W. I. Lenin: “Die Lehren der Kommune”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

DIE LEHREN DER KOMMUNE

W. I. Lenin
18.03.1908

Werke
Band 13
Reproduziert von
„Die Rote Fahne“

DIE LEHREN DER KOMMUNE

Der Artikel „Die Lehren der Kommune“, die Niederschrift eines Vortrags von Lenin, wurde in Nr. 2 der „Auslandszeitung“ vom 23. März 1908 veröffentlicht. Die Redaktion der Zeitung schickte dem Artikel folgende Erklärung voraus: „Am 18. März fand in Genf eine internationale Kundgebung anlässlich dreier proletarischer Gedenktage statt: der 25. Wiederkehr des Todestages von Karl Marx, des 60. Jahrestages der Märzrevolution von 1848 und des Jahrestages der Pariser Kommune. Auf der Kundgebung sprach in Namen der SDAPR Kamerad Lenin über die Bedeutung der Kommune.“

Nachdem der Staatsstreich die Revolution von 1848 abgechlossen hatte, war Frankreich auf 18 Jahre unter das Joch des napoleonischen Regimes geraten. Dieses Regime hatte dem Land nicht nur den wirtschaftlichen Ruin, sondern auch die nationale Erniedrigung gebracht. Das Proletariat, das sich gegen das alte Regime erhob, übernahm zwei Aufgaben — eine gesamtnationale und eine Klassenaufgave: die Befreiung Frankreichs von der Invasion Deutschlands und die sozialistische Befreiung der Arbeiter vom Kapitalismus. Diese Verknüpfung der beiden Aufgaben ist ein höchst charakteristisches Merkmal der Kommune.

Die Bourgeoisie bildete damals eine „Regierung der nationalen Verteidigung“, und das Proletariat sollte unter der Leitung dieser Regierung für die Unabhängigkeit der ganzen Nation kämpfen. In Wirklichkeit war das eine Regierung des „nationalen Verrats“, die ihre Aufgabe im Kampf gegen das Pariser Proletariat sah. Das Proletariat jedoch, von patriotischen Illusionen geblendet, bemerkte das nicht. Der patriotische Gedanke reichte noch in die Zeit der Grossen Revolution des 18. Jahrhunderts zurück, er beherrschte die Köpfe der Sozialisten der Kommune, und Blanqui zum Beispiel, zweifellos ein Revolutionär und feuriger Anhänger des Sozialismus, fand für eine Zeitung einen passenderen Namen als den bürgerlichen Alarmruf: „Das Vaterland ist in Gefahr!“.

In der Vereinigung sich widersprechender Aufgaben — des Patriotismus und des Sozialismus — lag der verhängnisvolle Fehler der französischen Sozialisten. Bereits im Manifest der Internationale, im September 1870, warnte Marx das französische Proletariat davor, sich von der trügerischen nationalen Idee hinreissen zu lassen:1 Seit der Grossen Revolution haben sich tiefe Wandlungen vollzogen, die Klassengegensätze haben sich verschärft, und wenn damals der Kampf gegen die Reaktion ganz Europas die gesamte revolutionäre Nation zusammengeschweisst hat, so darf das Proletariat nunmehr seine Interessen schon nicht mehr mit den Interessen schon nicht mehr mit den Interessen anderer, ihm feindlicher Klassen verbinden; möge die Bourgeoisie die Verantwortung für die nationale Erniedrigung tragen — Sache des Proletariats ist es, für die sozialistische Befreiung der Arbeit vom Joch der Bourgeoisie zu kämpfen.

Und in der Tat: Das wahre Wesen des bürgerlichen „Patriotismus“ trat gar bald zutage. Nach dem Abschluss des schmachvollen Friedens mit den Preussen wandte sich die Versailler Regierung ihrer unmittelbaren Aufgabe zu — und unternahm einen Vorstoss gegen die von ihr so gefürchtete Bewaffnung des Pariser Proletariats. Die Arbeiter antworteten mit der Ausrufung der Kommune und dem Bürgerkrieg.

Obwohl das sozialistische Proletariat in viele Sekten gespalten war, gab die Kommune ein glänzendes Beispiel dafür, wie es das Proletariat versteht, einmütig die demokratischen Aufgaben zu lösen, die die Bourgeoisie nur zu proklamieren fähig war. Ohne jede besondere komplizierte Gesetzgebung, einfach und sachlich, führte das Proletariat, nachdem es die Macht ergriffen hatte, die Demokratisierung der Gesellschaftsordnung durch; es beseitigte die Bürokratie und führte die Wählbarkeit der Beamten durch das Volk ein.

Zwei Fehler machten jedoch die Früchte des glänzenden Sieges zunichte. Das Proletariat blieb auf halbem Wege stehen: statt zur „Expropriation der Expropriateure“ zu schreiten, gab es sich Träumen darüber hin, dass in dem durch die gesamtnationale Aufgabe geeinigten Lande die höchste Gerechtigkeit Wirklichkeit werde. Solche Einrichtungen wie zum Beispiel die Bank wurden nicht in Besitz genommen, unter den Sozialisten herrschten noch die proudhonistischen Theorien des „gerechten Tausches“ usw. Der zweite Fehler war die übermässige Grossmut des Proletariats: Es hätte seine Feinde vernichten müssen, statt dessen aber bemühte es sich, sie moralisch zu beeinflussen; es unterschätzte die Bedeutung rein militärischer Aktionen im Bürgerkrieg; un statt seinen Pariser Sieg durch einen entschlossenen Angriff auf Versailles zu krönen, zögerte es und gab der Versailler Regierung Zeit, die Kräfte der Finsternis zu sammeln und zur blutigen Maiwoche zu rüsten.

Doch trotz alle ihrer Fehler bietet die Kommune das grossartigste Beispiel der grössten proletatischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Marx schätzte die historische Bedeutung der Kommune hoch ein — hätten die Arbeiter während des verrätischen Vorstosses der Versailler Bande gegen die Bewaffnung des Pariser Proletariats sich kampflos die Waffen wegnehmen lassen, so wäre die verhängnisvolle Wirkung der durch eine derartige Schwäche in die proletarische Bewegung hineingetragenen Demoralisation undendlich viel grösser gewesen als der Schaden infolge der Verluste, die die Arbeiterklasse im Kampfe für die Verteidigung ihrer Waffen erlitten hat.2 Wie gross die Opfer der Kommune auch waren, sie werden durch ihre Bedeutung für den Kampf des gesamten Proletariats aufgewogen: die Kommune hat die sozialistische Bewegung in Europa in Fluss gebracht, sie hat die Kraft des Bürgerkriegs gezeigt, sie hart die patriotischen Illusionen zerstreut und den naiven Glauben an die gesamtnationalen Bestrebungen der Bourgeoisie zerstört. Die Kommune hat das europäische Proletariat gelehrt, die Aufgaben der sozialistischen Revolution konkret zu stellen.

Die Lehren, die das Proletariat gewonnen hat, werden nicht in Vergessenheit geraten. Die Arbeiterklasse wird von ihnen Gebrauch machen, wie sie das bereits in Russland im Dezemberaufstand getan hat.

Die Epoche, die der russischen Revolution vorausging und sie vorbereitete, weist eine gewisse Ähnlichkeit mit der Epoche nes napoleonischen Jochs in Frankreich auf. Auch in Russland brachte die absolutistische Clique dem Land die Schrecken des wirtschaftlichen Ruins und die nationale Erniedrigung. Doch lange Zeit hindurch, solange die soziale Entwicklung nicht die Voraussetzungen für eine Massenbewegung geschaffen hatte, konnte die Revolution nicht zum Ausbruch kommen, und trotz all ihres Heldenmuts zerschellten in der vorrevolutionären Periode die isolierten Angriffe gegen die Regierung an der Gleichgültigkeit der Volksmassen. Erst die Sozialdemokratie hat durch zähe und planmässige Arbeit die Massen zu den höchsten Kampfformen erzogen — zu Massenaktionen und zum gewaffneten Bürgerkrieg.

Die Sozialdemokratie hat es verstanden, in dem jungen Proletariat die „gesamtnationalen“ und „patriotischen“ Verirrungen auszumerzen, und nachdem es dank ihrer unmittelbaren Einmischung gelungen war, dem Zaren das Manifest vom 17. Oktober abzutrotzen, machte sich das Proletariat daran, die weitere unausbleibliche Etappe der Revolution — den bewaffneten Aufstand — tatkräftig vorzubereiten. Frei von „gesamtnationalen“ Illusionen, konzentrierte es seine Klassenkräfte in seinen Massenorganisationen, den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten usw. Und ungeachtet des grossen Unterschieds der Ziele und Aufgaben, vor denen die russische Revolution, gemessen an der französischen von 1871, steht, musste das russische Proletariat zur derselben Kampfmethode greifen, zu der die Pariser Kommune den Grund gelegt hatte — zum Bürgerkrieg. Eingedenk uhrer Lehren wusste es, dass das Proletariat friedliche Kampfmittel nicht verschmähen darf — sie dienen seinen Tagesinteressen, den Interessen des Alltags, sie sind in den Zeiten der Vorbereitung der Revolution notwendig — jedoch darf das Proletariat auch niemals vergessen, dass der Klassenkampf unter bestimmten Bedingungen die Form des bewaffneten Kampfes und des Bürgerkriegs annimmt. Es gibt Augenblicke, wo die Interessen des Proletariats eine rücksichtslose Vernichtung der Feinde in offener Schlacht erfordern. Das hat das französische Proletariat in der Kommune zum erstenmal gezeigt, und das russische Proletariat hat es im Dezemberaufstand glänzend bestätigt.

Sind diese beiden gewaltigen Aufstände der Arbeiterklasse auch niedergeschlagen worden — ein neuer Aufstand wird kommen, dem gegenüber sich die Kräfte der Feinde des Proletariats als zu schwach erweisen werden und in dem das sozialistische Proletariat den vollen Sieg davontragen wird.

1Siehe Karl Marx: „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, 1871.

2Eine Einschätzung der historischen Rolle der Kommune als „Bahnbrecherin einer neuen Gesellschaft“ findet sich in der Schrift von Karl Marx: „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ und in den Briefen an Kugelmann vom 12. und 17. April 1871.