Können wir angesichts einer solchen Lage erfolgreich voranschreiten, wenn wir nicht eine allgemeine Bewegung für marxistische Erziehung, das heisst die Ausrichtungsbewegung entfalten? Offensichtlich nicht. Aber da wir unter den zahlreichen Kadern diesen Widerspruch — den Widerspruch zwischen der proletarischen und der nichtproletarischen Ideologie innerhalb der Partei (einschliesslich einer kleinbourgeoisen, bourgeoisen und sogar grundherrlichen, aber in der Hauptsache kleinbourgeoisen Ideologie), das heisst den Widerspruch zwischen der marxistischen und der nichtmarxistischen Ideologie — gelöst haben oder dabei sind, ihn zu lösen, kann unsere Partei eine beispiellose (aber nicht vollständige) ideologische, politische und organisatorische Einheit erreichen und mit grossen, aber zugleich festen Schritten vorankommen. Nunmehr kann und muss unsere Partei noch mehr wachsen, und wir werden, geleitet von den Prinzipien der marxistischen Ideologie, ihr künftiges Wachstum noch besser lenken können.

Das andere Kettenglied ist die Produktionsbewegung. Der Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression dauert bereits acht Jahre; zu Beginn des Krieges hatten wir noch Nahrung und Kleidung. Dann wurde es für uns immer schwerer, bis wir in gewaltige Schwierigkeiten gerieten: es mangelte an Getreide, es mangelte an Speiseöl und Salz, es mangelte an Bekleidung, es mangelte an Geld. Diese gewaltigen Schwierigkeiten, diese gewaltigen Widersprüche entstanden in den Jahren 1940 bis 1943, als die Grossoffensive des Feindes entfaltet wurde und die Kuomintang-Regierung drei grossangelegte Angriffe gegen das Volk (die sogenannten antikommunistischen Kampagnen) startete. Wäre in unserem Kampf gegen Japan ein Voranschreiten möglich gewesen, wenn wir diese Schwierigkeiten nicht überwunden, diese Widersprüche nicht gelöst, dieses Kettenglied nicht gepackt hätten? Offensichtlich nicht. Aber wir haben gelernt, die Produktion zu entwickeln, und lernen es auch jetzt. So haben wir wieder Kräfte gesammelt, sind wieder voller Leben. In einigen Jahren werden wir keinen Feind zu fürchten brauchen, werden wir imstande sein, alle Feinde zu überwältigen.

Daher ist es völlig klar, welch grosse historische Bedeutung die beiden Bewegungen — die Ausrichtungs- und die Produktionsbewegung — haben.

Entfalten wir also diese beiden Bewegungen noch mehr, noch breiter als Grundlage für die Erfüllung aller übrigen Kampfaufgaben. Wenn wir dazu imstande sind, wird die völlige Befreiung des chinesischen Volkes gewährleistet sein.

Jetzt ist die Zeit der Frühjahrsbestellung. Wir hoffen, dass die leitenden Kameraden, die Funktionäre und die Volksmassen in allen befreiten Gebieten, ohne den günstigen Augenblick zu verpassen, das Kettenglied der Produktion erfassen und noch grössere Erfolge als im Vorjahr erzielen werden. Besonders in jenen Gebieten, wo man noch nicht gelernt hat, die Produktion zu entwickeln, muss man sich in diesem Jahr grössere Mühe geben.