Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas: “Rundschreiben über die Friedensverhandlungen mit der Kuomintang”

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Es gibt ein Ziel, die Eroberung der Macht!

RUNDSCHREIBEN ÜBER DIE FRIEDENSVERHANDLUNGEN MIT DER KUOMINTANG

Zentralkomitee
Kommunistische Partei Chinas
26.08.1945

Ausgewählte Werke
Band 4
Reproduziert von
Die Rote Fahne

RUNDSCHREIBEN ÜBER DIE FRIEDENSVERHANDLUNGEN MIT DER KUOMINTANG

Ein parteiinternes Rundschreiben des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, das Vorsitzender Mao Tse-tung zwei Tage vor seiner Abreise nach Tschungking zu Friedensverhandlungen mit Tschiang Kai-schek entwarf. Da sich die Kommunistische Partei Chinas und die breiten Massen des chinesischen Volkes entschlossen gegen die Bürgerkriegsränke Tschiang Kai-scheks wandten und da der USA-Imperialismus damals noch Bedenken vor dem einmütigen Auftreten der demokratischen öffentlichen Meinung der Welt gegen Tschiang Kai-scheks Politik des Bürgerkriegs und der Diktatur hatte, sandte Tschiang Kai-schek drei Telegramme an Genossen Mao Tse-tung – am 14., 20. und 23. August 1945 — worin er ihn zu Friedensverhandlungen nach Tschungking einlud; der damalige Botschafter der USA in China, Patrick J. Hurley, reiste deshalb am 27. August nach Yenan. Um möglichst den Frieden zu erkämpfen und im Verlauf dieses Kampfes das wahre Gesicht des USA-Imperialismus und Tschiang Kai-scheks aufzudecken — was zum Zusammenschluss mit den breiten Volksmassen und zu ihrer Erziehung beitragen sollte — beschloss die Kommunistische Partei Chinas, der Vorsitzender Mao Tse-tung und die Kameraden Tschou En-lai und Wang Juo-fe nach Tschungking zu Friedensverhandlungen mit der Kuomintang zu entsenden. Vorsitzender Mao Tse-tung analysierte in diesem von ihm entworfenen Rundschreiben die Entwicklung der Lage in China in den zwei Wochen nach Japans Kapitulationserklärung, legte die Richtlinien des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas für die Friedensverhandlungen dar und erläuterte gewisse Konzessionen, die die Partei in den Verhandlungen zu machen bereit war, sowie Massnahmen für zweierlei mögliche Ergebnisse der Verhandlungen, er gab prinzipielle Weisungen für den Kampf in den befreiten Gebieten Nord- und Ostchinas bzw. Zentral- und Südchinas und forderte die gesamte Partei auf, keineswegs wegen der Verhandlungen in der Wachsamkeit und im Kampf gegen Tschiang Kai-schek nachzulassen. Vorsitzender Mao Tse-tung und die anderen genannten Genossen trafen am 28. August in Tschungking ein, wo sie 43 Tage lang mit der Kuomintang verhandelten. Obwohl als Ergebnis dieser Verhandlungen nur eine „Übersicht über die Besprechungen zwischen den Vertretern der Kuomintang und der Kommunistischen Partei“ (als das „Übereinkommen vom 10. Oktober“ bekannt) veröffentlicht wurde, gelang es hierdurch der Kommunistischen Partei Chinas, politisch weitestgehend die Initiative zu erringen, während die Kuomintang in eine passive Stellung versetzt wurde. Deshalb waren die Verhandlungen erfolgreich. Am 11. Oktober kehrte Vorsitzender Mao Tse-tung nach Yenan zurück. Die beiden Genossen Tschou En-lai und Wang Juo-fe verhandelten in Tschungking weiter. Über die Ergebnisse dieser Verhandlungen siehe die Arbeit „Über die Verhandlungen in Tschungking“, vorliegender Band, S. 51 ff.

Die rasche Kapitulation der japanischen Eindringlinge hat die ganze Lage verändert. Tschiang Kai-schek nimmt für sich allein das Recht in Anspruch, die Kapitulation entgegenzunehmen; die Grossstädte und Hauptverkehrswege werden uns eine Zeitlang (während einer Etappe) nicht gehören können. Aber in Nordchina müssen wir weiter hart kämpfen und alle unsere Kräfte einsetzen, um alles, was erkämpft werden kann, zu erkämpfen. In den beiden letzten Wochen hat unsere Armee 59 grössere und kleinere Städte und weite ländliche Gebiete zurückerobert, was zusammen mit den Städten, die bereits in unseren Händen sind, 175 Städte ergibt; es wurde also ein grosser Sieg errungen. In Nordchina haben wir Wehaiwe, Yäntai, Lungkou, Yidu, Dsitschuan, Yangliutjing, Bikötji, Bo-ai, Dschangdjiakou, Djining, Fengdschen und andere Orte zurückerobert. Die Macht unserer Armee hat Nordchina erschüttert, und das schafft, in Verbindung mit dem mächtigen Einfluss, den das Vordringen der sowjetischen und mongolischen Armeen bis zur Grossen Mauer ausübt, eine günstige Lage für unsere Partei. In der kommenden Periode sollte die Offensive weiter fortgesetzt werden, um nach Möglichkeit die Eisenbahnlinie Peiping-Suiyüan, den nördlichen Teil der Eisenbahnlinie Datung-Pudschou, die Eisenbahnlinien Dschengding-Taiyüan, Dödschou-Schidjiadschuang, Baigui-Djintscheng und Daokou-Tjinghua zu erobern sowie die Eisenbahnlinien Peiping-Liaoning, Peiping-Hankou, Tientsin-Pukou, Tsingtao-Tsinan, die Lunghai-Eisenbahnlinie und die Eisenbahnlinie Schanghai-Nanking abzuschneiden; wir sollten jede Eisenbahnlinie, die sich kontrollieren lässt, unter unsere Kontrolle bringen, selbst wenn es nur vorübergehend ist. Zugleich müssen wir die nötigen Kräfte einsetzen, um so viele Dörfer, Bezirke und Kreisstädte sowie kleine Marktflecken wie nur möglich zu besetzen. So hat z. B. die Neue Vierte Armee viele Kreisstädte zwischen Nanking, dem Tai-See und dem Tiänmu-Gebirge sowie zwischen dem Yangtse und dem Huai-Fluss eingenommen; in Schantung haben unsere Streitkräfte die ganze Djiaodunb Halbinsel, in Schansi und Suiyüan eine Reihe von Städten südlich und nördlich der Eisenbahnlinie Peiping-Suiyüan besetzt. Damit entstand eine äusserst günstige Lage.

Bei weiterem Fortgang der Offensive wird unsere Partei den weitaus grössten Teil der Gebiete nördlich des unteren Yangtse und des Huai-Flusses sowie der Provinzen Schantung, Hopeh, Schansi und Suiyüan ebenso wie die beiden Provinzen Jehol und Tschahar und einen Teil von Liaoning unter ihre Kontrolle stellen können.

Die Sowjetunion, die USA und Grossbritannien sind jetzt nicht für einen Bürgerkrieg in China,1 ausserdem gab unsere Partei die drei Hauptlosungen — Frieden, Demokratie und Zusammenschluss — heraus2 und schickt die Kameraden Mao Tse-tung, Tschou En-lai und Wang Juo-fe nach Tschungking, um die wichtigen Fragen des Zusammenschlusses und des Aufbaus des Landes mit Tschiang Kai-schek zu erörtern; dadurch ist es möglich, die Bürgerkriegsränke der chinesischen Reaktionäre zu vereiteln. Die Kuomintang hat Städte wie Schanghai und Nanking eingenommen, wieder Zugang zum Seeverkehr erhalten, sie hat vom Feind Waffen übernommen und die Marionettentruppen ihrer Armee eingegliedert, so dass sich im Vergleich zu früher ihre Stellung verstärkt hat. Trotzdem hat sie noch immer viele Wunden und Beulen, steckt voll innerer Widersprüche und steht vor grossen Schwierigkeiten. Möglicherweise wird sie unter dem Druck von innen und aussen nach den Verhandlungen bedingt die Stellung unserer Partei anerkennen, und unsere Partei wird auch bedingt die Stellung der Kuomintang anerkennen; so wird es zu einem neuen Stadium der Zusammenarbeit der beiden Parteien (sowie der Demokratischen Liga3 und anderer) und der friedlichen Entwicklung kommen. Falls solch eine Lage eintritt, sollte sich unsere Partei bemühen, alle Methoden des legalen Kampfes zu erlernen und die Arbeit in den drei Hauptbereichen (wo wir Schwächen haben) — Stadt, Dorf und Armee der Kuomintang-Gebiete — zu verstärken. Während der Verhandlungen wird die Kuomintang sicherlich von uns fordern, die befreiten Gebiete bedeutend zu verkleinern und die Stärke der Befreiungsarmee weitgehend einzuschränken, und sie wird uns nicht erlauben, unsere eigenen Banknoten auszugeben. Wir sind unsererseits bereit, Konzessionen zu machen, die notwendig sind und die Grundinteressen des Volkes nicht beeinträchtigen. Ohne solche Konzessionen können wir die Bürgerkriegsränke der Kuomintang nicht durchkreuzen, können wir nicht politisch die Initiative ergreifen, können wir nicht die Sympathie der öffentlichen Meinung des Auslands noch die der Kräfte der Mitte im Inland gewinnen, können wir nicht zur Legalität unserer Partei gelangen und einen Friedenszustand schaffen. Aber die Konzessionen haben ihre Grenzen, es ist das Prinzip, dass die Grundinteressen des Volkes nicht beeinträchtigt werden dürfen.

Sollte die Kuomintang, nachdem unsere Partei die obenerwähnten Massnahmen getroffen hat, dennoch einen Bürgerkrieg entfesseln, setzt sie sich in den Augen des ganzen Landes, der ganzen Welt ins Unrecht, und unsere Partei hat dann das Recht, einen Krieg zur Selbstverteidigung zu führen und diese Angriffe zu zerschlagen. Zudem verfügt unsere Partei über grosse Kräfte und wird unbedingt, wenn jemand über uns herfällt und die Umstände für einen Kampf günstig sind, zur Selbstverteidigung schreiten und den Angreifer entschlossen, gründlich, restlos und vollständig vernichten (man darf sich nicht leichtfertig auf einen Kampf einlassen; wenn man den Kampf aufnimmt, dann muss er zum Sieg führen). Wir dürfen uns von dem Getöse, das die Reaktionäre machen, absolut nicht einschüchtern lassen. Aber zu jeder Zeit muss man auf folgenden Prinzipien beharren und darf sie nicht vergessen: sowohl Zusammenschluss als auch Kampf, mittels Kampfes das Ziel, den Zusammenschluss, erreichen; im Recht sein, Vorteil haben und masshalten; die Widersprüche ausnutzen, die Mehrheit gewinnen, die Minderheit bekämpfen und die Feinde einzeln schlagen.4

In Kuangtung, Hunan, Hupeh, Honan und anderen Provinzen befinden sich die Kräfte unserer Partei im Vergleich zu Nordchina, zu den Gebieten zwischen dem Yangtse und dem Huai-Fluss in einer schwierigeren Lage; das Zentralkomitee kümmert sich sehr um die Genossen in diesen Gebieten. Aber bei der Kuomintang gibt es viele Lücken, und ihre Gebiete sind weit; und solange die Genossen militärpolitisch (bei den Bewegungen und bei den Kampfhandlungen) sowie in der Politik des Zusammenschlusses mit den Volksmassen keine schweren Fehler begehen, solange sie bescheiden und umsichtig, weder überheblich noch unbesonnen sind, werden sie bestimmt immer ihren Weg finden. Ausser den nötigen Anweisungen, die sie vom Zentralkomitee erhalten, müssen die Kameraden in diesen Gebieten selbständig die Umstände analysieren, Fragen lösen, Schwierigkeiten überwinden, um weiter bestehen und sich entwickeln zu können. Erst wenn die Kuomintang nichts mehr gegen euch unternehmen kann, wird sie eventuell im Verlauf der Verhandlungen zwischen beiden Parteien gezwungen sein, eure Macht anzuerkennen, und Regelungen zustimmen, die für beide Seiten von Vorteil sind. Aber ihr dürft euch auf keinen Fall auf Verhandlungen verlassen, ihr dürft auf keinen Fall mit einem Wohlwollen der Kuomintang rechnen, denn sie kann nicht wohlwollend sein. Ihr müsst euch auf die Kraft, über die ihr verfügt, auf die Richtigkeit der Anleitung zum Handeln verlassen, sowie auf die brüderliche Einheit innerhalb der Partei und auf die guten Beziehungen zum Volk. Sich fest auf das Volk stützen, das ist für euch der einzige Weg.

Um zusammenzufassen: Unsere Partei sieht sich vielen Schwierigkeiten gegenüber, die man nicht ausser acht lassen darf, und alle Genossen der Partei müssen sich ideologisch gut darauf vorbereiten. Aber die allgemeine Entwicklung auf internationaler Ebene wie im eigenen Land ist für unsere Partei und das Volk günstig, und wenn sich die ganze Partei einheitlich zusammenschliesst, wird es gelingen, Schritt für Schritt aller Schwierigkeiten Herr zu werden.

1Kurz vor und nach der Kapitulation Japans brachten die Sowjetunion, die USA und Grossbritannien ihre Abneigung gegen einen Bürgerkrieg in China zum Ausdruck. Sehr bald danach jedoch bewiesen die Tatsachen, dass die Erklärung der USA, einem Bürgerkrieg in China nicht zuzustimmen, nichts weiter als ein Deckmantel war, hinter dem sie ihre aktive Unterstützung der reaktionären Kuomintang-Regierung bei den Vorbereitungen für einen konterrevolutionären Bürgerkrieg verbargen.

2Die drei Hauptlosungen — Frieden, Demokratie und Zusammenschluss — wurden vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas in der „Deklaration über die gegenwärtige Lage“ vom 25. August 1945 aufgestellt. Die Deklaration wies darauf hin, dass nach der Kapitulation des japanischen Imperialismus „die wichtige Aufgabe, vor die sich unsere ganze Nation gestellt sieht, darin besteht, den Zusammenschluss im Innern des Landes zu festigen, den inneren Frieden zu gewährleisten, die Demokratie zu verwirklichen und die Lebensbedingungen des Volkes zu verbessern, um dann, auf der Grundlage von Frieden, Demokratie und Zusammenschluss die Einigung des ganzen Landes herbeizuführen und ein unabhängiges, freies, blühendes und mächtiges neues China aufzubauen“.

3Die Demokratische Liga wurde 1941 gegründet und hiess damals Chinesische Liga Demokratischer Politischer Gruppen. 1944 wurde sie als Demokratische Liga Chinas reorganisiert.

4Siehe die beiden Arbeiten „Aktuelle Probleme der Taktik in der antijapanischen Einheitsfront“ und „Über unsere Politik“, Ausgewählte Werke Mao Tse-tungs, Bd. 2, S. 497 ff. bzw. S. 521 ff.